Nicht nur eine blöde Büte – Sakurazeit in Japan
(02-04-2003,
Nach langen Monaten des
Wartens, Ausharrens, nein: Darbens sind sie endlich da und auf einmal dreht
sich alles nur um sie. Blitzlichtgewitter, entzücktes Jauchzen, knallende
Korken allerorten. Es ist Sakurazeit in Japan, die Kirschblüte hat begonnen!
Fast hätte ich sie verpasst, wollten sich doch die Knospen so partout nicht
öffnen und die Wetterbersichtsansager mussten den zugesicherten
„Kirschblütenöffnungstermin“ sichtlich betreten immer wieder nach hinten
verschieben. Aber am letzten Wochenende war es soweit! Eben war noch alles kahl
und jetzt gibt es Blüten, Blüten, Blüten, soweit das Auge blicken kann. Mit der
Kirschblüte beginnt die Tradition des „hanami“, des „Kirschblüten-Betrachtens“,
und dem Anschein nach gibt es niemandem, der sich dem Bann der weißrosa Blüte
entziehen kann: Menschen scharen sich in großen Gruppen unter den Bäumen, die
aussehen als hätte man sie mit Schneebällen beworfen, die dann auf magische
Weise an den Ästen und Zweigen kleben geblieben sind. Es wird rund um die Uhr
auf großen Plastikdecken gepicknickt und die Bäume werden fotografiert, gefilmt
und digitalisiert als ginge es um Leben und Tod. Es gibt wahrscheinlich schon
jetzt kein einziges Blütenblatt, was noch nicht auf irgendeine Form für die
Nachwelt festgehalten wurde.
Selbst Naturbanausen wie ich
können sich angesichts der Blütenpracht ein „Wie schön!“ nur schwer verkneifen.
Dickplusterige Blütenknäuel, die nach Frühling in Japan duften und denen zu
Ehren man Lampions durch die ganze Stadt spannt. Der passionierte „Hanamist“
(der natürlich nicht wirklich so genannt wird) will ja auch nach Einbruch der
Dunkelheit noch was zum betrachten haben.
Mit dem ersten starken
Wind oder dem nächsten Regenguss wird der ganze schöne Spuk ein Ende haben. Die
Kirschblüten sind sensible Diven und falllen einfach frech vom Baum, sobald
ihnen das Klima zu unwirtlich wird. Aber solange alle japanischen Einwohner
wenigstens ein Foto haben, das bezeugt, dass man sich mindestens einmal in
unmittelbarer Nähe eines Kirschbaumes aufgehalten hat, ist alles gut. Ich habe
zur Sicherheit jedenfalls ein paar Beweisfotos, die mich in direkter Verbindung
zu Kirschblüten zeigen. Man weiß ja nie, wann man’s braucht.