Gipfelsturm zum Mount Fuji—Wo einem ganz Japan zu Füßen liegt

Morgendämmerung. Eine lange Menschenkette, Grubenlampen um den Kopf gebunden, arbeitet sich voran. Es sind keine hundert Meter mehr. Nur noch ein paar Dutzend Schritte. Doch das Ziel ist der Gipfel des Mount Fuji, und der Weg dahin ist steinig und steil. Am Fuße des Berges beginnt ein Sommertag, hier oben peitscht der Regen gegen Felsgestein und Gesichter. Dünn ist die Luft und lässt den Atem in der Lunge brennen. Die Kälte beißt in die Finger. Hände suchen an Wanderstöcken Halt; es geht nur schleichend voran. Dabei kann es doch so schwer nicht sein; sogar Kinder und alte Menschen steigen hier hinauf.

 

Für Michael Zock ist es der erste Berg. Auch die ganz Jungen und die ganz Alten schaffen den Anstieg, hatte der Sprachwissenschaftler in den Reiseführern über Japan gelesen und ohne zu zögern zugestimmt, als ihn sein japanischer Freund Hitoshi Inoue einlud, mit ihm den Mount Fuji zu erklimmen. Er ist in guten Händen. Hitoshi, Ingenieur und begeisterter Bergwanderer, hat nichts dem Zufall überlassen. Michael weiß seit einer Woche, was in den Rucksack für die zweitägige Bergtour gehört: Youkan ist ganz wichtig; das Gelee aus süßen Adzukibohnen ist eine Art japanischer Energieriegel. Eine Plastikregenjacke aus einem der weit verbreiteten 100 Yen-Shops, in denen alle Produkte umgerechnet 80 Cent kosten, muss auch eingepackt werden. Dazu Handschuhe und Mütze, selbst wenn in der Tokioter Sommerhitze schon der Gedanke an Wollenes Schweißausbrüche verursacht.

 

Wenn die Luft in Tokio klar ist, zeichnet sich die Silhouette des Mount Fuji am Horizont ab. Eine gleichmäßige Pyramidenform, die Kratermündung als leichte Delle an der Spitze erkennbar.

Der seit 300 Jahren ruhende Vulkan ist mit 3776 Metern Japans höchste Erhebung. An seinem Fuße steht ein Schrein, Fuji Sengen Jinja. Dort können Bergwanderer für einen sicheren Anstieg beten und die Göttin des Vulkans, Konohanasakuya, im Voraus um Vergebung für unbefugtes Betreten ihres Sitzes bitten. Doch für die wenigsten beginnt der Anstieg ganz unten. Zu sanft die Steigung, zu wenig Berggefühl. Erst ab der fünften Station, auf ungefähr halber Höhe, müssen sich angehende Gipfelstürmer etwas mehr ins Zeug legen und deshalb schlängeln sich bis dahin Autos und Reisebusse die Serpentinen hinauf.

 

Der heilige Berg war lange Zeit das Ziel vieler Pilgerreisen und auch heute erinnert der Zug der Bergbesteiger an eine Prozession. Jeder weise Mann besteigt einmal im Leben den Mount Fuji, sagt ein japanisches Sprichwort und so kraxeln Jahr für Jahr mehr als 200.000 Menschen in knallbunter Kletterbekleidung den Berg hinauf.

Hitoshi und Michael starten am frühen Nachmittag. Gleich hinter der Station sind Lautsprecher aufgestellt. Eine blecherne Stimme ermahnt die Bergsteiger in einer Endlosschleife auf Japanisch und Englisch, „Achte auf deine Manieren, benutze die bereit gestellten Toiletten.“ Feiner Sprühregen legt sich wie ein Weichzeichner über die Landschaft. Es riecht nach Wald und der feuchte Boden gibt jedem forschen Schritt der beiden nach.

Drei Stunden später klingeln die Glöckchen an den Wanderstöcken schon weit weniger energisch als am Anfang. Es ist anstrengend, einen Berg zu erklimmen. Michael fällt hinter Hitoshi zurück. „Daidschoobu? Ist alles in Ordnung?“ fragt Hitoshi, als er ihn am nächsten Knick des Zickzackweges empfängt. Michael kann nicht mehr. Es ist höchste Zeit für den japanischen Energieriegel, Zeit für eine Pause.

Eine Frau, alt genug, um die Großmutter der beiden Mittdreißiger zu sein, stapft an den rastenden Kletterern vorbei den Berg hinauf. Sie läuft langsam aber hartnäckig bergan, ihr Gesicht in konzentrierte Falten gelegt. Eine leuchtend gelbe Nylonhose schützt sie vor dem Regen und sie hat sich ein Tuch fest um ihren Sonnensichtschutz gebunden. Wann immer sich ein Kletterer nach ihrem Wohlbefinden erkundigt, richtet sie sich ein wenig auf, streckt ihren gebeugten Rücken und strahlt, „Daidschoobu. Alles in Ordnung.“

 

In der Berghütte auf der achten Station können bei voller Auslastung 600 Leute schlafen, für 5000 Yen pro Wanderstock. Richtig Platz haben hier oft nur die Rucksäcke. Während diese an stabilen Haken hängen, die mit ausreichendem Abstand an die Holzwände geschraubt sind, liegen die Bergsteiger Schulter an Rücken, rechtes Knie an fremdem Hinterteil. Aber wer sich in sieben Stunden mehr als 1000 Meter Richtung Himmel hinauf gearbeitet hat, kennt keine Berührungsängste, nur noch Müdigkeit. Es gibt ein Kissen, eine Decke? Prima.

 

Weit vor dem Morgengrauen, nach viel zu wenigen Schlafstunden verteilt Hitoshi Grubenlampen. „Fest anzurren,“ sagt er, „sonst rutschen sie an einer brenzligen Stelle ins Gesicht.“ Die Nacht wird von den Lichtern der rund hundert Bergsteiger erhellt, die in dieser windigen und regnerischen Nacht den Gipfelsturm wagen. Eines der Lichtermeere da unten ist Tokio. Dort begann am letzten Morgen die Reise.

Auf der Spitze des Berges stehen und die Sonne aufgehen sehen. Das war der Plan. Aber es geht langsam voran. Jeder läuft in den Fußstapfen seines Vorgängers, den Blick fest auf den felsigen Boden geheftet. Der Anstieg wird von Pausen durchbrochen, die Energieriegel sind längst aufgegessen. Michael stützt seine Stirn auf den Wanderstock und schnappt mit offenem Mund nach Luft, als ein Paar nasse Schuhe durch sein Sichtfeld läuft. In die falsche Richtung. Aufgegeben. Für einen winzigen Augenblick überlegt er, dem Schuhpaar zu folgen, dann beißt er die Zähne zusammen und steigt weiter.

Die Dunkelheit ist längst dem Tageslicht gewichen, als ein hölzernes Tor die beiden Kletterer begrüßt. Endlich. Geschafft! Die Anspannung weicht einem Gefühl der Erleichterung. Michael ist so glücklich, er nimmt Hitoshi in die Arme. Es sieht zwar nicht besonders schön aus, auf der kargen Spitze des Mount Fuji. Aber es fühlt sich großartig an hier oben. Wie nach einer Heldentat. Im Tempel der Vulkangöttin, der auf dem Gipfel jedem Wetter trotzt, reicht jemand Michael lächelnd ein Handtuch. Er strahlt zurück und frottiert sich das schweiß- und regennasse Haar.

Wenn die beiden Bergwanderer auch den Sonnenaufgang verpasst haben, den Berg haben sie bezwungen. Sie wussten ja, dass sogar Kinder und alte Menschen Japans heiligsten Berg besteigen. Es ist gar nicht so schwer.

 

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