Ab jetzt feiern wir politisch!

(Katja Bartholmess, März 2003)

 

Es ist lange her, dass sich Yoko mit ihrem John zum „Bed in for Peace“, dem Schlafen gegen den Vietnamkrieg, in Hotelbetten legte und die Medien einlud, ihre Friedensbotschaft in der Welt zu verteilen. Die heutigen Alternativen zur guten alten Demonstration sind da deutlich dynamischer.

In dieser Stadt, die gerne feiert, wurde der Party eine neue Dimension hinzugefügt: Das politische Bewusstsein. Politisch feiern eben.

Als der Berliner DJ Rok andere Turntablegrößen wie Westbam, Miss Kittin und Märtini Brös fragte, ob sie bei seiner Anti-Kriegs-Party „Critical Friends“ auflegen wollen, hat niemand zweimal überlegt. „Die Zustimmung war großartig.“ sagt Rok. „Alle haben gesagt, dass sie es als ihre Pflicht ansehen, da mitzumachen.“

Diese Party am letzten Mittwoch war nicht die erste von ihm organisierte Veranstaltung mit deutlich politischem Bezug. Vor der letzten Bundestagswahl gab es einen „Wahltanz“, mit dem er Leute zur Stimmabgabe motivieren wollte. „Es gibt in der Technoszene schon Bedarf, die Leute zu einigen politischen Themen anzustupsen.“ erklärt Rok, „Und auf solchen Parties erwischt man Leute, die man auf andere Art einfach nicht erreichen kann.“

Feiern als Statement. Diese neue Art, politischen Standpunkten ein Forum zu bieten, kommt an. „Man muss ja kein griesgrämiges Gesicht ziehen, wenn man ein Zeichen setzen will.“ sagt einer, der froh ist, noch vor dem Einlassstopp wegen Überfüllung ins Polar TV gekommen zu sein. ”Demonstrieren war gestern, heute wird gefeiert“

DJ Rok will diese Idee in Zukunft kontinuierlicher verfolgen. „Wenn uns etwas dermaßen aufregt und nahe geht, machen wir wieder eine Party dafür. Im schlimmsten Fall muss es zu dem selben Thema noch etwas geben.“

Auch die Veranstalter superU bevorzugen die Verbindung von Politik und Party und und schreiben sich seit letztem Sommer das Motto „Party for your right to fight“ auf die Flyer.

Sie hatten keine Lust mehr auf die Einlasskriterien mancher Clubs und wollten etwas eigenes auf die Beine stellen. Mindestens einmal monatlich wird seitdem in Kreuzberger Locations zum Feiern geladen. Am Anfang jeder Party steht oft Programm auf der Tagesordnung; es gibt Lesungen, Kurzfilmabende oder Ausstellungen. „Wir hatten auch schon ein Quiz.“ erzählt Steph, einer der Organisatoren. „Aber eins ist klar: spätestens ab 10 wird bei uns getanzt.“ Der politische Teil kommt eigentlich erst nach der Party. Was nach dem Aufräumen an Geld übrig bleibt, wird konsequent gespendet. Unter den Projekten, die superU unterstützen, befinden sich vor allem Initiativen gegen Rassismus und kritische Medienprojekte. „Politik kostet eben Geld,“ sagt Steph und zuckt mit den Schultern. „und mit den Parties können wir politische Arbeit finanzieren.“

Doch auch während die Musikanlage noch dröhnt, sieht man das Publikum immer wieder erst schwitzend auf der Tanzfläche und dann erhitzt diskutierend in kleinen Runden. An diesem Abend drehen sich die Gespräche besonders darum, wie mit den Jahrestag von Stalingrad umgegangen wird.

„In einem gewissen Maß war die Partyszene immer schon politisch.“ räumt Steph ein. „Man musste sich Freiräume suchen, verstand sich als Subkultur. Es ging immer darum, sich gegen herrschende Normen zu behaupten.“

Gut zu wissen. Denn wenn nach durchtanzter Nacht die rotgeränderten Augen kaum offen bleiben wollen, kann man stolz verkünden, die ganze Nacht politisch aktiv gewesen zu sein. Und wer will da noch von Politikverdrossenheit sprechen?

 

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