Mūm - Tagträumen in Berlin oder was Kreativität mit niedrigen Mieten zu tun hat

Katja Bartholmess, November 2002

(Fotos: Carmen von Kende)

 

Wer eine Band gründen oder bei einer mitmachen will, braucht eigentlich nur in das Einwohnermeldeamt Prenzlauer Berg zu gehen. Es müsste voll von Musikern sein, die es in der letzten Zeit vor allem in diesen Teil der Hauptstadt verschlagen hat. Auf deutsche Musiker wirkt Berlin schon seit langem wie ein Magnet, in der letzten Zeit hat sich die Anziehungskraft offensichtlich international ausgeweitet.

Auch die isländische Band Mūm hat sich für Berlin entschieden. Sie sind mit Anfang 20 fast so jung wie sie aussehen und haben in diesem Jahr mit dem zweiten Album voller elektronischer Popsymphonien ihr wachsendes Publikum verzaubert.

Hatte Björk Mitte der Neunziger das Land der Geysire noch gegen Londoner Linksverkehr eingetauscht, haben Mūm ihre Powerbooks, Akkordeons, Plastiktriolas und anderen Instrumente lieber in den Prenzlauer Berg gebracht. Örvar lebt hier seit einem knappen Jahr und Gunnar ist vor ein paar Monaten dazu gekommen. Kristīn pendelt zur Zeit noch zwischen Reykjavik und Berlin.

Was macht diese Stadt so anziehend für die Künstler? Örvar überlegt, „Es klingt vielleicht banal, aber für uns waren es die billigen Wohnungen. Charles Bukowsky hat gesagt, bevor man kreativ sein kann, braucht man niedrige Mieten. Sonst ist man zu sehr damit beschäftigt, anderen zu gefallen. Wir haben hier auf jeden Fall die Chance, uns voll auf unsere Musik zu konzentrieren.“

Sie haben auch schon an anderen Orten gelebt, in Schweden und Frankreich. „Aber nur hier haben wir diese besondere Atmosphäre gefunden, diese positive Energie, die einen ständig auf neue Ideen bringt.“

Gunnar ist begeistert, wie offen sie von der Musikszene im Prenzlauer Berg aufgenommen wurden. Dass sie mit Mūm in Elektrokreisen schon bekannt waren, hat vieles beschleunigt. „Wir wurden ziemlich schnell akzeptiert und Leuten vorgestellt.“ sagt er. Der freundschaftliche Kontakt zu den Machern des Berliner Labels Morr Music führte beispielsweise zu dem Mini-Album „Please smile my nose bleed“, das im letzten Jahr herauskam.

„Jetzt müssen wir nur noch deutsch lernen,“ stellt Örvar fest. „denn solange wir uns nur in Englisch und unserer isländischen Geheimsprache verständigen können, gehen zu viele Dinge einfach an uns vorbei.“

Wenn sie die Zeit finden, legen Gunnar und Örvar in Clubs auf. „Aber das ist ein ganz eigennütziges Projekt.“ grinst Gunnar, „Es ist ein toller Weg, Leute kennenzulernen.“

Auf der Suche nach Inspiration, laufen sie oft stundenlang durch die Straßen von Prenzlauer Berg und Mitte oder gehen auf Konzerte. „Es ist einfach unglaublich, wie groß die Auswahl hier ist.“ Diese unbegrenzten Möglichkeiten haben auch ihre Schattenseiten. Von allen Konzerten, die Mūm in Deutschland gespielt haben, waren die Auftritte in Berlin im Gegensatz zu den anderen immer schlecht besucht. Örvar zuckt mit den Schultern, „Berliner sind in der Beziehung eben verwöhnt, das nehmen wir nicht persönlich.“

Heute können Mūm von ihrer Musik leben. Als sie vor zwei Jahren das erste Mal für ein paar Monate in Berlin wohnten, hatten sie kaum Geld. „Wir konnten uns keine Möbel leisten, haben kaum gegessen und den ganzen Tag Songs geschrieben. Wir hatten nicht mal Geld, um abends wegzugehen, also sind wir nachts einfach Fahrrad gefahren.“

Obwohl Gunnar zugibt, dass er Island vermisst, will er hier bleiben. „Ich bin ja nicht hierher gekommen, weil ich es dort nicht mehr mochte.“ erklärt er, „Aber die meisten jungen Leute in Island bekommen früher oder später das Gefühl, hinaus in die Welt zu müssen.“ Ganz Island hat ungefähr so viele Einwohner wie Friedrichshain-Kreuzberg und so kommt man schnell an einen Punkt, an dem einem immer wieder die selben Gesichter begegnen. „Es ist wie ein Netz, in dem man sich immer mehr verfängt.“

Der gängigen Legende nach hört sich isländische Musik genauso bizarr und überirdisch an, wie die Landschaft dort aussieht. Ob die Berliner Umgebung Mūms tagträumerische Melodien schon beeinflusst hat, können sie noch nicht sagen. „Das werden wir erst wissen, wenn das nächste Album fertig ist.“

Bis dahin wird man nach ihren Konzerten weiterhin selbst die hartgesottensten Miesmacher noch Stunden später versonnen in sich hinein lächeln sehen.

Hosted by www.Geocities.ws

1