die geheimnisvolle
Zugfahrt
Es wollte einfach nicht enden. Schon so lange war sie unterwegs.
Doch da waren nur Bäume, Häuser, Kühe, Pferde und trostlose
graue Bahnhöfe. Ein ständiges Wackeln, Rumoren, Anhalten und
Anfahren. Immer das Gleiche, Stunde für Stunde und keiner, der
sich um sie kümmerte. Sie wollte weinen und schreien, stampfen
und kreischen, aber es war ihr klar, dass das Niemanden
interessiert hätte. So schloss sie die Augen und versuchte, in
ihre Traumwelt zu entfliehen. Diese war eine ganz besondere Welt.
Man lebte dort im Wald, an der Küste, in der Wüste, auf Bergen
oder in Tälern. Und das Schönste war, dass es dort nur Kinder
gab. Aber das war noch nicht alles. Das wirklich Besondere war,
dass jeder Gedanke den man hatte, sofort zur Realität wurde.
Dies war oft sehr praktisch. Denn, hatte man ein Bild von einer
großen Schokoladentorte mit Sahnehäubchen im Kopf, so war sie
sogleich präsent. Wollte man an einen anderen Ort, so musste man
den Fuß nicht heben und man war schon dort. Aber die Sache hätte
einen Haken haben können, denn Rachegedanken, Verwünschungen
oder Flüche, hätten fatale Folgen gehabt. Die Kinder jedoch
wussten um dies und da sie ja alles, was sie wollten,
sekundenschnell haben konnten, lebten sie nur glücklich
miteinander. Denn wozu Neid und Eifersucht, wo doch Alles zu
erreichen, zu bekommen, zu besitzen möglich war? Ja, es war
wirklich ein Leben in Harmonie. Als Außenstehender könnte man
meinen, das sei langweilig. Aber wer Burgenbauen, im Wasser
plantschen, durchs Gras rollen, singen, tanzen lachen und spielen
langweilig findet, ist wohl nie Kind gewesen.
Aber es wollte ihr heute einfach nicht gelingen. Sie musste ständig
daran denken, dass sie in diesem Zug saß, der einfach nicht
ankommen wollte. Doch gerade, als sie die Augen ein weiteres Mal
schließen wollte, hielt der Zug und ein Mann stieg ein. Er zog
sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich, was auch nicht allzu
verwunderlich war. Er war von großer Statur, hatte weißes
langes Haar, einen langen, alten, schon etwas verschlissenen
Mantel an, trug ausgelatschte Schuhe, einen Zylinder und
Spazierstock und rauchte Pfeife. Sein Blick fiel sofort auf sie.
Auf das kleine Mädchen, mit den zwei dicken Zöpfen. Er ging auf
sie zu, grüßte sie und setze sich ohne zu zögern neben sie.
Was zur Folge hatte, dass sie erst einmal kräftig Husten musste,
denn Zigarrenqualm war sie einfach nicht gewöhnt. Der Mann lächelte
und fragte sie daraufhin, ob er seine Pfeife ausmachen solle,
worauf sie jedoch meinte, da sie fand dass die Pfeife einfach zu
diesem Mann gehöre, dass er sie wohl ruhig anlassen könne.
Ohne gefragt worden zu sein fing der Fremde an, ihr zu erzählen,
dass er ein Archäologe sei und unterwegs in ferne Länder reise
um seiner Arbeit nachzugehen. Das gefiel ihr irgendwie. Archäologe.
Das klang so schön fremd, und irgendwie auch so weich. Vor allem
aber war es nichts Gewöhnliches, wie Lehrer, Arzt, Arbeiter,
Verkäufer. Doch wirklich wissen, was ein Archäologe war, dass
tat sie nicht. Sie hatte dieses Wort noch nie bewusst gehört.
Nachfragen wollte sie aber auch nicht. Aber es schien, als
verriete ihr Gesichtsausdruck ihre Gedanken, denn der Mann fragte
sie sogleich, ob sie gerne im Sand oder in der Erde grübe, was
sie, da sie ja ein Kind war, natürlich bejahte. Auch auf die
Frage, ob sie dort manchmal etwas gefunden hätte, nickte sie kräftig.
Und als er meinte, dass genau darin die Arbeit eines Archäologen
bestünde, war ihr Berufswunsch endlich festgelegt. Nie hatte sie
sich abfinden können nur zu kochen, oder Wäsche zu waschen und
einzukaufen. Auch Krankenschwester oder Lehrerin ist nie wirklich
für sie in Frage gekommen. Aber Archäologe, dass gefiel ihr.
Sie fand, dass es so ziemlich der erste, wirklich sinnvolle Beruf
sei, von dem sie gehört hatte. Aber wie würde dass denn in
ihrem Fall heißen? Archäolgeuse oder hiess das Archäologin?
Sie wusste es nicht, hatte aber auch keine Gelegenheit weiter darüber
nachzudenken, denn der Mann wollte nun wissen wo sie denn
hinfahre.
"Zur Oma, aber ich will da nicht hin", war da mit halb
traurigem halb trotzigem Stimmchen zu hören. Jetzt war die
Bahnfahrt gerade vergessen und ist doch so schnell wieder in ihr
Bewusstsein gekommen. Ihr Gesicht verdüsterte sich und sie schob
trotzig ihre Unterlippe vor. Der Alte nickte nachdenklich und
wollte schließlich wissen, an welchem Ort sie denn am liebsten
sei, worauf sie meinte, dass er diesen Ort nicht kenne. Den
Versuch Erwachsenen von ihrem Traumland zu erzählten, hatte sie
nämlich schon lange aufgegeben. Doch er lächelte geheimnisvoll
und wollte wissen, wo dieser Ort denn sei. Als sie wagte darauf
zu antworten: "überall und nirgends", seufzte der alte
Mann leise und meinte, dass er dort auch oft gewesen sei, als er
so alt war wie sie. Sie schaute ihm in seine Augen, die sie so
verständnisvoll anschauten, dass sie sich sogar traute zu
fragen, warum er dann jetzt nicht mehr da sei, da sie ihn dort
noch nie gesehen hätte. Sein Blick wurde traurig und er meinte,
dass diesem Ort Erwachsene lieber fern bleiben sollten. Sie
kratzte sich am Kopf, doch ehe sie verdutzt hätte schauen können
fuhr er fort, dass man mit dem Erwachsenwerden und in die Schule
gehen anstatt dazu zu lernen vieles verlerne, vor allem die Fähigkeiten
zu träumen und das zu erschaffen, das man wirklich will. Das
fand sie traurig, sie wurde ganz still und nahm sich vor, nie so
zu werden. Ja, seufzte er wehmütig und sagte dann mein trauriger
Stimme: "Ich habe mir geschworen in diese Welt immer wieder
zu reisen, sie nie zu verlassen, aber wo man ist und wo man sein
will, dass passt in dieser Zugfahrtwelt nicht immer zusammen."
Er schien plötzlich ganz abwesend und genau so abwesend flüsterte
er irgend etwas von wegen, dass sie dort viele seien, viele
Kinder und sie sich vereinen müssten.
Das verstand sie nicht so richtig, man hatte ihr doch schon so
oft gesagt, dass es doch nur ein Traumland sei. Aber vereinen,
das fand sie schon gut. Er schaute ihr plötzlich tief in die
Augen und meinte, es sei nicht nur ihr Traumland und fragte, ob
sie wirklich glaube, dass sie das einzige träumende Kind wäre?
Sie hatte den Mund schon aufgemacht, als der Zug abermals hielt
und der Alte in aller Eile den Zug verließ. Sie schloss die
Augen und plötzlich, wie sie durch den Wald ritt, kam ihr eine
Gestalt entgegen. Sie war größer als die anderen Kinder, hatte
langes weißes Haar und ja, sie rauchte Pfeife.