Ab heute bin ich Model

(Katja Bartholmess, Juli 2003. Foto: Yusuke Murakami)

 

Machen wir uns nichts vor. So ziemlich überall auf dieser Welt würden meine Ambitionen nicht nur milde belächelt werden, nein, es gäbe schallendes Gelächter; man würde Mitarbeiter rufen, die sich dann ebenfalls Schenkel klopfend die Tränen aus den Augenwinkeln wischten. Vielleicht würde jemand sogar schnell ein Polaroid schießen. Für die „Was haben wir gelacht!“-Pinnwand.

 

Aber hier in Tokio sieht das alles ein wenig anders aus. Hier versichert man mir mindestens einmal täglich auf der Straße, in Restaurants oder Aufzügen, von welch makelloser Schönheit ich bin und selbst renommierte Firmen wie Nikon lassen ihre Produkte von ausländischen Menschen bewerben, die man bei Elite vom Hof gejagt hätte. Und deshalb wage ich es: Ich vermesse mich fachgerecht mit einem Metermaß (um Taille und Hüfte schön straff ziehen und am Busen durch locker halten und tief einatmen Zenimeter schinden) und lasse mich bei einschlägigen Agenturen als Model registrieren. Auf das man Kameras auf mich richtet, an mir herumzuppelt und am Ende ein Bündel Yen-Scheine in die Hand drückt!

 

Am Anfang steht jedoch der Selbstzweifel. Warum haben alle um mich herum fantastisch glänzendes Ebenholzhaar wenn ich mit Kükenflaum am Kopf herumlaufen muss? Hätte man mir nicht als Kind unter Waffengewalt eine Zahnspange in den Mund zwingen sollen? Und warum hat sich eigentlich meine kleine Cousine die ganze Familienschönheit unter den Nagel gerissen?

 

Drei Agenturen und ein Fotograf später.

 

16-07-2003, BLISS Promotions

Ganz schlimm. Erst lässt man mich warten und dann ist man weder in der Lage, den Computer anzuwerfen noch einen Fotoapparat zu finden. Der angebotene Job wäre eine Statistenrolle für 15.000 Yen pro Tag. Kenny erzählt mir was von Lebenslauf aufschreiben und ich frage mich, was meine Universitätsausbildung über meine Fähigkeit, einmal quer durchs Bild zu laufen, aussagen soll. Am Ende weiß ich, zu welchen Prozentsätzen Kenny aus verschiedenen Nationalitäten besteht und dass es eigentlich nur noch besser kommen kann. Von wegen Bliss, von wegen Glückseligkeit!

 

17-07-2003, Free Wave

Die nächste Station. Ich trage schwarz und körperbetont, pudere mir aber nach dem Reinfall mit BLISS weitaus weniger pedantisch den T-Zonen-Bereich. Hier finde ich mich jedoch in guten Händen. Es gibt vorgedruckte Bögen zum Ausfüllen, man verlangt nach meinem Visum, die Managerin erklärt mir alles ganz genau und hat obendrein ein Jahr in Jena studiert. Sie macht Fotos und versichert mir, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit freut. Das glaube ich ihr, weiß aber, dass zwischen dem guten Willen und einer tatsächlichen Zusammenarbeit noch die Luchsaugen der Auftraggeber stehen. Trotzdem: Gute Erfahrung.

 

18-07-2003, K&M Promotions

Tomo ist sehr niedlich, macht aber alles falsch beim Busen vermessen. Da ich dazu das tief Luftholen vergesse, habe ich plötzlich auf dem Bogen mit meinen Maßen eine Zahl stehen, die mich als offiziell flachbrüstig ausweist. Dabei hat er ÜBER dem Oberteil und dem Push-up BH gemessen. Ich bin sehr beleidigt!

Dafür ist auch hier alles ganz professionell. Es gibt sogar ein kleines Studio, wo Tomo ein paar Bilder von mir schießt, die dann auf einer Setcard landen werden. Nach einer Stunde bekomme ich eine gelbe Broschüre in die Hand gedrückt und stehe wieder draußen. Ich amüsiere mich darüber, wie deutlich sie mir die Rangordnung meiner Aufträge erklären: Welche Agentur sich zuerst meldet, bekommt den ersten Zuschlag. Wer als nächstes anruft den zweiten. Wenn aus dem ersten Job nix wird, wird der zweite Zuschlag zum ersten Zuschlag. Gut zu wissen. Denn gleich morgen rennen mir alle die Tür ein.

 

19-07-2003, Photograph Art

Habe ein Portfolio mit meinen Bildern zusammengebastelt, es online gestellt (www.geocities.com/katjaba1/portfolio) und mich bei einem Fotografen beworben. Dass er mir zurück schreibt, NACHDEM er meine Fotos gesehen hat, werte ich als gutes Zeichen. Er will ein Vorstellungsgespräch mit mir machen und gibt vor, mich im Geiste schon für eine Rolle für eine Bilderserie besetzt zu haben. Man halte sich fest: Ich soll ein Engel sein. Ich! Dabei habe ich doch erst gestern abend einer mir sehr nahe stehenden Person absichtsvoll und ganz und gar un-engelig grünen Tee über die Hose gegossen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Und nun sitze ich mit gefalteten Händen im Schoß den ganzen Tag neben dem Telefon und warte auf die ganzen Jobangebote, die ja jetzt wohl bald im Sekundentakt eintreffen werden. Es bleibt spannend. (Falls ich mich nie wieder über dieses Thema äußern sollte: Sprecht es nicht an, fragt nicht nach, sondern bedauert ein hoffnungsvolles Nachwuchsmodel mit Kükenflaum und korrektionsbedürftigen Zähnen, dass keiner haben will.)

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