Institut für
Europäische Ethnologie
Soziale Brennpunkte sehen. Möglichkeiten und Grenzen des
"ethnologischen Auges"
Das Funktionieren aller
Sinne ist der Erstellung einer Ethnographie durchaus zuträglich. Was passiert
jedoch, wenn man sich beim Sammeln von Eindrücken hauptsächlich auf das eigene
Sehvermögen und die damit verbundene Fähigkeit zu Beobachten verlässt? Anhand
dieser Frage überlegten wir, inwieweit es möglich ist, nur durch Beobachtung
und unter weiträumigem Verzicht auf alle anderen Untersuchungsmethoden, eine
Ethnographie zu erstellen und anhand derer einer ethnologischen Frage
nachzugehen.
Bevor wir jedoch näher auf
unsere mehrmonatige Forschung im Jahr 2001 am Reuterplatz eingehen, soll ein
kurzer Exkurs einen Überblick über einen idealtypischen und sehr verkürzt
dargestellten ethnologischen Forschungsablauf geben. Es existiert eine Folge
von einzelnen Schritten, die abgewandelt werden kann, aber deren Inhalte eine
ethnologische Forschung erst möglich und vollständig machen.[1] Eine Forschung beginnt im
"Normalfall" mit der Wahl eines Themas. Durch sie wird festgelegt, was man wo und z.T. auch schon wie
erforschen will.
Mit der Entscheidung über
die Fragestellung wird auch das Forschungsfeld bestimmt. Zusammen mit den
ersten Überlegungen zur Methodik erfolgt die theoretische Vorarbeit. Diese
umfasst das Sammeln von Informationen unter anderem über die sozialen,
gesellschaftlichen und räumlichen Rahmenbedingungen des Themenfeldes und die
Aufstellung von Arbeitshypothesen, die sich aus der theoretischen Beschäftigung
mit Feld und Thema ergeben. Diese können und werden sich später verändern oder
erweitern, aber sie ermöglichen einen ersten Überblick über das weitere
Vorgehen und helfen bei der Orientierung und vor allem bei der Eingrenzung des
Themas und Feldes.
Ist das Forschungsfeld
festgelegt, stellt sich unweigerlich die Frage nach den zu verwendenden
Feldforschungsmethoden. Deren Brandbreite ist zwar durchaus übersichtlich,
dennoch ist die Wahl der passenden Methoden von vielen Faktoren abhängig. Bei
Forschungsthemen der Europäischen Ethnologie, die in der Gegenwart verankert
sind, beginnt nun die Beobachtung des Feldes. Die dabei für dieses Fach
wahrscheinlich charakteristischste Methode ist die teilnehmende Beobachtung.
Diese aktive und interaktive Teilnahme an den Geschehnissen im Feld, deren
zentrales Mittel das Interview in all seinen Formen ist, stellt einen wichtigen
Schritt in das Feld dar und ist typisch für die ethnologische Forschung. Das
interaktive Vorgehen beinhaltet auch die Möglichkeit der Veränderung des
Forschungskonzepts, um es den Gegebenheiten im Feld anzupassen. Wichtigster
Forschungsgegenstand der Europäischen Ethnologie sind die Wirklichkeiten und
Erfahrungshorizonte von Menschen. Durch das Aushandeln der Forschungsmethoden,
das mit Hinblick auf das Relevanzsystem der untersuchten Personen oder
Personengruppen erfolgt, soll eine größtmögliche Annäherung an diese
Vorstellungen erreicht werden.
Während des
Beobachtungsprozesses ist das Dokumentieren des Gesehenen unabdinglich. Dafür
stehen verschiedene technische Hilfsmittel zur Verfügung, die vom Notizbuch
über Aufnahmegeräte bis hin zu digitalen Kameras reichen. Deren Einsatz richtet
sich nach Intention und Geldbörse der ForscherInnen und ist auch von den
Befindlichkeiten der Beforschten nicht unabhängig. Den Abschluß einer
Feldforschung bildet die Analyse des erhobenen Materials und meist die
Umsetzung in einen Text. Denn teilnehmende Beobachtung meint eben nicht nur die
Beobachtung der Untersuchungsobjekte, der „Anderen“, sondern auch die
beschreibende Einbettung in einen meist theoretischen oder historischen
Kontext.
Wir konzentrierten uns auf
die sinnliche Wahrnehmung des Reuterplatzes. Unser Fokus lag auf den Bildern
und Eindrücken, die wir im Laufe der Forschung gewannen und auf den schriftlich
und fotografisch aufgezeichneten Momentaufnahmen, die den Platz und seine
Akteure im Wandel der Tages- und Jahreszeiten zeigen. Wir haben zusätzlich eine
Kurzbefragung am und um den Platz herum durchgeführt und kamen im Laufe der
Zeit mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch. Doch auch wenn die Ergebnisse
neue Impulse liefern konnten, spielten sie in unserer Untersuchung eine
untergeordnete Rolle und dienten uns eher als Bestätigung für die Grenzen der
Beobachtung, denn als gleichberechtigte Forschungsmethode.
Unser Vorgehen im Feld lag
auf verschiedenen Ebenen der Beobachtung. Spradley unterscheidet zwischen
„passive participation“, „moderate participation“ und „active participation“
(Spradley 1980: 59f). In einem Extrem ist es die Intention der Forschenden, die
Akzeptanz in der erforschten Gruppe zu erreichen oder von ihr angenommen zu
werden. Im anderen sind die ForscherInnen – wie wir - an der Interaktion mit
den Beforschten wenig interessiert.[2]
Girtler unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen dem "Beobachter-
als- Teilnehmer" und dem "Teilnehmer- als- Beobachter" (Girtler
2001:64). Die "passive participation" (bzw. nach Girtler die
"nichtteilnehmende strukturierte Beobachtung"), beschreibt deshalb
die von uns gewählte Ebene der Beobachtung am besten. Wir versuchten nur
selten, uns in einem Gespräch oder Interview einzubringen. Unser Bestreben war,
"sinnlich wahrnehmbares Handeln" (Girtler 2001:61) zu erfassen und so
blieben wir während unserer Forschung größtenteils im Hintergrund.
Wenn
man im Norden Neuköllns am U-Bahnhof Hermannplatz aussteigt, das frisch
renovierte Kaufhaus hinter sich lässt und in die von zwei Bankfilialen
flankierte Weserstraße einbiegt, kommt man direkt zum Reuterplatz.
Von
außen sieht man auf dichte Büsche und einige Bäume, auf der einen Seite ragt
ein Klettergerüst in die Luft. Vier Zugänge durchbrechen das Gebüsch und führen
auf den Platz. In der Mitte befindet sich eine rechteckige Wiesenfläche, deren
Rasen man fußballspielende Füße deutlich ansieht. Der Blick fällt auf die
zahlreichen, knallrot angestrichenen Bänke. Man findet sie überall auf dem
Reuterplatz: Sie stehen auf den Wegen, die die Wiesenfläche begrenzen. Sie
stehen in dem türkisfarbenen Metallrondell, in dessen Zentrum ein Springbrunnen
darauf wartet, irgendwann wieder zu funktionieren. Und sie stehen auf dem
Spielplatz, auf dem man einen Sandkastenbereich mit Klettergerüst für die
kleineren Kinder und deren Eltern sowie Tischtennisplatten und ein eingezäuntes
Fußball- und Basketball-Spielfeld für die Jugendlichen findet. Der Reuterplatz
wird von vier mäßig befahrenen Straßen gesäumt. Der Kinderlärm vom Spielplatz
übertönt meistens die Geräusche des Verkehrs und mit zunehmender Belaubung der
Sträucher und Bäume wird jedes Auto unsichtbar. Hinter dem Grün sind nur die
pastellfarbenen Häuserzeilen und die in braunem Stein gemauerte Kirche zu
erkennen.
Laut Sozialstrukturatlas der
Stadt Berlin befindet sich der Reuterplatz in einem als sozialen Brennpunkt
ausgewiesenen Gebiet im Norden von Neukölln. Diese Zuschreibung erfolgt, wenn
in einem Gebiet unterschiedliche, als benachteiligend bewertete Kriterien auf
einen Großteil der Anwohnerschaft zutreffen. Zu diesen Kriterien gehören
Arbeitslosigkeit, der Anspruch auf Sozialhilfe und eine nicht- deutsche
Staatsbürgerschaft.
Wir wollten herausfinden, ob
ein sozialer Brennpunkt von außen als ein solcher erkennbar ist.
Kann man also durch bloßes
Beobachten aus einem ethnologischen Blickwinkel einen Ort als einen sozialen
Brennpunkt wahrnehmen? Wieviel erschließt sich durch intensive Beobachtung?
Wieviel bleibt Spekulation?
Der parkähnliche Reuterplatz
befindet sich inmitten einer Wohngegend. Die Vermutung, dass sich unter seinen
Nutzern zu einem Großteil Anwohner befinden, liegt daher nahe. Es handelt sich
also um Menschen, von denen einige durch ihre Arbeitslosigkeit oder ihr Nicht-
deutsch- sein der Statistik helfen, den sozialen Brennpunkt festzuschreiben.
Gibt es Besonderheiten in dem Verhalten der Menschen, die auf öffentlichen
Plätzen innerhalb eines sozialen Brennpunkts agieren?
In unserer Forschung haben
wir einen Teil der Alltagswelt der Nutzer des Reuterplatzes untersucht. Die
Alltagswelt ist der Teil der „Lebenswelt“, „in (den) wir uns mit unseren
Handlungen einschalten können, das wir dadurch umformen und verändern können
und in dem wir Kommunikation mit unseren Mitmenschen herstellen können.“
(Schütz 1972:119)
Durch ihre Nutzung haben
sich die Menschen den Reuterplatz angeeignet. Er bietet ihnen die Möglichkeit
und die Sicherheit, bekannte Gesichter zu treffen. Jeder Teil des Platzes
scheint einer anderen Nutzergruppe zu „gehören“ und jede gruppenzugehörige
Person verbringt einen Teil ihres Alltags an diesem Ort.
Wir gehen von der Annahme
aus, dass sich Menschen ihren engeren und erweiterten Alltagsraum strukturieren
und bestimmte Arten seiner Nutzung entwickeln. So sagt beispielsweise
Bausinger, „dass die Kommunikationsstrukturen der Großstädter sehr wohl in
geordneten Figuren nachzuzeichnen sind und dass sie in vielen Fällen nicht
hoffnungslos verschlungene und weite Netze führen, sondern in einer
Nachbarschaft, in Straßen, Ecken und Quartieren mit ihrem besonderen Habitus
angesiedelt sind“ (Bausinger 1985:9).
Was sind also die
beobachtbaren Kommunikationsstrukturen der Personen am Reuterplatz? Um dies zu
herauszufinden, haben wir die Menschen auf dem Platz beobachtet, haben
Regelmäßigkeiten und Auffälligkeiten notiert und die Nutzer und deren Verhalten
beschrieben.
Auch das von Gisela Welz
untersuchte "Street Life" kann in diesem Sinne als eine Art
räumliches Alltagshandeln verstanden werden. Sie sagt in ihrer Arbeit: „Die
Straße wird genutzt, um ein breites Spektrum von Bedürfnissen anzusprechen und
zu befriedigen. Menschen jeden Alters, Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, sind
oft und lange vor den Türen, auf den Treppen, an Straßenecken und auf den
Bürgersteigen vor den Häusern. Street Life prägt das Denken und Handeln der
Menschen; seine Zeitrhythmen und Raumeinteilungen strukturieren den Alltag.“
(Welz 1991:16)
Was für sie Abschnitte einer
Straße im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn (genauer gesagt im Brooklyner
Stadtteil Bushwick) waren, war für uns der Reuterplatz. Beides stadtplanerische
Gegebenheiten, die von den Anwohnern jeweils auf ihre Art angeeignet und
genutzt werden. Als Kommunikation und Interaktion ermöglichende Aufenthaltsorte
gab es bei ihr Treppen, Straßenecken und Bürgersteige und bei uns das Rondell,
einen Spielplatz, Wiese und rote Bänke.
Momentaufnahme 31. Januar, Nachmittag
Der Reuterplatz ist von Schnee
bedeckt. Das Restwasser im Springbrunnen ist gefroren und ein kleiner bemützter
Junge testet das Eis auf Stabilität. Es trägt ihn. Besonders tief scheint das
Wasser ohnehin nicht zu sein.
Sein Vater steht vor dem
Springbrunnen und friert. Die Hände tief in den Taschen vergraben steht er da
und versucht, sich durch Fußwippen warm zu halten.
Die meisten der roten Bänke tragen
eine Schneedecke. Eine Bank im Rondell ist jedoch schneefrei, Männer mit
Bierbüchsen haben sie freigeräumt, um sich darauf zu setzen. Die Kälte lässt
dies wenig nachahmenswert erscheinen.
Ein Mann kommt auf den Platz und
lässt seinen Mischlingshund frei umherlaufen. Ein anderer Hund kommt angewedelt
und ein hundeübliches Begrüßungszeremoniell beginnt. Wahrscheinlich kennen sich die Hunde
auch, die Besitzer grüßen sich zumindest per Kopfnicken.
Sogar ein paar Jugendliche spielen
in dem eingezäunten Spielfeld Fußball. Mit ihren dicken Handschuhen und den
langen Jogginghosen sehen alle ein wenig aus wie Torhüter. Aber bei der Kälte
legt keiner Wert auf modische Trikots.
Der Platz wirkt still, der Schnee
schluckt die Geräusche. Die Bäume und Sträucher haben Schneewipfel und überall
findet man Fußspuren.
Neben den Menschen, die den
Reuterplatz nur zur Wegabkürzung überquerten oder die eher zufällig und
ausnahmsweise hier landeten, gab es mehrere Gruppen, die den Platz regelmäßig
und immer wieder in ähnlicher Weise nutzten.
Der Wandel der Jahreszeiten
beeinflusste deutlich die Nutzung des Reuterplatzes.
Im Winter 2001 begannen wir
mit unserer Forschung vor Ort. Damals machten wir drei Gruppen aus, die den
Platz auf unterschiedliche Weise nutzten. In den wärmeren Jahreszeiten kamen
andere Gruppen hinzu.
Zum einen waren das (meist)
Männer mittleren Alters, die sich bevorzugt auf den Bänken innerhalb des
Rondells trafen. Oft kamen sie schon am Morgen, um Bier trinkend und sich in
breiter "Berliner Schnauze" unterhaltend den Tag zu verbringen. Die
metallene Konstruktion des Rondells bot für sie zumindest die Illusion von
Privatsphäre. Man traf sich täglich. Wenn es das Wetter gut meinte, schön. War
es kalt, war das auch egal. Manche Gesichter sah man immer, andere immer mal
wieder. Gekleidet mit verwaschenen Sweatshirts und Jeansjacken bei kälterem
Wetter und weiten T-Shirts mit Motivdruck, wenn es die wärmeren Temperaturen
zuließen und mit einer Tendenz zu Oberlippenbart und längerem Nackenhaar
bildeten sie auch optisch eine Einheit. Für sie könnte der Platz eine Art
Zuflucht sein, denn es wird wenig andere Orte geben, an denen sie erwünscht
sind. Außerdem war es für die Biertrinkenden sicher erschwinglicher, einen aus
ihrer Mitte zur Organisierung von Büchsennachschub in den nächsten PENNY MARKT
zu schicken, als gemeinsam in eine Kneipe zu gehen. Und so konnte man
regelmäßig hören, wie jemand mit großem Hallo begrüßt wurde, weil er mit
bierbüchsenvollen Tüten den Nachschub gesichert hatte.
Eine Zuflucht kann ein Ort
nur sein, wenn er eine gewisse Sicherheit und Stabilität bietet. Die
Biertrinkenden konnten davon ausgehen, zu jeder Tageszeit am Rondell auf
Bekannte zu treffen, von denen sie mit ihrer Art akzeptiert wurden. Man hatte
sich eingerichtet. Die leeren Bierdosen landeten nicht irgendwo, sondern in den
Mülleimern und es störte sich auch keiner daran, wenn jemand (und es waren die
meisten) zur Verrichtung der Notdurft ins angrenzende Gebüsch ging.
Es wäre interessant, zu
untersuchen, wo und wie sie leben, wenn sie nicht auf dem Platz sitzen. Es war
nicht auszuschließen, dass diese Männer obdachlos sind. Vor allem die Tatsache,
dass sie sich auch in den kälteren Monaten Zeit auf dem Reuterplatz
verbrachten, legt diese Vermutung nahe.
Eine zweite Gruppe, die
stets unabhängig vom Wechsel der Jahreszeiten auf dem Platz eintraf, waren
Hundebesitzer und Eltern der auf dem Platz spielenden Kinder.
Die Mütter, Väter und Eltern
waren zusammen mit den Hundebesitzern nicht nur aus purem Hedonismus am Platz.
Im Gegenteil, sie kamen aus Verantwortungsgefühl ihren Schützlingen gegenüber.
Falls ein Kind mal vom Klettergerüst fällt, macht es sich beim Gespräch mit dem
Chirurgen doch bedeutend besser, wenn man betont, man hätte den Aufprall
miterlebt.
Die Hundebesitzer kann man
sogar als vorbildlich bezeichnen, denn es ist doch viel weniger unappetitlich,
wenn die Hunde dem Ruf der Natur nicht offensichtlich auf den Bürgersteigen,
sondern beinahe unsichtbar zwischen den Reuterplatzbüschen folgen.
Bei den winterlichen
Temperaturen am Jahresanfang haben die Hundebesitzer noch ungeduldig gewartet,
dass ihre kleinen und großen Hunde endlich ihre kleinen und großen Geschäfte
beenden, um schnell wieder ins Warme fliehen zu können. Mit den steigenden
Temperaturen haben sie jedoch größere Geduld entwickelt. Sie saßen auf den
roten Bänken, ließen ihre Hunde frei laufen und schienen sich zu freuen, wenn
sich andere Hundebesitzer zu ihnen setzten.
Für sie ist der Platz zum
einen Notwendigkeit und dient zum anderen aber auch als Begegnungsstätte.
Die Eltern und andere
KinderbetreuerInnen traten im Winter frierend von einem Bein auf das andere,
während die Kinder tobten und ordneten die Heimkehr meist viel zu zeitig an.
Mit dem Jahreszeitenwechsel
änderte sich jedoch auch ihr Verhalten. Da trafen sich Mütter mit anderen
Müttern auf den Bänken oder den viel zu niedrigen Betonhockern im
Spielplatzbereich. Und während die Kinder kletterten und schaukelten,
unterhielt man sich angeregt bis in die frühen Abendstunden. Oft wurden
Picknicks abgehalten, zu denen sich dann auch der Rest der Familien gesellte.
Dann verließ man auch den Spielplatzbereich, vertraute auf die Selbständigkeit
der Kinder und machte es sich auf der Wiese gemütlich.
Es war nicht
"beobachtbar", ob die Eltern und HundebesitzerInnen gern an den Reuterplatz kamen oder ob seine
Nähe zur eigenen Haustür das ausschlaggebende Kriterium für diese Wahl war. Wir
konnten mit unserer Methode auch nicht erfahren, ob sich die Eltern an
bestimmten Gruppen und deren Verhalten am Reuterplatz störten.
Die Kinder waren die dritte
Gruppe, die den Reuterplatz immer wieder aufsuchten.
Wann immer wir am Platz
waren (bei klirrender Kälte genauso wie bei strahlendem Sonnenschein) spielten
Kinder auf dem Spielplatz oder auf dem eingezäunten Fußball- und
Basketballfeld. Es handelte sich hier um Kindergartengruppen, jüngere Kinder,
die von ihren Eltern oder älteren Geschwistern beaufsichtigt werden und ältere
Kinder und Jugendliche, die vor allem das eingezäunte Spielfeld nutzen. Für sie
scheint der Platz als Aktionsraum für ihre Freizeitgestaltung zu dienen. Sie
können herumtoben ohne gleich von einem Auto überfahren zu werden und haben
viel Platz und viele Spielmöglichkeiten. Bei den Kindern gibt es im Gegensatz
zu den anderen Gruppen noch ein großes Miteinander. Susi spielt mit Aisha und
die multikulturelle Welt ist noch in Ordnung. Wann fängt man eigentlich an,
sich nach dem Grad der Hauttönung und der Muttersprache zu organisieren?
Momentaufnahme
12. April, Vormittag
Als der Frühling mehr Wärme
brachte, erwachte auch der Platz zu neuem Leben. Nun gesellten sich zu den
Hundebesitzern, Männern mit Bierbüchsen und spielenden Kindern immer mehr
Passanten, die sich auf einer Bank die Sonne ins Gesicht scheinen ließen und
für einige Minuten verharrten. Nun kommen auch mehr Gruppen aus den Kinderläden
auf den Spielplatz.
Ich sehe einige Frauen mit
Kinderwagen, die sich auf einer der Bänke eine kurze Pause gönnen. Ein paar
Kinder spielen auf der Wiesenfläche in der Mitte des Platzes Fußball, weil der
eingezäunte Fußballplatz mal wieder von älteren Jungs besetzt wird.
Drei ältere Damen haben sich
eingefunden. Sie haben sich Sitzkissen gegen die Kälte mitgebracht und tauschen
Neuigkeiten aus. Nach einer Weile kommt eine ältere Frau mit ihren drei
schwarzen Hunden über den Platz. Diese nennt sie "ihre Kinder". Sie
sehe ich oft hier, denn ihre Wohnung befindet sich gleich gegenüber auf der
anderen Straßenseite.
Auf einer anderen Bank sitzt ein
auch nicht mehr ganz junges Ehepaar. Die Frau holt aus ihrer Tasche eine
Thermoskanne, und so sitzen die beiden ungefähr eine halbe Stunde, bevor sie
sich wieder auf den Weg machen.
Als es Mittag wird, leert sich der
Reuterplatz plötzlich. Nun sind nur noch zwei der Biertrinkenden hier.
Bei unserem Versuch, die
Funktion des Reuterplatzes zu beschreiben, kam uns am häufigsten der Begriff
„Oase“ in den Sinn. Der geschäftige Hermannplatz und der verkehrsstarke Kottbusser
Damm befinden sich nur ein paar Schritte entfernt, doch hier ist von Eile und
Hektik nichts zu spüren.
Eine Oase inmitten einer
Großstadt ist ein Ort, an dem man den Alltag für einen Moment ausblenden und an
den man sich zurückziehen kann, um neue Energien zu schöpfen oder sich mit
seinesgleichen zu treffen.
All diese Punkte scheinen
auf den Reuterplatz zuzutreffen. Auch wenn der Springbrunnen aufgrund von
Sparmaßnahmen der Stadt im Sommer nie plätscherte und die roten Bänke einen
neuen Anstrich gut vertragen könnten, wirkte der Platz nie vernachlässigt oder
gar verwahrlost. Die angenehme und friedliche Grundstimmung ließ uns über
solche Makel hinweg sehen. Hauptsächlich ergab sich diese Atmosphäre aus dem
Verhalten der Menschen, die lachend, entspannend und erzählend auf den Bänken
am Platz saßen und derer, die die Wiese für Picknicks oder Fußballspiele
nutzten. Auch das Gefühl der Abgeschiedenheit, das der Sichtschutz aus
gepflegten Bäumen und Gebüschen erzeugte, trug dazu bei.
Die dominantesten Geräusche
des Reuterplatzes sind der Kinderlärm des Spielplatzes, das Bellen der Hunde
und das laute Lachen der Biertrinkenden. Wenn die anderen Geräusche kurzzeitig
verebbten, konnte man das Quietschen der vorbeigeschobenen Kinderwagen hören.
Der Begriff „Oase“ ist im Zusammenhang mit dem Reuterplatz nicht als
romantische "Heile- Welt- Vorstellung" misszuverstehen. Sicherlich
wird der Reuterplatz von vielen seiner NutzerInnen aus Mangel an
Wahlmöglichkeiten aufgesucht und weil er für einige die einzige Möglichkeit zur
Begegnung bietet.
Momentaufnahme
21. Juni 2001, Nachmittag
Auf dem Platz findet sich eine
bunte Mischung verschiedener Gruppen der Bevölkerung. Ich muss mich auf mein
Sichturteil verlassen, da ich die Zugehörigkeit der Einzelnen von Ferne
natürlich nicht nachprüfen kann. Alle bleiben aber ein wenig für sich: auf
einer Bank sitzen drei afrikanische junge Männer, reden, lachen und schweigen,
die drei türkischen/arabischen jungen Männer tun auf der Bank gegenüber genau
dasselbe, drei deutsche Männer sitzen im Rondell und trinken Bier, lachen und
reden.
Dem Begriff der "Oase"
wird der Reuterplatz vor allem im Sommer
gerecht.
Heute scheint nach Tagen endlich
mal wieder die Sonne, es ist warm und das wirkt sich auch auf den Reuterplatz
aus. Ich sitze auf einer roten Bank. Gegenüber von mir das Rondell, vor mir die
Wiese.
Die sonnigen Bänke sind allesamt
besetzt. Einige sind zu zweit da, sie unterhalten sich, lesen oder sitzen
einfach nur da. Leider funktioniert der Springbrunnen nicht.
Auf der Wiese vor mir sitzen vier
Frauen. Ich nenne ihr Bild das "Frauenpicknick". Sie haben Decken
ausgebreitet, unterhalten sich, ein kleines Mädchen spielt in ihrer Nähe und
eine hält ein Baby im Arm. Auf den Bänken neben mir sitzen je zwei Männer,
ältere auf der einen und jüngere auf der anderen Seite.
Die meisten Frauen, Männer und
Kinder, die sich auf dem Platz aufhalten, sind türkischer oder arabischer
Herkunft. Die Frauen tragen trotz Wärme und Sonne lange Mäntel und Kopftücher.
Es ist schon ein wenig Zeit
vergangen. Das „Frauenpicknick“ auf der Wiese sitzt immer noch da, sie
unterhalten sich. Das Publikum ändert sich mit der Zeit, auf den Bänken sitzen
neue Leute. Auf der anderen Bank neben mir sitzt nur noch einer der jüngeren
Männer, er liest Zeitung, legt sie wieder weg, nimmt sie wieder auf. Er scheint
Zeit zu haben, alle hier scheinen Zeit zu haben.
Einige Zeit später sind die Bänke
auf dem Reuterplatz immer noch gut besucht. Leider löst sich das
„Frauenpicknick“ gerade auf und nimmt seine Kinder mit. Auf dem Rasen in der
Mitte des Platzes spielt nun ein Vater mit seinem Sohn Fußball, die Frau und
das ca. 8- jährige Mädchen auf der Bank neben mir gehören zu den beiden, sie
beobachten mich, weil ich die ganze Zeit schreibe. Ich beobachte also nicht allein,
es wird zurückbeobachtet.
Gerade kamen noch drei kleine Jungs
mit einem Fußball auf die Wiese. Wahrscheinlich wurden sie von den älteren
Jugendlichen aus dem eingezäunten Fußballfeld rausgemobbt und müssen mit der
Wiese ohne Tor und Mittellinie vorlieb nehmen. Aber sie sehen aus, als hätten
sie Spaß.
Rechts und links von mir wird
gepicknickt. Brötchen mit Marmelade auf der einen gegen McDonald’s- Tüte auf
der anderen Seite. Das ältere türkische Ehepaar hat jetzt zu den Brötchen sogar
noch die gut gefüllte Thermoskanne ausgepackt. Vorbereitung ist alles.
In diesen Momenten scheint mir der
Platz ein Ort der Gelassenheit und der Abgeschirmtheit. Alle sitzen entspannt
herum und selbst die, die allein sind, wirken nicht fehl am Platze.
Die Jungmännergruppen waren
mit dem Einsetzen der wärmeren Monate eine weitere konstante Gruppe auf dem
Platz. Sie bestand meist aus ungefähr 3 bis sechs jungen Männern, die sich an
den Bänken trafen, die dem Rondell am nächsten und vom Spielplatz am weitesten
entfernt waren.
Die Gruppenbildung schien
aus unserer Perspektive betrachtet nach gemeinsamer ethnischer Herkunft zu
erfolgen. Man begrüßte sich mit angedeuteten Wangenküssen, ließ Gebetsketten
durch die Finger gleiten und öfter gingen türkische oder arabische Zeitungen
von Hand zu Hand.
Die Jungmännergruppen waren
in ihrer Reuterplatznutzung nicht ganz so ausdauernd wie die Biertrinkenden
aber dennoch verging im Frühling und Sommer
kein Tag unserer Forschung, ohne dass mindestens eine solche Gruppe zum
miteinander reden (und schweigen) zusammenkam. Auch bei ihnen wurde deutlich,
dass sie relativ viel Zeit zur freien Verfügung haben mussten.
Im Laufe unserer Forschung
kam es zwischen den verschiedenen Gruppen, die den Platz regelmäßig nutzen
weder zu offensichtlichen oder lautstarken Spannungen noch zu einem Kontakt.
Jede belegte immer wieder die selben Bänke und ein Austausch fand
ausschließlich gruppenintern statt. Der gemeinsame Nenner der gleichen
Wohngegend reicht also nicht aus, um ein den Kleingruppen übergeordnetes
Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.
Viel größeren Einfluss auf
die Gruppenbildung schienen Geschlecht, Alter, Elternschaft, ethnische Herkunft
in Verbindung mit Muttersprache und Vorlieben in der Tagesgestaltung und andere
Interessen zu haben.
Die durch den
Sozialstrukturatlas suggerierte Homogenität der Anwohner eines „Sozialen
Brennpunkts“ erscheint vor diesem Hintergrund an den Haaren herbeigezogen.
Viele der Reuterplatznutzer
verbringen hier ihre Zeit mit Dingen, die man im Allgemeinen als wenig produktiv
beschreiben würde: Sie sitzen stundenlang auf Bänken herum und unterhalten
sich, falls ein Gesprächspartner zugegen ist. Bei den Müttern und Vätern, die
darauf warten, dass sich ihre Kinder müde spielen, lässt man dies noch als die
Durchführung ihrer Aufsichtspflicht durchgehen. Ähnlich sieht es bei den
Hundebesitzern aus, die ihren Tieren den nötigen Auslauf gewähren.
Bei den Biertrinkenden und
den Jungmännergruppen, die einfach „nur so“ am Platz zu sein scheinen, sieht
das dagegen schon anders aus. In einer Gesellschaft, in der die freie
Verfügbarkeit von Zeit oft mit sozial nachteilig bewerteten Umständen wie
Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht wird, ist solches Verhalten eher
negativ auffällig.
Unsere
Beobachtungen ließen uns vermuten, dass die breite Arbeitslosigkeit in der
Gegend um den Reuterplatz zu diesem "Herumsitzen" auf den Parkbänken
führte. Es ist aber auch möglich, dass die Betreffenden eher nachts als am Tag
arbeiten. In diesem Zusammenhang wird auch an dieser Stelle eine der Grenzen
unseres methodologischen Vorgehens deutlich, denn ohne direktes Erfragen bleibt
diese Annahme nur Vermutung.
Momentaufnahme, 29. Juni, Nachmittag
Auf dem Spielplatz sitzen zwei
Erzieherinnen (Betreuerinnen oder Mütter) neben mir, eine Gruppe von ca. 10
Kindern spielt. Dann kommen andere Jungs dazu, nun spielen auf dem eingezäunten
Platz mindestens 20 Jungs und drei Bälle wirbeln durcheinander.
Die beiden Frauen neben mir sind,
wie sich später herausstellt, Erzieherinnen. Eine andere Frau sitzt auch noch
auf dem kleinen Spielplatz und beaufsichtigt eine Jungengruppe im
"Fußballgehege". Sie schlichtet ab und zu und paßt genau auf, was die
Jungen machen.
Es spielen auffällig viele Kinder
auf kleinem Raum miteinander, der Platz ist wahrscheinlich einer von den wenigen Spielmöglichkeiten in der Gegend zu
sein.
Es gibt auch viele Kinder, die von
ihren Vätern beaufsichtigt werden. Auch hier scheinen die Kinder und Väter an
diesem Tag ausschließlich türkischer oder arabischer Herkunft zu sein.
Als sich der Nachmittag dem Ende
neigt, ändert sich die Atmosphäre. Immer mehr Familien kommen auf die Wiese und
setzen sich auf ihre mitgebrachten Decken. Viele kennen sich untereinander, es
wird gegessen, gesprochen und viel gelacht. Auch die angrenzenden Rasenflächen
sind belegt mit jungen Leuten, die die späte Sonne und den Sommer in der Stadt
genießen. Der Ort gleicht einer Szene im Tiergarten, wo sich zu dieser
Jahreszeit viele Berliner türkischer und arabischer Herkunft treffen, um zu grillen, gemeinsam zu essen
und zu feiern.
So idyllisch diese
Momentaufnahme auch scheint, kann sie nach unserer Interpretation auch einen
Mangel an Wahlmöglichkeiten darstellen. Die Familien könnten auswärts
picknicken oder ebenso wie andere zum Grillen in den Tiergarten fahren, wo man
sich scheinbar mehr in der Natur befindet. Wenn aber das Fahrgeld fehlt, wird
eine Alternative gesucht, die man sich leisten kann und durch die keine
finanziellen Zusatzkosten entstehen.
"Bleibt alles nur Vermutung?" - Die Möglichkeiten und Grenzen unseres
methodologischen Vorgehens
Wie lässt sich nun die
eingangs gestellte Frage nach der Sichtbarkeit eines Sozialen Brennpunkts
beantworten? Sieht ein Sozialer Brennpunkt anders aus als andere Orte?
Auf den ersten Blick ist der
Reuterplatz ein Platz wie viele andere in Berlin. Menschen treffen sich,
verbringen Zeit entweder miteinander oder allein, Kinder spielen und Hunde
werden ausgeführt.
Da wir aber den Reuterplatz
nicht als neutralen Ort sondern als einen Platz innerhalb einer als Sozialen
Brennpunkts bezeichneten Gegend betrachtet haben, beeinflusste das die
Schlüsse, die wir aus dem Beobachteten gezogen haben. So haben wir das
wahrnehmbare Handeln mehr oder weniger unbewusst in den Kontext des „sozial problematischen“ gesetzt;
Handlungen, denen wir an einem anderen Ort vielleicht nicht die gleiche
Bedeutung beigemessen hätten. So ist es beispielsweise bemerkenswert, dass wir
die Tatsache der scheinbar freien Verfügbarkeit von Zeit sofort mit einem
Kriterium des Sozialen Brennpunkts, der Arbeitslosigkeit, in Verbindung
gebracht haben. An Orten, denen eine vorteilhaftere soziale Struktur nachgesagt
wird, hätte sich unsere Assoziationskette sicherlich in eine andere Richtung
aufgerollt. Die gleiche Beobachtung von auf Bänken verweilenden Menschen hätte
auf dem grünen Mittelstreifen der Allee Unter den Linden oder am Potsdamer
Platz wohl eher die Vermutung nahegelegt, dass es sich hier um erschöpfte
Touristen, pausierende Angestellte oder Einkaufsbummler handelt.
Auch unsere Vermutung, dass
sich die Menschen zum Großteil aus einem aus finanziellen Engpässen
resultierenden Mangel an Wahlmöglichkeiten am Reuterplatz aufhalten, ergibt
sich aus der Gleichsetzung von sozialem Brennpunkt und benachteiligtem Ort.
Aber der Gedanke, dass man sich hier nur aufhält, wenn man keine andere Wahl
hat, kann schlichtweg falsch sein. Vielleicht haben viele der Nutzer im
Reuterplatz ihre persönliche Oase gefunden, ein Ort, an dem sie bewusst und
gern ihre Zeit verbringen. Und die kurze Entfernung zwischen Platz und Haustür
mag ebenso eine Rolle spielen wie eine bestimmte Verbundenheit mit dem eigenen
Kiez.
Mit unserer Untersuchung
wollten wir eine Lanze für etwas mehr Geduld im Forschungsverlauf brechen. Dass
unser methodologisches Vorgehen (wie auch jedes andere) seine Grenzen hat, war
uns von vornherein klar. Wir haben uns mit unserer Konzentration auf die
Beobachtung bewusst beschränkt, da wir die Meinung vertreten, dass die
Ethnographierung eines Ortes ohne intensive Beobachtung in allen
Forschungsetappen nicht stattfinden kann und sehen wollten, was bei
ausschließlicher Verwendung dieser Methode möglich ist. Wir konnten anhand
unserer Beobachtung genau ausmachen, welche sozialen Gruppen den Platz für sich
nutzten. Ebensowenig war es nötig nach bestimmten Handlungsmustern zu fragen,
weil sie sehr gut zu erkennen waren. Es gab natürlich keine verbale Bestätigung
unserer Annahmen bezüglich der Gründe für die Nutzung des Reuterplatzes, denn
intentionsspezifische Elemente kann man nicht beobachten, sondern nur erfragen.
Was wir gesehen und beobachtet haben, bleibt unserer eigenen (Außenseiter-)
Perspektive verhaftet.
Eine Grenze der Beobachtung
ist also auf jeden Fall der Mangel an anderen Perspektiven. Wir haben das Feld
und seine Fragen von unserer Position aus beleuchtet. Die Perspektiven aus der
Alltagswirklichkeit der Nutzer konnten in unsere Auswertung und Interpretation
nicht einfließen. Es ist unsere
Interpretation des von uns
Beobachteten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Andere Methoden, wie zum
Beispiel mental maps und das Interview in seinen verschiedenen Varianten,
können nicht nur, sie sollen das Wahrgenommene bestätigen, ergänzen oder in
Frage stellen. Trotzdem: der interessengelenkte Blick bleibt wichtig.
Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass die Perspektiven der Alltagswirklichkeit
auch nur bedingt erfahr- und erfragbar sind. Deswegen ist es wichtig, dass das
Erfragte mit dem Beobachteten in eine aufschlussreiche Beziehung gesetzt und
dadurch eine gute Rekonstruktion des Alltagslebens ermöglicht wird. Letztlich
bleibt aber ein Großteil der Forschung der subjektiven Wahrnehmung und
Interpretation des Forschers überlassen.
Einen
Vorteil sehen wir darin, dass bei der Beschränkung auf die Beobachtung der
eigene Blick nicht vorschnell von auf den Reuterplatz bezogenen, z.T. medial
beeinflussten Meinungen und Sichtweisen konditioniert wurde. Ein anderes
Forschungskonzept ist auf solche anderen Meinungen und Ansichten angewiesen und
lebt davon, trotzdem sollte man sich vorher die Zeit nehmen, die man benötigt,
um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Aber natürlich sind auch wir, wie schon
beschrieben, mit einer durch unser Vorwissen und unsere Blickrichtung gefärbten
"Brille" ins Feld gegangen. Wir haben den Reuterplatz bewusst nach
seiner Charakterisierung als "Sozialer Brennpunkt" ausgewählt und
wussten auch um die Kriterien, die dem Platz diese Bezeichnung anhängen. Man
muss sich bewusst machen, dass das eingebrachte Vorwissen die eigene
Perspektive mit bestimmt und zu einer Verzerrung der Beobachtung führen kann.
Wir sind der Meinung, dass
auch die nichtteilnehmende Beobachtung vor allem bei der Untersuchung von
öffentlich zugänglichen Aktionsräumen wie dem Reuterplatz gute Möglichkeiten
zur Informationssammlung bietet. Soziale, tätigkeitsspezifische, zeitliche und
räumliche Elemente können teilweise besser durch strukturierte Beobachtung als
durch Befragung der untersuchten Personen in Erfahrung gebracht werden.
Das "ethnologische
Auge" fokussiert das Alltägliche, das "Normale", es will das
"wirkliche" Leben einfangen. Es sollen kulturelle Praxen innerhalb
der sozialen Lebenswelt von Individuen untersucht werden. Indem wir einen
Ausschnitt dieser Lebenswelt zum Forschungsgegenstand erklären und unseren
"ethnologischen Blick" darauf richten, konstruieren wir die
"Anderen", um deren erfahrungsnahe Welt in unsere erfahrungsfernen
Konzepte einzubinden und zu verstehen (Geertz 1987).
Der Prozess des
ethnologischen Sehens ist immer abhängig von dem Blickwinkel, aus welchem man
das Feld betrachtet. Dieser Blickwinkel ist untrennbar verbunden mit den
Vor- Urteilen, die von den
ForscherInnen ins Feld getragen werden und die bewusst reflektiert werden
müssen. Das Beobachten ist immer auch gleichzeitig Interpretation des
Gesehenen.
Bibliographie
·
BAUSINGER, Hermann: Eröffnung des
Volkskundekongresses 1983. In: KOHLMANN, Theodor/BAUSINGER, Hermann (Hg.) Großstadt. Aspekte empirischer
Kulturforschung. 24. Deutscher Volkskunde-Kongress in Berlin vom 26. Bis 30.
September 1983. 1985
·
GEERTZ, Clifford: Dichte Beschreibung.1987.
·
GIRTLER, Roland: Methoden
der Feldforschung. 2001
·
KASCHUBA, Wolfgang: Einführung in die Europäische Ethnologie. 1999
·
SCHÜTZ, Alfred: Gesammelte
Aufsätze 2. Studien zur soziologischen Theorie. 1972
·
SPRADLEY, James P.: Participant Observation. 1980
·
WELZ, Gisela: Street Life. Alltag in einem
New Yorker Slum. 1991
[1] Eine ausführliche Behandlung dieses Themas bietet Wolfgang Kaschuba in seiner "Einführung in die Europäische Ethnologie" (S. 196ff.)
[2]) Girtler unterscheidet in ähnlicher Weise zwischen "nichtteilnehmender strukturierter Beobachtung", "teilnehmender strukturierter Beobachtung" und der "teilnehmenden unstrukturierten Beobachtung" oder "freier Beobachtung". (Girtler 2001:61ff.). Dabei ist nach seinen Aussagen die unstrukturierte teilnehmende Beobachtung in der Ethnologie am weitesten verbreitet.