Weltgeschichte

Als ich ein Knabe war und in eine schlechte Lateinschule ging, da war mir das, was man "Weltgeschichte" nannte, etwas unendlich Ehrwürdiges, Fernes, Edles, Mächtiges, so etwas wie Jehova und Moses. Weltgeschichte war früher einmal gewesen, war einmal Gegenwart und Wirklichkeit gewesen, hatte geblitzt und gedonnert, und war jetzt lang vergangen, fern und ehrwürdig geworden, stand in Büchern und wurde von Schülern gelernt. Das Letzte aus der Weltgeschichte, wovon wir Knaben vernahmen, war der Siebziger Krieg. Das war schon erstaunlicher und erregender: da waren unsere Väter und Onkel noch dabeigewesen, ja es fehlten bloß ein paar Jahre, so hätten wir selber das noch erlebt. Und wie herrlich mußte es gewesen sein: Krieg, Heldentum, wehende Fahnen, reitende Feldherrn, neugewählte Kaiser, Reiterattacken. Wie uns glaubwürdig und heilig versichert wurde, waren in diesem Krieg Wunder und Heldentaten geschehen, war es wahrhaft großzügig und wirklich weltgeschichtlich zugegangen, nicht bloß so wie gestern und heute und immer. Männer und Frauen hatten Unerhörtes geleistet, Unerhörtes ertragen, Massen des Volkes hatten geweint und gelacht, hingerissen im Rausch des Erlebnisses, Fremde hatten sich auf der Straße umarmt, Tapferkeit und Selbstlosigkeit waren selbstverständlich gewesen. Herrgott, wenn man das noch erlebt hätte. Die Leute, die wir kannten, waren alle keine Helden, auch die Lehrer nicht, die zu gewissen Zeiten uns diese erhebenden Geschichten erzählten, auch unsre Väter und Onkel nicht, deren so viele doch wirklich jenen großen heldischen Krieg mitgemacht hatten. Aber irgend etwas mußte daran sein, es waren dicke illustrierte Bücher darüber gedruckt, der Bismarck hing an allen Stubenwänden, und in jedem Herbst wurde das Sedanfest gefeiert, der schönste Tag im Jahr.

Mit fünfzehn Jahren erst sah ich diesen Schimmer verblassen. Ich begann an der Ehrwürdigkeit der Weltgeschichte zu zweifeln, ich ließ mir nicht mehr vorreden, es seien in früheren Zeiten Menschen und Völker anders gewesen als heute, sie hätten damals nicht das Alltagsleben, sondern Opern und Heldenstücke gelebt. Ich wußte, unsere Lehrer hatten die Aufgabe, uns möglichst zu belasten und niederzudrücken, sie forderten Tugenden von uns, die sie selber nicht hatten, und so war wohl auch die Weltgeschichte, die sie uns vorsetzten, so ein Schwindel der Erwachsenen, um uns herabzusetzen und kleinzumachen.

Daß ich so töricht und respektlos über die Weltgeschichte denken konnte, hatte seine Gründe. Junge Menschen leben nicht von Kritik und Negationen, sondern von Gefühlen und Idealen. Und in mir ging damals etwas vor, was seither angedauert hat: Ich wurde mißtrauisch gegen die Stimmen von außen, und desto mißtrauischer, je offizieller sie waren. Und überhaupt begann ich zu fühlen, daß das eigentlich Interessante und Lebenswerte, das, was eigentlich uns erfüllen und beschäftigen und in Atem halten kann, nicht außer uns liegt, sondern in uns. Nicht, daß ich davon etwas gewußt hätte - aber ich fühlte es, und ich begann Philosophen zu lesen, Freigeist zu werden, mich in geliebte Dichter einzuwühlen - alles mit dem dunklen Gefühl, das sei mein Weg, das sei der Weg zu mir, zu mir selbst, und alle anderen Wege seien nicht die, die ich brauche und auf die ich gehöre. Es begann in mir das, was der Christ "Einkehr", der Psychoanalytiker "Introversion" heißt. Ich kann nicht sagen, ob dieser Weg, diese Art zu sein und zu leben, irgend besser ist als eine andere; ich weiß nur, für den Religiösen und für den Dichter ist sie notwendig, und ihnen wird es niemals, auch nicht wenn sie wollen und sich darum Mühe geben, gelingen, das zu lernen, was die neueren offiziellen Weisheitslehrer, "historisch denken" heißen.

Viele Jahre lang konnte ich die Welt ihren Lauf gehen lassen und sie mich. Für mich war das, was in der Welt wichtig genommen wurde und in den Reden und Leitartikeln die große Rolle spielte, nur Oper und Getue - für die Welt hingegen war das, was ich tat und was ich ernst und heilig nahm, eine Schrulle und Spielerei. Und dabei hätte es bleiben können. Aber auf einmal behaupteten Leitartikler, Universitätsprofessoren und Oberlehrer, jetzt sei wieder Weltgeschichte, nicht mehr Alltag, jetzt sei eine "Große Zeit" angebrochen. Wir Dichter und andren Außenweltler, welche darüber die Achseln zuckten, und wir Religiösen, die wir von dem wahnsinnigen Übermut und der grausigen Sorglosigkeit unsrer Führer warnten, wir waren jetzt nicht mehr harmlose Poeten, über die man lacht - wir waren jetzt Vaterlandsfeinde, Defaitisten‚ Miesmacher und wie alle die neuen hübschen Worten hießen. Wir wurden denunziert, wir wurden auf schwarze Listen geführt, man schlug uns in gutgesinnten Zeitungen giftige Schmähartikel um die Ohren. Im Privatleben war es nicht anders. Als ich im Frühjahr 1915 einem deutschen Freunde sagte, warum denn der Gedanke eigentlich so schrecklich sei, daß wir unter Umständen das Elsaß wieder herausgeben sollten, da ließ er mich merken, daß er persönlich mir Manches verzeihe, daß ich aber mit solchen Reden bei andern meine Knochen riskieren würde.

Immer noch sprach man von der "Großen Zeit", und immer noch gelang es mir nicht, sie zu sehen. Das heißt, ich verstand wohl, warum diese Zeit den andern groß schien. Sie schien ihnen so, weil für Tausende zum erstenmal ein Stück inneres Leben aufblitzte, ein wenig Seele aufglimmte. Alte Jungfern, die vorher Möpse gefüttert hatten, konnten nun Verwundete pflegen, junge Menschen trugen ihre Haut zu Markt und empfanden dabei tiefschauernd zum erstenmal in aller Fülle, was Leben sei. Das war nicht wenig, das war etwas Großes, etwas Ungeheures - aber es war es nur für jene, die geschichtlich dachten und von großen und anderen Zeiten wußten. Für uns andre, für die Religiösen und die Dichter, die auch werktags an Gott glaubten und denen das Dasein der Seele schon zuvor bekannt war, für uns konnte die Zeit nicht größer, nicht kleiner aussehen als jede. Denn wir lebten mit unsrem Innersten und Innigsten nicht in ihr.

So geht es uns auch jetzt, wo wieder Weltgeschichte aufgeführt wird und große Oper der Welt stattfindet. Es geschieht ja heute vieles, was wir selbst wünschten - es fielen Mächte, die wir teuflisch nannten, und es traten Männer von der Bühne ab, die wir als gefährlich und schlecht gehaßt und bekämpft hatten.

Aber es will uns trotzdem nicht gelingen, auch heute nicht, in den großen Ereignissen aufzugehen und braucht eine neue "große Zeit" mitzuerleben. Wir spüren das Zittern der Erde, wir leiden unter den Opfern mit, wir verarmen und verhungern mit, aber wir sehen weder in diesen Leiden, noch in den roten Fahnen, neue Republiken und Volksbegeisterungen die wahrhaft "großen" Dinge. Wir anerkennen auch jetzt nur das und leben nur das wirklich mit, was uns als wirkliche Beseelung der Geschichte, als Aufblitzen des Göttlichen erscheint. Wir hätten mit dem Kaiser, der unser Feind gewesen war, tiefe Teilnahme gefühlt, wenn es ihm gegeben gewesen wäre, auf eine große und würdige Art abzutreten. Und der junge Soldat, der im tollsten und verblendetesten Vaterlands - und Kaiserwahn sein Leben gelassen hat, ist uns unendlich viel lieber und wichtiger als der klügste demokratische Redner, der ihn einen Toren schilt. Demokratie oder Monarchie, Bundesstaat oder Staatenbund, es gilt uns gleich, denn wir fragen einzig nach dem Wie, nie nach dem Was. Und wenn ein Wahnsinniger die tollste Tat aus voller Seele begeht, so ist er uns lieber als alle Professoren, welche vermutlich jetzt mit derselben Biegsamkeit zum neuen Regime übergehen, mit der sie vorher vor Fürsten und Altären sich verbeugt haben. Wir sind blinde Anhänger einer "Umwertung aller Werte" - aber diese Umwertung hat nirgends sonst zu geschehen als in unsern eigenen Herzen.

Ich höre die Stimmen derer, die in unsrer ungeschichtlichen und unpolitischen Denkart nichts sehen als die blasierte Gleichgültigkeit von "Intellektuellen". Sie denken, wir seien Leute, denen eben alles zu Papier wird, für welche Krieg und Revolution, Tod und Leben nur noch Worte sind. Es gibt solche, gewiß. Mit uns aber haben sie nichts zu tun.

Wir sind nicht Gesinnungslose. Wir kennen nicht "gute" und "schlechte" Gesinnungen, nicht rechte und linke - wir kennen aber zweierlei Menschen, und urteilen einzig danach: solche, die ihre Gesinnungen zu leben suchen, und solche, die ihre Gesinnungen nur in der Brusttasche tragen. Den deutschen Kaisertreuen, der die Umwälzung der Dinge nicht ertragen kann und sich in ritterlicher Romantik am Fuße eines Denkmals das Leben nimmt, den halten wir nicht gerade für vorbildlich, aber wir lieben und verstehen ihn, während wir den Klugen verachten, der heute den revolutionären Jargon schon ebenso gut redet, wie noch gestern den altmodisch - patriotischen.

Wie Mächtiges geht jetzt vor, wie viele Herzen schlagen in diesen Tagen wieder leidenschaftlich in Hingabe und Hoffnung! Wie Großes kann jetzt geschehen! Wir Sonderlinge und Wüstenprediger stehen nicht abseits, sind nicht gleichgültig, fühlen uns nicht erhaben - aber wir halten für "groß" immer nur das, was in Menschenseelen vor sich geht. Die Umbekehrung vom Kaiserglauben zum demokratischen Glauben ist für uns nur ein Flaggenwechsel. Möchte sie bei vielen Tausenden mehr sein als das!

Das Ende des vierjährigen Krieges, das dieser Tage mit dem Waffenstillstand im Westen eintrat, ist nirgends gefeiert worden. Hüben feierte man den Sturz des Despotismus, drüben den Sieg. Die Tatsache, daß von einer gewissen Stunde an die ganze unsinnige Schießerei nach vier Schreckensjahren aufgehört hat, die hat eigentlich niemand aufgeregt. Merkwürdige Welt! Um wieviel kleinere Dinge schlägt man jetzt wieder Fensterscheiben und auch Menschenschädel ein!

(1918)

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