Murmelspiele in Japan

(April 2003, Katja Bartholmess)

 

Wenn Japaner nicht unter Bäumen sitzen, hocken sie vor krachigen Spielautomaten in den Pachinkohallen, die hier noch zahlreicher als Kirschbäume vertreten sind. Pachinko heißt soviel wie Metallkuller und das Spiel ist sehr schnell erklärt, denn es gibt nichts zu erklären, es ist komplett unverständlich!

 

Ob man es versteht oder nicht - das Spiel scheint sehr, sehr langweilig. Man kauft sich am Automaten eine Karte für mindestens 1000 Yen, die steckt man in einen der mit Erfolgskurven der letzten Spieler versehenen Automaten (ob es gut ist, sich an einen erfolgreich gewesenen Automaten zu setzen oder gerade nicht, weiß ich auch nicht so genau, meiner hatte irgendwie keine), dann zwängt man sich auf den Sitz, bringt einen Steuerknauf an der rechten Seite in eine Position, die dem Automat erlaubt, die Kugeln in einem günstigen Schwung herumzuschleudern und bewegt ihn und sich selbst fortan nicht mehr. Gähn. Manchmal fallen die Metallkugeln in eine Öffnung, was dann eine Zahlenreihe auf dem Bildschirm in Bewegung setzt. Die Zahlenkombinationen führen dann zu einer Ausschüttung von neuen Metallkugeln. Oder eben auch nicht. Gähn.

 

Die Pachinko-Hallen gibt es alle drei Schritte und ich konnte mir einfach nicht erklären, wie sich vernunftbegabte Menschen mutwillig und stundenlang dieser Eintönigkeit aussetzen können. Man bewegt sich eigentlich nur, um gewonnene Kugeln nachzulegen, die der Treibstoff es Automaten sind, an den in die Mundwinkel geklemmten Zigaretten zu ziehen, den Mitarbeitern Yen-Noten für neue Karten zuzustecken und den Hebel zu bedienen, der die Kugeln unter großem Geplonke in das Kugeltablett fallen lässt. Ansonsten starrt man einfach das Gerät an.

 

Dann passierte etwas, was mich die ganze Hingabe begreifen ließ: Bei mir kamen plötzlich und unerwartet die Kugeln nur so aus dem Gerät geschossen und in Windeseile hatte ich zwei große Kugeltablette voller Murmeln. Noch war alles harmlos. Ich dachte, Toll! Jetzt bekomme ich bestimmt ganz viele Süßigkeiten und mit ein wenig Glück habe ich vielleicht genug für eine Wasserpistole. Ein Mitarbeiter erklärte mir dann jedoch zu meinem großen Erstaunen, dass der Süßkram an der Kasse nur quasi das Wechselgeld ist; für unrunde Kugelbeträge. Meine Murmeln wurden in ein Zählgerät geschüttet, ich bekam eine Karte, die an der Kasse gegen kleine von Plastik umhüllten Goldstücke umgetauscht wurden. Ach ja, interessant. Jetzt hatte ich also Spielgeld, oder was? Nein, beruhigte mich der Mitarbeiter und wies mich an, ihm zu folgen. Wir liefen durch die Tür nach draußen in eine Seitengasse zu einem Schalter. Dort gab ich mein Plastikgold einer Frau, die mir freundlich zuzwinkerte bevor sie mir meinen Gewinn reichte: Dass ich wie eine Idiotin vor dem Apparat saß, aus dem es nur so schepperte und in dem viele kleine Metallkugeln scheinbar sinn- und ziellos herumschossen, hat mich ganz offensichtlich nicht davon abgehalten, mit einem Einsatz von 1000 Yen (nach dem heutigen Tageskurs 7, 73 Euro) in weniger als 10 Minuten sage und schreibe 14.000 Yen (108, 34 Euro) zu gewinnen.

 

Dollarzeichen blinkten in meinen Augen auf und ich wollte zurück. Weiter wie hirntot vor dem Gerät sitzen und noch viel mehr Geld gewinnen. Den Hebel noch besser halten, noch tollere Zahlenkombinationen bekommen. Noch mehr Plastikgold, noch mehr neidische Blicke von weniger spielglücklichen Pachinkosüchtigen. Noch mehr Metallkugeln, noch mehr Krach!

 

Nachdem ich die nächsten 2000 Yen Einsatz jedoch schneller verspielt hatte, als ich „Pachinko“ sagen konnte, war ich glücklicherweise wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt: Es gibt so etwas wie Anfängerglück und am Ende gewinnt immer die Bank. Amen.

 

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