Das lebendige Weihnachtsgeschenk

Sie lag da, im Regal, mit zwei schwarzen, kugelrunden Augen, die traurig drein schauten.
Ihr brauner Kopf, schon längst müdgeworden, hatte sie zwischen ihre ebenso braunen Füßen gebettet, ihr grüner Panzer war ihr viel zu schwer geworden. Es kam ihr vor, als trüge sie die ganze Last der Welt auf ihrem Rücken. Ob sie diese Welt wirklich, wie manche Mythen behaupten, vor langer, langer Zeit aus dem Meer getragen hatte? Sie wusste es nicht.

Sie langweilte sich so sehr. Ihr Leben war so eintönig. Viele Mütter mit ihren Kindern gingen Tag täglich an ihrem Regal entlang und jetzt, wo es doch auf Weihnachten zuging, wurden es immer mehr. Manchmal wurde sie auch in die Hand genommen, gedrückt, gestreichelt, dann aber wieder lieblos zurückgelegt. Ihre Nachbarn hingegen, die Hunde und Katzen, auch die Esel und Schweine wurden begehrt, sie verschwanden ständig und neue kamen wieder hinzu. Aber sie, sie wollte niemand kaufen. Dabei war sie so weich, so kuschelig, vor allem aber wollte sie doch eben fort von hier, fort von diesem Laden, fort von diesem toten, kalten Stoff, der sie nach allen Seiten hin umgab.


Ja, unsere Schildkröte kam sich sehr nutzlos vor und fühlte sich vor allem sehr, sehr einsam. Denn eigentlich war es schon immer ihr Wunsch gewesen, etwas Sinnvolles in ihrem Leben zu tun. Sie wollte doch so gern anderen eine Freude machen, sie aufmuntern, sie trösten. Ja, sie wollte ihrer Aufgabe doch endlich, endlich nachkommen. Denn sie war eben nicht, wie manch Mitteleuropäer vielleicht glauben mag Inbegriff alles Faulen und Trägen. Nein, sie war seit jeher, die Chinesen wissen das recht gut, tatsächlich kam sie ja auch aus China, das Schutztier der Menschen. Es war ihre Aufgabe, den Menschen Glück und Erfolg zu bescheren und sie an die Unsterblichkeit zu erinnern. Denn, oh ja, sie war mit einem langen, langen Leben gesegnet und galt daher auch, auf Grund der daraus resultierenden langen Lebens - und Welterfahrung, für weise. Aber ob sie das war? Das wollte sie nicht so einfach von sich behaupten. Nun war sie ja auch noch sehr jung.

Gerade jetzt, in der Weihnachtszeit, war es besonders schlimm für sie, nicht ihrer eigentlichen Bestimmung folgen zu können. Denn sie wollte doch eben für die Menschen das Gute, wollte ihnen Licht und Hoffnung und Trost sein, wie auch das kleine Jesuskind diese Dinge den Menschen brachte.


Als sie wieder einmal diesen oder ähnlichen Gedanken nachhing, trug es sich zu, dass ein junges Mädchen an ihrem Regal entlang kam, das heißt, so jung war dieses Mädchen gar nicht, vielleicht war dieses junge Mädchen doch eher eine junge Frau, aber das ist nun wohl auch doch eher nebensächlich. Viel wichtiger ist, dass dieses Mädchen unsere Schildkröte nachdenklich, ganz zärtlich in die Hand nahm und sanft über ihr weiches Fell strich. Auch dieses Mädchen fühlte sich sehr oft allein und alles um sie sah so trostlos aus. Dabei gab es da jemanden, den sie sehr, sehr lieb hatte und der eigentlich ja auch immer für sie da war. Aber er war eben da und doch auch manchmal sehr weit weg. Und da ja auch sie manchmal weit weg von ihm war, wo doch auch er sie eigentlich brauchte, gerade deswegen, hatte sie sich in den Kopf gesetzt, ihm zu Weihnachten etwas zu schenken, dass ständig bei ihm sein kann. Etwas, dass ihn ständig an sie erinnern würde. Etwas, dass ihn statt ihrer ein wenig tröstet und lächeln lässt.


Wie sie die Schildkröte so in der Hand hielt, kam immer stärker das Gefühl in ihr auf, dass sie da gerade die Richtige in der Hand hielt und kurz entschlossen kaufte sie das kleine flauschige Etwas und trug es wohlgemut nach Hause. Daheim angekommen, packte sie das kleine Ding aus und streichelte es ganz sanft. Ach, sie hatte es so lieb gewonnen, am liebsten würde sie es ja selber behalten, aber nein, das war nicht Sinn und Zweck davon. Außerdem, ging ja mit dem Geschenk auch ihr eigener Wunsch in Erfüllung. Denn, in dem sie die kleine Schildkröte verschenkte, schenkte sie ja auch ein Stückchen von sich selbst mit, ja sie wollte sich ja in gewissem Sinne selber schenken und das machte dieses Tierchen möglich.

Dieser Gedanke gefiel der jungen Frau recht gut und sie beschloss, bis zu dem Tag, an dem sie das Geschenk hergeben würde, sich selbst der kleinen Schildkröte anzunehmen, mit ihr zu schmusen und zu kuscheln. Aber auch die kleine Schildkröte war sehr einverstanden mit ihrer neuen Besitzerin und sie merkte schnell, was man mit ihr vorhatte und sie fand es prima! Endlich konnte sie das tun, zu dem sie bestimmt war und sie nahm sich vor, ihre Sache gut zu tun und schützend, tröstend, glück- und erfolgbringend tätig zu sein, ihr Leben lang.

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