Von Drachen, Rehen und Zaubervögeln

Autor: Juliet

Prolog

Verlorener Wald - 2. Königreich
Der Boden des Waldes bebte unter den Hufen ihrer mächtigen, schwarzen Pferde. Doch sie produzierten kein einziges Geräusch. Sie ritten in absoluter Stille, denn nicht einmal die Nachtvögel wagten es zu singen, wenn sie nahe waren. Sie waren älter als jede andere lebende, atmende Kreatur in den neun Königreichen und einige Märchen behaupteten, daß sie schon lange vor dem Zeitalter der Großen Fünf zusammen geritten seien. Aber da war niemand mehr, der diese Märchen hätte bezeugen können - niemand außer den elf Reitern selbst. Einst waren sie die Jungfern einer Verliebten in Not gewesen, doch diese Zeiten waren lange vorbei und nun kannte man sie nur noch als die elf Jäger - die verfluchten Seelen des verlorenen Waldes.

Jeder Einwohner des 2. Königreiches wußte genau, wo sich der verlorene Wald befand. Also war er nicht im sprichwörtlichen Sinne verloren. Er war verloren, weil es niemandem erlaubt war, den Wald ohne die ausdrückliche Genehmigung der Jäger zu betreten. Wer es dennoch wagte, dieses ungeschriebene Gesetz zu verletzen, war genauso verloren, wie der Wald selbst. Die Jäger vergaben niemals. Nicht einmal die Zigeuner oder die Wölfe waren tollkühn genug, ihr Glück dermaßen auf die Probe zu stellen.

Und trotzdem stürmten die Verfluchten jede Nacht durch das, was ihnen gehörte. Diese Nacht war keine Ausnahme von den anderen. Bis die erste Jägerin ihr Pferd anhielt. Es stoppte abrupt aus vollem Lauf, genau wie die Pferde der ganzen Jagd. Die anderen fragten nicht, was vor sich ging - sie taten es niemals. Ihre Anführerin saß ab und lief einige Meter. Dann blieb sie stehen und hob ihr Gesicht, welches nicht weniger emotionslos war, als ihre klaren grauen Augen, dem Nachthimmel entgegen. Aufmerksam sondierte sie die Sterne und lauschte ihrer Umgebung. Etwas hatte sich verändert - der Westwind flüsterte es ihr zu. In der nahen Zukunft würde Dinge geschehen - und sie und ihre Jagd würden darin verwickelt werden. Ohne ein Wort zu sagen, saß sie wieder auf. Erklärungen waren unnötig. Die anderen wußten längst, was sie wußte - daß die Königin sie bald zu sich rufen würde.

1. * Wendells Schloß - 4. Königreich Er war ein Schatten. Nein viel besser, er war ein Flüstern in der Nacht. So sanft und geräusch-los wie Sommerregen, dabei aber so gefährlich wie ein Raubtier auf Beutezug. Ja, dieses Bild gefiel ihm wesentlich besser. So gut, daß seine Rute unkontrollierbar zu wedeln begann. Dieses eine Mal war er froh, sie in seinen Hosen versteckt zu haben. Es wäre doch wirklich zu dumm gewesen, wenn er damit etwas heruntergerissen und zerbrochen hätte. Und in König Wendells Palast, gab es eine Menge drolliger Dinge, die man hätte zerstören können. Fen konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben - und das wären in der morgigen Nacht immerhin siebzehn Jahre - eine so große Ansammlung von Vasen, kleinen Skulpturen, tickenden, glänzenden Uhren und goldenen Kerzenhaltern gesehen zu haben. Wozu braucht ein großer König wie Wendell diesen Krempel überhaupt? fragte sich der junge Wolf, während er durch den riesigen, dunklen Raum schlich. Das Zeug war ziemlich nutzlos. Man konnte es nicht essen, es schützte einen nicht vor dem Regen und in kalten Nächten hielt es einen nicht warm. Dafür nahm es eine Menge Platz weg und schien ständig im Weg zu stehen. Besonders für Leute mit Schwänzen. Als ob seine Mission nicht so schon schwierig genug gewesen wäre. Fen seufzte tief und blieb für einen Moment lang stehen, nur, um die Atmosphäre dieses Ortes in sich aufzunehmen. Er war wirklich in König Wendells Schloß. Ein Schaudern rann über seinen Rücken bis hinunter zu seinem gefangenen Schweif, und ließ dort alle Haare zu Berge stehen. Genau hier war es passiert. Fast glaubte der junge Wolf noch den schwachen Hauch eines Parfüms wahrzunehmen. Flieder und Lavendel. Ganz bestimmt war es der Geruch der bösen Königin. Whoa - Fen hätte seine rechte Hand gegeben, um dabeigewesen zu sein. Nur um Seite an Seite mit den großen Helden gegen die Königin zu kämpfen. Für eine Sekunde verlor er sich in Träumereien, erinnerte sich dann jedoch an den Grund seiner Anwesenheit. Für ihn galt es jetzt, ein eigenes Abenteuer zu bestehen, viele Leben hingen von der Erfüllung seiner Mission ab. Wenn er versagte…nein, Fen wollte gar nicht erst über diese Möglichkeit nachdenken. Doch er brauchte den Spiegel, um erfolgreich zu sein, also wo war er? Die Augen des Jungen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit in dem Raum gewöhnt und so konnte er nach Kurzem die Konturen eines großen, rechteckigen Objektes ausmachen. Kein Zweifel, der Spiegel. Fen hielt den Atem an, bevor er die Hand ausstreckte und die verhangene Oberfläche berührte. Sofort fiel das Tuch, welches den Spiegel bedeckt hatte, zu Boden. Dabei produzierte es einen leisen Laut, der den jungen Wolf auf dem Absatz herumfahren ließ. Beunruhigt beobachtete er die Tür. Auch wenn er die Wache dieses Raums mit einer Prise Trollstaub betäubt hatte, bedeutete dies noch lange nicht, daß nicht jemand anders ihn entdecken konnte. Etwas, das unter allen Umständen vermieden werden mußte. Doch niemand kam, und so wandte sich Fen wieder dem Spiegel zu. Fahles Mondlicht fiel durch die mannshohen, Buntglassfenster des Raumes und glitzerte auf der Oberfläche des nun unverhangenen Spiegels. So bekam der junge Wolf die Gelegenheit, sein eigenes Bild bewundern zu können. Er mochte was er sah. Ja, er war definitiv kein Junges mehr. Statt dessen war er ein Mann geworden, oder besser gesagt ein ausgewachsener Wolf. Sein volles, schwarzes Haar bildete einen netten Kontrast zu seinen hellen grünen Augen und sein Gesicht, das über die letzten paar Jahre kantiger geworden war, verlieh ihm etwas sehr dominantes. Fand zumindest er. Bald würde es Zeit sein, sich eine Gefährtin zu suchen. Oh jaaaa eine Gefährtin. Ein leises Knurren entwich seiner Kehle. Eine Gefährtin mit samtig weicher Haut, ein saftiges süßes Mädchen, das ihn die Schäferinnen vergessen lassen würde, das besser riechen würde als Lammkeule oder Schinken am Morgen. Jemand, den er des nachts im Arm halten und knuddeln konnte - oder manchmal auch am Tag, eine Mutter für die mindestens sieben Jungen, die Fen seine Söhne und Töchter nennen wollte. Große Gretel er konnte es kaum noch erwarten, sein eigenes Rudel zu gründen. Plötzlich bemerkte der junge Wolf, was er tat. "Pflichtvergessener Narr", schalt er sich selbst. "Herumstehen und Maulaffen feil halten, ist nicht sehr hilfreich für das Rudel deines Vaters. Schäm dich!" Ohne weitere Verzögerung begann er den Rahmen des Spiegels nach jenem versteckten Schalter abzusuchen, von dem ihnen ihr Informant berichtet hatte. Es dauerte nicht lange, bis er fündig wurde. Das kleine runde Ornament glitt unter seinen Fingern beiseite und sorgte dafür, daß der Spiegel sofort begann, sich mit bunten Farbblitzen zu füllen. Fens Augen wurden größer und größer, als er sah, was seinen Verstand seit über einen Monat beschäftigt hatte. Vor ihm lag das mystische, zehnte Königreich. *

New York - 10. Königreich Man sagt, - 'Zuhause ist, wo dein Herz ist.' In Wolfs Fall wäre dies überall gewesen, wo seine Virginia war. Sogar in einem Sumpf oder einem Kerker, wäre er glücklich gewesen, wenn nur sie an seiner Seite gestanden hätte. New York allerdings war eine ganze Ecke besser. Die Stadt war gut zu ihnen gewesen über die letzten zwei Monate. Sicher hatte es das eine oder andere kleinere Problem gegeben in dieser Zeit. Zuallererst natürlich mit dem New Yorker Polizei Departement. Tonys …trotteliger… Gebrauch der magischen Drachendung Bohne, hatte seiner Tochter und seinem Schwiegersohn in spe so einige, nicht unerhebliche, Schwierigkeiten bereitet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der wahre Bankräuber nämlich offensichtlich nicht einmal im Traum daran gedacht, seine Missetat zu gestehen. Und so bevorzugte die Polizei noch immer die Theorie, nach der Tony Lewis der Bösewicht Nummer eins war. Aber nachdem Virginia den Jungs in Blau gedroht hatte, die Stadt wegen ungerechtfertigter Belästigung auf ein paar Millionen zu verklagen, hatten diese einen Gang heruntergeschaltet. Anstatt drei bis vier Mal die Woche zum Verhör aufs Revier bestellt zu werden, bekamen Wolf und seine Angebetete jetzt nur noch hin und wieder Besuch von einigen Beamten, die sich danach erkundigten, ob Virginia irgend etwas von ihrem Vater gehört hatte. Sie erhielten jedes Mal die gleiche Antwort. Dann war da noch das eher gewöhnliche Problem der Begleichung der Lebenshaltungskosten. Sogar mit Hilfe der mehr als willigen Murrays, war es nicht einfach, in New York ohne Geld zu überleben. So mußten zwei der vier Helden, welche die neun Königreiche gerettet hatten, wohl oder übel der städtischen Arbeiterklasse beitreten. Und das taten sie. Das 'Chéz Marquez', eines von New Yorks besten französischen Restaurants, war auf der Suche nach einem exotischen Mann der alten Schule, mit einem Herzen für das Gastronomiegewerbe, gewesen. Wolf auf der anderen Seite hatte nach einem Arbeitsplatz gesucht, der es ihm ermöglichte, seine zwei liebsten Dinge auf der Welt - Virginia betrachten und gutes Essen um sich haben - zu kombinieren. Da seine Heißgeliebte einen Job in einem Blumenladen auf der gegenüber liegenden Straßenseite angenommen hatte, war das 'Chéz' die perfekte Arbeitsstätte für seinen neuen Oberkellner geworden. Sie bezahlten recht gut und Wolf mochte seine neue Uniform, ganz zu schweigen von den Unmengen an Essen in der Küche. Auch wenn er Froschschenkel und marinierte Schnecken nicht sonderlich schätzte. Immerhin war dies noch etwas besser, als Bohnenstangenpüree. Virginia gefiel ihre neue Stelle ebenfalls und ihr gefiel das Leben mit Wolf. Zumindest glaubte dieser es. Nun, da war noch immer ein anderes Problem, welches darauf wartete, gelöst zu werden. Sein traumhaft sahniges Mädchen nannte es gewöhnlich das 'Großmutter-Desaster'. Bisher hatten sie noch keine Idee gehabt, wie sie Wolf der alten Dame vorstellen konnten, ohne zu riskieren, daß diese tot umfiel. Inzwischen hatten sie alle möglichen Erklärungen durchgespielt und Wolf für seinen Teil bevorzugte die 'Böser-Großmütter-verspeisender-Zwillingsbruder' - Ausrede. Virginia jedoch gefiel die Idee ihre Großmutter anlügen zu müssen überhaupt nicht. Wie auch immer, sie mußten eine Möglichkeit finden die alte Dame mit der Wahrheit zu konfrontieren, bevor das Junge seinen Highshool-Abschluß machte. Ansonsten jedoch war das Leben im Zehnten Königreich ziemlich nahe an …und lebten glücklich bis an ihr Ende. Auch dieser Tag schien keine Ausnahme zu sein. Es war ein lieblicher Augustnachmittag in der Stadt, als Wolf seine Schicht beendete. Er sagte seinen Kollegen auf Wiedersehen und eilte über die Straße, um sich seine Nase an dem Schaufenster von 'Nanettes Blumen' plattzudrücken. Sein Herz machte einen Sprung. Huff puff, da war sie, so schön wie ein Sonnenstrahl, viel hübscher, als der Vollmond. Neben ihr verblaßten all die Blumen in dem kleinen Laden. Virginia oh seine Virginia, sie war so … grrr. Die Schwangerschaft hatte sie sogar noch schöner gemacht, was eigentlich hätte unmöglich sein müssen. Ihre Haut glühte und ihre Augen, ihre ach so anbetungswürdigen, wunderschönen blauen Augen glänzten wie Sterne am Firmament. Na ja, zumindest meistens. Hin und wieder, meist wenn sie in der Mitte der Nacht aus einem Traum erwachte, waren ihre Augen gefüllt mit Trauer, Verlust und Bedauern. In dieser Situation wollte sie niemals über das reden, was in ihrem Innern vorging und Wolf drängte sie nicht. Er wußte es sowieso. Auch wenn die böse Königin verschwunden sein mochte, so lebte Christine Lewis doch noch immer im Herzen ihrer Tochter. Genau wie die letzten Augenblicke, die sie miteinander geteilt hatten. Oh ja Wolf wußte, was Virginia beschäftigte und manchmal brach es ihm beinahe das Herz, daß er nicht fähig war ihren Schmerz so zu lindern, wie sie den seinen gelindert hatte. Während ihr Lieblingswolf draußen vor dem Laden auf sie wartete, verrichtete Virginia die letzten Handgriffe an dem kleinen Bouquet mit dem sie beschäftigt war. Ihm war eine große Rolle bei einer Hochzeitsfeier am morgigen Tag bestimmt und so hatte Virginia all ihr Herz in das Arrangement gelegt. Selbst wenn sie die Idee, eines Tages ein Restaurant ihr eigen nennen zu können, noch nicht zu den Akten gelegt hatte, mußte sie doch zugeben, daß ihr das Arbeiten mit Blumen Spaß machte. Man konnte eine Menge über Menschen lernen, einfach indem man ihnen ein Gesteck oder einen Strauß verkaufte. Hinter jeder Blume, die sie fortgab, steckte eine kleine Geschichte. Der verliebte junge Mann, der dringend jemanden beeindrucken wollte, der Ehemann im mittleren Alter, dessen schlechtes Gewissen ihn dazu brachte, den halben Laden aufzukaufen, oder die elegante Dame, mit einer Vorliebe für weiße Rosen und teuren Schmuck. Sie alle trafen sich bei 'Nanettes' und brachten ihre eigenen Geschichten mit. Und Virginia liebte es, ihnen zuzuhören. Im Moment allerdings lauschte sie Nanettes konstanter Beschwerdetirade über den Preisanstieg für Tulpen aus den Niederlanden. Nanette, eine große Frau mit schlecht blondierten Haaren, war in den Mittvierzigern und ursprünglich als Myrtle Kremskie geboren worden. Schon bald aber hatte sie entschieden, daß der Name 'Nanette' ihr besser stand als der originale. "Tja tja nun sieh doch mal, wer da unser Fenster verschmiert … schon wieder", unterbrach sie plötzlich ihren Redefluß. Virginia folgte ihrem Blick und mußte unwillkürlich lächeln. Wolf stand vor dem kleinen Laden und winkte ihr enthusiastisch zu. Seine Augen waren so voller Liebe und Verlangen, daß Virginia bis unter die Wurzeln ihres, noch immer kurzen, Haares errötete. "Sieht so aus, als wäre der Flitterwochenexpress endlich angekommen was?" bemerkte Nanette ein wenig abschätzig. Nach zwei Scheidungen und einem Ex-Ehemann, dem sie noch immer jeden Monat einen ganzen Haufen Unterhalt zahlte, vermied sie sorgfältig alles was mit 'dem Spiel', wie sie es nannte, zu tun hatte. Liebe und Romantik war für sie nun das, was eine internationale Krise für einen Waffenschieber ist - eine verdammt gute Möglichkeit Geld zu verdienen. Doch sie mochte Virginia und, auch wenn sie es nie zugegeben hätte, Wolf ebenfalls. Deshalb murrte sie: "Um Himmels Willen, mach Schluß für heute und nimm diesen Verrückten mit dir, er verscheucht potentielle Kunden." Überrascht kontrollierte Virginia ihre Armbanduhr. Es war noch eine halbe Stunde, bis ihre Schicht endete, und auch wenn sie gerne etwas früher nach Hause gekommen wäre, fühlte sie den Drang zu erwidern: "Danke, aber ich glaube ich sollte noch bleiben Nanette. Ich bin sicher, es stört Wolf nicht, auf mich zu warten." Ihre Arbeitgeberin musterte den aufgeregten, dunkelhaarigen Mann, der an ihrer Fensterscheibe klebte. "Ja sicher", schnaubte sie trocken. "Und ich bin Schneewittchen." Virginia kämpfte hart darum, ein Kichern zu unterdrücken, während sie sich Nanette als gute Fee vorstellte. - Komm schon Kindchen, sag deinen Wunsch! Zeit ist Geld, weißt du? Ohne weiter zu protestieren, beendete Virginia ihre Arbeit und wechselte die Kleidung. Dann sagte sie ihrer Chefin auf Wiedersehen und verließ den Laden. Heller Sonnenschein und ein glücklicher Wolf erwarteten sie. Keine Sekunde nachdem ihr Fuß die Türschwelle verlassen hatte, war ihr hyperaktiver Gefährte neben ihr. Seine Umarmung war warm und sein Kuß sehr vielversprechend. "Oh Virginia, du riechst von Tag zu Tag besser", schmachtete Wolf ihr ins Ohr, während er seine Nase in ihrem Haar vergrub. Lachend befreite sich das Mädchen aus seiner Umarmung. "Du auch", antwortete es und schnüffelte. "Was war es diesmal? Laß mich raten…Crêpe Suzette?" Wolf grinste breit und machte eine anerkennende Geste. "Euer Geruchssinn entwickelt sich meine Holde. Bald schon wird er so gut sein wie der meinige. Übrigens liegst du richtig, es war wirklich Crêpe Suzette. Aber es wird besser. Inzwischen bekleckert er mich nur noch einmal am Tag." Gemeinsam lachend, dachten die beiden an Richie Christopher, welcher als Aushilfskellner im 'Chez' arbeitete. Dieser Junge brachte es tatsächlich fertig, Essen im Wert von mehr als fünfhundert Dollar, über alles und jeden zu schütten, der in seine Nähe kam. Und das auf täglicher Basis. Er war so tolpatschig, daß Wolf es sich angewöhnt hatte, ihn Tony junior zu nennen, auch wenn Virginia darauf beharrte, daß nicht einmal ihr Vater ein so trotteliger Geselle war. Der einzige Grund, warum Richie noch immer im Restaurant arbeitete, lag in seiner Blutsverwandtschaft mit dem Besitzer des 'Chez' begründet. Man kann schwerlich seinen Neffen feuern, wenn man friedliche Familienfeste schätzt. Menschen strömten an ihnen vorbei, als sie Hand in Hand die Straße hinunterliefen und auf den Central Park zusteuerten. Sonnige Tage wie dieser verführten die Einwohner New Yorks immer dazu, ihre Autos zu Hause zu lassen und so quoll der Park über vor Leuten. Junge, alte, Frauen, Männer, mit Hund oder ohne - es schien, als wolle beinahe jedermann noch so viel Sonne tanken wie möglich, bevor die kalten Monate die Herrschaft über die Stadt an sich rissen. Doch das interessierte Wolf nicht sonderlich. Wenn Virginia an seiner Seite war, war er grundsätzlich zu abgelenkt, um mitzubekommen, was um ihn herum geschah. Schon allein die Art, auf die sie sich bewegte machte ihn immer ganz schwindelig. Poesie in Bewegung, das war es, was sie war. Er hoffte nur, daß ihr Junges ihre Grazie erben würde. Der Gedanke an das Baby erinnerte Wolf an etwas. "Oh warte mal", forderte er Virginia auf. "Ich habe dir etwas mitgebracht." Seine Gefährtin sah ihn verwirrt an und runzelte die Stirn auf genau die Art, die er sosehr mochte. Begeistert lächelnd, zauberte Wolf etwas aus der Tasche seiner Jacke. "Nein!" entfuhr es Virginia bestürzt. "Nicht noch mehr Broschüren, du hast es versprochen." Verärgert starrte sie auf den Packen schmaler Pamphlete in Wolfs Hand. Über die letzten Monate hatte ihr zukünftiger Gatte eine regelrechte Besessenheit für Geburtsvorbereitungsbücher entwickelt. Unterwassergeburt, Babyschwimmen und Schwangerschaftsgymnastik - Wolf wußte alles darüber. Enttäuscht und etwas verletzt bat er: "Schenke ihnen doch nur einen kurzen Blick ja? Fred sagt, sie sind sehr hilfreich für Barbara." Virginia rollte mit den Augen. Fred Miller, der ungekrönte König der Schwangerschafts-broschüren, war einer von Wolfs Kollegen im 'Chez'. Niemals zuvor hatte die Welt zwei so eifrige Väter in spe gesehen. "Barbara ist im achten Monat. Sieh mal, wir können diese Dinger noch immer lesen, wenn wir so weit sind okay?" erwiderte Virgina gelassen. Dann nahm sie Wolf die Broschüren aus den Händen und ließ sie in einem der Parkmülleimer verschwinden. "Aber…", begann ihr Gefährte, nur um seinen Satz unvollendet zu lassen. Sein Schweigen jedoch war erstaunlich beredt. Die Frau an seiner Seite wußte genau, was ihm durch den Kopf ging. Sie blieb stehen und streichelte sein Gesicht. Wie immer schmiegte Wolf seine Wange in ihre Hand und gab einen leisen, zufriedenen Laut von sich. Fest sah Virginia in diese grün-blauen Augen, die ihr so viel bedeuteten und sagte: "Hör mal, ich weiß, daß du etwas unsicher bist. Mir geht es nicht anders. Aber glaube mir, es wird alles in Ordnung sein mit dem Baby." Und Wolf glaubte ihr. Seufzend zog er sie näher zu sich. Begleitet von sehnsüchtigen, erfreuten und manchmal auch neidischen Blicken, liefen sie Arm in Arm weiter, bis ihr Zuhause in Sichtweite kam. Es war nicht gerade ein Palast, aber seit Wolf seine Begabung für Inneneinrichtung entdeckt hatte, war das Appartement ein erstaunlich heller und einladender Ort geworden. Tatsächlich fühlte sich Virginia hier nun wohler, als sie es jemals zuvor getan hatte, was natürlich auch daran liegen konnte, daß sie die Wohnung nun, anstatt mit ihrem Dad, mit Wolf teilte. Galant wie er war, beeilte sich dieser die Tür für Virginia zu öffnen. Seine Angebetete lächelte ihm dankbar zu, schritt über die Schwelle und … starrte mit offenem Mund auf die Hölle, die in der kleinen Lobby des Hauses losgebrochen war.

2.
New York - 10. Königreich "Aaaoooooowwww. Ihr kämpft unfair. Nein, nicht der Schweif." Ein paar Monate zuvor hatte Virginia einen Dokumentarfilm gesehen, der ein Löwenrudel auf die Jagd begleitete. Vier oder fünf Löwen hatten ein wesentlich größeres Tier - einen Wasserbüffel oder etwas ähnliches - zur Strecke gebracht. Sicherlich war es lachhaft, die Murrays mit Löwen zu vergleichen, da sie mehr Ähnlichkeit mit einem Rudel fetter, tollwütiger Hamster hatten und doch fühlte Virginia sich an diesen Film erinnert. Mr. Murray, sein verzogener Sohn und seine beinahe achtzigjährige Mutter, hingen am Rücken eines, großen, dunkelhaarigen jungen Mannes, der sich verzweifelt mühte die, offensichtlich unerwünschte, Gesellschaft loszuwerden. Zu viert galoppierte die merkwürdige Gruppe in wildem Lauf durch die Lobby. Während sich der Junge schüttelte, heulte und jaulte er aus den Tiefen seiner Kehle. Er sprang in hohem Bogen über die paar schäbigen Möbelstücke, welche die kleine Empfangshalle verunzierten, rammte seinen Rücken gegen eine Wand und ließ sich schließlich auf den Boden fallen, wo er begann herumzurollen. Alles umsonst, denn die Murrays ließen nicht locker. Wolf und Virginia sahen sich verwirrt an. Beide hatten sie den Schwanz des jungen Mannes gesehen. Anscheinend war er echt. Dieser arme Knabe war offensichtlich ein Wolf. Und die Murrays gaben ihre beste 'Klein-Lammsdorf-Bauer' Imitation zum besten. "So du lausiger kleiner Streuner, laß uns mal sehen, wie dir das Gefängnis gefällt. Vielleicht bringen sie dir da ein paar Manieren bei. Auch wenn ich persönlich glaube, daß dies die reinste Verschwendung von Steuergeldern ist", schnarrte Mr. Murray zerknittert aber triumphierend. Der hilflose, überraschte Ausdruck auf Wolfs Gesicht, verriet Virginia zweierlei. Erstens, er kannte den Jugendlichen nicht und zweitens, er hatte nicht die geringste Ahnung, was er unternehmen sollte. Doch genau in diesem Moment erspähte Mr. Murray Virginia. Sofort fiel er auf die Knie, den Schwanz des jungen Mannes noch immer fest im Griff haltend. "Des Meisters Tochter ist zurückgekehrt", sang er glücklich. Seine Familie fiel in den Chor mit ein und schon bald bekam Virginia ihre tägliche Dosis Verehrung verpaßt. Es hatte ihr einen ziemlichen Schock verpaßt, als sie herausfand, was ihr Vater sich gewünscht hatte und sie war sogar noch mehr geschockt gewesen, als Mr. Murray das erste Mal versucht hatte, ihr Hinterteil zu küssen. Fröhlich hatte der kleine Mann ihr erklärt, daß sie zwar nicht der Meister, aber als seine Tochter, das zweitbeste neben ihm sei. Und so hatten die Murrays all die aufgestaute Verehrung einfach auf Virginia übertragen. Diese hatte sich inzwischen schon beinahe daran gewöhnt, auch wenn sie von Zeit zu Zeit Gewissensbisse verspürte. Doch die hielten ohnehin nie lange an, denn die Murrays waren noch immer gemein zu jedem anderen armen Schlucker in ihrer Reichweite. Der lebende Beweis dafür lag nicht weit von ihnen entfernt auf dem Boden. Auch wenn Virginia klar war, daß diese Szene nur etwas mit Wolf, ihr und den neun Königreichen zu tun haben konnte, verlangte sie informiert zu werden: "Was ist hier passiert?" Die glasigen Augen mit Bewunderung gefüllt, sah Mr. Murray zu ihr auf. "Oh höchst Verehrte, wir fingen dieses unwürdige Subjekt, als es nach Euch und Eurem … äh Partner… fragte. Er wollte einfach nicht gehen, als ich ihn dazu aufforderte." Seinen Griff verstärkend, zog der kleine Mann etwas härter als nötig am Schweif des Jungen. Zu seinem wachsenden Ärger, regte sich das 'unwürdige Subjekt' kein bißchen und Virginia begann zu fürchten, daß die Murrays den fremden Wolf ernstlich verletzt hatten. "Krankes Individuum", knurrte der Hausbesitzer abfällig und warf einen giftigen Seitenblick auf den Bewegungslosen. "Kommt hier hereinspaziert mit diesem albernen falschen Schwanz und den zerlumpten Kleidern und wagt es ein Gespräch mit unserer Herrin zu fordern." Murray rutschte etwas näher und starrte Virginia mit hündischer Ergebenheit an. "Fürchtet Euch nicht oh Bewunderte. Die Polizei wird in Kürze gerufen werden." Aus den Augenwinkeln bemerkte Virginia, wie Wolf den Kopf schüttelte. Offensichtlich wollte er nicht, daß die Polizei sich in diese Angelegenheit einmischte und seine Gefährtin konnte ihm nur zustimmen. In den letzten Monaten hatte sie genug blau Gekleidete gesehen. Nebenbei gesagt hatte der einzige Fehler des Jungen darin bestanden, die Murrays nach ihr zu fragen. So befahl sie dem Hausbesitzer, seinen Gefangenen frei zu lassen. Verwirrung breitete sich auf dem Gesicht ihres Jüngers aus, doch auch wenn er die Entscheidung der Herrin nicht verstand, tat er dennoch wie ihm geheißen. "Wie Ihr wünscht", erklärte er unterwürfig und ließ den Schwanz des Jungen los. Wer wußte schon, wofür das gut war? Immerhin waren die Wege der Allmächtigen oftmals mysteriös und wer war er, sie in Frage zu stellen? Von Herzen froh lächelte Murray. Oh, er war ja so ein guter Sklave, und vielleicht würde er dieses Mal sogar eine Belohnung erhalten. "Soll ich jetzt Eure Kehrseite küssen?" fragte er hoffnungsvoll.

*

Wolf fühlte sich hin und hergerissen. Wie in Trance schlich er um den regungslosen jungen Mann auf dem Fußboden herum. Es war eine Ewigkeit her, seit er einem anderen Wolf begegnet war. Jetzt kämpften zwei Impulse in seiner Brust. Während ein Teil von ihm den Fremden aus seinem Revier und der Nähe seiner schwangeren Gefährtin verjagen wollte, brannte der andere Teil geradezu darauf, zu erfahren, was der Jugendliche hier suchte. Da Wolf aber ein völlig neuer Mann war - dank der Therapie und dieser wirklich, wirklich hilfreichen Bücher - gelang es ihm, seinen animalischen Instinkten zu widerstehen. Allerdings war es sicherlich auch eine Hilfe, daß der Eindringling noch beinahe ein Junges und kein Ausgewachsener war. Wie auch immer, der Knabe bewegte sich nicht, roch aber dafür um so stärker. Der Duft seiner Angst lag beinahe greifbar in der Luft des kleinen Raumes und erinnerte Wolf an einige ziemlich unerfreuliche Episoden aus seinem eigenen Leben. Scheinbar hoffte der Fremde, daß die Murrays von ihm ablassen würden, wenn er sich tot stellte. Es war ein instinktives Verhalten und Wolf hätte dem Jungen aus Erfahrung sagen können, daß es in den meisten Situationen nicht funktionierte. Das unerwartete Auftauchen des Neuankömmlings hatte Wolf tatsächlich so stark abgelenkt, daß er seine Virginia für ganze zwei Minuten aus den Augen gelassen hatte. Und schon versuchte Mr. Murray, der Hausbesitzer wieder, die wundervoll proportionierte Kehrseite seiner Gefährtin zu küssen. Ein mißvergnügtes Knurren produzierend, trat Wolf neben Virginia. Nicht, daß er eifersüchtig gewesen wäre - er wußte, daß sein traumhaft cremiges Mädchen die Murrays nicht ausstehen konnte und besonders diesen einen Murray. Aber für seinen Geschmack hatte der fette kleine Kriecher ein wenig zu viel Geschmack daran gefunden Virginias Hinterteil zu küssen. Auch wenn Wolf das verstehen konnte. Seine Sorgen erwiesen sich als völlig unbegründet, denn seine Angebetete, befahl dem Hausbesitzer scharf, ihren Hintern in Ruhe zu lassen. Schmollend trollten sich die Murrays von dannen, wahrscheinlich um jemanden zu finden, der ihre verlängerten Rücken küßte. Zurück blieben eine ziemlich verwirrte Virginia, ein ratloser Wolf und ein noch immer bewegungsloser junger Mann auf dem Fußboden. "Und jetzt?" wisperte das Mädchen so leise, daß nur sein Gefährte es vernehmen konnte. Wolf neigte den Kopf zur Seite und kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. Huff puff sie mußten etwas wegen des Jungen unternehmen, schließlich konnten sie ihn hier nicht so einfach liegen und das Linoleum studieren lassen. Er sah zu Virginia, zuckte mit den Schultern und kniete sich in einiger Entfernung vor den anderen Wolf hin. Versuch einfach nur du selbst zu sein, sonnig und freundlich.- dachte er bei sich. Menschen erlagen oftmals seinem suggestiven Charme, wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte ihm Tony vermutlich niemals die Drachendungbohne abgenommen und ihm dafür Virginias Aufenthaltsort verraten. Nicht auszudenken, was dann geschehen wäre. Doch da der Fremde selbst ein Wolf war, verfügte er vermutlich über ähnliche Fähigkeiten und war damit immun. Zweifelnd blickte er zurück zu Virginia, die ihm ein aufmunterndes Lächeln schenkte. Ah…dieses liebliche Lächeln brachte ihn jedes Mal dazu, daran zu glauben, daß er die Welt aus den Angeln heben konnte. Für einen Moment überlegte Wolf wie wohl seine Virginia ihn und diese ganze Situation sah. Dann sagte er das erstbeste, was ihm einfiel. "Ähem du kannst aufstehen…sie sind weg." Zuerst tat der Junge überhaupt nichts, und Wolf begann schon sich zu fragen, ob der andere ihn überhaupt gehört hatte. Dann jedoch hob der Fremde vorsichtig seinen Kopf und sah nach links und rechts, um sich zu versichern, daß die Luft wirklich rein war. Seine Augen waren von einem Grün, welches Wolf vage vertraut vorkam. Langsam begann er zu ahnen, von wo der Halbwüchsige kam und dieses Wissen brachte sein Herz dazu, schneller zu schlagen. Geschmeidig erhob sich der Neuankömmling und betrachtete Wolf und Virginia, wobei er allerdings strengstens darauf achtete, ihnen nicht direkt in die Augen zu starren. Plötzlich fingen seine Nasenflügel an zu zittern, so als würde er etwas ganz besonderes riechen. In seinen Augen leuchtete Hoffnung und Freude auf und sein Schwanz begann leicht zu wedeln. "Ihr seid es!" rief er dann auf einmal glücklich aus und setzte zu einem wilden Tanz durch die Lobby an. "Große Gretel, ich hab's geschafft! Woohooo, die beste Nase der neun Königreiche hat wieder zugeschlagen." Er fegte umher, während Wolf und Virginia verwirrte Blicke austauschten. Wenigstens schien der Junge nicht gefährlich zu sein, denn er fiel unverhofft vor dem älteren Mann auf die Knie und himmelte ihn mit Murray-gleicher Bewunderung an. "Oh bitte sagt, daß Ihr es seid!" wimmerte er. "Bitte sagt, daß Ihr der größte aller Helden der neun Königreiche seid. Der Wolf, der die böse Königin besiegt und alle Wölfe des vierten Königreiches befreit hat. Bitte sagt, daß ich Euch gefunden habe!" Ich glaube, ich könnte lernen diesen Jungen zu mögen - dachte Wolf grinsend, während Virginia hinter ihm ein Geräusch produzierte, als bekämpfe sie ein Lachen. Gnädig nickend erwiderte er: "Gratulation mein junger Freund. Du hast mich gefunden." Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Fremden aus als er sich räusperte und zu sprechen anhub: "Dann laßt mich Euch meine Wenigkeit bitte vorstellen. Ich bin Fen, Sohn von Lupo, aus dem sechsten Distrikt des Rotkäppchenwaldes und im Namen aller dortigen Wölfe bitte ich um Eure Hilfe großer Held." Überrascht starrte Wolf den Jungen an. Sein Grinsen verblaßte und sein Herz rutschte im freien Fall in seine Hose.

*

Virginia kam sich vor, als würde sie einem dieser Fresswettbewerbe beiwohnen, bei denen es darum ging, möglichst große Portionen ungesunder Speisen in möglichst kurzer Zeit hinunterzuschlingen. Ungläubig sah sie Wolf und Fen dabei zu, wie sie knapp zehn Kilo Schweinerippchen vernichteten. Es war wirklich dazu angetan, einem den Appetit zu verderben, wie sie da an dem kleinen Küchentisch saßen und schmatzten, schlürften und an den Knochen nagten, bis diese völlig blank waren. Normalerweise war Wolf nicht einmal halb so gierig, aber die Anwesenheit seines Artgenossen, schien seinen Hunger anzuregen. Dabei benahm sich Fen für einen Angehörigen seiner Spezies durchaus zurückhaltend. Er überließ dem Älteren die besten Stücke und grapschte nicht einmal nach dem letzten Rippchen. Offenbar war er gut erzogen. Während sie die beiden beobachtete, zog Virginia eine Augenbraue in die Höhe und fragte sich, ob es immer so sein würde, wenn ihr Baby ein gewisses Alter erreicht hatte. Wenn ja, dann würden sie definitiv ein Problem mit der Schulspeisung bekommen. Sie verließ das Schlachtfeld mit etwas Salat und machte es sich auf der Couch gemütlich. Bis jetzt war sie von den manchmal kuriosen Essgewohnheiten, welche die meisten Frauen in der Schwangerschaft entwickelten, verschont geblieben. Und dafür war sie dankbar, denn saure Gurken mit Sahne konnten einfach nicht gesund sein. Doch sie wußte, daß sie noch immer in Gefahr war, ein Opfer solch seltsamer Gelüste und Bedürfnisse zu werden. Zu gerne hätte sie mit jemandem darüber gesprochen. Mit einem weiblichen Jemand. Einer Frau, die bereits durch diese Phase der Veränderung gegangen war. Jedoch fiel ihr keine passende Kandidatin ein. Ihre Großmutter würde mit Sicherheit der Schlag treffen, wenn sie die Neuigkeiten erfuhr - besonders, wenn sie den Vater ihres zukünftigen Urenkels kennenlernte. Vorausgesetzt, sie war einmal nüchtern genug, um überhaupt etwas von dem mitzubekommen, was um sie herum geschah. Barbara, Freds Frau mochte zwar ebenfalls schwanger sein, doch sie war auch eine furchtbare Nervensäge. Sie war eines dieser New-Age-Püppchen, die glaubten, die Probleme der Welt wären mit Yoga und Jutetee zu lösen - und die damit möglicherweise auch richtig lagen. Trotzdem hielt es Virginia nur schwerlich länger als zehn Minuten im selben Raum mit ihr aus. Blieb noch Nanette, die einen zwanzigjährigen Sohn aus erster Ehe, aber auch eine extrem pragmatische Einstellung zum Thema Geburt hatte: Hab mich hingelegt, ihn bekommen und bin wieder zurück zur Arbeit. Keine von ihnen war eine wirkliche Ansprechpartnerin. Mehr als jemals zuvor in ihrem Leben, hätte Virginia ihre Mutter gebraucht. Doch ihre Mutter war gegangen, dieses Mal für immer. Nichts konnte sie zurückbringen und so mußte sich Virginia ihren Problemen alleine stellen. Nun gut, vielleicht nicht ganz so allein - Wolf tat sein Bestes, um ihr zu helfen. Manchmal vertiefte er sich so stark in diese Schwangerschaftssache, daß man glauben konnte, er wäre derjenige, der das Kind bekäme. Seinem Appetit nach zu urteilen, war dem auch so. Hinter Virginia verklangen die schmatzenden und grunzenden Laute. Anscheinend hatten die zwei ihr Mahl beendet, denn keine fünf Sekunden später, erschien Wolf an ihrer Seite. Voller Erwartung sahen die beiden auf der Couch ihren jungen Gast an, der sich in Tonys altem Fernsehsessel niedergelassen hatte. Nachdem er ein paar mal auf dem abgewetzten Leder hin und her gerutscht war, brach Fen schließlich das Schweigen. An Virginia gewandt meinte er: "Danke, für das wundervolle Mahl, welches Ihr uns bereitet habt holde Dame. Es war exzellent, nicht zu gut durch." Lächelnd erwiderte die so Gelobte: "Du solltest eher Wolf danken, er hat das Fleisch zubereitet." Begriffsstutzig starrte Fen sein großes Idol an und blinzelte kurz. "Oh", war alles, was er herausbrachte. Aber dies war kein nichtkommentierender, zu nichts verpflichtender Laut. Da lag eindeutig Erstaunen und auch ein Hauch von Mißbilligung in seiner Stimme, selbst wenn Virginia keine Ahnung hatte, warum. Der junge Mann räusperte sich und wechselte das Thema. "Ich schätze, ich schulde Euch eine Erklärung", begann er zögernd. Neben Virginia bewegte sich Wolf unruhig und irgendwie gewann seine Gefährtin den Eindruck, daß er nicht besonders wild darauf war, diese Erklärung zu bekommen. Ihr Gast jedoch schien die seltsame Stimmung des anderen Mannes nicht zu bemerken. "Seit ihr die neun Königreiche verlassen habt, sind eine Menge Dinge in sehr kurzer Zeit geschehen", fing er an. "Innerhalb weniger Tage sprach sich herum, daß ein Wolf die böse Königin besiegt und die Leben aller Monarchen der Königreiche gerettet hatte." Tja, kommentierte Virginia in Gedanken, nicht einmal das Licht reist so schnell, wie ein Gerücht. "Man erzählte sich, daß die Wölfe des vierten Königreiches von nun an ein besseres Leben führen würden", setzte Fen seine Erzählung fort. "Und auch wir dachten, daß Königin Rotkäppchen einige Veränderungen im zweiten Königreich anordnen würde, denn immerhin wurde auch ihr Leben gerettet." "Hat sie es getan?" erkundigte sich Virginia. Traurig sah der junge Wolf sie an. "Dazu bekam sie keine Gelegenheit. Vor sechs Wochen ertrank sie beim Schwimmen in ihrem Lieblingssee." Wolf und Virginia keuchten überrascht auf. Beide erinnerten sich an die stolze, honigblonde Frau in Rot. Da sie sie jedoch nur ein einziges Mal - und zwar während der Krönungsfeier des Hundeprinzen - gesehen hatten, hielt sich ihre Trauer in Grenzen. Fen jedoch schien bedrückt. "Jetzt hat ihre Schwester, Rotkäppchen die Vierte den Thron bestiegen…", der Junge seufzte "…und die Dinge laufen wirklich schlecht für meine Leute. Ihr wißt sicherlich, daß Rotkäppchen die Dritte weder eine besonders gütige noch großzügige Königin war - vor allem, wenn es um die Wölfe in ihrem Reich ging - doch zumindest hat sie niemals ihre Soldaten in die Wälder geschickt, um uns aufzuspüren und zu töten." "Tut Nummer vier das?" wollte Wolf mit ungewöhnlich gepreßt klingender Stimme wissen. Der Junge auf dem Sessel schien ein wenig zu schrumpfen, als er nickte und antwortete: "Letzte Woche haben sie das vierte Revier ausgelöscht und vor drei Wochen das gesamte achte. Aber dies ist noch nicht alles. Es geht das Gerücht um, daß die Verfluchten der Königin Loyalität geschworen haben. Wenn das wahr ist, sind wir so gut wie verloren. Niemand kann sich vor Falke und ihrer Jagd verstecken." Man sah Fen sein Entsetzen an und es machte Virginia beinahe körperlich krank, zu wissen, daß eine Gruppe von denkenden, fühlenden Kreaturen gnadenlos gejagt wurde, nur weil sie anders waren. Sie warf Wolf einen Blick zu, der blaß und schweigsam neben ihr saß. Wie sah es jetzt wohl in ihm aus? "Warum verlaßt ihr das zweite Königreich nicht einfach?" fragte sie mitfühlend. "Wendells Einflußgebiet grenzt direkt an Rotkäppchens und sein Reich hat die Türen für euch geöffnet." Ungeduldig sprang der junge Mann von seinem Sitz auf und begann damit im Wohnzimmer umherzustreifen wie ein gefangener Tiger. "Wir können uns nicht von ihnen verjagen lassen", rief er entschlossen. "Immerhin war der Rotkäppchenwald schon lange vor Gründung des zweiten Königreiches das Revier der Menschenwölfe. Es ist unser Recht dort zu leben." Dies war ein Argument, auch wenn Virginia es nicht ganz nachvollziehen konnte. Sie wäre eher in Sicherheit geflohen, als täglich das Risiko eingehen zu müssen umgebracht zu werden. Da Wolf noch immer schwieg, war es weiter an ihr, Fragen zu stellen. "Was ist mit Prinz… Ich meine König Wendell. Kann er nicht eingreifen?" Fen hielt in seinem Lauf inne und schüttelte den Kopf. In seinem Gesicht arbeitete es heftig, doch der Glanz in seinen Augen war erstorben. "Ich fürchte, ihm sind die Hände gebunden, denn die Königin hat jedem, der es wagen sollte sich in die inneren Angelegenheiten des zweiten Königreiches einzumischen, mit Krieg gedroht. Auch wenn der König ein großer Mann ist, kann man wohl kaum von ihm erwarten, das Leben seiner Untertanen aufs Spiel zu setzen, nur um einen Haufen zerlumpter Wölfe in einem fremden Wald zu retten." Bitterkeit lag in seiner Stimme, als er zu der Erkenntnis kam: "Nein, diese Sache müssen wir alleine durchstehen", plötzlich aber änderte sich sein Gesichtsausdruck und er strahlte Wolf an. "Mit Eurer Hilfe jedoch, könnten wir es schaffen, dessen bin ich mir sicher." Wachsende Irritation zeigte sich auf dem Gesicht des älteren Mannes. "Was erwarten du und deine Leute denn nun von uns?" fragte er. Sorglos zuckte Fen mit den Schultern. "Ich habe nicht die geringste Ahnung", gab er zu, ohne jedoch mit dem Grinsen aufzuhören. "Niemand von uns hat jemals zuvor gegen eine böse Königin gekämpft. Ihr jedoch habt und es gelang Euch, sie zu besiegen. Wenn Ihr also mit mir kämet, könntet Ihr uns helfen, den Widerstand zu organisieren und …" Weiter kam er nicht, denn Wolf war aufgesprungen. Seine Hände befanden sich in konstanter Bewegung - immer ein verläßliches Zeichen dafür, daß er nervöser war als eine Kakerlake auf einer Jahrestagung der Kammerjägerinnung. "Ähem es tut mir wirklich Leid", unterbrach er den Redefluß des Jungen. "Aber ich befürchte, wir können dir nicht helfen. Sieh mal, meine prächtige Virginia und ich werden in Kürze Eltern sein. Was bedeutet, daß unsere abenteuerlichen Zeiten vorüber sind." Sein Blick flatterte im Raum herum, ohne jedoch den verzweifelten Augen des Halbwüchsigen zu begegnen. Ungläubig starrte der andere Wolf sein Idol mit offenem Mund an. Genau wie Virginia. Ihr Gefährte jedoch begutachtete seine Armbanduhr und stellte mit falschem Erstaunen fest: "Jemine, seht nur wie spät es ist. Besser ich mache jetzt meinen Verdauungsschlaf. Man sieht sich." Mit diesen Worten verschwand er im Schlafzimmer. Stirnrunzelnd sah Virginia ihm hinterher. Nun, das war seltsam, fand sie sogar für Wolfs Maßstäbe.

*

Fen kämpfte hart gegen die Tränen an. Es war beschämend, aber er war nahe daran zu heulen und zu wimmern, wie ein Junges das noch gesäugt wurde. Mit offenen Augen lag er in der Dunkelheit des, viel zu kleinen, Raums - der einmal der holden Dame gehört hatte - und starrte die Decke an. Niemals zuvor in seinem Leben hatte er sich so miserabel gefühlt. Er vermißte seine Familie, den Bau und die Wälder. Dieses zehnte Königreich war furchtbar. Überall wo man hinsah, standen diese riesigen, funkelnden Paläste. Sicherlich gehörten sie besonders mächtigen Königen und Königinnen. Und da 'mächtig', dort wo Fen herkam, meistens gleichbedeutend mit 'grausam' war, konnte diese immens große Anzahl von Prachtbauten nichts Gutes verheißen. Oh ja und dann dieser Mangel an Grün. Ließ man einmal den kleinen Park außer Acht, in welchem Fen angekommen war, nachdem er den Spiegel durchschritten hatte, besaß dieses seltsame Königreich so gut wie keine Wiesen und Bäume. Kaum vorstellbar für jemanden, der sein gesamtes bisheriges Leben in einem Wald verbracht hatte, der nahezu ein gesamtes Königreich bedeckte. Man konnte an diesem Ort nicht einmal die Sterne sehen und große Gretel… die Luft. Wie konnte man nur so etwas wie das atmen? Die scharfen Ausdünstungen der metallischen Monster, die zu Zehntausenden die Straßen dieses Reiches unsicher machten, hatten seiner empfindlichen Nase wirklich hart zugesetzt. Aber die wohl unangenehmste Sache in diesem Königreich - wie hatte die holde Dame es genannt? New York - war seine Begegnung mit den Wachen dieses Gebäudes gewesen. Niemand zu Hause hatte ihm etwas über die Wachgnome erzählt, die man in diesem Königreich beschäftigte. Sein Schwanz schmerzte noch immer vom Griff des fetten, großen. Trotz all dieser Hindernisse jedoch hatte Fen den Geruch des anderen Wolfes verfolgen können und seine Mission erfüllt. Doch für was? Nur um zurückgewiesen zu werden. Eigentlich hätte er es in dem Moment wissen müssen, als er die Schwangerschaft der noblen Dame bemerkt hatte. Kein vernünftiger Wolf hätte seine trächtige Gefährtin verlassen, nur um ein paar Wölfen beizustehen, die nicht einmal zum Rudel gehörten. Aber im Überschwang seiner Gefühle hatte Fen närrischerweise trotz allem gehofft, daß der große Held mit ihm zurückkehren würde. Insgeheim hatte er sogar schon davon phantasiert, wie er ihn seinem Vater vorstellen und an seiner Seite gegen die Königin kämpfen würde. Das ist sooo unfair. Sie hätten zumindest noch zwei Monate warten können - beschwerte sich Fens innere Stimme jammernd. Er wußte, daß er ungerecht wurde, aber trotzdem. Es war einfach nicht fair. Jetzt standen sein Rudel und alle anderen Menschenwölfe des Rotkäppchenwaldes allein gegen eine Übermacht. Und das war schlecht, richtig richtig schlecht. Den Kopf voll düsterer Gedanken, fiel der junge Mann in einen, von bösen Träumen heimgesuchten Schlaf. * Etwas weckte Virginia in der Mitte der Nacht. Schlaftrunken sah sie sich nach der Ursache der Störung um und entdeckte Wolf, der auf der Bettkante saß und vor sich hinmurmelte. "Feigling, Versager, du bist es nicht würdig…" "Wolf?" unterbrach sie sein Gebrabbel und streckte eine Hand aus. Er wandte ihr das Gesicht zu. Seine Augen waren riesig und das dichte, schwarze Haar stand nach allen Seiten ab, gerade so, als hätte er es sich gerauft. Die Laternen unten an der Straße sandten spärliche Lichtstrahlen hinauf und tauchten das Zimmer in Dämmerung. Doch Virginia brauchte dieses Zwielicht nicht, um die Verzweiflung ihres Gefährten zu erkennen. Sie konnte sie spüren. Es ist noch nicht Vollmond, - stellte sie verwirrt fest - was also hat ihn in diese Stimmung versetzt? "Wolf?" wiederholte sie noch einmal seinen Namen. "Verzeih mir, ich wollte dich nicht aufwecken. Bitte schlaf wieder ein ja?" bat der Mann auf der Bettkante. Aber da lag soviel Trauer in seiner Stimme, daß Virginia nicht einmal wieder hätte einschlafen können, wenn sie es gewollt hatte. Vorsichtig berührte sie seinen Arm. "Willst du es mir nicht erzählen?" Einen Augenblick lang sah Wolf sie einfach nur intensiv an. So als wolle er ihr Bild für immer in sich aufnehmen. Dann beugte er sich plötzlich vor und legte seinen Kopf sanft auf ihren Bauch. "Es tut mir so Leid", wisperte er und Virginia war sich nicht sicher, ob er zu ihr oder dem Ungeborenen sprach. Tröstend begann sie, Wolfs Nacken zu streicheln. Dies weckte den schlafenden Ring, dessen verschlafenes Gesichtchen nach oben rollte. "Was ist denn nur los, was will der Trauerkloß?" intonierte er gähnend. Rasch bedeutete Virginia ihm zu schweigen und fuhr damit fort, ihres Partners Genick zu kraulen. "Virginia?" fragte Wolf schließlich. "Hm?" "Gibt es einen Ort, den du wirklich fürchtest?" Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, brauchte Virginia eine Weile. Es gab eine Menge übler Orte, an denen sie gewesen war. Mal sehen, da wäre das Trollschloß im dritten Königreich und die Grabkammer der Stiefmutter Schneewittchens, oh und wir wollen doch diese Toilette an der Tankstelle nicht vergessen, die du 93 während der Fahrt nach Vegas kennenlernen durftest. "Wendells Kronsaal", antwortete sie schließlich schlicht. Der Ort, an dem sie dir erklärte, daß sie dich schon nach der Geburt hätte töten sollen, der Ort, an dem du sie getötet hast. Sie brauchte sich nicht zu erklären. Dies war ein weiterer der vielen wunderbaren Aspekte ihrer Beziehung zu Wolf. Er verstand sie ohne viele Worte. "Für mich ist der schrecklichste Ort, den ich mir vorstellen kann, das zweite Königreich." Erstaunt bemerkte Virginia, daß Wolf zitterte, als wäre ihm schrecklich kalt. "Meine Mutter stammte von dort. Als wir noch klein waren, erzählte sie uns Geschichten aus der alten Heimat." "Keine Gute-Nacht-Geschichten, was?" vermutete Virginia in böser Vorausahnung. Kaum merklich schüttelte Wolf seinen Kopf. "Oh nein, es waren schreckliche, schreckliche Geschichten über Dinge, die sie dort erlebte, als sie noch ein Junges war. Sie erzählte von den Jagden der zweiten Königin. Zu ihrem Vergnügen ließ sie gefangene Menschenwölfe in einem kleinen Wäldchen frei. Dann begannen sie und ihre Gäste diese Wölfe zu jagen. Es heißt, kein einziger dieser Unglücklichen sei mit dem Leben davongekommen. Im zweiten Königreich ist auf jeden abgeschnittenen Wolfsschwanz eine Prämie ausgesetzt und ihr Nationalfeiertag ist der 'Schlag-den-Wolf-tot' Tag. Es ist ein böser, böser Ort." Langsam begann Virginia Wolfs Reaktion auf das Anliegen ihres jungen Gastes zu begreifen. "Willst du deshalb nicht dorthin?" fragte sie. Seufzend rollte sich Wolf auf die Seite. "Ich bin ein Feigling. Allein der Gedanke daran, diesen Ort zu betreten läßt mich am ganzen Leib zittern. Und trotzdem…." "Trotzdem möchtest du ihnen helfen nicht wahr?" vollendete Virginia seinen Satz. Behutsam berührte Wolf erneut ihren Bauch. "Alles was ich möchte, ist daß ihre Kinder ohne Angst aufwachsen können, genauso, wie unseres es wird.. Aber ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, meine Furcht zu überwinden." Aufmunternd lächelte Virginia ihn an. "Du hast das Gefängnis überwunden, Trolle, wütende Dörfler, einen tödlichen Sumpf und den Jägersmann. Es gibt nichts, was du nicht überwinden kannst." Liebevoll streichelte sie sein Gesicht. "Und notfalls bin ja immer noch ich an deiner Seite." Beide sahen sich stumm in die Augen. "Bist du sicher, daß es das Richtige ist?" fragte Wolf schließlich. Virginia dachte einen Moment lang an all die Gelegenheiten, in denen sie davon überzeugt gewesen war, genau zu wissen, was das Richtige war. Dann erwiderte sie: "Vielleicht ist es nicht das Richtige, aber ganz bestimmt Schicksal."

*

"Oh Mannohmannohmannohmann, wir haben schon so gut wie gewonnen." Fasziniert sahen Wolf und Virginia dabei zu, wie Fen den Tanz, den er am Vortag in der Lobby gezeigt hatte, in ihrem Wohnzimmer wiederholte. Glücklicherweise verschonte er dieses Mal die Möbel. Es war erstaunlich, wie blitzartig die Stimmung des Jungen umgeschlagen war, nachdem er erfahren hatte, daß er doch noch die erhoffte Hilfe mit heimbringen würde. "Wann brechen wir auf?" Abenteuerlust funkelte in seinen Auge und ließ sie noch grüner als sonst erscheinen. Offenbar konnte er es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Eigentlich verständlich, wenn man daran dachte, daß die Zeit doch ein wenig drängte. "Sobald es dunkel geworden ist", antwortete Virginia. "Abends sind weniger Menschen im Park, so daß wir keine unerwünschte Aufmerksamkeit auf uns ziehen werden. Außerdem gibt uns das die Möglichkeit unsere Sachen zu packen und gewisse Angelegenheiten zu regeln." Verständnislos sah Fen sie an. "Was meint Ihr mit: wir?" wollte er wissen und schüttelte den Kopf. "Ihr könnt uns nicht begleiten holde Dame. Immerhin seid Ihr eine Frau und eine schwangere noch dazu. Diese Sache könnte viel zu gefährlich für Euch werden." Überrascht und leicht verärgert sah Virginia zu Wolf, der sich uncharakteristisch schweigsam verhielt. Sie runzelte die Stirn und stemmte die Hände auf die Hüften. "Oh ich denke doch, daß das immer noch meine Entscheidung ist", erklärte sie etwas spitz, machte kehrt und marschierte ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zu packen. Fen sah ihr nachdenklich hinterher. Jetzt hatte er die hohe Dame irgendwie verärgert. Schade, das hatte er nicht beabsichtigt. Aber sie konnte doch nicht so ohne weiteres mit ihnen kommen. Wer würde dann auf ihr Revier achten? Mal ganz davon abgesehen, daß eine Trächtige sich möglichst schonen mußte. An Wolf gewandt stellte er fest: "Sie ist nicht sehr folgsam oder?" Sein großes Vorbild grinste breit, legte ihm einen Arm um die Schultern und erwiderte: "Ja, ist das nicht großartig?" Dann eilte er seiner Gefährtin hinterher und ließ einen höchst verdutzten Jungwolf zurück.

*

Wolf betrat das Schlafzimmer, schloß die Tür hinter sich, ließ sich auf dem Bett nieder und beobachtete Virginia beim packen. "Weißt du", begann er zögerlich "vielleicht hat er recht. Vielleicht solltet du wirklich hier bleiben." Virginia warf ihm einen scharfen Blick über die Schulter zu. Sie hatte eine Augenbraue in die Höhe gereckt und verzog den Mund ein wenig, wie sie es immer tat, wenn sie ärgerlich war. "Das ist nicht dein Ernst oder?" verlangte sie zu wissen. Unsicher druckste Wolf einen Moment lang herum. "Neiiiiin", gab er schließlich wimmernd zu. "Ehrlich gesagt, macht mich schon der Gedanke daran ganz kribbelig. Bestimmt würde ich keine vierundzwanzig Stunden ohne dich überstehen. Aber huff puff, wenn dir etwas zustößt könnte ich mir das nie verzeihen." Schwach lächelnd faltete Virginia ein paar Socken zusammen und verstaute sie in ihrem Rucksack, bevor sie sich neben Wolf auf das Bett setzte. "Solange du bei mir bist, kann mir doch gar nichts passieren", erklärte sie vertrauensvoll und nahm seine Hand in die ihre. Der Mann neben ihr, schmolz dahin wie Butter in der Sonne. "Oh Virginia" seufzend, drückte er ihre Hand. "Habe ich dir heute eigentlich schon gesagt, wie sehr ich dich liebe? Deine Weisheit, deinen Humor und … deinen Körper erst." Es war eine rein rhetorische Frage, denn Wolf war nicht besonders an der Antwort interessiert. Seine ganze Aufmerksamkeit galt plötzlich Virginas Ohrläppchen, an dem zu knabbern er begann. Kichernd wie ein Schulmädchen wehrte Virginia seinen Annäherungsversuch ab. "Nein, das lassen wir besser." Irritiert starrte Wolf sie an. Ganz offensichtlich war sie nicht abgeneigt und trotzdem rückte sie ein Stück von ihm weg. "Warum denn nicht? Das könnte für eine ganze Weile das letzte Mal sein," versuchte Wolf sie umzustimmen. Nicht, daß er selbst davon überzeugt gewesen wäre, denn immerhin hatten sie dazu auch bei ihrem letzten Aufenthalt hinter dem Spiegel Gelegenheit gefunden. Mit bedeutungsvoll hochgezogenen Augenbrauen sah Virginia auf die Schlafzimmertür und endlich begriff Wolf. Oh…der Junge. Natürlich, sein zartes, schüchternes Täubchen war wegen ihres Gastes besorgt. Nun, dem konnte abgeholfen werden. Wie von der Tarantel gestochen sprang er auf und sauste zur Tür. "Bleib genau da wo du bist ja?" bettelte er und war schon aus dem Raum. Im Wohnzimmer erwartete ihn ein ziemlich geknickter Fen. "Ist die hohe Dame sehr böse?" wollte er mit dem Blick eines getretenen Welpen wissen. Wolf verkniff sich ein Lächeln, zog ein bedrücktes Gesicht und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. "Äh in der Tat…ja…sehr, sehr böse." Beinahe tat ihm der Junge Leid, der noch ein Stück mehr in sich zusammenzusinken schien. Aber nur beinahe. "Ach mach dir nichts daraus", erklärte er und klopfte Fen aufmunternd auf die Schulter. "Das ist nichts, was ich nicht beheben könnte. Allerdings müßtest du…", er hielt inne und begann seinen Artgenossen in Richtung Wohnungstür zu dirigieren. "…für zwei, nein sagen wir drei Stunden von hier verschwinden." Bevor Fen protestieren konnte, hatte Wolf ihm auch schon einen zehn Dollarschein in die Hand gedrückt. "Vielleicht gehst du ins Kino. Es ist nur zwei Block von hier entfernt und sie spielen diesen …tollen französischen Film ohne Untertitel. Viel Spaß." Und schon schloß er dem Jungen die Tür vor der Nase, nur um sie gleich darauf noch einmal zu öffnen. "Oh ja, steck besser den Schweif in die Hose, nur für alle Fälle." Laut knallend fiel die Tür erneut ins Schloß. Verblüfft und ratlos stand Fen vor der Wohnung und starrte auf das Geld in seiner Hand. "Was zum Feenwald…", murmelte er verwirrt "…ist ein Kino?"

*

Arnold Olson war vierzehn. Arnold Olson war vierzehn und Brillenträger. Arnold Olson war vierzehn, Brillenträger und nur 1,56 m groß. Arnold Olson war vierzehn, Brillenträger, 1,56 m groß und steckte mitten in der Pubertät. Aus genau diesen Gründen haßte Arnold Olson sein Leben. Bald jedoch, so hoffte er, würde er dieses Leben, welches er sosehr verabscheute gegen ein besseres, aufregenderes eintauschen. Denn heute war die Nacht, in der sie ihn holen würden. Ganz bestimmt. Hoffnungsvoll sah der Teenager zu den Sternen hinauf, die am Firmament über dem Central Park leuchteten. An diesem milden Augustabend, konnte man sie ausnahmsweise einmal betrachten, ohne daß einen die sonst so allgegenwärtige Smogdecke der Stadt behinderte. Es war die perfekte Nacht, um sich von der Erde zu verabschieden. Oh ja, heute Nacht würden sie ganz sicher kommen. Die Außerirdischen, die Arnold mitnehmen und vom Joch seiner jämmerlichen Existenz auf dieser erbärmlichen Welt erlösen würden. Der Junge war sosehr davon überzeugt, daß er all seine Lieblingssachen in einer großen Sporttasche, die neben der Bank stand, auf welcher er saß, mitgebracht hatte. Blöd nur, daß er seinen Computer nicht hatte mitnehmen können, aber ganz sicher würden die Aliens viel weiter entwickelte Gerätschaften besitzen. Angst verspürte Arnold nicht, wie er da so alleine in dem dunklen, menschenleeren Park saß, dem Rauschen der Bäume lauschte und von dem besseren Leben träumte, das ihn erwartete. Wer als Freak dem Alltag in einer Highschool ausgesetzt war, hatte schon zu viel mitgemacht, um sich noch von solch lächerlichen Nebensächlichkeiten wie schwerbewaffneten Jugendbanden oder Dealern beeindrucken zu lassen. So also saß Arnold unbeweglich auf seiner Bank und starrte unverdrossen in den Nachthimmel. Einzig seinem schmerzenden Genick, welches auf eine Pause drängte, hatte er es zu verdanken, daß er die drei seltsamen Gestalten, die durch den Park auf ihn zuschlichen, bemerkte. Geistesgegenwärtig rutschte der Junge von der Bank und versteckte sich hinter derselbigen. Seine Schulhofrüpel-geschärften Instinkte verwiesen ihn nämlich darauf, daß man nicht vorsichtig genug sein konnte. Aus seinem Versteck heraus beobachtete Arnold die Neuankömmlinge. Im Licht der Parklaternen konnte er eine Frau und zwei Männer erkennen. Obwohl das Wort 'Mann' auf den einen der beiden nicht wirklich zutraf, war er doch scheinbar nicht viel älter als Arnold selbst. Alle drei waren dunkelhaarig und relativ normal gekleidet, auch wenn der junge Mann, der im übrigen einen seltsamen Gang hatte, etwas schäbiger aussah, als seine Begleiter. Als sie näherkamen, hörte der unentdeckte Beobachter ihn sagen: "…verstehe nicht, warum ich meinen Schweif verstecken muß. Das ist furchtbar unbequem." "Ja", entgegnete der ältere Mann. "Aber es gibt noch viel unbequemere Dinge. Bauern mit Mistgabeln zum Beispiel. Du wirst dich schon daran gewöhnen, und außerdem hat es durchaus auch seine Vorteile. Dir wird niemals kalt am Hintern." Versteckte Schweife? Bauern mit Mistgabeln? Neugierig reckte Arnold seinen Kopf etwas in die Höhe. Gerade rechtzeitig genug, um zu sehen, wie die junge Frau auf eine etwas abgelegene Stelle im Gebüsch deutete. "Da hinten ist es", erklärte sie. Von Arnolds wachsamen Augen verfolgt, spazierten die drei zielstrebig auf das Gestrüpp zu. Kurz bevor sie ihr offensichtliches Ziel erreichten, fielen der ältere Mann und die Frau zurück. Sie nahmen sich an den Händen und warfen sich Blicke zu, die Arnolds junges Herz nach etwas verlangen ließ, das er nicht zu benennen vermochte. "Bist du soweit?" fragte der Mann und sah seine Begleiterin, - bestimmt seine Freundin - besorgt und liebevoll zugleich, an. Diese lächelte zu ihm auf und drückte seine Hand ein wenig fester. "Können wir endlich gehen?" drängelte der Junge, der bereits die Sträucher beiseite geschoben hatte. Etwas stimmte nicht mit dem Platz dahinter. Es wirkte beinahe, als würde die Luft flimmern und wabern. Arnold verschlug es beinahe den Atem. Und als er sah, wie der jüngste der drei in dieser seltsamen Erscheinung verschwand, setzte er sich überrascht auf den Hosenboden. Sie sind da! Endlich sind sie gekommen! Fieberhaft überlegte der Junge in seinem Versteck, was er jetzt unternehmen sollte. Warum hatte er nicht früher darüber nachgedacht, wie er die Außerirdischen begrüßen würde, wenn es soweit war? "Na dann, los geht’s," murmelte inzwischen der ältere Mann, kratzte sich kurioserweise an der Schläfe und verschwand, einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf die Frau werfend, ebenfalls in dem Wabern. Inzwischen hatte sich Arnold für eine Begrüßung entschieden. Das gute alte 'Ich-komme-in-Frieden' würde es sicherlich tun. Nicht umsonst war es ein Evergreen. In dem Moment jedoch, in dem er hinter der Bank hervorkam, trat auch die junge Frau in das Geflimmer. "Halt!" schrie Arnold und begann zu rennen. "Bitte wartet auf mich. Ihr müßt mich mitnehmen." Außer Puste kam er an der Stelle an, wo vor einigen Sekunden noch die drei Fremden gestanden hatten. Die komische Erscheinung in der Luft war noch immer vorhanden. Erst jetzt erkannte der Junge, daß es die Form eines großen Rechtecks besaß. Vorsichtig berührte er die Oberfläche mit den Fingerspitzen und keuchte erstaunt auf, als er einen Sog verspürte. Dies hier mußte der Eingang zu ihrem Raumschiff sein. Wahnsinn. Hastig zog er seine Hand zurück und spurtete zu der Bank, um nach seiner Tasche zu greifen. Dann lief er wieder zu dem Rechteck. Bevor er allerdings hindurchstieg wandte er sich noch einmal um und warf einen letzten Blick auf die glitzernde Welt, in der er die letzten vierzehn Jahre seines Lebens zugebracht hatte. "Gehabt euch wohl ihr Stinker!" knurrte er ohne einen Hauch von Wehmut. Als er sich jedoch umdrehte, um durch den Eingang zu gehen, mußte er feststellen, daß dieser verschwunden war. "Neeeiiiinnn!" kreischte Arnold mit sich überschlagender Stimme und fing hektisch an, die Umgebung abzusuchen. Umsonst. Kein Wabern und kein Flimmern mehr. Neinneinneinneinnein - du IDIOT, warum mußtest du auch deine dämliche Tasche holen? - begann der Junge sich Vorwürfe zu machen. Jetzt sind sie ohne dich weg. Du hast deine einzige Chance auf ein besseres Leben verspielt und das nur wegen ein paar T-Shirts und Unterwäsche zum Wechseln. Extrem enttäuscht ließ Arnold sich im Gras vor der Stelle nieder, wo vorher das Flimmern gewesen war. Langsam verging das taube Gefühl der Niedergeschlagenheit und machte etwas Platz, was vage an Optimismus erinnerte. Noch hatte er das Raumschiff nicht davonfliegen sehen und das bedeutete, daß sie noch hier waren. Irgendwann würden sie sicher wieder herauskommen. Am besten er wartete hier auf diesen Moment. Vermissen würde ihn sowieso niemand, da seine Mutter dank des zweiwöchigen 'Soap-Opera-Megamarathons' an den Fernsehsessel gekettet war. Der Einzige, dem sein Fehlen vielleicht auffallen würde, war Rodney, seine ganz persönliche Nemesis. Und das auch nur, weil es schwierig war, jemand täglich in einen Spind zu stecken, der gar nicht da war. Ja, er würde hier ausharren, egal wie lange es auch dauern mochte. Zufrieden mit seiner Entscheidung zog Arnold einen schon leicht zermatschten Twinky aus der Jackentasche und begann zu warten.

3.

Wendells Schloß - 4. Königreich "Hände hoch und keine Bewegung!" war das erste, was Wolf zu hören bekam, als er aus dem Spiegel trat. Beinahe wäre er über Fen gestolpert, der von einem hühnenhaften Kerl, in der Uniform der königlichen Palastwache, in Schach gehalten wurde. Der große Mann, wahrscheinlich der Wächter dieses Raumes, - welcher sich im Übrigen seit ihrem letzten Aufenthalt hier so gut wie gar nicht verändert hatte - wirkte beinahe bedrohlich. Seine einschüchternde Gestalt und die scharfe, blitzblank polierte Hellebarde in der massigen Pranke machten vielleicht Eindruck. Doch das riesige, lilafarbene Büschel Straußenfedern, welches seinen Helm schmückte und bei jeder Bewegung munter hin und her wippte, reizte einfach nur zum kichern. Trotzdem schob sich Wolf instinktiv vor Virginia, die in diesem Augenblick hinter ihm den Spiegel verließ. Im gleichen Moment entschied Fen sich dazu, etwas ausgesprochen Dummes zu tun. "Nein Fen nicht!" war alles, was seine beiden Begleiter noch rufen konnten, bevor der Jungwolf sich knurrend auf den gut einen Kopf größeren und bestimmt zwanzig Kilo schwereren Mann vor ihm stürzte. "Ich habe ihn!" schrie er und klammerte sich, im vergeblichen Versuch, seinen Gegner in den Schwitzkasten zu nehmen, an den Hals des Wachmanns. "Flieht und rettet mein Rudel!" Kopfschüttelnd und "Oh, oh, oh," murmelnd, verbarg Wolf sein Gesicht in den Händen, während Virginia mit offenem Mund und aufgerissenen Augen dabei zusah, wie der Wachmann Fen mit einer einzigen, beinahe lässigen, Handbewegung beiseite fegte, als wäre er nicht mehr als ein nerviger Moskito. In hohem Bogen flog der Junge durch das Zimmer und landete, nicht weit von der Tür entfernt, krachend auf seinem Rücken. "Autsch," kommentierte Wolf und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Virginia zusammenzuckte. "Ich hab doch gesagt: Keine Bewegung!" schnaufte dahingegen der Wächter gelangweilt. Dann benutzte er seine Hellebarde dazu das Ornament im Rahmen des Spiegels, welches seine Funktionen kontrollierte, wieder nach oben zu schieben. Augenblicklich erlosch das Bild des Central Parks und … eines schmächtigen Rothaarigen mit Sporttasche? An seine Stelle trat die normale, silbrige, undurchdringliche Oberfläche. Derweil regte sich Fen an der Tür. "Au," klagte er. "DAS hat weh getan." Da er noch imstande war sich zu beschweren, schien er keine wirklich ernsthaften Blessuren davongetragen zu haben. Erleichtert atmete Wolf aus, um sich schließlich aufzuplustern: "Behandelt man so die Helden, die die vier Königreiche gerettet haben?" verlangte er zu wissen. Ausdruckslos erwiderte der riesige Wachmann seinen entrüsteten Blick. "Häh?" Verblüfft musterte Wolf den Burschen. Konnte es möglich sein, daß dieser Kerl wirklich keine Ahnung hatte, wer er und seine bezaubernde Begleiterin waren? Jemine, was für Personal stellte Wendell da nur ein? Inzwischen verlor Virginia die Geduld. Mit ihrem patentesten 'Laß-mich-das-mal-machen' - Blick schob sie sich an ihrem Gefährten vorbei. "Ich will mit meinem Vater sprechen!" forderte sie kühn. "Mein Name ist Virginia Lewis." Unbeeindruckt zuckte der Wächter mit den massiven Schultern. "Und mein Name ist Ernest Flim. Schön das wir uns mal vorgestellt wurden. Ihr seid alle festgenommen wegen unerlaubten Eindringens in das Schloß seiner Majestät König Wendells. Ab in den Kerker mit Euch!" Auffordernd winkte Ernest mit seiner imposanten Hellebarde und bedeutete seinen drei Gefangenen in Richtung Tür voraus zu gehen. Protestierend verschränkte Virginia die Arme vor der Brust. "Das ist doch lächerlich. Wir sind enge Freunde König Wendells und müssen ihn in einer dringenden Angelegenheit sprechen." "Warum erzählt Ihr mir das? Spart es Euch für die Kerkermäuse auf." lautete Flims lakonische Antwort. Zusammengekniffene Augen deuteten bei Virginia meist auf Ärger hin. Wolf wußte das und da er seine, momentan hormongebeutelte, Liebste kannte, sah er, daß sie kurz davor stand, zu wiederholen was Fen einige Minuten vor ihr versucht hatte. Nur mit dem Unterschied, daß sie in ihrer jetzigen Stimmung höchstwahrscheinlich wesentlich mehr Erfolg gehabt hätte. Aber da es immer ein Restrisiko gab, tätschelte Wolf ihr beruhigend den Arm und wisperte ihr ins Ohr: "Virginia, Lämmchen - siehst du die riesige, spitze Waffe, die der Kerl da bei sich trägt? Laß ihn uns nicht wütend machen ja?" Seine Gefährtin schnaufte nur frustriert durch die Nase – ‚was für ein entzückender Laut’ - verhielt sich ansonsten aber ruhig. Dies gab Wolf die Gelegenheit, den Wächter mit seinem freundlichsten Lächeln zu bedenken. "Ach kommt schon werter Herr…," plauderte er. "Wieso erst der Umweg über den Kerker? Ihr könntet doch einfach König Wendell herbeiholen und die ganze Angelegenheit löst sich sofort in Wohlgefallen auf. Und sicher wird seine Majestät überaus glücklich darüber sein, daß Ihr seine guten Freunde so … anständig behandelt habt." Tatsächlich schien Ernest Flim einen Moment lang über diesen Vorschlag nachzudenken. Seine breite Stirn legte sich in Falten, die einem kleineren Schloß durchaus als Schutzwälle hätten dienen können. "Äh… nein," meinte er schließlich und winkte erneut mit seiner Hellebarde. "Also laßt uns gehen. Mein Dienst endet in einer halben Stunde und heute gibt’s Entenbraten bei meiner Mama." Resigniert, aber mit den Zähnen knirschend, kamen die drei seiner Aufforderung nach und verließen das Spiegelzimmer, bewacht von Ernest, seiner Hellebarde und seinem bebuschten Helm. * Beschwingt schlenderte Lord Rupert die ruhigen Korridore des Schlosses hinunter. Es war ein wahrhaft wundervoller Tag gewesen. Ein hellblauer, auf der Farbscala, nach welcher der Hofmarschall die Qualität seines Alltags zu bewerten pflegte. Alles was noch fehlte, um diesen Tag perfekt zu machen, waren ein Glas heißer Milch und 2 1/2 Schokokekse. Und um genau diese Dinge zu besorgen, war Lord Rupert auf dem Weg in die Schloßküche. Nun hätte er dies natürlich nicht selbst erledigen müssen, wartete doch ein Dutzend Diener nur begierig darauf, seine Wünsche in die Tat umzusetzen. Aber König Wendells rechte Hand, legte großen Wert darauf sich – ‚wie hieß das noch gleich, ach ja’: - volksverbunden zu geben. Die gewöhnlichen Leute in der Küche, sollten sehen, daß er sich nicht zu schade war, einige Gänge selbst zu erledigen. Zumindest war dies der offizielle Grund. Der inoffizielle Grund - welcher so inoffiziell war, daß Lord Rupert ihn sich nicht einmal selbst eingestand - war, daß er es schlicht und ergreifend LIEBTE, mit den Küchenmägden zu tratschen. Wie immer blieb der Hofmarschall einen Augenblick in dem kleinen Korridor stehen, dessen Wände die Porträts der sieben Zwerge Schneewittchens schmückten. Drei auf der einen und vier auf der gegenüberliegenden Seite. Und wie immer schüttelte Lord Rupert den Kopf und schnalzte mißbilligend mit der Zunge. Warum hatten es ausgerechnet sieben Zwerge sein müssen? Warum nicht sechs oder acht? Sieben war so schrecklich asynchron. Bevor er seinen Weg fortsetzte, rückte er noch eines der Porträts, das einen Zwerg mit runzeligem Gesicht und zahnlosem Lächeln zeigte, wieder gerade. Dann wollte er seine Wanderung wiederaufnehmen. Allein, er kam nicht dazu, denn das Geräusch von näherkommenden Schritten, veranlaßte ihn dazu sich neugierig umzudrehen. Er erblickte einen enorm großen Angehörigen der Wachmannschaft, der Lord Wolf, Lady Virginia und irgendeinen unbedeutenden Fremden vor sich her führte. Lord Ruperts erster Gedanke galt der empörenden Tatsache, daß es niemand für nötig gehalten hatte, ihn, den HOFMARSCHALL, darüber in Kenntnis zu setzten, daß hohe Gäste erwartet wurden. Sein zweiter Gedanke war ganz und gar der neuen Uniform gewidmet, die er höchstpersönlich für die Schloßwache entworfen hatte. Sie war einfach absolut prächtig geraten. Erst dann fiel ihm die unerfreulich, große und häßliche Waffe auf, die der Wächter auf zwei der vier Menschen – ‚oder hieß es Wesen?’ - gerichtet hatte, welche die neun Königreiche gerettet hatten. "Heiliger Glassarg!" rief Rupert entsetzt und zog damit die Aufmerksamkeit der vier anderen auf sich. "Lord Rupert!" antworteten Lord Wolf und Lady Virginia wie aus einem Munde und es schmeichelte dem Erkannten nicht wenig, die Freude in ihren Stimmen zu hören. "Du da Bursche," fuhr der Hofmarschall, den Wachmann an. "Was beim Bein einer Elfe glaubst du eigentlich tust du da?" Ungerührt starrte Ernest Flim auf den aufgeregte kleinen Mann hinunter. "Meine Pflicht?" Sprachlos ob dieser Unverschämtheit lief Lord Rupert, ein klein wenig rot an. "Hast du Holzkopf überhaupt eine Ahnung, wen du da peinlicherweise verhaftet hast?" "Klar," erwiderte der Wächter und deutete auf Lady Virginia. "Das da ist Virginia Lewis. Die anderen haben mir ihre Namen nicht gesagt." "Oh je, oh je. Es tut mir ja so unsäglich Leid," versicherte der Hofmarschall an die großen Helden gewandt. "Aber Ihr wißt ja wie das mit dem Personal heutzutage ist. Gretel die Zweite und König Dornröschen schnappen uns immer die fähigsten Leute vor der Nase weg. Die Konkurrenz ist wirklich mörderisch." Unterstrichen von einer abfälligen Handgeste, sah Rupert wieder zu dem großen Wachmann auf. "Und du…hinfort mit dir. Komme mir am besten nicht wieder unter die Augen!" "Dürfte kaum ein Problem sein," entgegnete Ernest Flim gleichmütig und schlurfte, seine Hellebarde fest im Griff, von dannen. Mißtrauisch sah der Hofmarschall ihm hinterher und überlegte, was wohl mit der letzten Bemerkung gemeint gewesen war. Doch seine Aufmerksamkeit wurde schnell von Lady Virginia und Lord Wolf in Anspruch genommen, die beide begannen wie ein Wasserfall auf ihn einzureden. Rupert verstand nur: "Wölfe, 2. Königreich, Wendell, Hilfe." Hin und wieder versuchte der junge Mann an ihrer Seite etwas einzuwerfen, doch bei ihm bemühte sich der Hofmarschall erst gar nicht darum, hinzuhören. Schon bald drohte er die Übersicht zu verlieren. Sein wundervoll hellblauer Tag hatte sich ganz plötzlich um einige Nuancen verdunkelt und nicht gewillt, ihn vollends den Bach hinuntergehen zu lassen, sagte er schließlich: "Am besten wecke ich seine Majestät auf, nicht wahr?"

*

Wolf liebte es, seine Virginia glücklich zu sehen. Und es machte sie ganz eindeutig glücklich, ihren Vater wieder in die Arme schließen zu können. Strahlend hing sie am Hals des Mannes, der sie vierzehn Jahre lang mehr oder weniger anständig aufgezogen hatte. Ihre Freude übertrug sich auf den singenden Ring, der vergnügt Reime in C-Dur quietschte. Nachdem er seine drei Schützlinge den Fängen des garstigen Wächters entrissen und in jenen Raum geführt hatte, welcher für gewöhnlich dem königlichen Kabinett als Tagungsort diente, hatte Lord Rupert sich empfohlen, um Wendell zu wecken. Doch noch bevor Schneewittchens Enkel erschien, war Tony mit flatterndem Morgenmantel ins Zimmer gestürzt. Auf der Brusttasche seines flaschengrünen Seidenschlafanzugs prangte ein Wappen, das Wolf noch nie gesehen hatte. Darauf war ein winziger Schraubenschlüssel, umkränzt von goldenen Bohnenstangenblättern abgebildet. Es war ausgesucht scheußlich und unter Garantie Tonys Idee gewesen. Hinter ihm sauste ein vierpfotiger, goldblonder Blitz in den Raum. Offenbar war der Zauberhund in der Familie geblieben, anstatt in den Edelzwinger zu kommen, der für ihn vorgesehen gewesen war. Ausgelassen sprang er an Wolf hoch und ließ ihm anschließend seinen angesabberten Knautschball vor die Füße fallen. "Heh Prince mein Junge." rief der so Begrüßte, streichelte das seidige Fell des Hundes und tat ihm schließlich den Gefallen, den Ball zu werfen. Amüsiert beobachtete er wie glücklich der Golden Retriever dem kleinen, bunten Ding hinterherjagte. Dabei fiel ihm ein, daß er Prince eigentlich noch einen Knochen dafür schuldete, daß er ihn in Kleinlammsdorf vor dem Scheiterhaufen bewahrt hatte. Oder war es nicht doch Wendell, dem der Knochen eigentlich gebührte? Immerhin hatte er zu diesem Zeitpunkt im Körper des Hundes gesteckt. Diese Sache war auch nach zwei Monaten nicht weniger verwirrend. Tony und Virginia plauderten noch immer miteinander und auch, wenn Wolf es großartig fand, daß seine Liebste so glücklich war, konnte er den Knoten, welcher sich jedes Mal in seinem Magen bildete, wenn er seinen zukünftigen Schwiegervater ansah, nicht ignorieren. Denn noch wußte er nicht was genau Tony von der Tatsache hielt, daß er Großvater wurde. Zwei Tage nachdem Virginia und er wieder in New York eingetroffen waren, hatten sie plötzlich unangemeldeten Besuch auf ihrem Fenstersims begrüßen dürfen. Eine rosafarbene Brieftaube, auf deren kleiner blauer Mütze, daß Wappen des Hauses Wittchen prangte, war unflätig fluchend vor ihrem Fenster auf und ab getrippelt. Offenbar waren ihr der Flug durch den Spiegel und die Begegnung mit einem Sportflugzeug nicht gut bekommen. Bei sich trug das köstlich aussehende Tier einen Brief, der der Wortwahl nach zu urteilen nur von Tony stammen konnte. "Was zum Teufel hat der Kerl mit Dir angestellt?" hatte der allererste Satz gelautet. Nachdem Virginia ihren Gefährten davon abgehalten hatte, den kleinen pinken Boten zu verspeisen, hatte sie ihn mit einer Antwort und lieben Grüßen von Wolf zurück durch den Spiegel gesandt. Doch bis zu diesem Tag war kein neuer Brief eingetrudelt und in seinem tiefsten Innern war Wolf davon überzeugt gewesen, daß Tony beim Lesen der Nachricht vom Blitz getroffen worden war. Seine Befürchtungen waren allerdings unbegründet gewesen, denn dort stand er lebensgroß - Anthony Lewis - der momentan meistgesuchte Mann New Yorks. Und endlich befreite er sich aus der Umarmung seiner Tochter und wandte sich Wolf zu. ‚Oh gut, er lächelt.’ - Augenblicklich fiel die Anspannung von dem jüngeren Mann ab. Ein Lächeln, konnte nur ein gutes Zeichen sein. "Wolf!" rief Tony. "Tony!" rief Wolf. Mit ausgebreiteten Armen, standen sich die beiden gegenüber. Schließlich war es Wolf, der die Initiative ergriff und den Vater seiner Angebeteten in eine herzliche Umarmung zog. Eine Weile klopften sich die zwei Männer dümmlich grinsend auf den Rücken. Im Überschwang der Erleichterung bemerkte Wolf: "Es ist schön dich mal wiederzusehen alter Haudegen." Lächelnd beugte sein Schwiegervater in spe sich vor und wisperte so leise, daß nur der, für den es bestimmt war, es zu hören vermochte: "Du weißt doch, daß du schon so gut wie tot bist oder du Aushilfs-Don Juan? In der Sekunde, in der meine Kleine mal nicht hinsieht, bist du Hundefutter." DAS war ganz und gar nicht gut. Zutiefst geschockt riß Wolf die Augen auf. In seiner Kehle bildete sich auf einmal ein gewaltiger Kloß. Auf Tonys Lippen hingegen klebte auch weiterhin dieses Lächeln, das seinem Gegenüber plötzlich so echt vorkam, wie die Brüste eines Hollywoodsternchens. Bedeutungsvoll ließ der ältere Mann seine Augenbrauen auf- und abhüpfen. Oh oh, das war wirklich, wirklich ganz und gar nicht gut. Dies war kein Scherz. Tony meinte es offenbar ernst. Panik griff nach Wolf. Gut, er hatte einige Abenteuer an der Seite dieses Mannes erlebt und er hatte ihm in Kleinlammsdorf unzweifelhaft das Leben gerettet, aber wie genau kannte er ihn eigentlich? Immerhin war Tony sieben Jahre lang mit der bösen Königin verheiratet gewesen und wer wußte schon, ob er sich nicht den einen oder anderen Trick von ihr abgeschaut hatte, ganz zu schweigen von dem was seine Selbsthilfebücher eine "Psychose" nannten. Und hatte Tony während ihrer gemeinsamen Reisen nicht mehr als einmal darauf hingewiesen, daß ihn die Vorstellung Wolf zum Schwiegersohn zu haben, nicht gerade beglückte? ‚Aber das hier ist Tony - TONY - Virginias Dad - der tut dir sicher nichts an’ - wiegelte Wolfs innere Stimme ab. Doch eine andere fragte: ‚Bist du dir da auch sicher? Sieh nur, wie er dich anschaut!’ Verunsichert trat Wolf etwas näher an Virginia heran, die von alledem nichts mitbekommen hatte. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt Prince, der sich mit Wonne von ihr hinter dem Ohr kraulen ließ. Auch Fen schien nichts Verdächtiges aufgefallen zu sein. Seit Tony und der Hund hereingekommen waren, hockte der Junge mit untertassengroßen Augen auf einem der blau gepolsterten Stühle an dem runden Tisch und strahlte vor sich hin. Man mußte kein Telepath sein, um zu ahnen, was hinter der Stirn Fens vor sich ging. Es war, als könne man seine Gedanken in einer riesigen Sprechblase über seinem Kopf sehen: ‚Oh mann oh mann oh mann oh mann - ich bin im selben Raum mit den Viern, die die neun Königreiche gerettet haben - oh mann oh mann oh mann oh mann.’ So gab es also niemanden, der Wolf bestätigen konnte, daß Tony ihm gerade tatsächlich üble Dinge angedroht hatte und so langsam begann er an dem Gehörten zu zweifeln. Vielleicht war ja alles ein Mißverständnis und der gute alte Ton hatte gar nicht erklärt, ihn zu Hundefutter verarbeiten zu wollen. Und immerhin, würde er damit ja schließlich auch seiner Tochter sehr weh tun nicht wahr? Wolf kam nicht dazu, weiter über dieses Thema nachzudenken, denn in diesem Moment öffneten sich die Flügeltüren des kleinen Saales und ließen Lord Rupert herein, welcher, sich in Positur werfend, verkündete: "Meine Dame, meine Herren: Seine Majestät, König Wendell Winston Walter Wittchen."

*

Wie aus dem Ei gepellt, stolzierte Schneewittchens Enkel in einer seiner besten Uniformen in den Raum. Er hatte sich extra die Zeit genommen, sich aus dem Schlafanzug zu schälen, um seine ehemaligen Kampfgefährten angemessen begrüßen zu können. "Meine Freunde…," rief er erfreut beim Anblick Wolfs und Virginias. Doch sein Lächeln erstarb augenblicklich, als er ein fröhliches Hecheln vernahm. Leichte Panik erfasste seinen Körper und ließ ihn erstarren. ‚Oh nein, nicht doch.’ Nur die Augen bewegend suchte Wendell den Raum ab. Dort saß er, harmlos und unbefangen, so als könne er kein Wässerchen trüben. "Anthony!" zischte der junge König gepresst, um nicht SEINE Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. "Der Hu-und!" "Was?" fragte sein ehemaliger Diener begriffsstutzig. Nur langsam breitete sich die Erkenntnis auf seinem Gesicht aus. "Oh ja. Entschuldigt Eure Majestät. Komm Prince – braver Junge." Töricht grinsend führte Tony den schwanzwedelnden Golden Retriever aus dem Raum. Erst als sich die Türen hinter diesem vierpfotigen Bündel Glückseligkeit mit der feuchten Nase schloß, gelang es Wendell wieder sich ein wenig zu entspannen. Er wußte, daß sich viele das Maul zerissen über sein nahezu paranoides Verhalten dem Hund gegenüber. Aber im Grunde genommen scherte es ihn einen feuchten Kehricht. Keiner von denen, die über ihn lästerten, hatte eine Ahnung davon was es bedeutete, plötzlich auf vier, anstelle von zwei Beinen unterwegs zu sein. Noch dazu hatte der Aufenthalt im Körper des Hundes anhaltende Nachwirkungen auf Wendell. So hatte Lord Rupert ihn zum Beispiel ebend erst aus einem Traum geweckt in welchem er – der Enkel Schneewittchens, Herrscher des Vierten Königreiches – mit Begeisterung einem Stöckchen hinterhergejagt war. In seiner MENSCHLICHEN Form! Übler war allerdings das manchmal kaum zu unterdrückende Bedürfnis, gegen alle Bäume in seinem Schloßpark urinieren zu müssen. Doch das Schlimmste, Inakzeptabelste überhaupt, war der Umstand, daß Wendell sich manchmal selbst dabei erwischte, wie er kurz davor stand Anthony ‚Herrchen’ zu nennen. Den Großen Fünf sei Dank ließen diese Anwandlungen langsam nach, doch der junge König verspürte nicht den geringsten Wunsch, sie durch einen neuerlichen Aufenthalt im Körper des Golden Retriever wieder anzufachen. Und deshalb mied er peinlichst genau jede Gelegenheit, die ihn abermals in diese mißliche Lage hätte bringen können. Nachdem sein Herzschlag sich wieder normalisiert hatte, kehrte auch Wendells Lächeln auf seine Lippen zurück. "Meine Freunde…," setzte er seine unterbrochene Begrüßung fort. "…es ist mir eine Ehre, euch wieder in meinem Schloß begrüßen zu dürfen." Galant trat er auf seine Stiefschwester zu und plazierte einen Kuß auf ihrem Handrücken. Virginia sah gut aus. Offenbar bekam ihr die Schwangerschaft besser, als er erwartet hatte. Wendell hatte befürchtet, der Tod ihrer Mutter – insbesondere die Art ihres Dahinscheidens – würde sie nachhaltig verstören. Auch Wolf sah bemerkenswert gut aus, bedachte man, daß er sich mit Anthony im selben Raum aufhielt. Nachdem sein Spielschloßdesigner den Brief Virginias gelesen hatte, war er nur mit Hilfe dreier Palastwachen davon abzubringen gewesen, durch den Spiegel zu steigen, um seinem zukünftigen Schwiegersohn das Fell über die Ohren zu ziehen. "Wendy!" krähte Wolf erstaunlich glücklich und machte Anstalten, den König zu umarmen. Eilig streckte dieser dem impulsiven Mann eine Hand entgegen und hoffte, noch einmal davonzukommen. Tatsächlich hielt Wolf in seiner Bewegung inne. Grinsend ergriff er die dargebotene Hand und schüttelte sie mit demselben Enthusiasmus, der all seine Aktionen auszuzeichnen schien. "Und nun sollten wir uns vielleicht dem Grunde eurer Anwesenheit auf dieser Seite des Spiegels zuwenden," beendete Wendell die wenig formelle Begrüßung. "Ich hoffe doch sehr, daß es nichts mit jenem ruchbaren Eindringling zu tun hat, der wenige Nächte zuvor in mein Schloß einbrach und unerlaubterweise den Spiegel durchquerte." Daraufhin wurde es totenstill im Raum. Virginia und ihr Begleiter starrten auf einen Punkt, der sich hinter dem Rücken des Königs befand. "Du hast uns nichts davon erzählt, daß du eingebrochen bist," stellte Virginia fest. Unverkennbarer Tadel lag in ihrer Stimme. Erst als Wendell sich daraufhin umdrehte, bemerkte er den jungen Mann der es sich auf einem der Stühle am Konferenztisch bequem gemacht hatte und auf einmal ein äußerst starkes Interesse an seinen Fingernägeln zu entwickeln begann. "Ja…ähem…also," stotterte er verlegen vor sich hin. "Soso," entgegnete Wendell in dem Tonfall, den Giles ihm gegenüber so oft benutzt hatte. Er runzelte die Stirn und begann auf den Spitzen seiner Zehen auf und ab zu wippen. "Dann ist dies also der Missetäter, der vier meiner Wachen mit einer Substanz, welche mühelos als Trollstaub zu identifizieren war, außer Gefecht gesetzt hat?" Auf seinem Stuhl schien der Junge noch etwas mehr in sich zusammenzusinken und Wendell konnte es kaum fassen, daß seine Wachen die Stirn besessen hatten, ihm zu erzählen, ihr Angreifer wäre circa einen Kopf größer als ein Troll und mindestens drei Zentner schwer gewesen. "Wie gut, daß ihr ihn gefangen habt. Hoffentlich hat er keinen allzu großen Schaden im Zehnten Königreich angerichtet." "Also eigentlich…," erwiderte Wolf und kratzte sich an der Schläfe, "…sind wir ja hier, um ihm zu helfen." Verwirrt musterte Wendell ihn. "Aber was…?" fragte er ratlos und sah in die Runde. Wie üblich war Anthony keine große Hilfe. Er zuckte lediglich mit den Schultern und bediente sich aus einer Schale mit Weintrauben, die auf einem kleinen Mahagonietischchen in seiner Reichweite stand. "Hat Lord Rupert Euch denn gar nichts erklärt?" erkundigte sich Virginia und sah fragend zu dem schmächtigen Hofmarschall, der mucksmäuschenstill neben der Tür stand. ‚Nur wenn der Satz: "Dieses Dunkelgrün paßt ja so gar nicht zu Euren Augen." zählt’ - dachte Wendell resignierend. "Ohhhh!" rief Lord Rupert in diesem Moment und zog ein kleines, in Leder gebundenes Büchlein aus seiner Rocktasche. "Ich habe ja völlig vergessen, daß ich morgen ein Beisammensein mit Baronin Lansky, betreffs der Einweihungsfestlichkeiten des Denkmals für ihren gefallenen Gatten, habe. Na da ist es wohl an der Zeit mich zurückzuziehen. Lords, Lady Virginia, Eure Majestät – eine angenehme Nacht Euch allen." Eilig schlüpfte er aus der Tür, begleitet von Tonys Rufen: "Hey nehmt Prince mit okay? Der könnte noch einen Gang ums Schloß vertragen." Lord Rupert jedoch antwortete nicht mehr und so mußte sich Wendell wohl oder übel an seine Gäste wenden. "Vielleicht verrät mir mal endlich einer, worum es hier eigentlich geht," nörgelte er ein wenig ungeduldig. "Gute Idee," kommentierte Tony zwischen zwei Weintrauben. Wolf und Virginia warfen sich einen jener Blicke zu, die nur für Paare mit einem ganz besonderen Draht zueinander reserviert schienen. Dann begannen sie zu erklären und mit jeder Silbe die sie sprachen, lauschte ihnen der Regent des Vierten Königreiches aufmerksamer. Als sie schließlich geendet hatten, war es eine Weile lang völlig still im Raum. Nachdenklich ließ Wendell sich auf seinem Platz am Kopf des Konferenztisches nieder, den Blick fest auf die Karte der neun Königreiche gerichtet. "Ich hatte keine Ahnung, daß es so schlimm steht," gestand er. Und es waren keine hohlen Worte. Im Gegensatz zu einigen der anderen Königreiche, verfügte das Vierte über keine Agenten. Schneewittchen hatte es einst als überflüssig betrachtet, ihre Nachbarn zu bespitzeln und bis zum heutigen Tage hatte es für ihre Nachfahren keinen Grund gegeben diese Politik zu ändern. Beinahe war Wendell geneigt ‚bedauerlicherweise’ hinzuzufügen. Alles in ihm drängte plötzlich danach, etwas zu unternehmen. Seine Tage als Hund – so gräßlich, unkomfortabel und haarig sie auch gewesen sein mochten – hatten ihn gelehrt, daß man Ungerechtigkeit bekämpfen mußte, wo immer man auf sie traf. Das Gleiche galt für übergeschnappte Monarchen. Von seiner Position am Weintraubenspender aus erkundigte sich Tony: "Warum drohen wir diesem blutrünstigen Rotkäppchen nicht einfach damit, in ihren netten kleinen Wald einzumarschieren, wenn sie nicht damit aufhört unschuldige Leute umzubringen?" Der Blick, den Fen ihm daraufhin zuwarf, war voll solcher Dankbarkeit, daß es beinahe weh tat. Wendell ließ sich Tonys Vorschlag einen Augenblick lang durch den Kopf gehen und schüttelte denselbigen dann. "Das wäre nichts als eine leere Drohung und ich fürchte, Rotkäppchen weiß das auch. Seit dem Tag vor beinahe zweihundert Jahren, an dem ihre Großmutter – das Original im übrigen – an der Spitze ihrer Armee die Truppen des Trollkönigs aus dem Achten Königreich vertrieb, ist das Heer des Hauses von Rotkäppchen ungeschlagen geblieben. Wir hätten nicht den Hauch einer Chance gegen sie." "Was ist mit den anderen Königreichen?" warf Virginia hartnäckig ein. "Wäre denn niemand bereit, ein Bündniss mit uns zu schließen?" Betrübt seufzend entgegnete Wendell. "Keiner würde es wagen Rotkäppchen herauszufordern. Nicht für…," er unterbrach sich, bevor ihm etwas furchtbar unsensibles herausrutschen konnte. Wolf und Fen allerdings sahen sich nur wissend an. "Nicht für ein paar lausige Wölfe," beendete der jüngere der beiden den Satz des Königs. Einer Decke aus Blei gleich senkte sich Schweigen über die im Raum Anwesenden. Jeder hing seinen eigenen düsteren Gedanken nach. Schließlich war es Tony, der die Stille durchbrach. "Also liegt es wieder einmal an uns," fasste er die Situation zusammen und ließ seine Fingerknöchel geräuschvoll knacken. "Genauso, wie ich es am liebsten habe." Überrascht starrten die Anderen ihn an. "Uns?" echote seine Tochter. "Du meinst, du willst uns begleiten?" "Natürlich," erwiderte Tony und zuckte mit den Schultern, bevor er eine Weintraube in die Luft warf und sie geschickt mit dem Mund wieder auffing. Wendell hegte den starken Verdacht, daß er für dieses Manöver irgendwann einmal sehr intensiv vor dem Spiegel geübt haben mußte. "Immerhin…," fuhr der ehemalige Hausmeister fort, "…existieren viel zu viele Gefahren in diesen verrückten Königreichen, als daß ich euch allein ziehen lassen könnte. Denk nur an all die häßlichen Unfälle, die einem hier zustoßen können." Lächelnd sah er von Virginia zu Wolf der auf einmal einen Tick blasser zu werden schien. "Und das wollen wir doch alle nicht oder?"

*

Man hatte ihnen das Zimmer zugeteilt, das sie auch bei ihrem letzten Besuch in Wendells Palast bewohnt hatten. Doch im Gegensatz zu damals, als sie zwei Tage am Stück geschlafen hatte, konnte Virginia dieses Mal keine Ruhe finden. Draußen mehrten sich bereits jene Anzeichen, die vom Anbruch des Morgens kündeten und trotzdem war die junge Frau so wach, als hätte sie fünf extra starke Tassen italienischen Espressos intus. Neben ihr schlief Wolf den Schlaf der Gerechten und ein wenig neidisch lauschte Virginia seinen gleichmäßigen Atemzügen. Sie wußte, daß Fen früh am nächsten Tag aufbrechen wollte und da sie mittlerweile mit den Gepflogenheiten der neun Königreiche etwas besser vertraut war, argwöhnte sie, daß sie in der nächsten Zeit kaum ausreichend Gelegenheit zum Schlafen finden würde. Also hätte sie besser mitnehmen sollen, was sie kriegen konnte. Da man Morpheus aber eben nicht herbeizwingen konnte, lag Virginia wach in dem großen, luxuriösen Bett wach und betrachtete die im Zwielicht liegenden Blumentapisserien des Raumes. Eine Weile lang versuchte sie sich einzureden, ihre Unfähigkeit Ruhe zu finden läge an der Freude über das Wiedersehen mit ihrem Vater. Erst als sie ihn vorhin in die Arme geschlossen hatte, war ihr klar geworden, wie sehr sie ihn vermißt hatte. Vierzehn Jahre lang, war er praktisch der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Die einzige andere Person welche die Trostlosigkeit des New Yorker Alltags mit ihr geteilt hatte. Vor ihrer Reise durch den Spiegel war Virginia nie länger als eine Woche von ihrem Vater getrennt gewesen. Für sie hatten sich die ersten Monate an Wolfs Seite so aufregend und spannend gestaltet, daß ihr das Fehlen des Mannes, der sie aufgezogen hatte nicht wirklich aufgefallen war. In den letzten zwei, drei Wochen jedoch hatte sich dies geändert. Mehr und mehr war die Abwesenheit ihres Vaters in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit gerückt. Trotzdem war es nicht das ersehnte Treffen gewesen, das sie sosehr aus der Bahn geworfen hatte. Etwas anderes kratzte unter der Oberfläche ihres Bewußtseins und verlangte, ans Licht gelassen zu werden. Unruhig schlug Virginia die Decke zurück und richtete sich auf, vorsichtig darauf achtend, Wolf nicht zu wecken. Einen Augenblick lang saß sie einfach nur unschlüssig auf der Bettkante, bevor ihre Füße wie von selbst in die kleinen Pantoffeln glitten, die auf dem kleinen Perserteppich vor ihrer Ruhestatt warteten. Lautlos warf sie den filigranen Morgenmantel über, der an dem Pfosten neben ihrem Bett hing und schlüpfte dann schließlich aus der Tür. Die Gänge des Schlosses lagen wie ausgestorben vor Virginia. Nur einige Fackeln erhellten das Dunkel der Korridore. Das spärliche Licht verlieh den Porträts an den Wänden ein seltsames Eigenleben und mehr als einmal glaubte die nächtliche Spaziergängerin sich von den Augen der Vorfahren Wendells verfolgt. Es bereitete ihr jedoch kein Unbehagen, besonders, als sie für einen Moment vor einem Bild stehenblieb, das Schneewittchen in jüngeren Jahren zeigte. Sie war atemberaubend schön, die Aura von Güte und Herzenswärme, die Virginia in der Eishöhle unter den Schneewittchenfällen an ihr erlebt hatte, schien sie bereits zu Lebzeiten umgeben zu haben. Unwillkürlich lächelte die junge Frau das Porträt an und war fast ein wenig enttäuscht, daß ihr Schneewittchens Abbild nicht zublinzelte. Virginia brauchte nicht lange, um zu erkennen, wohin ihre Füße sie beinahe automatisch trugen. Vor der Tür des Raumes hielt sie eine Sekunde lang inne und wunderte sich, daß dieses Mal kein Posten Wache stand. Ohne jeden Grund begann ihr Herz plötzlich schneller zu schlagen. Zaghaft, so als bestünde die Klinke aus glühendem Metall, öffnete sie die Tür und betrat das Zimmer, welches einst ihrer Mutter als Unterkunft gedient hatte. Im Halbdunkel besaß dieser Raum einen völlig anderen Charakter als in jenen Augenblicken, in denen er durch das Licht unzähliger Kerzen erhellt wurde. Fast schien es, als hätte ein Teil des Wesens seiner kurzzeitigen Bewohnerin in den Tiefen der Schatten überlebt. Ein Gedanke, bei dem es Virginia kalt über den Rücken lief. Matt glänzend erhob sich der Reisespiegel ihrer Mutter in einer Ecke des Zimmers. Offenbar hatte es niemand für nötig erachtet, seine Oberfläche wieder zu bedecken. Mit gekreuzten Beinen ließ sich Virginia auf dem weichen Teppichboden vor ihm nieder. Während man die anderen Spiegel der Königin an die Zwerge des Neunten Königreiches zurückgegeben hatte, um einen zukünftigen Mißbrauch von vornherein auszuschließen, war der Reisespiegel im Schloß verblieben. Auf diese Weise war es für Wolf und Virginia im Notfall einfacher, zwischen den Dimensionen hin und her zu wechseln. Nachdenklich betrachtete die Frau auf dem Fußboden das harmlos scheinende Äußere des Spiegels. ‚Kaum zu glauben, wieviel Ärger wir wegen diesem Ding hatten’ – schoß es ihr dabei durch den Kopf. Noch war die Erinnerung an die hinter ihr liegenden Strapazen zu lebendig, um ein Gefühl der Wehmut aufkeimen zu lassen. Doch Virginia glaubte erste Anzeichen bei Wendell entdeckt zu haben. Vorhin im Konferenzsaal, als ihr Vater verkündet hatte, sich der Gruppe anschließen zu wollen, war ihr ein winziges Aufflackern in den Augen des jungen Königs nicht entgangen. Sie war sich beinahe sicher, daß Wendell insgeheim den Wunsch verspürte, mit ihnen zu kommen. Doch er war nun für ein ganzes Königreich verantwortlich und offenbar hatte er während ihrer gemeinsamen Reise gelernt, impulsiven Eingebungen zu widerstehen. Erneut glitten Virginias Gedanken zurück zum Spiegel. Er und sein Bruder, dessen Scherben vermutlich noch immer in der Scheune vor dem Haus des Metallschmieds herumlagen, hatten ihr Leben gewaltig auf den Kopf gestellt. Die Reise auf diese Seite der Wirklichkeit hatte positive und negative Aspekte gehabt. Wolf war eindeutig ein positiver, wahrscheinlich der positivste überhaupt. Schmunzelnd erinnerte Virginia sich daran, wie ihr Gefährte Mr. Christopher, Besitzer des ‚Chez‘ und Onkel des famosen Richie, am Telefon beschwatzt hatte, ihm zwei Wochen freizugeben. Widerwillig hatte der Mann sein, wie er es manchmal ausdrückte ‚bestes Pferd im Stall‘ ziehen lassen. Aber nur unter der Bedingung, daß Wolf einen halbwegs gleichwertigen Ersatz für den Zeitraum seiner Abwesenheit auftrieb. Zerstreut fragte Virginia sich, ob Mr. Murray seine neue Stellung wohl gefiel. Sie selbst hatte Nanette erzählt, ihre Mutter läge in Ohio im Sterben. Auch jetzt drückte sie ihr Gewissen wieder, wenn sie an die Bestürzung in der Stimme der anderen Frau dachte. "Ach Gott Kindchen, natürlich mußt du sofort hinfahren. Ich bete dafür, daß deine Mom es doch noch schafft." Damit war sie vermutlich die Einzige, die, abgesehen von Tony vielleicht, jemals für das Wohl von Virginias Mutter gebetet hatte. Denn die junge Frau war sich sicher, daß ihre Großmutter meist viel zu betrunken war, um eine anständige Fürbitte zustande zu bringen. Nanette aber hatte ihre Mutter nicht gekannt. Hatte nicht erlebt, was zu tun sie imstande gewesen war. Wenn sie es gewußt hätte, hätte sie ihr vermutlich ganz andere Dinge gewünscht. Und dieser Gedanke schmerzte Virginia, hatte sie es sich doch angewöhnt, Christine Lewis und die Königin als zwei völlig unterschiedliche Personen zu betrachten. Manchmal, in ihren sentimentalsten Minuten, fragte sie sich, ob es etwas gegeben hatte, was sie hätte anders machen können. Ob andere Worte oder Taten das Herz der Frau, zu der ihre Mutter geworden war, bewegt hätten. Hier in diesem Raum waren sie nach vierzehn langen Jahren das erste Mal wieder aufeinandergetroffen und ab und an träumte Virginia von diesem Moment. Bisweilen endeten ihre Träume damit, daß sie und ihre Mutter sich in die Arme fielen - meistens jedoch starb sie im Traum durch die Hände der Königin. Im Grunde aber spielte es keine Rolle, wie die Träume ausgingen, denn jedes Mal wenn sie erwachte, fühlte Virginia erneut den Verlust. Trotzdem wurde es besser, denn tief in ihrem Innern hatte sie begriffen, daß die Entscheidungen, die sie zu treffen gezwungen gewesen war, richtig waren. Auch wenn das Bedauern vielleicht niemals völlig weichen würde. "Was tun wir nur hier? Es ist noch weit vor vier!" meldete sich mit einem Male der singende Ring empört zu Wort und riß Virginia damit aus ihren Grübeleien. Offenbar nahm er die, nun schon zwei Nächte hintereinander, anhaltende Störung seiner Schlafphase langsam persönlich. Beschwichtigend lächelte die Übeltäterin ihm zu und bemerkte überrascht, daß sie gähnen mußte. Sah ganz so aus, als würde der Schlaf nun doch noch an ihre Pforte klopfen wollen. Gemächlich erhob sich Virginia und schickte sich an zu gehen. Bevor sie jedoch die Tür erreichte, blieb sie noch einmal stehen und sah zum Spiegel zurück. Für einen Moment kam ihr die irrwitzige Idee, das Ornament zu betätigen, nur um sich zu vergewissern, das der Durchgang auch weiterhin existierte. Dann jedoch schüttelte sie den Kopf ob dieses Unsinns und verließ das Zimmer.

*

Wolf wartete, bis er sicher war, daß sein Lämmchen auch wirklich schlief. Erst dann drehte er sich zu ihr herum und musterte ihr friedliches Gesicht. Vorsichtig strich er Virginia eine Strähne ihres schwarzen Haares aus der Stirn und atmete ihren wundervollen Duft so tief ein, wie er nur konnte. Er hatte ihr Weggehen in dem Augenblick bemerkt, in den sich die Tür des Zimmers hinter ihr geschlossen hatte und hart mit sich gekämpft ihr nicht zu folgen. Was auch immer sie quälte, war eine Sache, die sie nur mit sich selbst ausmachen konnte. Alles was Wolf tun konnte, um seiner Geliebten zu helfen war, ihr dabei nicht im Weg zu stehen. Aber huff puff, dies war eines der schwersten Dinge, die er jemals hatte tun müssen. "Schlaf meine Prinzessin," flüsterte er liebevoll. "Es wird alles wieder gut werden."

To be continued...

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