Beobachtungen in Bhaktapur

(Katja Bartholmess, Juli 2001)

 

 

Ich sitze hoch oben auf einem steinernen Elefanten und beobachte die Welt. Der Elefant ist eine der Wächtefiguren, von denen die Treppe zum hinduistischen Nyatapola Tempel flankiert wird und die Welt ist in diesem Falle der Marktplatz von Bhaktapur, einem kleinen Städtchen im Kathmandu Tal von Nepal.

Die Geräuschkulisse wird bestimmt von den Mantragesängen, die in einer Endlosschleife aus einem der kleinen Geschäfte schallen. Dazu hört man Glockentöne, mit denen die Gläubigen ihre Gebete ein- und ausläuten. Ab und an demonstriert eine Flötenverkäufer seine Instrumente.

Wenn die Luft klar ist, kann man den Himalaya über den Rändern des Tals sehen. Graublau und scharfkantig sieht er aus. Kalt wirkt er, und nicht nur, weil er von Schnee bedeckt ist. Ein harter Kontrast zu den weichen grünbraunen Hügeln, die das Tal abschließen und zu den warmen, freundlichen Farben, die Bhaktapur bestimmen. Das Rot der Pflastersteine und die prächtig-bunten Saris der Frauen.

 

Die Menschen von Bhaktapur sieht man schon vor Anbruch der Morgendämmerung mit Opfergaben über das rote Backsteinpflaster der engen Gassen eilen. Der Tag beginnt mit religiösen Ritualen. Die Statuen der jeweiligen Lieblingsgottheiten werden mit Gaben bedacht, Glocken erklingen und man berührt abwechselnd die Götterfigur und die eigene Stirn. Manche Figuren sind vom vielen Anfassen schon so abgenutzt, dass man kaum erkennt, ob es sich nun um Hanuman, den affengesichtigen Gott, um Ganesh mit dem Elefantenkopf oder um eine andere Gottheit handelt. Noch am Nachmittag sieht man Menschen mit den kleinen Blumen im schwarzen Haar, die sie sich bei ihrem Morgengebet auf den Kopf gestreut haben.

Das Leben hier schient ausschließlich vor den Türen der kleinen Häuser stattzufinden. Männer und Frauen sitzen unter freiem Himmel an ihrer Arbeit, flechten Grasmatten und breiten Gewürze und knallrote Pfefferschoten zum Trocknen aus. Töpferscheiben drehen sich und manchmal wird ein Schaulustiger eingeladen, sein Können an einem Tonklumpen unter Beweis zu stellen. An den Wasserhähnen, die allerorts aus dem Boden ragen, waschen Gemüsehändler ihre Waren und Frauen mit den immer gleichen selbstverständlichen Bewegungen ihre Wäsche. Aber auch die Körperreinigung findet in der Öffentlichkeit statt. Reinlichkeit ist Göttlichkeit heißt es und so sieht man regelmäßig Menschen mit Seifen bewaffnet zu den Brunnen pilgern. Die Frauen, den Sari fest um den Körper gewickelt, auf der einen, die Männer, ein Tuch um die Hüften, auf der anderen Seite. Dazwischen toben Kinder kreischend um die Wasserbottiche.

Angangs fühlte ich mich wie eine Schaulustige, wenn ich durch die Staßen ging und innehielt um Leute zu beobachten, die sich wuschen oder im Gebet versunken dastanden. Es schien so privat, so wenig für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt. Die Menschen selber hatten jedoch kein Problem mit dieser Neugier und lachten mich an, während sie die Köpfe unter die steinernen Wasserhähne hielten und mehr als einmal malte mir jemand nach seinem Gebet kurzerhand ein Tikka-Zeichen mit rotem Vermillionpuder auf die Stirn.

 

Das Leben auf dem Platz geht weiter. Touristen mit großen Teleobjektiven vor den Bäuchen sind umringt von kleinen nepalesischen Kindern, die ihre noch kleineren Geschwister auf dem Rücken herumtragen. Sie streiten sich, wer von ihnen fotografiert werden soll, denn die meisten Reisenden drücken ihren kleinen Fotomodellen nach dem Drücken des Auslösers ein paar Rupien in die Hand. Die Kinder, die nicht im Bild landen, versuchen einen anderen Trick. In geübtem Englisch fragen sie nach der Herkunft der Touristen, um sich dann sofort als Münzsammler vorzustellen, die gern eine Münze aus dem fernen Land hätten. Das funktioniert und so wechseln ein paar Cent oder Pennies schnell ihre Besitzer. Die Kinder freuen sich diebisch und die Touristen fühlen sich sehr wohltätig.

Kaufinteressierte umschleichen die Auslagen der Händler. Pashminaschals, Tonfiguren, mit kleinen Spiegeln besetzte Kissenbezüge, aufwendige Thanka-Gemälde und metallene Heiligenstatuen in allen Größen und Formen warten auf neue Besitzer. Viel Zeit braucht, wer tatsächlich etwas kaufen will. Feilschen ist hier gang und gäbe. Eine Frau hat Gefallen an einem Schultertuch gefunden. Das Spiel beginnt mit der ersten Vorgabe des Händlers. Diese ist üblicherweise so unsinnig hoch, dass Ungeübteren der Atem stocken würde. Die Frau lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und offeriert ihr Gegenangebot. Das ist wiederumm so niedrig, dass sich der Händler mit einer abfälligen Handbewegung abwendet. Aber das ist noch nicht das Ende, denn als die Frau tatsächlich fortzugehen droht, lenkt er mit einem niedrigerem Preis ein. Nach dem man sich gegenseitig viele angeblich letzte Angebote unterbreitet hat, treffen sie sich geraume Zeit später irgendwo in der Mitte. Banknoten werden gegen Ware ausgetauscht und beide Parteien versichern sich, wie gern man miteinander Geschäfte gemacht hat.

 

Am späten Nachmittag wird es ruhiger. Die meisten Touristen sitzen wieder in ihren Bussen, die sie in die größeren Orte bringen und die Bewohner von Bhaktapur beenden ihr Tagwerk bei einem Tee in den offenen Ruhehäusern.

In der Nacht gehört Bhaktapur den Hunden. Die wenigsten Touristen bleiben hier über nacht und die Menschen gehen früh zu Bett. Einen Anreiz zum Draußen bleiben gibt es kaum. Mit der Sonne verschwindet die Wärme und Staßenbeleuchtung gibt es nicht. Das wenige Licht, das durch die Fenster der Häuser nach draußen dringt, ist keine allzu verläßliche Größe. Viel größerer Verlass ist dagegen auf die allnächtlichen Stromausfälle. Dann sind die einzigen Lichtquellen die flackernden Öllampen, von denen die Gebetsplätze umgeben sind. Die Hunde brauchen kein Licht. Mit dem Einsetzen der Dunkelheit wird die ganze Energie freigesetzt, die sie tagsüber beim lethargisch in der Sonne liegen gespart haben. Sie jagen an einem Tempel vorbei zum nächsten und machen sich bellend die Beute streitig.

Und ich klettere von meinem Elefanten und mache mich auf den Weg in meine Herberge.

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