Amerikanisch lernen mit Katja, ... oder so ähnlich.

 

These: Der frisch getrennte Mensch neigt zum Gefühlsüberschuss.

 

Die Situation: Eben hast du noch zärtliche Worte in den Telefonhörer gehaucht und mit den eigenen korrespondierende Sehnsuchtsgefühle am anderen Ende der Leitung erhofft und plötzlich ist alles vorbei.

 

Da stehst du nun und weinst oder fluchst oder fluchst weinend oder weinst fluchend. Alles ist ganz schlimm, das weißt du genau und besser wird es auch nicht. Nie. Soviel ist sicher. Dir wohlgesonnene Menschen versprechen dir das Gegenteil in die Hand, aber was wissen die schon? – Sie behaupten ja auch allen Ernstes, dass du ganz bezaubernd schön aussiehst. Du selber hast dich jedoch durch kurzes in den Spiegel schauen davon überzeugt, dass das einzig adequate Adjektiv zur Aussehensbeschreibung „verheult“ gewesen wäre.

 

Jahre-, monate-, oder waochenlang hast du dir das Denken in „Wir“-Kategorien verboten und dich gleichermaßen sowohl vor Symbiose- als auch vor Zellteilungstendenzen gefürchtet und plötzlich gib es dich wieder ganz offiziell in der ersten Person Singular.

 

Der Kopf ist bei solchen Brüchen oft weitaus verständiger als der Bauch oder diese andere Stelle im Körper, an der angeblich die Liebe residiert: Das Herz (nennen wir doch das Kind beim Namen) hat die veränderten Umstände noch nicht registriert und schüttet weiterhin regelmäßig diese ominöse und in Laborversuchen bislang noch nie ganz sicher nachgewiesene „Liebe“ aus. Hatte sie zuvor jedoch immer einen Ort, an den sie andocken konnte (= das Liebesobjekt), irrt sie nun einfach im emotional herausgeforderten Menschen herum, dem davon schon ganz schwindlig ist. (Falls hier jemand die Vorstellung eines „Samenstaus“ partout nicht aus dem Köpfchen bekommt: Ich glaube, das ist schon ein wenig anders. Aber dann wiederum ... was weiß ich schon vom Samenstau?)

Gern redet man sich ein wenig ein, dass nur das ehemalige Liebesobjekt die geeigneten Andockstellen besitzt. – Das ist jedoch ausgemachter Blödsinn. Man ist gut beraten, den Blick vom ehemaligen Liebesobjekt zu lösen (Ja, ich gebe es zu – das geht manchmal nur mit beinah unmenschlicher Gewalt.) und ihn auf den Rest der Menschheit zu richten.

Direkt proportional zur Öffnung des Sehhorizonts verringert sich die Anzahl der tränendurchtränkten Zellstofftaschentücher; der Aufwand lohnt sich also. Auch finanziell.

 

Ist man an diesem Punkt, setzt ein Effekt ein, für den der amerikanische Mensch einen wunderbar treffenden Begriff hat: REBOUND.

„To be on the rebound“ ist nach dem Wörterbuch der Versuch, eine verlorene Beziehung durch eine neue zu ersetzen. Da diese Definition das Phänomen jedoch nur sehr unzureichend beleuchtet, will ich hier eine viel zutreffendere Beschreibung bieten, die praktischerweise ganz wunderbar an die obigen Erläuterungen anknüpft.

 

Du erinnerst Dich: Ich sprach von einem durch eine Trennung verursachten Liebesstau.

 

Dieser treibt einem entgegen der Wörterbuchmeinung überhaupt nicht dazu, sich umgehend eine neue Beziehung zu suchen, die die alte ersetzen soll. (Mal im Ernst: Man hat gerade die eine Beziehung überlebt und überwunden und wahrlich keine Lust auf solcherlei potentiell herzbrecherische Aktionen!)

Nein, der Liebesstau stattet dich mit einem Sensor aus. Mit diesem scannst du die Welt nach potentiellen NutznießerInnen der eigenen Indisponiertheit. (Ich wollte erst „Opfer“ und nicht „NutznießerInnen“ schreiben. Aber, nein, das trifft es nicht! Das Bedüfnis, Liebe zu teilen, ist bei aller Wahllosigkeit in der Auswahl der LiebesempfängerInnen ja nun wirklich nicht verwerflich.) Man will einfach diese ganzen brodelnden, ungebrauchten Gefühle irgendwo abgeben, damit sie einen nicht komplett um den Verstand bringen. Küssen ist gut. Da kann die ganze Liebe gut und unauffällig an jemand anderen drangeschleckt werden. Sex ist auch gut, kann aber kompliziert werden. Zum Beispiel, wenn man sich auf einmal an das ehemalige Liebesobjekt erinnert fühlt und weint, sich übergibt oder andere seltsame Dinge tut. (Geübte schieben solches Verhalten geschickt auf die unglaublichen Liebhaberqualitäten des anderen oder auf das Abendessen, weniger Ausgefuchste machen sich einfach zum Affen.)

 

Dieser Sensor, dieser „Nach-der-Liebe-Vor-der-Liebe“-Schlafzimmerschmuseblick, macht einen bei aller Freunschaft zu einer anstrengenden Zeitgenossin. Es gibt Dinge, für die man diese Sensorträgerin erst einmal abschreiben kann: mit FreundInnen zu Hause einfach nur reden, ins Kino gehen, auf ein ruhiges Abendessen in einem ruhigen Restaurant treffen – Kurz gesagt: Dinge, bei denen die Chancen des Findens geeigneter Andockstellen gegen Null tendieren. Sensorträgerinnen wollen in Bars und Clubs und raus auf die Straße zum Gucken. Lästig kann das sein, und anstrengend. Aber habt Verständnis: Das gibt sich auch wieder.

 

Und bis es soweit ist ... Wer geht mit mir heute weg? ;-) :-(

 

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