Ab heute
bin ich Model
(
Machen wir uns nichts
vor. So ziemlich überall auf dieser Welt würden meine Ambitionen nicht nur
milde belächelt werden, nein, es gäbe schallendes Gelächter; man würde
Mitarbeiter rufen, die sich dann ebenfalls Schenkel klopfend die Tränen aus den
Augenwinkeln wischten. Vielleicht würde jemand sogar schnell ein Polaroid
schießen. Für die „Was haben wir gelacht!“-Pinnwand.
Aber hier in Tokio sieht das alles ein wenig anders aus. Hier versichert
man mir mindestens einmal täglich auf der Straße, in Restaurants oder Aufzügen,
von welch makelloser Schönheit ich bin und selbst renommierte Firmen wie Nikon
lassen ihre Produkte von ausländischen Menschen bewerben, die man bei Elite vom
Hof gejagt hätte. Und deshalb wage ich es: Ich vermesse mich fachgerecht mit
einem Metermaß (um Taille und Hüfte schön straff ziehen und am Busen durch
locker halten und tief einatmen Zenimeter schinden) und lasse mich bei
einschlägigen Agenturen als Model registrieren. Auf das man Kameras auf mich
richtet, an mir herumzuppelt und am Ende ein Bündel Yen-Scheine in die Hand
drückt!
Am Anfang steht jedoch der Selbstzweifel. Warum haben alle um mich herum
fantastisch glänzendes Ebenholzhaar wenn ich mit Kükenflaum am Kopf herumlaufen
muss? Hätte man mir nicht als Kind unter Waffengewalt eine Zahnspange in den
Mund zwingen sollen? Und warum hat sich eigentlich meine kleine Cousine die
ganze Familienschönheit unter den Nagel gerissen?
Drei Agenturen und ein Fotograf später.
16-07-2003, BLISS Promotions
Ganz schlimm. Erst lässt man
mich warten und dann ist man weder in der Lage, den Computer anzuwerfen noch
einen Fotoapparat zu finden. Der angebotene Job wäre eine Statistenrolle für
15.000 Yen pro Tag. Kenny erzählt mir was von Lebenslauf aufschreiben und ich
frage mich, was meine Universitätsausbildung über meine Fähigkeit, einmal quer
durchs Bild zu laufen, aussagen soll. Am Ende weiß ich, zu welchen
Prozentsätzen Kenny aus verschiedenen Nationalitäten besteht und dass es
eigentlich nur noch besser kommen kann. Von wegen Bliss, von wegen
Glückseligkeit!
17-07-2003, Free Wave
Die nächste Station. Ich trage
schwarz und körperbetont, pudere mir aber nach dem Reinfall mit BLISS weitaus
weniger pedantisch den T-Zonen-Bereich. Hier finde ich mich jedoch in guten
Händen. Es gibt vorgedruckte Bögen zum Ausfüllen, man verlangt nach meinem
Visum, die Managerin erklärt mir alles ganz genau und hat obendrein ein Jahr in
Jena studiert. Sie macht Fotos und versichert mir, dass sie sich auf eine
Zusammenarbeit freut. Das glaube ich ihr, weiß aber, dass zwischen dem guten
Willen und einer tatsächlichen Zusammenarbeit noch die Luchsaugen der
Auftraggeber stehen. Trotzdem: Gute Erfahrung.
18-07-2003, K&M Promotions
Tomo ist sehr niedlich, macht aber
alles falsch beim Busen vermessen. Da ich dazu das tief Luftholen vergesse,
habe ich plötzlich auf dem Bogen mit meinen Maßen eine Zahl stehen, die mich
als offiziell flachbrüstig ausweist. Dabei hat er ÜBER dem Oberteil und dem
Push-up BH gemessen. Ich bin sehr beleidigt!
Dafür ist auch hier alles ganz
professionell. Es gibt sogar ein kleines Studio, wo Tomo ein paar Bilder von
mir schießt, die dann auf einer Setcard landen werden. Nach einer Stunde
bekomme ich eine gelbe Broschüre in die Hand gedrückt und stehe wieder draußen.
Ich amüsiere mich darüber, wie deutlich sie mir die Rangordnung meiner Aufträge
erklären: Welche Agentur sich zuerst meldet, bekommt den ersten Zuschlag. Wer
als nächstes anruft den zweiten. Wenn aus dem ersten Job nix wird, wird der
zweite Zuschlag zum ersten Zuschlag. Gut zu wissen. Denn gleich morgen rennen
mir alle die Tür ein.
19-07-2003, Photograph Art
Habe ein Portfolio mit meinen
Bildern zusammengebastelt, es online gestellt (www.geocities.com/katjaba1/portfolio)
und mich bei einem Fotografen beworben. Dass er mir zurück schreibt, NACHDEM er
meine Fotos gesehen hat, werte ich als gutes Zeichen. Er will ein
Vorstellungsgespräch mit mir machen und gibt vor, mich im Geiste schon für eine
Rolle für eine Bilderserie besetzt zu haben. Man halte sich fest: Ich soll ein
Engel sein. Ich! Dabei habe ich doch erst gestern abend einer mir sehr nahe
stehenden Person absichtsvoll und ganz und gar un-engelig grünen Tee über die
Hose gegossen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Und nun sitze ich mit gefalteten Händen im Schoß den ganzen Tag neben dem Telefon
und warte auf die ganzen Jobangebote, die ja jetzt wohl bald im Sekundentakt
eintreffen werden. Es bleibt spannend. (Falls ich mich nie wieder über dieses
Thema äußern sollte: Sprecht es nicht an, fragt nicht nach, sondern bedauert
ein hoffnungsvolles Nachwuchsmodel mit Kükenflaum und korrektionsbedürftigen
Zähnen, dass keiner haben will.)