Beobachtungen in Bhaktapur
(
Ich sitze hoch oben auf
einem steinernen Elefanten und beobachte die Welt. Der Elefant ist eine der
Wächtefiguren, von denen die Treppe zum hinduistischen Nyatapola Tempel
flankiert wird und die Welt ist in diesem Falle der Marktplatz von Bhaktapur,
einem kleinen Städtchen im Kathmandu Tal von Nepal.
Die Geräuschkulisse wird bestimmt von den Mantragesängen, die in einer
Endlosschleife aus einem der kleinen Geschäfte schallen. Dazu hört man Glockentöne,
mit denen die Gläubigen ihre Gebete ein- und ausläuten. Ab und an demonstriert
eine Flötenverkäufer seine Instrumente.
Wenn die Luft klar ist, kann man den Himalaya über den Rändern des Tals
sehen. Graublau und scharfkantig sieht er aus. Kalt wirkt er, und nicht nur,
weil er von Schnee bedeckt ist. Ein harter Kontrast zu den weichen grünbraunen
Hügeln, die das Tal abschließen und zu den warmen, freundlichen Farben, die
Bhaktapur bestimmen. Das Rot der Pflastersteine und die prächtig-bunten Saris
der Frauen.
Die Menschen von Bhaktapur sieht man schon vor Anbruch der Morgendämmerung
mit Opfergaben über das rote Backsteinpflaster der engen Gassen eilen. Der Tag
beginnt mit religiösen Ritualen. Die Statuen der jeweiligen Lieblingsgottheiten
werden mit Gaben bedacht, Glocken erklingen und man berührt abwechselnd die
Götterfigur und die eigene Stirn. Manche Figuren sind vom vielen Anfassen schon
so abgenutzt, dass man kaum erkennt, ob es sich nun um Hanuman, den
affengesichtigen Gott, um Ganesh mit dem Elefantenkopf oder um eine andere
Gottheit handelt. Noch am Nachmittag sieht man Menschen mit den kleinen Blumen
im schwarzen Haar, die sie sich bei ihrem Morgengebet auf den Kopf gestreut
haben.
Das Leben hier schient ausschließlich vor den Türen der kleinen Häuser
stattzufinden. Männer und Frauen sitzen unter freiem Himmel an ihrer Arbeit,
flechten Grasmatten und breiten Gewürze und knallrote Pfefferschoten zum
Trocknen aus. Töpferscheiben drehen sich und manchmal wird ein Schaulustiger
eingeladen, sein Können an einem Tonklumpen unter Beweis zu stellen. An den
Wasserhähnen, die allerorts aus dem Boden ragen, waschen Gemüsehändler ihre Waren
und Frauen mit den immer gleichen selbstverständlichen Bewegungen ihre Wäsche.
Aber auch die Körperreinigung findet in der Öffentlichkeit statt. Reinlichkeit
ist Göttlichkeit heißt es und so sieht man regelmäßig Menschen mit Seifen
bewaffnet zu den Brunnen pilgern. Die Frauen, den Sari fest um den Körper
gewickelt, auf der einen, die Männer, ein Tuch um die Hüften, auf der anderen
Seite. Dazwischen toben Kinder kreischend um die Wasserbottiche.
Angangs fühlte ich mich wie eine Schaulustige, wenn ich durch die Staßen
ging und innehielt um Leute zu beobachten, die sich wuschen oder im Gebet
versunken dastanden. Es schien so privat, so wenig für die Augen der
Öffentlichkeit bestimmt. Die Menschen selber hatten jedoch kein Problem mit
dieser Neugier und lachten mich an, während sie die Köpfe unter die steinernen
Wasserhähne hielten und mehr als einmal malte mir jemand nach seinem Gebet
kurzerhand ein Tikka-Zeichen mit rotem Vermillionpuder auf die Stirn.
Das Leben auf dem Platz
geht weiter. Touristen mit großen Teleobjektiven vor den Bäuchen sind umringt
von kleinen nepalesischen Kindern, die ihre noch kleineren Geschwister auf dem
Rücken herumtragen. Sie streiten sich, wer von ihnen fotografiert werden soll,
denn die meisten Reisenden drücken ihren kleinen Fotomodellen nach dem Drücken
des Auslösers ein paar Rupien in die Hand. Die Kinder, die nicht im Bild
landen, versuchen einen anderen Trick. In geübtem Englisch fragen sie nach der
Herkunft der Touristen, um sich dann sofort als Münzsammler vorzustellen, die
gern eine Münze aus dem fernen Land hätten. Das funktioniert und so wechseln
ein paar Cent oder Pennies schnell ihre Besitzer. Die Kinder freuen sich
diebisch und die Touristen fühlen sich sehr wohltätig.
Kaufinteressierte umschleichen die Auslagen der Händler. Pashminaschals,
Tonfiguren, mit kleinen Spiegeln besetzte Kissenbezüge, aufwendige
Thanka-Gemälde und metallene Heiligenstatuen in allen Größen und Formen warten
auf neue Besitzer. Viel Zeit braucht, wer tatsächlich etwas kaufen will.
Feilschen ist hier gang und gäbe. Eine Frau hat Gefallen an einem Schultertuch
gefunden. Das Spiel beginnt mit der ersten Vorgabe des Händlers. Diese ist
üblicherweise so unsinnig hoch, dass Ungeübteren der Atem stocken würde. Die
Frau lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und offeriert ihr Gegenangebot.
Das ist wiederumm so niedrig, dass sich der Händler mit einer abfälligen
Handbewegung abwendet. Aber das ist noch nicht das Ende, denn als die Frau
tatsächlich fortzugehen droht, lenkt er mit einem niedrigerem Preis ein. Nach
dem man sich gegenseitig viele angeblich letzte Angebote unterbreitet hat,
treffen sie sich geraume Zeit später irgendwo in der Mitte. Banknoten werden
gegen Ware ausgetauscht und beide Parteien versichern sich, wie gern man
miteinander Geschäfte gemacht hat.
Am späten Nachmittag wird es ruhiger. Die meisten Touristen sitzen wieder
in ihren Bussen, die sie in die größeren Orte bringen und die Bewohner von
Bhaktapur beenden ihr Tagwerk bei einem Tee in den offenen Ruhehäusern.
In der Nacht gehört Bhaktapur den Hunden. Die wenigsten Touristen bleiben
hier über nacht und die Menschen gehen früh zu Bett. Einen Anreiz zum Draußen
bleiben gibt es kaum. Mit der Sonne verschwindet die Wärme und
Staßenbeleuchtung gibt es nicht. Das wenige Licht, das durch die Fenster der
Häuser nach draußen dringt, ist keine allzu verläßliche Größe. Viel größerer
Verlass ist dagegen auf die allnächtlichen Stromausfälle. Dann sind die
einzigen Lichtquellen die flackernden Öllampen, von denen die Gebetsplätze
umgeben sind. Die Hunde brauchen kein Licht. Mit dem Einsetzen der Dunkelheit
wird die ganze Energie freigesetzt, die sie tagsüber beim lethargisch in der
Sonne liegen gespart haben. Sie jagen an einem Tempel vorbei zum nächsten und
machen sich bellend die Beute streitig.
Und ich klettere von meinem Elefanten und mache mich auf den Weg in meine
Herberge.