Gipfelsturm zum Mount Fuji—Wo einem ganz Japan zu Füßen liegt
Morgendämmerung. Eine lange Menschenkette, Grubenlampen um den Kopf
gebunden, arbeitet sich voran. Es sind keine hundert Meter mehr. Nur noch ein
paar Dutzend Schritte. Doch das Ziel ist der Gipfel des Mount Fuji, und der Weg
dahin ist steinig und steil. Am Fuße des Berges beginnt ein Sommertag, hier
oben peitscht der Regen gegen Felsgestein und Gesichter. Dünn ist die Luft und
lässt den Atem in der Lunge brennen. Die Kälte beißt in die Finger. Hände
suchen an Wanderstöcken Halt; es geht nur schleichend voran. Dabei kann es doch
so schwer nicht sein; sogar Kinder und alte Menschen steigen hier hinauf.
Für
Wenn die Luft in Tokio klar ist, zeichnet sich die Silhouette des Mount
Fuji am Horizont ab. Eine gleichmäßige Pyramidenform, die Kratermündung als
leichte Delle an der Spitze erkennbar.
Der seit 300 Jahren ruhende Vulkan ist mit 3776 Metern Japans höchste
Erhebung. An seinem Fuße steht ein Schrein, Fuji Sengen Jinja. Dort können
Bergwanderer für einen sicheren Anstieg beten und die Göttin des Vulkans, Konohanasakuya,
im Voraus um Vergebung für unbefugtes Betreten ihres Sitzes bitten. Doch für
die wenigsten beginnt der Anstieg ganz unten. Zu sanft die Steigung, zu wenig
Berggefühl. Erst ab der fünften Station, auf ungefähr halber Höhe, müssen sich angehende
Gipfelstürmer etwas mehr ins Zeug legen und deshalb schlängeln sich bis dahin Autos
und Reisebusse die Serpentinen hinauf.
Der heilige Berg war lange Zeit das Ziel vieler Pilgerreisen und auch heute
erinnert der Zug der Bergbesteiger an eine Prozession. Jeder weise Mann
besteigt einmal im Leben den Mount Fuji, sagt ein japanisches Sprichwort und so
kraxeln Jahr für Jahr mehr als 200.000 Menschen in knallbunter
Kletterbekleidung den Berg hinauf.
Hitoshi und Michael starten am frühen Nachmittag. Gleich hinter der Station
sind Lautsprecher aufgestellt. Eine blecherne Stimme ermahnt die Bergsteiger in
einer Endlosschleife auf Japanisch und Englisch, „Achte auf deine Manieren,
benutze die bereit gestellten Toiletten.“ Feiner Sprühregen legt sich wie ein
Weichzeichner über die Landschaft. Es riecht nach Wald und der feuchte Boden
gibt jedem forschen Schritt der beiden nach.
Drei Stunden später klingeln die Glöckchen an den Wanderstöcken schon weit weniger
energisch als am Anfang. Es ist anstrengend, einen Berg zu erklimmen. Michael fällt
hinter Hitoshi zurück. „Daidschoobu? Ist alles in Ordnung?“ fragt Hitoshi, als
er ihn am nächsten Knick des Zickzackweges empfängt. Michael kann nicht mehr.
Es ist höchste Zeit für den japanischen Energieriegel, Zeit für eine Pause.
Eine Frau, alt genug, um die Großmutter der beiden Mittdreißiger zu sein,
stapft an den rastenden Kletterern vorbei den Berg hinauf. Sie läuft langsam
aber hartnäckig bergan, ihr Gesicht in konzentrierte Falten gelegt. Eine
leuchtend gelbe Nylonhose schützt sie vor dem Regen und sie hat sich ein Tuch
fest um ihren Sonnensichtschutz gebunden. Wann immer sich ein Kletterer nach
ihrem Wohlbefinden erkundigt, richtet sie sich ein wenig auf, streckt ihren
gebeugten Rücken und strahlt, „Daidschoobu. Alles in Ordnung.“
In der Berghütte auf der achten Station können bei voller Auslastung 600
Leute schlafen, für 5000 Yen pro Wanderstock. Richtig Platz haben hier oft nur
die Rucksäcke. Während diese an stabilen Haken hängen, die mit ausreichendem
Abstand an die Holzwände geschraubt sind, liegen die Bergsteiger Schulter an
Rücken, rechtes Knie an fremdem Hinterteil. Aber wer sich in sieben Stunden mehr
als 1000 Meter Richtung Himmel hinauf gearbeitet hat, kennt keine
Berührungsängste, nur noch Müdigkeit. Es gibt ein Kissen, eine Decke? Prima.
Weit vor dem Morgengrauen, nach viel zu wenigen Schlafstunden verteilt
Hitoshi Grubenlampen. „Fest anzurren,“ sagt er, „sonst rutschen sie an einer
brenzligen Stelle ins Gesicht.“ Die Nacht wird von den Lichtern der rund
hundert Bergsteiger erhellt, die in dieser windigen und regnerischen Nacht den
Gipfelsturm wagen. Eines der Lichtermeere da unten ist Tokio. Dort begann am letzten
Morgen die Reise.
Auf der Spitze des Berges stehen und die Sonne aufgehen sehen. Das war der
Plan. Aber es geht langsam voran. Jeder läuft in den Fußstapfen seines
Vorgängers, den Blick fest auf den felsigen Boden geheftet. Der Anstieg wird
von Pausen durchbrochen, die Energieriegel sind längst aufgegessen. Michael
stützt seine Stirn auf den Wanderstock und schnappt mit offenem Mund nach Luft,
als ein Paar nasse Schuhe durch sein Sichtfeld läuft. In die falsche Richtung.
Aufgegeben. Für einen winzigen Augenblick überlegt er, dem Schuhpaar zu folgen,
dann beißt er die Zähne zusammen und steigt weiter.
Die Dunkelheit ist längst dem Tageslicht gewichen, als ein hölzernes Tor
die beiden Kletterer begrüßt. Endlich. Geschafft! Die Anspannung weicht einem
Gefühl der Erleichterung. Michael ist so glücklich, er nimmt Hitoshi in die
Arme. Es sieht zwar nicht besonders schön aus, auf der kargen Spitze des Mount
Fuji. Aber es fühlt sich großartig an hier oben. Wie nach einer Heldentat. Im
Tempel der Vulkangöttin, der auf dem Gipfel jedem Wetter trotzt, reicht jemand
Michael lächelnd ein Handtuch. Er strahlt zurück und frottiert sich das schweiß-
und regennasse Haar.
Wenn die beiden Bergwanderer auch den Sonnenaufgang verpasst haben, den Berg
haben sie bezwungen. Sie wussten ja, dass sogar Kinder und alte Menschen Japans
heiligsten Berg besteigen. Es ist gar nicht so schwer.