Katja Bartholmeß & Claudia Noack

Institut für Europäische Ethnologie

 

Soziale Brennpunkte sehen. Möglichkeiten und Grenzen des "ethnologischen Auges"

 

Das Funktionieren aller Sinne ist der Erstellung einer Ethnographie durchaus zuträglich. Was passiert jedoch, wenn man sich beim Sammeln von Eindrücken hauptsächlich auf das eigene Sehvermögen und die damit verbundene Fähigkeit zu Beobachten verlässt? Anhand dieser Frage überlegten wir, inwieweit es möglich ist, nur durch Beobachtung und unter weiträumigem Verzicht auf alle anderen Untersuchungsmethoden, eine Ethnographie zu erstellen und anhand derer einer ethnologischen Frage nachzugehen.

 

Bevor wir jedoch näher auf unsere mehrmonatige Forschung im Jahr 2001 am Reuterplatz eingehen, soll ein kurzer Exkurs einen Überblick über einen idealtypischen und sehr verkürzt dargestellten ethnologischen Forschungsablauf geben. Es existiert eine Folge von einzelnen Schritten, die abgewandelt werden kann, aber deren Inhalte eine ethnologische Forschung erst möglich und vollständig machen.[1]  Eine Forschung beginnt im "Normalfall" mit der Wahl eines Themas. Durch sie wird festgelegt, was man wo und z.T. auch schon wie erforschen will.

Mit der Entscheidung über die Fragestellung wird auch das Forschungsfeld bestimmt. Zusammen mit den ersten Überlegungen zur Methodik erfolgt die theoretische Vorarbeit. Diese umfasst das Sammeln von Informationen unter anderem über die sozialen, gesellschaftlichen und räumlichen Rahmenbedingungen des Themenfeldes und die Aufstellung von Arbeitshypothesen, die sich aus der theoretischen Beschäftigung mit Feld und Thema ergeben. Diese können und werden sich später verändern oder erweitern, aber sie ermöglichen einen ersten Überblick über das weitere Vorgehen und helfen bei der Orientierung und vor allem bei der Eingrenzung des Themas und Feldes.

 

Ist das Forschungsfeld festgelegt, stellt sich unweigerlich die Frage nach den zu verwendenden Feldforschungsmethoden. Deren Brandbreite ist zwar durchaus übersichtlich, dennoch ist die Wahl der passenden Methoden von vielen Faktoren abhängig. Bei Forschungsthemen der Europäischen Ethnologie, die in der Gegenwart verankert sind, beginnt nun die Beobachtung des Feldes. Die dabei für dieses Fach wahrscheinlich charakteristischste Methode ist die teilnehmende Beobachtung. Diese aktive und interaktive Teilnahme an den Geschehnissen im Feld, deren zentrales Mittel das Interview in all seinen Formen ist, stellt einen wichtigen Schritt in das Feld dar und ist typisch für die ethnologische Forschung. Das interaktive Vorgehen beinhaltet auch die Möglichkeit der Veränderung des Forschungskonzepts, um es den Gegebenheiten im Feld anzupassen. Wichtigster Forschungsgegenstand der Europäischen Ethnologie sind die Wirklichkeiten und Erfahrungshorizonte von Menschen. Durch das Aushandeln der Forschungsmethoden, das mit Hinblick auf das Relevanzsystem der untersuchten Personen oder Personengruppen erfolgt, soll eine größtmögliche Annäherung an diese Vorstellungen erreicht werden.

 

Während des Beobachtungsprozesses ist das Dokumentieren des Gesehenen unabdinglich. Dafür stehen verschiedene technische Hilfsmittel zur Verfügung, die vom Notizbuch über Aufnahmegeräte bis hin zu digitalen Kameras reichen. Deren Einsatz richtet sich nach Intention und Geldbörse der ForscherInnen und ist auch von den Befindlichkeiten der Beforschten nicht unabhängig. Den Abschluß einer Feldforschung bildet die Analyse des erhobenen Materials und meist die Umsetzung in einen Text. Denn teilnehmende Beobachtung meint eben nicht nur die Beobachtung der Untersuchungsobjekte, der „Anderen“, sondern auch die beschreibende Einbettung in einen meist theoretischen oder historischen Kontext.

 

Wir konzentrierten uns auf die sinnliche Wahrnehmung des Reuterplatzes. Unser Fokus lag auf den Bildern und Eindrücken, die wir im Laufe der Forschung gewannen und auf den schriftlich und fotografisch aufgezeichneten Momentaufnahmen, die den Platz und seine Akteure im Wandel der Tages- und Jahreszeiten zeigen. Wir haben zusätzlich eine Kurzbefragung am und um den Platz herum durchgeführt und kamen im Laufe der Zeit mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch. Doch auch wenn die Ergebnisse neue Impulse liefern konnten, spielten sie in unserer Untersuchung eine untergeordnete Rolle und dienten uns eher als Bestätigung für die Grenzen der Beobachtung, denn als gleichberechtigte Forschungsmethode.

 

Unser Vorgehen im Feld lag auf verschiedenen Ebenen der Beobachtung. Spradley unterscheidet zwischen „passive participation“, „moderate participation“ und „active participation“ (Spradley 1980: 59f). In einem Extrem ist es die Intention der Forschenden, die Akzeptanz in der erforschten Gruppe zu erreichen oder von ihr angenommen zu werden. Im anderen sind die ForscherInnen – wie wir - an der Interaktion mit den Beforschten wenig interessiert.[2] Girtler unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen dem "Beobachter- als- Teilnehmer" und dem "Teilnehmer- als- Beobachter" (Girtler 2001:64). Die "passive participation" (bzw. nach Girtler die "nichtteilnehmende strukturierte Beobachtung"), beschreibt deshalb die von uns gewählte Ebene der Beobachtung am besten. Wir versuchten nur selten, uns in einem Gespräch oder Interview einzubringen. Unser Bestreben war, "sinnlich wahrnehmbares Handeln" (Girtler 2001:61) zu erfassen und so blieben wir während unserer Forschung größtenteils im Hintergrund.

 

Wenn man im Norden Neuköllns am U-Bahnhof Hermannplatz aussteigt, das frisch renovierte Kaufhaus hinter sich lässt und in die von zwei Bankfilialen flankierte Weserstraße einbiegt, kommt man direkt zum Reuterplatz.

Von außen sieht man auf dichte Büsche und einige Bäume, auf der einen Seite ragt ein Klettergerüst in die Luft. Vier Zugänge durchbrechen das Gebüsch und führen auf den Platz. In der Mitte befindet sich eine rechteckige Wiesenfläche, deren Rasen man fußballspielende Füße deutlich ansieht. Der Blick fällt auf die zahlreichen, knallrot angestrichenen Bänke. Man findet sie überall auf dem Reuterplatz: Sie stehen auf den Wegen, die die Wiesenfläche begrenzen. Sie stehen in dem türkisfarbenen Metallrondell, in dessen Zentrum ein Springbrunnen darauf wartet, irgendwann wieder zu funktionieren. Und sie stehen auf dem Spielplatz, auf dem man einen Sandkastenbereich mit Klettergerüst für die kleineren Kinder und deren Eltern sowie Tischtennisplatten und ein eingezäuntes Fußball- und Basketball-Spielfeld für die Jugendlichen findet. Der Reuterplatz wird von vier mäßig befahrenen Straßen gesäumt. Der Kinderlärm vom Spielplatz übertönt meistens die Geräusche des Verkehrs und mit zunehmender Belaubung der Sträucher und Bäume wird jedes Auto unsichtbar. Hinter dem Grün sind nur die pastellfarbenen Häuserzeilen und die in braunem Stein gemauerte Kirche zu erkennen.

 

Laut Sozialstrukturatlas der Stadt Berlin befindet sich der Reuterplatz in einem als sozialen Brennpunkt ausgewiesenen Gebiet im Norden von Neukölln. Diese Zuschreibung erfolgt, wenn in einem Gebiet unterschiedliche, als benachteiligend bewertete Kriterien auf einen Großteil der Anwohnerschaft zutreffen. Zu diesen Kriterien gehören Arbeitslosigkeit, der Anspruch auf Sozialhilfe und eine nicht- deutsche Staatsbürgerschaft.

 

Wir wollten herausfinden, ob ein sozialer Brennpunkt von außen als ein solcher erkennbar ist.

Kann man also durch bloßes Beobachten aus einem ethnologischen Blickwinkel einen Ort als einen sozialen Brennpunkt wahrnehmen? Wieviel erschließt sich durch intensive Beobachtung? Wieviel bleibt Spekulation?

 

Der parkähnliche Reuterplatz befindet sich inmitten einer Wohngegend. Die Vermutung, dass sich unter seinen Nutzern zu einem Großteil Anwohner befinden, liegt daher nahe. Es handelt sich also um Menschen, von denen einige durch ihre Arbeitslosigkeit oder ihr Nicht- deutsch- sein der Statistik helfen, den sozialen Brennpunkt festzuschreiben. Gibt es Besonderheiten in dem Verhalten der Menschen, die auf öffentlichen Plätzen innerhalb eines sozialen Brennpunkts agieren?

 

In unserer Forschung haben wir einen Teil der Alltagswelt der Nutzer des Reuterplatzes untersucht. Die Alltagswelt ist der Teil der „Lebenswelt“, „in (den) wir uns mit unseren Handlungen einschalten können, das wir dadurch umformen und verändern können und in dem wir Kommunikation mit unseren Mitmenschen herstellen können.“ (Schütz 1972:119)

Durch ihre Nutzung haben sich die Menschen den Reuterplatz angeeignet. Er bietet ihnen die Möglichkeit und die Sicherheit, bekannte Gesichter zu treffen. Jeder Teil des Platzes scheint einer anderen Nutzergruppe zu „gehören“ und jede gruppenzugehörige Person verbringt einen Teil ihres Alltags an diesem Ort.

 

Wir gehen von der Annahme aus, dass sich Menschen ihren engeren und erweiterten Alltagsraum strukturieren und bestimmte Arten seiner Nutzung entwickeln. So sagt beispielsweise Bausinger, „dass die Kommunikationsstrukturen der Großstädter sehr wohl in geordneten Figuren nachzuzeichnen sind und dass sie in vielen Fällen nicht hoffnungslos verschlungene und weite Netze führen, sondern in einer Nachbarschaft, in Straßen, Ecken und Quartieren mit ihrem besonderen Habitus angesiedelt sind“ (Bausinger 1985:9).

 

Was sind also die beobachtbaren Kommunikationsstrukturen der Personen am Reuterplatz? Um dies zu herauszufinden, haben wir die Menschen auf dem Platz beobachtet, haben Regelmäßigkeiten und Auffälligkeiten notiert und die Nutzer und deren Verhalten beschrieben.

Auch das von Gisela Welz untersuchte "Street Life" kann in diesem Sinne als eine Art räumliches Alltagshandeln verstanden werden. Sie sagt in ihrer Arbeit: „Die Straße wird genutzt, um ein breites Spektrum von Bedürfnissen anzusprechen und zu befriedigen. Menschen jeden Alters, Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, sind oft und lange vor den Türen, auf den Treppen, an Straßenecken und auf den Bürgersteigen vor den Häusern. Street Life prägt das Denken und Handeln der Menschen; seine Zeitrhythmen und Raumeinteilungen strukturieren den Alltag.“ (Welz 1991:16)

 

Was für sie Abschnitte einer Straße im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn (genauer gesagt im Brooklyner Stadtteil Bushwick) waren, war für uns der Reuterplatz. Beides stadtplanerische Gegebenheiten, die von den Anwohnern jeweils auf ihre Art angeeignet und genutzt werden. Als Kommunikation und Interaktion ermöglichende Aufenthaltsorte gab es bei ihr Treppen, Straßenecken und Bürgersteige und bei uns das Rondell, einen Spielplatz, Wiese und rote Bänke.

 

Momentaufnahme 31. Januar, Nachmittag

 

Der Reuterplatz ist von Schnee bedeckt. Das Restwasser im Springbrunnen ist gefroren und ein kleiner bemützter Junge testet das Eis auf Stabilität. Es trägt ihn. Besonders tief scheint das Wasser ohnehin nicht zu sein.

Sein Vater steht vor dem Springbrunnen und friert. Die Hände tief in den Taschen vergraben steht er da und versucht, sich durch Fußwippen warm zu halten.

Die meisten der roten Bänke tragen eine Schneedecke. Eine Bank im Rondell ist jedoch schneefrei, Männer mit Bierbüchsen haben sie freigeräumt, um sich darauf zu setzen. Die Kälte lässt dies wenig nachahmenswert erscheinen.

Ein Mann kommt auf den Platz und lässt seinen Mischlingshund frei umherlaufen. Ein anderer Hund kommt angewedelt und ein hundeübliches Begrüßungszeremoniell beginnt. Wahrscheinlich kennen sich die Hunde auch, die Besitzer grüßen sich zumindest per Kopfnicken.

Sogar ein paar Jugendliche spielen in dem eingezäunten Spielfeld Fußball. Mit ihren dicken Handschuhen und den langen Jogginghosen sehen alle ein wenig aus wie Torhüter. Aber bei der Kälte legt keiner Wert auf modische Trikots.

Der Platz wirkt still, der Schnee schluckt die Geräusche. Die Bäume und Sträucher haben Schneewipfel und überall findet man Fußspuren.

 

Neben den Menschen, die den Reuterplatz nur zur Wegabkürzung überquerten oder die eher zufällig und ausnahmsweise hier landeten, gab es mehrere Gruppen, die den Platz regelmäßig und immer wieder in ähnlicher Weise nutzten.

Der Wandel der Jahreszeiten beeinflusste deutlich die Nutzung des Reuterplatzes.

Im Winter 2001 begannen wir mit unserer Forschung vor Ort. Damals machten wir drei Gruppen aus, die den Platz auf unterschiedliche Weise nutzten. In den wärmeren Jahreszeiten kamen andere Gruppen hinzu.

 

Zum einen waren das (meist) Männer mittleren Alters, die sich bevorzugt auf den Bänken innerhalb des Rondells trafen. Oft kamen sie schon am Morgen, um Bier trinkend und sich in breiter "Berliner Schnauze" unterhaltend den Tag zu verbringen. Die metallene Konstruktion des Rondells bot für sie zumindest die Illusion von Privatsphäre. Man traf sich täglich. Wenn es das Wetter gut meinte, schön. War es kalt, war das auch egal. Manche Gesichter sah man immer, andere immer mal wieder. Gekleidet mit verwaschenen Sweatshirts und Jeansjacken bei kälterem Wetter und weiten T-Shirts mit Motivdruck, wenn es die wärmeren Temperaturen zuließen und mit einer Tendenz zu Oberlippenbart und längerem Nackenhaar bildeten sie auch optisch eine Einheit. Für sie könnte der Platz eine Art Zuflucht sein, denn es wird wenig andere Orte geben, an denen sie erwünscht sind. Außerdem war es für die Biertrinkenden sicher erschwinglicher, einen aus ihrer Mitte zur Organisierung von Büchsennachschub in den nächsten PENNY MARKT zu schicken, als gemeinsam in eine Kneipe zu gehen. Und so konnte man regelmäßig hören, wie jemand mit großem Hallo begrüßt wurde, weil er mit bierbüchsenvollen Tüten den Nachschub gesichert hatte.

Eine Zuflucht kann ein Ort nur sein, wenn er eine gewisse Sicherheit und Stabilität bietet. Die Biertrinkenden konnten davon ausgehen, zu jeder Tageszeit am Rondell auf Bekannte zu treffen, von denen sie mit ihrer Art akzeptiert wurden. Man hatte sich eingerichtet. Die leeren Bierdosen landeten nicht irgendwo, sondern in den Mülleimern und es störte sich auch keiner daran, wenn jemand (und es waren die meisten) zur Verrichtung der Notdurft ins angrenzende Gebüsch ging.

 

Es wäre interessant, zu untersuchen, wo und wie sie leben, wenn sie nicht auf dem Platz sitzen. Es war nicht auszuschließen, dass diese Männer obdachlos sind. Vor allem die Tatsache, dass sie sich auch in den kälteren Monaten Zeit auf dem Reuterplatz verbrachten, legt diese Vermutung nahe.

 

Eine zweite Gruppe, die stets unabhängig vom Wechsel der Jahreszeiten auf dem Platz eintraf, waren Hundebesitzer und Eltern der auf dem Platz spielenden Kinder.

Die Mütter, Väter und Eltern waren zusammen mit den Hundebesitzern nicht nur aus purem Hedonismus am Platz. Im Gegenteil, sie kamen aus Verantwortungsgefühl ihren Schützlingen gegenüber. Falls ein Kind mal vom Klettergerüst fällt, macht es sich beim Gespräch mit dem Chirurgen doch bedeutend besser, wenn man betont, man hätte den Aufprall miterlebt.

Die Hundebesitzer kann man sogar als vorbildlich bezeichnen, denn es ist doch viel weniger unappetitlich, wenn die Hunde dem Ruf der Natur nicht offensichtlich auf den Bürgersteigen, sondern beinahe unsichtbar zwischen den Reuterplatzbüschen folgen.

 

Bei den winterlichen Temperaturen am Jahresanfang haben die Hundebesitzer noch ungeduldig gewartet, dass ihre kleinen und großen Hunde endlich ihre kleinen und großen Geschäfte beenden, um schnell wieder ins Warme fliehen zu können. Mit den steigenden Temperaturen haben sie jedoch größere Geduld entwickelt. Sie saßen auf den roten Bänken, ließen ihre Hunde frei laufen und schienen sich zu freuen, wenn sich andere Hundebesitzer zu ihnen setzten.

Für sie ist der Platz zum einen Notwendigkeit und dient zum anderen aber auch als Begegnungsstätte.

 

Die Eltern und andere KinderbetreuerInnen traten im Winter frierend von einem Bein auf das andere, während die Kinder tobten und ordneten die Heimkehr meist viel zu zeitig an.

Mit dem Jahreszeitenwechsel änderte sich jedoch auch ihr Verhalten. Da trafen sich Mütter mit anderen Müttern auf den Bänken oder den viel zu niedrigen Betonhockern im Spielplatzbereich. Und während die Kinder kletterten und schaukelten, unterhielt man sich angeregt bis in die frühen Abendstunden. Oft wurden Picknicks abgehalten, zu denen sich dann auch der Rest der Familien gesellte. Dann verließ man auch den Spielplatzbereich, vertraute auf die Selbständigkeit der Kinder und machte es sich auf der Wiese gemütlich.

 

Es war nicht "beobachtbar", ob die Eltern und HundebesitzerInnen  gern an den Reuterplatz kamen oder ob seine Nähe zur eigenen Haustür das ausschlaggebende Kriterium für diese Wahl war. Wir konnten mit unserer Methode auch nicht erfahren, ob sich die Eltern an bestimmten Gruppen und deren Verhalten am Reuterplatz störten.

 

Die Kinder waren die dritte Gruppe, die den Reuterplatz immer wieder aufsuchten.

Wann immer wir am Platz waren (bei klirrender Kälte genauso wie bei strahlendem Sonnenschein) spielten Kinder auf dem Spielplatz oder auf dem eingezäunten Fußball- und Basketballfeld. Es handelte sich hier um Kindergartengruppen, jüngere Kinder, die von ihren Eltern oder älteren Geschwistern beaufsichtigt werden und ältere Kinder und Jugendliche, die vor allem das eingezäunte Spielfeld nutzen. Für sie scheint der Platz als Aktionsraum für ihre Freizeitgestaltung zu dienen. Sie können herumtoben ohne gleich von einem Auto überfahren zu werden und haben viel Platz und viele Spielmöglichkeiten. Bei den Kindern gibt es im Gegensatz zu den anderen Gruppen noch ein großes Miteinander. Susi spielt mit Aisha und die multikulturelle Welt ist noch in Ordnung. Wann fängt man eigentlich an, sich nach dem Grad der Hauttönung und der Muttersprache zu organisieren?

 

Momentaufnahme 12. April, Vormittag

 

Als der Frühling mehr Wärme brachte, erwachte auch der Platz zu neuem Leben. Nun gesellten sich zu den Hundebesitzern, Männern mit Bierbüchsen und spielenden Kindern immer mehr Passanten, die sich auf einer Bank die Sonne ins Gesicht scheinen ließen und für einige Minuten verharrten. Nun kommen auch mehr Gruppen aus den Kinderläden auf den Spielplatz.

Ich sehe einige Frauen mit Kinderwagen, die sich auf einer der Bänke eine kurze Pause gönnen. Ein paar Kinder spielen auf der Wiesenfläche in der Mitte des Platzes Fußball, weil der eingezäunte Fußballplatz mal wieder von älteren Jungs besetzt wird.

Drei ältere Damen haben sich eingefunden. Sie haben sich Sitzkissen gegen die Kälte mitgebracht und tauschen Neuigkeiten aus. Nach einer Weile kommt eine ältere Frau mit ihren drei schwarzen Hunden über den Platz. Diese nennt sie "ihre Kinder". Sie sehe ich oft hier, denn ihre Wohnung befindet sich gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite.

Auf einer anderen Bank sitzt ein auch nicht mehr ganz junges Ehepaar. Die Frau holt aus ihrer Tasche eine Thermoskanne, und so sitzen die beiden ungefähr eine halbe Stunde, bevor sie sich wieder auf den Weg machen.

Als es Mittag wird, leert sich der Reuterplatz plötzlich. Nun sind nur noch zwei der Biertrinkenden hier.

 

Bei unserem Versuch, die Funktion des Reuterplatzes zu beschreiben, kam uns am häufigsten der Begriff „Oase“ in den Sinn. Der geschäftige Hermannplatz und der verkehrsstarke Kottbusser Damm befinden sich nur ein paar Schritte entfernt, doch hier ist von Eile und Hektik nichts zu spüren.

 

Eine Oase inmitten einer Großstadt ist ein Ort, an dem man den Alltag für einen Moment ausblenden und an den man sich zurückziehen kann, um neue Energien zu schöpfen oder sich mit seinesgleichen zu treffen.

All diese Punkte scheinen auf den Reuterplatz zuzutreffen. Auch wenn der Springbrunnen aufgrund von Sparmaßnahmen der Stadt im Sommer nie plätscherte und die roten Bänke einen neuen Anstrich gut vertragen könnten, wirkte der Platz nie vernachlässigt oder gar verwahrlost. Die angenehme und friedliche Grundstimmung ließ uns über solche Makel hinweg sehen. Hauptsächlich ergab sich diese Atmosphäre aus dem Verhalten der Menschen, die lachend, entspannend und erzählend auf den Bänken am Platz saßen und derer, die die Wiese für Picknicks oder Fußballspiele nutzten. Auch das Gefühl der Abgeschiedenheit, das der Sichtschutz aus gepflegten Bäumen und Gebüschen erzeugte, trug dazu bei.

 

Die dominantesten Geräusche des Reuterplatzes sind der Kinderlärm des Spielplatzes, das Bellen der Hunde und das laute Lachen der Biertrinkenden. Wenn die anderen Geräusche kurzzeitig verebbten, konnte man das Quietschen der vorbeigeschobenen Kinderwagen hören. Der Begriff „Oase“ ist im Zusammenhang mit dem Reuterplatz nicht als romantische "Heile- Welt- Vorstellung" misszuverstehen. Sicherlich wird der Reuterplatz von vielen seiner NutzerInnen aus Mangel an Wahlmöglichkeiten aufgesucht und weil er für einige die einzige Möglichkeit zur Begegnung bietet.

 

Momentaufnahme 21. Juni 2001, Nachmittag

 

Auf dem Platz findet sich eine bunte Mischung verschiedener Gruppen der Bevölkerung. Ich muss mich auf mein Sichturteil verlassen, da ich die Zugehörigkeit der Einzelnen von Ferne natürlich nicht nachprüfen kann. Alle bleiben aber ein wenig für sich: auf einer Bank sitzen drei afrikanische junge Männer, reden, lachen und schweigen, die drei türkischen/arabischen jungen Männer tun auf der Bank gegenüber genau dasselbe, drei deutsche Männer sitzen im Rondell und trinken Bier, lachen und reden.

Dem Begriff der "Oase" wird der Reuterplatz  vor allem im Sommer gerecht.

Heute scheint nach Tagen endlich mal wieder die Sonne, es ist warm und das wirkt sich auch auf den Reuterplatz aus. Ich sitze auf einer roten Bank. Gegenüber von mir das Rondell, vor mir die Wiese.

Die sonnigen Bänke sind allesamt besetzt. Einige sind zu zweit da, sie unterhalten sich, lesen oder sitzen einfach nur da. Leider funktioniert der Springbrunnen nicht.

Auf der Wiese vor mir sitzen vier Frauen. Ich nenne ihr Bild das "Frauenpicknick". Sie haben Decken ausgebreitet, unterhalten sich, ein kleines Mädchen spielt in ihrer Nähe und eine hält ein Baby im Arm. Auf den Bänken neben mir sitzen je zwei Männer, ältere auf der einen und jüngere auf der anderen Seite.

Die meisten Frauen, Männer und Kinder, die sich auf dem Platz aufhalten, sind türkischer oder arabischer Herkunft. Die Frauen tragen trotz Wärme und Sonne lange Mäntel und Kopftücher.

 

Es ist schon ein wenig Zeit vergangen. Das „Frauenpicknick“ auf der Wiese sitzt immer noch da, sie unterhalten sich. Das Publikum ändert sich mit der Zeit, auf den Bänken sitzen neue Leute. Auf der anderen Bank neben mir sitzt nur noch einer der jüngeren Männer, er liest Zeitung, legt sie wieder weg, nimmt sie wieder auf. Er scheint Zeit zu haben, alle hier scheinen Zeit zu haben.

 

Einige Zeit später sind die Bänke auf dem Reuterplatz immer noch gut besucht. Leider löst sich das „Frauenpicknick“ gerade auf und nimmt seine Kinder mit. Auf dem Rasen in der Mitte des Platzes spielt nun ein Vater mit seinem Sohn Fußball, die Frau und das ca. 8- jährige Mädchen auf der Bank neben mir gehören zu den beiden, sie beobachten mich, weil ich die ganze Zeit schreibe. Ich beobachte also nicht allein, es wird zurückbeobachtet.

Gerade kamen noch drei kleine Jungs mit einem Fußball auf die Wiese. Wahrscheinlich wurden sie von den älteren Jugendlichen aus dem eingezäunten Fußballfeld rausgemobbt und müssen mit der Wiese ohne Tor und Mittellinie vorlieb nehmen. Aber sie sehen aus, als hätten sie Spaß.

Rechts und links von mir wird gepicknickt. Brötchen mit Marmelade auf der einen gegen McDonald’s- Tüte auf der anderen Seite. Das ältere türkische Ehepaar hat jetzt zu den Brötchen sogar noch die gut gefüllte Thermoskanne ausgepackt. Vorbereitung ist alles.

In diesen Momenten scheint mir der Platz ein Ort der Gelassenheit und der Abgeschirmtheit. Alle sitzen entspannt herum und selbst die, die allein sind, wirken nicht fehl am Platze.

 

Die Jungmännergruppen waren mit dem Einsetzen der wärmeren Monate eine weitere konstante Gruppe auf dem Platz. Sie bestand meist aus ungefähr 3 bis sechs jungen Männern, die sich an den Bänken trafen, die dem Rondell am nächsten und vom Spielplatz am weitesten entfernt waren.

 

Die Gruppenbildung schien aus unserer Perspektive betrachtet nach gemeinsamer ethnischer Herkunft zu erfolgen. Man begrüßte sich mit angedeuteten Wangenküssen, ließ Gebetsketten durch die Finger gleiten und öfter gingen türkische oder arabische Zeitungen von Hand zu Hand.

Die Jungmännergruppen waren in ihrer Reuterplatznutzung nicht ganz so ausdauernd wie die Biertrinkenden aber dennoch verging im Frühling und Sommer  kein Tag unserer Forschung, ohne dass mindestens eine solche Gruppe zum miteinander reden (und schweigen) zusammenkam. Auch bei ihnen wurde deutlich, dass sie relativ viel Zeit zur freien Verfügung haben mussten.

 

Im Laufe unserer Forschung kam es zwischen den verschiedenen Gruppen, die den Platz regelmäßig nutzen weder zu offensichtlichen oder lautstarken Spannungen noch zu einem Kontakt. Jede belegte immer wieder die selben Bänke und ein Austausch fand ausschließlich gruppenintern statt. Der gemeinsame Nenner der gleichen Wohngegend reicht also nicht aus, um ein den Kleingruppen übergeordnetes Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.

Viel größeren Einfluss auf die Gruppenbildung schienen Geschlecht, Alter, Elternschaft, ethnische Herkunft in Verbindung mit Muttersprache und Vorlieben in der Tagesgestaltung und andere Interessen zu haben.

Die durch den Sozialstrukturatlas suggerierte Homogenität der Anwohner eines „Sozialen Brennpunkts“ erscheint vor diesem Hintergrund an den Haaren herbeigezogen.

 

Viele der Reuterplatznutzer verbringen hier ihre Zeit mit Dingen, die man im Allgemeinen als wenig produktiv beschreiben würde: Sie sitzen stundenlang auf Bänken herum und unterhalten sich, falls ein Gesprächspartner zugegen ist. Bei den Müttern und Vätern, die darauf warten, dass sich ihre Kinder müde spielen, lässt man dies noch als die Durchführung ihrer Aufsichtspflicht durchgehen. Ähnlich sieht es bei den Hundebesitzern aus, die ihren Tieren den nötigen Auslauf gewähren.

Bei den Biertrinkenden und den Jungmännergruppen, die einfach „nur so“ am Platz zu sein scheinen, sieht das dagegen schon anders aus. In einer Gesellschaft, in der die freie Verfügbarkeit von Zeit oft mit sozial nachteilig bewerteten Umständen wie Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht wird, ist solches Verhalten eher negativ auffällig.

 

Unsere Beobachtungen ließen uns vermuten, dass die breite Arbeitslosigkeit in der Gegend um den Reuterplatz zu diesem "Herumsitzen" auf den Parkbänken führte. Es ist aber auch möglich, dass die Betreffenden eher nachts als am Tag arbeiten. In diesem Zusammenhang wird auch an dieser Stelle eine der Grenzen unseres methodologischen Vorgehens deutlich, denn ohne direktes Erfragen bleibt diese Annahme nur Vermutung.

 

Momentaufnahme, 29. Juni, Nachmittag

 

Auf dem Spielplatz sitzen zwei Erzieherinnen (Betreuerinnen oder Mütter) neben mir, eine Gruppe von ca. 10 Kindern spielt. Dann kommen andere Jungs dazu, nun spielen auf dem eingezäunten Platz mindestens 20 Jungs und drei Bälle wirbeln durcheinander.

Die beiden Frauen neben mir sind, wie sich später herausstellt, Erzieherinnen. Eine andere Frau sitzt auch noch auf dem kleinen Spielplatz und beaufsichtigt eine Jungengruppe im "Fußballgehege". Sie schlichtet ab und zu und paßt genau auf, was die Jungen machen.

Es spielen auffällig viele Kinder auf kleinem Raum miteinander, der Platz ist wahrscheinlich einer von den  wenigen Spielmöglichkeiten in der Gegend zu sein.

Es gibt auch viele Kinder, die von ihren Vätern beaufsichtigt werden. Auch hier scheinen die Kinder und Väter an diesem Tag ausschließlich türkischer oder arabischer Herkunft zu sein.

 

Als sich der Nachmittag dem Ende neigt, ändert sich die Atmosphäre. Immer mehr Familien kommen auf die Wiese und setzen sich auf ihre mitgebrachten Decken. Viele kennen sich untereinander, es wird gegessen, gesprochen und viel gelacht. Auch die angrenzenden Rasenflächen sind belegt mit jungen Leuten, die die späte Sonne und den Sommer in der Stadt genießen. Der Ort gleicht einer Szene im Tiergarten, wo sich zu dieser Jahreszeit viele Berliner türkischer und arabischer Herkunft  treffen, um zu grillen, gemeinsam zu essen und zu feiern.

 

So idyllisch diese Momentaufnahme auch scheint, kann sie nach unserer Interpretation auch einen Mangel an Wahlmöglichkeiten darstellen. Die Familien könnten auswärts picknicken oder ebenso wie andere zum Grillen in den Tiergarten fahren, wo man sich scheinbar mehr in der Natur befindet. Wenn aber das Fahrgeld fehlt, wird eine Alternative gesucht, die man sich leisten kann und durch die keine finanziellen Zusatzkosten entstehen.

 

"Bleibt alles nur Vermutung?" - Die Möglichkeiten und Grenzen unseres methodologischen Vorgehens

 

Wie lässt sich nun die eingangs gestellte Frage nach der Sichtbarkeit eines Sozialen Brennpunkts beantworten? Sieht ein Sozialer Brennpunkt anders aus als andere Orte?

Auf den ersten Blick ist der Reuterplatz ein Platz wie viele andere in Berlin. Menschen treffen sich, verbringen Zeit entweder miteinander oder allein, Kinder spielen und Hunde werden ausgeführt.

 

Da wir aber den Reuterplatz nicht als neutralen Ort sondern als einen Platz innerhalb einer als Sozialen Brennpunkts bezeichneten Gegend betrachtet haben, beeinflusste das die Schlüsse, die wir aus dem Beobachteten gezogen haben. So haben wir das wahrnehmbare Handeln mehr oder weniger unbewusst in den  Kontext des „sozial problematischen“ gesetzt; Handlungen, denen wir an einem anderen Ort vielleicht nicht die gleiche Bedeutung beigemessen hätten. So ist es beispielsweise bemerkenswert, dass wir die Tatsache der scheinbar freien Verfügbarkeit von Zeit sofort mit einem Kriterium des Sozialen Brennpunkts, der Arbeitslosigkeit, in Verbindung gebracht haben. An Orten, denen eine vorteilhaftere soziale Struktur nachgesagt wird, hätte sich unsere Assoziationskette sicherlich in eine andere Richtung aufgerollt. Die gleiche Beobachtung von auf Bänken verweilenden Menschen hätte auf dem grünen Mittelstreifen der Allee Unter den Linden oder am Potsdamer Platz wohl eher die Vermutung nahegelegt, dass es sich hier um erschöpfte Touristen, pausierende Angestellte oder Einkaufsbummler handelt.

 

Auch unsere Vermutung, dass sich die Menschen zum Großteil aus einem aus finanziellen Engpässen resultierenden Mangel an Wahlmöglichkeiten am Reuterplatz aufhalten, ergibt sich aus der Gleichsetzung von sozialem Brennpunkt und benachteiligtem Ort. Aber der Gedanke, dass man sich hier nur aufhält, wenn man keine andere Wahl hat, kann schlichtweg falsch sein. Vielleicht haben viele der Nutzer im Reuterplatz ihre persönliche Oase gefunden, ein Ort, an dem sie bewusst und gern ihre Zeit verbringen. Und die kurze Entfernung zwischen Platz und Haustür mag ebenso eine Rolle spielen wie eine bestimmte Verbundenheit mit dem eigenen Kiez.

 

Mit unserer Untersuchung wollten wir eine Lanze für etwas mehr Geduld im Forschungsverlauf brechen. Dass unser methodologisches Vorgehen (wie auch jedes andere) seine Grenzen hat, war uns von vornherein klar. Wir haben uns mit unserer Konzentration auf die Beobachtung bewusst beschränkt, da wir die Meinung vertreten, dass die Ethnographierung eines Ortes ohne intensive Beobachtung in allen Forschungsetappen nicht stattfinden kann und sehen wollten, was bei ausschließlicher Verwendung dieser Methode möglich ist. Wir konnten anhand unserer Beobachtung genau ausmachen, welche sozialen Gruppen den Platz für sich nutzten. Ebensowenig war es nötig nach bestimmten Handlungsmustern zu fragen, weil sie sehr gut zu erkennen waren. Es gab natürlich keine verbale Bestätigung unserer Annahmen bezüglich der Gründe für die Nutzung des Reuterplatzes, denn intentionsspezifische Elemente kann man nicht beobachten, sondern nur erfragen. Was wir gesehen und beobachtet haben, bleibt unserer eigenen (Außenseiter-) Perspektive verhaftet.

 

Eine Grenze der Beobachtung ist also auf jeden Fall der Mangel an anderen Perspektiven. Wir haben das Feld und seine Fragen von unserer Position aus beleuchtet. Die Perspektiven aus der Alltagswirklichkeit der Nutzer konnten in unsere Auswertung und Interpretation nicht einfließen. Es ist unsere Interpretation des von uns Beobachteten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

Andere Methoden, wie zum Beispiel mental maps und das Interview in seinen verschiedenen Varianten, können nicht nur, sie sollen das Wahrgenommene bestätigen, ergänzen oder in Frage stellen. Trotzdem: der interessengelenkte Blick bleibt wichtig. Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass die Perspektiven der Alltagswirklichkeit auch nur bedingt erfahr- und erfragbar sind. Deswegen ist es wichtig, dass das Erfragte mit dem Beobachteten in eine aufschlussreiche Beziehung gesetzt und dadurch eine gute Rekonstruktion des Alltagslebens ermöglicht wird. Letztlich bleibt aber ein Großteil der Forschung der subjektiven Wahrnehmung und Interpretation des Forschers überlassen.

 

Einen Vorteil sehen wir darin, dass bei der Beschränkung auf die Beobachtung der eigene Blick nicht vorschnell von auf den Reuterplatz bezogenen, z.T. medial beeinflussten Meinungen und Sichtweisen konditioniert wurde. Ein anderes Forschungskonzept ist auf solche anderen Meinungen und Ansichten angewiesen und lebt davon, trotzdem sollte man sich vorher die Zeit nehmen, die man benötigt, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Aber natürlich sind auch wir, wie schon beschrieben, mit einer durch unser Vorwissen und unsere Blickrichtung gefärbten "Brille" ins Feld gegangen. Wir haben den Reuterplatz bewusst nach seiner Charakterisierung als "Sozialer Brennpunkt" ausgewählt und wussten auch um die Kriterien, die dem Platz diese Bezeichnung anhängen. Man muss sich bewusst machen, dass das eingebrachte Vorwissen die eigene Perspektive mit bestimmt und zu einer Verzerrung der Beobachtung führen kann.

 

Wir sind der Meinung, dass auch die nichtteilnehmende Beobachtung vor allem bei der Untersuchung von öffentlich zugänglichen Aktionsräumen wie dem Reuterplatz gute Möglichkeiten zur Informationssammlung bietet. Soziale, tätigkeitsspezifische, zeitliche und räumliche Elemente können teilweise besser durch strukturierte Beobachtung als durch Befragung der untersuchten Personen in Erfahrung gebracht werden.

 

Das "ethnologische Auge" fokussiert das Alltägliche, das "Normale", es will das "wirkliche" Leben einfangen. Es sollen kulturelle Praxen innerhalb der sozialen Lebenswelt von Individuen untersucht werden. Indem wir einen Ausschnitt dieser Lebenswelt zum Forschungsgegenstand erklären und unseren "ethnologischen Blick" darauf richten, konstruieren wir die "Anderen", um deren erfahrungsnahe Welt in unsere erfahrungsfernen Konzepte einzubinden und zu verstehen (Geertz 1987).

 

Der Prozess des ethnologischen Sehens ist immer abhängig von dem Blickwinkel, aus welchem man das Feld betrachtet. Dieser Blickwinkel ist untrennbar verbunden mit den

Vor- Urteilen, die von den ForscherInnen ins Feld getragen werden und die bewusst reflektiert werden müssen. Das Beobachten ist immer auch gleichzeitig Interpretation des Gesehenen.

 

 

Bibliographie

 

 

·      BAUSINGER, Hermann: Eröffnung des Volkskundekongresses 1983. In: KOHLMANN, Theodor/BAUSINGER, Hermann (Hg.) Großstadt. Aspekte empirischer Kulturforschung. 24. Deutscher Volkskunde-Kongress in Berlin vom 26. Bis 30. September 1983. 1985

 

·      GEERTZ, Clifford: Dichte Beschreibung.1987.

 

·      GIRTLER, Roland: Methoden der Feldforschung. 2001

 

·      KASCHUBA, Wolfgang: Einführung in die Europäische Ethnologie. 1999

 

·      SCHÜTZ, Alfred: Gesammelte Aufsätze 2. Studien zur soziologischen Theorie. 1972

 

·      SPRADLEY, James P.: Participant Observation. 1980

 

·         WELZ, Gisela: Street Life. Alltag in einem New Yorker Slum. 1991

 



[1] Eine ausführliche Behandlung dieses Themas bietet Wolfgang Kaschuba in seiner "Einführung in die Europäische Ethnologie" (S. 196ff.)

[2]) Girtler unterscheidet in ähnlicher Weise zwischen "nichtteilnehmender strukturierter Beobachtung", "teilnehmender strukturierter Beobachtung" und der "teilnehmenden unstrukturierten Beobachtung" oder "freier Beobachtung". (Girtler 2001:61ff.). Dabei ist nach seinen Aussagen die unstrukturierte teilnehmende Beobachtung in der Ethnologie am weitesten verbreitet.

 

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