Mit Japanern waschen - Onsen und Sentos
(März 2003,
Der japanische Mensch neigt zur
Reinlichkeit. Allerorten findet man Sentos, öffentliche Badehäuser, in denen
die Menschen durch die geschlechtergetrennten Vorhänge strömen, um sich ihrem
Waschzeremoniell zu widmen. Und einen Onsen zu besuchen, eine der zahlreichen
heißen und schwefelhaltigen Quellen, wird hier als die Krönung der Erholung und
Entspannung angesehen.
Bei meinem ersten Onsenbesuch
finde ich mich allein und nackt in einem großen dampfnebeligem Raum, in dem es
riecht, als hätte jemand im Nachbarzimmer ein faules Ei aufgeschlagen.
Glücklicherweise hört die menschliche Nase nach ungefähr drei Minuten auf,
einen gleichbleibenden Geruch wahrzunehmen und so kann ich olfaktorisch
ungehindert mit dem Ritual beginnen. Eigentlich hatte ich geplant, mir alle
Handgriffe von Mitbaderinnen abzugucken aber in vorläufiger Ermangelung eben
dieser, muss ich auf meinen gesunden Menschenverstand zurückgreifen.
Auf der linken Seite des Raumes
gibt es ein steinernes Wasserbecken, das lang aber nicht tief genug für ein
paar beherzte Schwimmstöße wäre. An einer der hohen Wände gibt es ein buntes
Keramikmosaik mit einer leicht kitschigen Landschaft aus Bäumen, Häuschen und
Wiesen. Darunter befinden sich eine Reihe auf Nabelhöhe angebrachter Spiegel,
an deren Seite jeweils ein beweglicher Duschkopf baumelt. Große Spender, die
Seife und Shampoo nicht nur vermutlich sondern tatsächlich enthalten, stehen
davor. Direkt neben der Tür stehen, fein säuberlich gestapelt, Plastikschemel
und Schüsseln. Bis auf das Plätschern des stetig ins Becken nachlaufenden
Quellwassers ist alles still.
Mit Schüssel in der einen und
Schemel in der anderen Hand suche ich mir einen Spiegel aus. Man muss sich
gründlich waschen, bevor man sich dem Wasserbecken zumuten kann. Soviel weiß
ich schon. Gerade als ich bei den Füßen bin, kommt eine kleine Gruppe
Japanerinnen durch die Tür. Das Becken muss also noch ein wenig länger auf mich
warten, denn ich will wissen, ob ich alles richtig gemacht habe.
Geraume Zeit später weiß ich,
dass ich dem Reinigungsprozess aus freien Stücken viel weniger Zeit als
gefordert, gewidmet hätte. Sie haben sich alle mindestens eine halbe Stunde
lang akribisch den Tagesstaub von der Haut geseift! Ich war dagegen schon nach
fünf Minuten der Meinung, blitzsauber zu sein. Ehrlich gesagt habe ich noch
niemals jemanden gesehen, der sich über fünf geschlagene Minuten einen einzigen
Fuß gewaschen hat. Vor allem wenn man bedenkt, was für kleine Füßchen die hier
haben. Ich saß auch nicht halb so proper wie sie mit zusammen gepressten Knien
auf den Schemelchen, hatte ich doch hygienische Bedenken, mich mit nacktem
Arsch auf fremdes Plastik zu setzen.
Dann war es endlich an der Zeit,
in das Becken zu hüpfen. Hier wird natürlich weder gehüpft noch gesprungen,
sondern gemessenen Schrittes ins Wasser gestiegen. Eine andere Art der Annäherung an das Wasser
würde wahrscheinlich auch zum plötzlichen Herztod führen. Hast Du Dir jemals
ein Bad eingelassen und dann, einen Fuß im Wasser, bemerkt, dass Du Dich ein
wenig mit der Temperatur vertan hast? Hier ist es mindestens doppelt so heiß
und es gibt auch keinen kalten Wasserhahn. Man möchte durch lautes „Oh mein
Gott!“ Rufen auf die brodelnde Hitze des Wassers aufmerksam machen oder einfach
nur die Bestätigung der Mitbadenden, dass die Temperaturen wirklich eine
Frechheit sind, die kein Mensch aushalten kann. Auf solcherlei
Solidarisierungen kann man jedoch lange warten. Die Japanerinnen geben keinen
Mucks von sich und scheinen die Angelegenheit zu allem Überfluss auch noch
tatsächlich zu genießen. Wortlos und verhalten zwar, aber das Lächeln, das
manchmal über ihre Lippen spielt, ist nicht zu übersehen.
Ich dagegen leide. Atmen scheint
unmöglich und bei der kleinsten Bewegung pulsiert die Haut über dem Schädel.
Mein Herz schlägt überall auf einmal und ich überlege mir, ob mich jemand
retten wird, wenn ich ohnmächtig werde. Ich bin in einem Teufelskreis: bleibe
ich sitzen, bin ich in maximal einer Stunde gar gekocht, will ich aus dem
Becken steigen, muss ich mich so sehr bewegen, dass mir mit Sicherheit die
Schädeldecke vom Kopf springt. Die Japanerinnen lächeln, ich ringe mit dem Tod.
Das es ganz so schlimm natürlich
nicht war, beweist nicht nur die dieser Bericht, sondern auch die Tatsache,
dass ich gleich am nächsten Tag wieder hin bin. Was mich nicht umgebracht hat,
entspannte am Ende nämlich wirklich sehr hübsch. Mich hätte in der Nacht nach
dem Onsen nicht mal ein echtes japanisches Erdbeben wachrütteln können, soviel
ist sicher.