Der Blick ins Weite
Da war dieser Blick ins Weite, der Sie nicht mehr loslassen
wollte. Er hielt sie gefangen, ganz fest, unüberwindlich. Wo sie
auch hinging, was sie auch tat, er war stets gegenwärtig vor
ihren Augen. Klar und deutlich konnte, ja musste sie ihn sehen,
es war ihr Blick, ihr Wunsch - die Weite -, die Freiheit. All
ihre Sehnsucht schien in ihm versammelt, Gestalt angenommen zu
haben. Aber es war noch schlimmer als die bloße Sehnsucht, die
sie ja doch kannte. Ihre Augen schmerzten, aber das Schließen
brachte keine Linderung. Jetzt, wo sie sie Angesicht zu Angesicht
gesehen hatte, gab es keine Möglichkeit mehr zu entrinnen, kein
Augenschließen, kein Davonlaufen und Verdrängen. Wie viele
Jahre hatte sie auf diesen Blick gewartet? In wie vielen einsamen
Nächten hatte sie danach gefleht, geschrien, geweint.
Ein Augenblick, der die Ewigkeit ahnen läßt. Die Uhren stehen
still. Das Herz schlägt schneller, bis es in die Hosentasche
springt. Freude. Tränen des Glückes. Die Füße, der Körper, Hände
und Kopf werden ganz leicht und sie beginnt zu rennen. Ihr
goldenes Haar fliegt dahin, ihr himmelblaues Kleid, vom Winde
verweht, aber da krümmt sich ihre eben noch so grazile Gestalt,
einem Engel gleich, zusammen.
Schluchzen, Tränen des Schmerzes, Hände voller Erde vor ihrem
Gesicht - Angst. Es ist die pure Lebensangst, die sie beugt, sie
lähmt, sie in die Knie sinken lässt. Oder - Todesangst?
Sie wankt, sie fällt. Mauern bauen sich um sie herum, Steine
nur, hoch bis zum Himmel.
Einen winzigen Weg geben sie Ihr frei. Den Weg zurück zu den
laufenden Uhren, zu den schlagenden Herzen - aber alles nur aus
Stein - . Langsam kriecht sie voran.
Der Versuch sich aufzurichten, Atem zu schöpfen, scheint gerade lächerlich, ja unmöglich. Doch er gelingt. Mit Hilfe der Steinhand, nach der sie verzweifelt, klammernd greift.
Wasser, viel Wasser, das da aus dem Duschkopf kommt. Über Haut
und Haare. Der Versuch der Reinigung.
Sie hätte es fast geschafft. Nur wenige Schritte fehlten, aber
es waren die entscheidenden. Sie hatte versagt, sie wusste es.
Wie viele Chancen würde sie noch haben? Es war doch ihre
Bestimmung - die Weite - die Freiheit ! Sagte nicht so ihr
Verlangen ?
Aber der Blick ins Weite hielt sie ja so fest umschlungen, schien
ihr keine Wahl zu lassen. Sie wusste, dass sie es schaffen musste.
Sonst wäre sie ja mehr noch als in ihren Wünschen und Sehnsüchten
in der Freiheit selbst gefangen.
(20.10.04)