Yogini goes New York

(Katja Bartholmess, Oktober 2002)

 

Es ist über 10 Jahre her, als sie mit 21 das erste Mal nach New York kam. Sie war damals gerade auf der Tanzschule in Düsseldorf und der Trip war als kurzes Austauschprogramm gedacht. „Ich bin hier eigentlich nur für zwei Wochen hingekommen und dann irgendwie hängen geblieben.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Das passiert einem in dieser Stadt ganz einfach.“ fügt sie hinzu. „Der Sog der Metropole.“

Guta Hedewig lehrt nun seit drei Jahren Yoga in verschiedenen Studios der Stadt. Sie hat in der pulsierenden Stadt eine Heimat gefunden, sitzt bei Pfannkuchen in einem Restaurant auf der Upper East Side und ist glücklich.

Aber war das immer so? Sie schüttelt den Kopf. „Nach einem Jahr ist es mir hier in New York erstmal zu bunt geworden.“ Sie wollte unbedingt Tänzerin werden und befürchtete, dass ihr Traum zwischen Babysitten und anderen Gelegenheitsjobs untergehen würde. Deswegen hat sie dem Big Apple noch einmal für zwei Jahre den Rücken gekehrt, ist nach Amsterdam, um vollständig ausgebildet nach New York zurückzukehren.

Einer der Gründe, wiederzukommen, war der Enthusiasmus mit dem die Künst-lerszene, zu der auch Guta gehört, bei der Sache ist. „Selbst wenn New York nicht sehr kunstfreundlich ist und es fast keine Gelder gibt, haben die Leute hier viel mehr Engagement und machen es eben trotzdem.“ Die amerikanischen Flos-keln ziehen sich durch ihre Beschreibungen. „Sie sind extrem dedicated und seh-en die Kunst eben nicht nur als day job.“ „Wenn du genug Inititiative ergreifst, kannst du hier ziemlich viel erreichen.“ sagt sie. „ An dem blöden Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär ist schon etwas dran. Leider vergisst man gern, wieviele von den Tellerwäschern, für immer Tellerwäscher bleiben.“

Heute hat Guta eine eigene Dance Company, „Guta Hedewig Dance“, mit der sie regelmässig durch Europa tourt. „Wir machen Modern Dance. Genauer gesagt Postmodern Dance.“, erklärt sie. Aber davon allein kann man im teuren New York nicht leben. „Verdienen tut man nichts. Die Company finanziert sich selbst und so muss ich zumindest nichts draufbezahlen. Und das ist ja auch schon was.“

 

Am Anfang hat sie sich mit Tanzunterricht über Wasser gehalten. Seit ungefähr drei Jahren unterrichtet sie jedoch fast ausschließlich Yoga. „Wenn ich nach einer Tanzstunde nach Hause kam und dann endlich choreographieren wollte, war ich oft einfach viel zu müde. Jetzt komme ich nach dem Yogaunterricht nach Hause, fühle mich voller Elan und kann anfangen.“

Wie kann eine hektische Stadt wie New York so yoga-verrückt sein? In den Strassen und Avenues summt es nur so vor Aktivität, die Menschen hetzen ihren Träumen hinterher und bleiben höchstens stehen, wenn sie auf die Metro warten oder ein Taxi heran winken. Yoga dagegen verlangt geradezu danach, im jetzt und hier innezuhalten und ein paar Atemzüge lang in den verschiedensten Positionen zu verharren. Warum ragen trotzdem von von Tag zu Tag mehr bunte Yogamatten aus den Taschen der New Yorkerinnen?

„Gerade weil hier jeder die ganze Zeit rennt, brauchen die Leute eine Technik, mit der sie sich entspannen können.“ erklärt Guta, „Und da New Yorker nicht einfach nichts tun können, brauchen sie eine aktive Form der Entspannung.“ „Nur Relaxen geht in New York auf keinen Fall,“ fügt sie augenzwinkernd zu, „also muss man intensive Klassen vorbereiten.“

 

Yoga ist weit mehr, als stundenlang im Schneidersitz herumsitzen. Und es ist auf dem besten Wege, die verschiedenen Formen von Aerobic zu verdrängen. Vor fünf Jahren noch hätte man in den unzähligen Fitnessstudios von New York die Frage nach einem Yogakurs sicher mit einem mitleidigen Lächeln erwidert. Heute dagegen ist der Andrang auf Yogakurse enorm und in vielen Studios ersetzen sie schon komplett die ehemals dominierenden Kurse. Kein Wunder also, dass auch in Deutschland die größeren Studios längst angefangen haben, Yoga ins Programm aufzunehmen.

 

”Ich unterrichte total gern,“ sagt Guta von sich, „versuche meinen Enthusiasmus für Yoga mitzuteilen, so dass andere das dann vielleicht ebenso gern machen.“ Sieht man sich nach einer Yogastunde die strahlenden Gesichter der Teil-nehmer an, weiß man, dass es sehr befriedigend sein muss, etwas zu unterrichten, was die Leute offensichtlich so glücklich macht.

Warum reagieren die Menschen mit soviel Zuspruch auf diese Form der Bewegung? „Ich glaube, dass sich unser Körper dagegen wehrt, wenn man immer nur einen Körperteil, einen einzigen Muskel trainiert. Das wird ihm einfach schnell langweilig.“ Yoga dagegen sieht den Körper nicht als Sammelsurium verschiedener Einzelteile, die es zu stählen gilt. „Es ist viel ganzheitlicher. Es geht um die Verbindung von Körper und Geist. Dehnung, Kräftigung und Medita-tion. Und der Körper registriert das ganz schnell als richtig, als angemessen.“

Es gibt Yogaformen für fast jeden Geschmack: Hatha Yoga für die Puristen, das temporeiche Ashtanga Yoga, auch Power Yoga genannt, für diejenigen, die eine Alternative zum Workout suchen, Bikram Yoga, für die, die in einer Art Sauna-athmosphäre ihr Körperinneres reinigen wollen, Viniyoga für Anfänger und weni-ger Gelenkige. Es gibt noch viele andere Formen. Allen gemeinsam sind die Bewegungen, die über den Atem geführt werden. Denn es geht nicht darum, im schönsten Lotussitz zu sitzen oder in der Baumposition besonders grazil auf einem Bein zu stehen. Es geht darum, den Atem, Prana genannt, kontrolliert durch den Körper zu leiten und dadurch eine bestimmte „Arbeitstemperatur“ zu halten, die die Beweglichkeit fördert und vor Verletzungen schützt. Und ohne die Konzentration auf den Atem, so hört man von vielen Lehrerinnen, sei die ganze Angelegenheit ohnehin nur bessere Gymnastik.

 

Auch wenn das ursprüngliche Ziel von Yoga, die geistige Vereinigung mit Gott ist, machen es die heutigen Normalsterblichen aus ganz irdischen Gründen. Denn während der Körper die ganzheitliche Ausrichtung anerkennt, sie für gut befindet und mit Wohlbefinden reagiert, bekommt man so ganz nebenbei einen straffen Po und eine gute Körperhaltung.

In New York gibt es unzählige Orte,ain denen man Yoga erlernen und ausüben kann und die Suche nach „Yoga Instructions& Therapy“ in der Online-Version der gelben Seiten stellt Interessierte mit über 200 Treffern vor eine seitenlange Qual der Wahl. Zahlreiche studioeigene Boutiquen stellen mit ihrem Angebot an Yogabekleidung sicher, dass man auch dann gut aussieht, wenn es mit der einen oder anderen Position noch nicht ganz so gut klappt. Es gibt Duftkerzen, die nach Indien riechen, Tropfen für bessere Beweglichkeit und Videos, in denen gutaussehende, körperfettarme Instruktoren vom Bildschirm aus den Teppichboden-Yogi anspornen.

Guta prophezeit, dass Yoga diese „Trendphase“ auf jeden Fall überdauern wird. „Es hat ja immerhin schon tausende von Jahren überlebt.“ lacht sie. „Es steckt eben viel mehr Geschichte, Philosophie und Ganzheitlichkeit dahinter, um nur ein Modetrend zu sein.“

Sie selbst widmet ihren Yogaübungen mindestens eine Stunde nach dem Auf-stehen. „Man muss aber nicht jeden Tag zu einer Yogastunde rennen,“ beruhigt sie, „um den positiven Effekt zu bekommen. Selbst wenn man es nur einmal im Jahr macht, hat man zumindest einmal im Jahr etwas Gutes für sich getan.“

 

Ob sie für immer in New York bleiben wird, weiß Guta nicht. „Ich entscheide mich jeden Tag neu.“ sagt sie. „So lief das die ganze Zeit. Ich denke von Projekt zu Projekt und selten über ein Jahr hinaus.“ Nach Deutschland fährt Guta nur auf Besuch oder für Tourneen, aber sie verrät augenzwinkernd, dass ihr das Aufwachsen in Deutschland indirekt  geholfen hat, den einen oder anderen Dollar zu sparen. „Ich wohne im Manhattaner Stadtteil Tribeca. In einem 2-Zimmer-Apartment in einem Luxushaus mit Schwimmbad und Türpersonal. Ein Teil des Hauses sind geförderte Wohnungen, Artist Housing. Ich habe eine davon und bezahle 380 Dollar im Monat.“ „Das ist natürlich ganz selten und erfordert furchtbar viel Papierkram. Aber es lohnt sich.“ Wenn man bedenkt, dass ihre Wohnung auf dem freien Markt ungefähr das zehnfache kosten würde, weiß man, dass sich fast jeder Aufwand lohnen würde. „Nicht sehr viele Leute machen sich die Mühe. Es ist ganz bestimmt die deutsche Seite in mir,“ lacht sie, „die mich fristgerecht an den Schreibtisch treibt und vor dem Papierwust nicht aufgeben lässt.“

 

Dann schaut sie auf die Uhr und sieht, dass es Zeit wird, zum nächsten Yogastudio zu fahren. Auch die niedrige Miete muss verdient werden. Sie schultert ihren Rucksack, fährt sich durchs kurze Haar und weg ist sie. Auf dem Weg durch Manhattan zur nächsten Yogastunde. Und irgendwie fällt es schwer, sie nicht zu beneiden.

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