Mūm - Tagträumen in Berlin
oder was Kreativität mit niedrigen Mieten zu tun hat
(Fotos: Carmen von Kende)
Wer eine Band gründen
oder bei einer mitmachen will, braucht eigentlich nur in das Einwohnermeldeamt
Prenzlauer Berg zu gehen. Es müsste voll von Musikern sein, die es in der
letzten Zeit vor allem in diesen Teil der Hauptstadt verschlagen hat. Auf
deutsche Musiker wirkt Berlin schon seit langem wie ein Magnet, in der letzten
Zeit hat sich die Anziehungskraft offensichtlich international ausgeweitet.
Auch die isländische Band Mūm hat sich für Berlin entschieden. Sie
sind mit Anfang 20 fast so jung wie sie aussehen und haben in diesem Jahr mit
dem zweiten Album voller elektronischer Popsymphonien ihr wachsendes Publikum
verzaubert.
Hatte Björk Mitte der Neunziger das Land der Geysire noch gegen Londoner
Linksverkehr eingetauscht, haben Mūm ihre Powerbooks, Akkordeons,
Plastiktriolas und anderen Instrumente lieber in den Prenzlauer Berg gebracht.
Örvar lebt hier seit einem knappen Jahr und Gunnar ist vor ein paar Monaten
dazu gekommen. Kristīn pendelt zur Zeit noch zwischen Reykjavik und
Berlin.
Was macht diese Stadt so anziehend für die Künstler? Örvar überlegt, „Es
klingt vielleicht banal, aber für uns waren es die billigen Wohnungen. Charles
Bukowsky hat gesagt, bevor man kreativ sein kann, braucht man niedrige Mieten.
Sonst ist man zu sehr damit beschäftigt, anderen zu gefallen. Wir haben hier
auf jeden Fall die Chance, uns voll auf unsere Musik zu konzentrieren.“
Sie haben auch schon an anderen Orten gelebt, in Schweden und Frankreich.
„Aber nur hier haben wir diese besondere Atmosphäre gefunden, diese positive
Energie, die einen ständig auf neue Ideen bringt.“
Gunnar ist begeistert, wie offen sie von der Musikszene im Prenzlauer Berg
aufgenommen wurden. Dass sie mit Mūm in Elektrokreisen schon bekannt
waren, hat vieles beschleunigt. „Wir wurden ziemlich schnell akzeptiert und
Leuten vorgestellt.“ sagt er. Der freundschaftliche Kontakt zu den Machern des
Berliner Labels Morr Music führte beispielsweise zu dem Mini-Album „Please
smile my nose bleed“, das im letzten Jahr herauskam.
„Jetzt müssen wir nur
noch deutsch lernen,“ stellt Örvar fest. „denn solange wir uns nur in Englisch
und unserer isländischen Geheimsprache verständigen können, gehen zu viele
Dinge einfach an uns vorbei.“
Wenn sie die Zeit finden, legen Gunnar und Örvar in Clubs auf. „Aber das
ist ein ganz eigennütziges Projekt.“ grinst Gunnar, „Es ist ein toller Weg,
Leute kennenzulernen.“
Auf der Suche nach Inspiration, laufen sie oft stundenlang durch die
Straßen von Prenzlauer Berg und Mitte oder gehen auf Konzerte. „Es ist einfach
unglaublich, wie groß die Auswahl hier ist.“ Diese unbegrenzten Möglichkeiten
haben auch ihre Schattenseiten. Von allen Konzerten, die Mūm in
Deutschland gespielt haben, waren die Auftritte in Berlin im Gegensatz zu den
anderen immer schlecht besucht. Örvar zuckt mit den Schultern, „Berliner sind
in der Beziehung eben verwöhnt, das nehmen wir nicht persönlich.“
Heute können Mūm von ihrer Musik leben. Als sie vor zwei Jahren das
erste Mal für ein paar Monate in Berlin wohnten, hatten sie kaum Geld. „Wir
konnten uns keine Möbel leisten, haben kaum gegessen und den ganzen Tag Songs
geschrieben. Wir hatten nicht mal Geld, um abends wegzugehen, also sind wir
nachts einfach Fahrrad gefahren.“
Obwohl Gunnar zugibt, dass er Island vermisst, will er hier bleiben. „Ich
bin ja nicht hierher gekommen, weil ich es dort nicht mehr mochte.“ erklärt er,
„Aber die meisten jungen Leute in Island bekommen früher oder später das
Gefühl, hinaus in die Welt zu müssen.“ Ganz Island hat ungefähr so viele Einwohner
wie Friedrichshain-Kreuzberg und so kommt man schnell an einen Punkt, an dem
einem immer wieder die selben Gesichter begegnen. „Es ist wie ein Netz, in dem
man sich immer mehr verfängt.“
Der gängigen Legende nach hört sich isländische Musik genauso bizarr und
überirdisch an, wie die Landschaft dort aussieht. Ob die Berliner Umgebung
Mūms tagträumerische Melodien schon beeinflusst hat, können sie noch nicht
sagen. „Das werden wir erst wissen, wenn das nächste Album fertig ist.“
Bis dahin wird man nach ihren Konzerten weiterhin selbst die
hartgesottensten Miesmacher noch Stunden später versonnen in sich hinein
lächeln sehen.