Womit
fange ich an?
Ich setze einen Fuß vor den anderen. Habe mir Gewichte um die Knöchel
gebunden, damit ich auf dem Boden bleiben kann. Als ich in meinen Träumen nicht
mehr fliegen konnte, habe ich geweint. Als ich mit dir nicht mehr fliegen
konnte, war es vorbei. Wozu Träumen, wenn man nicht fliegen kann? Ich träume
nicht mehr. Ich liebe nicht mehr.
Ich lebe nicht auf dieser Welt. Die Gewichte halten meinen Körper an seinem
Platz auf dieser Welt. Mich können sie nicht halten. Seit ich nicht mehr
träume, kann ich wieder fliegen. Seit ich nicht mehr liebe, kann nicht mehr
aufhören zu fliegen. Die Gewichte halten mich an meinem Platz auf dieser Welt.
So fing es an.
In der Nacht bin ich aufgewacht. Es war zu dunkel, um irgend etwas zu
erkennen. Ich war aus dem Bett gefallen und lag auf hartem Boden. Es war kalt
und ich war nackt. Mein Griff ins Dunkle fand das Bett nicht. Ich wollte
aufstehen doch der Versuch misslang. Mir musste schwindelig sein, denn ich
konnte den Boden nicht mehr unter mir spüren. Es war, als drückte er von oben
gegen meinen Körper. Was nicht sein konnte. Ich lag still, zusammengerollt.
Spürte, wie der kalte Stein meine Haut abkühlte. Endlich gewöhnten sich meine
Augen an die Dunkelheit. Ich habe keinen Steinfußboden.
So fing es an.
„Ich kann nicht mehr fliegen.“ sagte ich zu dem, den ich liebte.—„Keiner
kann das.“ sagtest du. Wozu lieben, wenn man nicht fliegen kann? Du hast mich angesehen,
als hätte ich keinen Verstand. Du hast dich verabschiedet und mir die Hände auf
die Schultern gelegt. Nur kurz. Dann hast du gelächelt und bist gegangen. Du
kommst nicht wieder, das hast du gesagt, aber ich habe gewartet. Ich lag auf
meinem Bett und habe gewartet. Tagelang, nächtelang. Dann schlief ich ein.
In der Nacht bin ich aufgewacht. Es war zu dunkel, um irgend etwas zu
erkennen. Ich war aus dem Bett gefallen. Es war kalt und ich war nackt. Ich lag
auf hartem Stein. ...Ich habe keinen Steinfußboden. Ich bin ein heliumgefüllter
Ballon, den der Straßenverkäufer eben noch einem Kind anbot. Jetzt klebt er
vergessen an der Zimmerdecke. Wozu fliegen, wenn man nicht lieben kann?
Die Gewichte an meinen Knöcheln helfen, meinen Körper an seinem Platz
in der Welt zu halten. Mich können sie nicht halten. Mein Körper setzt einen
Fuß vor den anderen. Eine Weile schaue ich zu. Von oben. Aber es gibt nichts zu
sehen. Ein Körper zwischen anderen Körpern. Ein Körper zwischen anderen Menschen.
Es gibt nichts zu sehen.—Er findet mich schon wieder. Am Ende des Tages in
unserem Zimmer. Wenn er die Gewichte ablegt und sich an der Zimmerdecke über
mich stülpt.