Wo genau siehst du
die Gründe für Werthers Selbstmord? Belege deine Einschätzung
durch geeignete Textstellen. Wie beurteilte Goethes Zeit den
Selbstmord, soweit aus dem Text ersichtlich? (Seitenzahlen und
Zeilenangaben beziehen sich auf die Ausgabe der Hamburger
Lesehefte)
Würde man die Gründe für Werthers Selbstmord nur auf die
gescheiterte Liebe für Lotte beziehen, so würde man Werther
wohl nicht gerecht werden. Schon bevor er Lotte kennengelernt
hatte, war der Gedanke des Selbstmordes vorhanden. So schreibt er
im Brief vom 22. Mai: "Und dann, so
eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das Süße
Gefühl der Freiheit und dass er diesen Kerker verlassen kann,
wann er will" (S. 11, Z 16-18). Der
Selbstmord ist also Ausdruck der Freiheit. Werther hat ein
Problem in der Gesellschaft und mit deren Idealen zurecht zu
kommen. Er fühlt sich eingeschränkt. Sich umzubringen, ist für
ihn die extremste Form der Autonomie, nicht tun, was andere von
ihm erwarten, nicht etwas tun, was er nicht verstehen kann.
Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass Werther keine Angst vor dem
Tod hat und von einer Existenz nach dem Tod überzeugt ist. Wobei
Werther hier etwas hin und hergerissen zu sein scheint. So begründet
er seinen Selbstmord im Brief vom 15. November damit, dass Gott
ihn verlassen hat: "Mein Gott! Mein
Gott! Warum hast du mich verlassen?" (S. 74, Z. 36,37) Und
zugleich vertraut er auf ein Weiterleben und Wiedersehen nach dem
Tod und somit in gewissem Sinne auf Gott: "Wir
sind ja! Vergehen! - Was heißt das? Das ist wieder ein Wort, ein
leerer Schall, ohne Gefühl für mein Herz." (S. 100, Z. 29-31),
oder: "[...]und ich fliege dir entgegen
und fasse dich und bleibe bei dir [...]" (S. 100, Z. 31-33)
Ich habe auch das Gefühl, dass Werther im Laufe der Geschichte
verstärkt eine realistische Sichtweise verliert. Er lebt in
seiner eigenen Welt. In seinen Büchern und seiner Leidenschaft
zu Lotte, in einem Gefühlschaos, dem er nicht entweichen kann.
So steht im Brief vom 19. Julius: "Ich
werde sie sehen! [...] Alles, alles verschlingt sich in dieser
Aussicht!" (S. 33 , Z. 28,29)
Auch liest er sich, mittels seiner Lektüre, in bestimmte
Stimmungen. Während er Homer liest, hofft er auf ein gutes Ende,
mit Ossian jedoch, wird seine depressive Lage noch verstärkt.
Sie ist in gewisser Weise geradezu selbstquälerisch und doch das
Einzige, das er liest.
Der Hauptgrund ist und bleibt aber seine Liebe zu Lotte, welche
schließlich zu seiner Tat führt. Zu Beginn, als er Lotte
kennenlernt, ist er sofort begeistert von ihr, blüht geradezu
auf, meint seine Seelenverwandte gefunden zu haben. Lotte ist
sein Idealbild, dass er vom Menschen hat. Sie gibt ihm Grund zum
Leben: "O der Engel! Um deinetwillen
muss ich leben" (S. 29, Z.3-5) Doch
bald merkt er, dass dieses Idealbild, welches er sucht, nicht zu
erreichen ist. Und dennoh ist er abhängig von Lotte. Auch der
Versuch Distanz zu schaffen, eine Arbeit an einem anderen Ort
aufzunehmen, ändert nichts an seinem Problem. Und Lotte ist sich
dessen bewusst. Auch sie schafft es nicht, ihm strikt zu sagen,
er solle fernbleiben. Auch sie liebt ihn: "und
seine Entfernung drohte in ihr ganzes Wesen eine Lücke zu reißen,
die nicht wieder ausgefüllt werden konnte." (S. 91, Z. 28-30).
So entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis, welches in Werthers
Augen am Ende ein Opfer forderte. Denn auch Albert, der Lotte
Sicherheit gibt und den Lotte wirklich liebte, ist eben da. So
sieht sich Werther auch als Opfer für Lotte "[...]
und dass ich mich opfere für dich" (S. 90Z. 3) Auffällig
ist auch, dass Lotte und Werther nie wirklich über ihre Gefühle
sprechen. Kommunikation läuft im Grunde nur auf der Gefühlsebene
ab. Das Denken, die Lektüre ist es, das die Zwei verbindet.
Teilweise spielt Lotte auch geradezu mit Werther. So auch in
jener Szene, in der ihr Kanarienvogel zuerst sie, dann Werther küssen
sollte. (S. 68, Z. 69)
Sie versucht ihm ins Gewissen zu reden, sagt ihm, er sei krank.
Sie spürt sein Vorhaben und will, dass er es ihretwegen nicht
tut: "Tun sie es nicht [...] denken sie
an Lotte" (S. 74, Z. 1,2).
Ich finde, teilweise provoziert sie ihn geradezu, wobei sie
jedoch in einer sehr verzwickten Lage ist und es vielleicht gar
nicht beabsichtigt.
Doch am Ende weiß Werther, dass die "Quelle
alles Elendes [in ihm] verborgen ist" (S. 37, Z. 9,10).
Schon in dem Gespräch mit Albert spricht er von einer "Krankheit
zum Tode" (S. 40, Z. 41). Er
vergleicht seinen Zustand mit einem Fieber. Seine Kräfte werden
verzehrt und er kann sich nicht wieder aufhelfen. So sieht er im
Selbstmord eine legitime, natürliche Tat, ein Resultat aus
bestimmten Situationen und Gefühlslagen. Es ist ein Naturrecht,
dass jeder über sein Leben verfügen kann. So schreib er: "Die
menschliche Natur[...] hat ihre Grenzen. Sie kann Freude, Leid,
Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde,
sobald dieser überstiegen ist"(S. 40, Z.30-33).
Er sieht sein Ende also auch als Etwas schicksalhaftes, das kommt
und unabwendbar ist.
Leidenschaft ist für ihn stärker als rationales Denken. Womit
er der Ansicht widerspricht, die zu seiner Zeit hinsichtlich
eines Selbstmordes üblich war. Dies wird vor allem im Gespräch
mit Albert deutlich, welcher das damalige Denken repräsentiert.
Es war die Handlung eines Wahnsinnigen: "Ich
kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so töricht sein kann,
sich zu erschießen; der bloße Gedanke erregt mir Widerwillen"
(S. 39, Z. 1-3). Ein vernünftiger Mensch
hat sich unter Kontrolle, so die Aufklärer. Moralisch wie religiös
war ein Selbstmord nicht vertretbar: "kein
Geistlicher hat ihn begleitet" (S. 106, Z.35)
Es war also Sünde, für welche teilweise sogar die Nachkommen
noch büßen mussten.
Der Mensch hat nicht das Recht absolut über sich selbst zu verfügen.
Er hat auch in gewissem Maße Verpflichtungen gegenüber der
Gesellschaft. Selbstmord ist nach Albert "eine
Schwäche [und es ist] leichter zu sterben, als ein qualvolles
Leben standhaft zu ertragen." (S. 40, Z. 3-5)
Wenn man nun Werthers Gründe mit den Ansichten seiner Zeit
vergleicht merkt man, dass er ganz neue, andere Aspekte
aufgeworfen hat. So war sein Selbstmord auch Gesellschaftskritik.
Aber waren seine Gefühle wirklich neu, oder hat er nur "ausgesprochen",
was so viele fühlten? Wenn man daran denkt, was für
Auswirkungen das Buch hatte, nicht nur im Hinblick auf die
wachsende Selbstmordrate hatte, könnte man diese Frage wohl sehr
schnell mit einem kräftigen "Ja" beantworten.
So scheint es, dass Goethe den Nerv seiner Zeit getroffen hat und
gewollt oder nicht, die junge Generation und somit die Zukunft in
beträchtlichem Maße beeinflusst hat.