Unser Weg durch die Nacht

Was ich Ihnen zu bieten vermag, bedeutet keinen Höhenflug, sondern einen Blick in den Abgrund der Welt und in seine letzten Schrecken. »Unser Weg durch die Nacht« lautet das Thema - gemeint sind die eben vergangenen furchtbaren Jahre der deutschen Geschichte. Ich begreife, wenn Sie davor erschrecken, geht es mir doch nicht anders. Und doch - darf ich Ihnen dies im voraus zum Trost sagen: trotz allem Grauen der Erinnerung möchte ich diesen Weg durch die Nacht nicht in meinem Leben vermissen. Das heißt natürlich keineswegs, daß ich nicht überglücklich sein würde, wenn der Welt und meinem Volk diese Schicksale erspart geblieben wären. Aber da sie ihnen nicht erspart blieben, bin ich in einem sehr ernsten, sehr schmerzlichen Sinn dankbar, daß ich sie in Deutschland miterleben und miterleiden durfte, Denn nicht nur der lichte Tag, auch die Nacht hat ihre Wunder. Es gibt Blumen, die nur in der Wildnis gedeihen, Sterne, die nur am Horizont der Wüste erscheinen. Es gibt Erfahrungen der göttlichen Liebe, die uns nur in der äußersten Verlassenheit, ja am Rande der Verzweiflung geschenkt werden. Ich glaube mit vielen meiner deutschen Brüder und Schwestern, daß wir in diesen furchtbaren Jahren als Menschen wie als Christen Erkenntnisse gewonnen haben, die wir für einen Gewinn halten müssen. Wenn ich diesen Gewinn in einem kurzen Wort ausdrücken soll, so würde ich sagen: Wir haben alle Werte einmal unter den letzten Aspekten der Vergänglichkeit und des Gerichtes erblickt - ein unermeßlicher Gewinn, freilich bezahlt durch zunächst erschütternd schmerzliche Wandlungen unsres bisherigen Weltbildes.

Ich will versuchen, Ihnen von diesen Erfahrungen zu sprechen. Dabei müssen Sie sich freilich vor Augen halten, daß mein Bild kein allgemein gültiges sein kann, d. h. ich muß Sie bitten, mit dem irreführenden Massenbegriff »die Deutschen«, oder »der deutsche Mensch« aufzuräumen. Ein Volk - jedes Volk -ist eine Vielfalt von Einzelwesen und bleibt eine solche selbst in den Tagen der sogenannten »Gleichschaltung«. Die Gegensätze in Deutschland waren sehr groß. Es kann leicht sein, daß Sie von anderer Seite ein Bild empfangen, das dem meinen widerspricht, und daß doch beide Bilder durchaus wahr sind. Denn es liegt im Wesen chaotischer Zeiten, daß die mittleren Erscheinungsformen aufgelöst und weggespült werden, so daß nur die äußersten stehen bleiben. Sie konnten damals in Deutschland neben dem Furchtbarsten das Rührendste, neben dem Gemeinsten das Edelste, neben dem Gottlosesten das Ehrfürchtigste antreffen. In denselben Tagen, in denen bei uns die Synagogen brannten, konnte das Wort geprägt werden von den »Ehrentagen der Münchner Hausmeister« - diese stellten damals den Juden, als ihnen der Einkauf aller Lebensmittel untersagt war, stillschweigend das Notwendige vor die Türe. Während zahlreiche Deutsche sich dem Rassenhaß hemmungslos hingaben, fanden sich auch zahlreiche Deutsche, die es sich zur Aufgabe machten, jeden mit dem Judenstern gezeichneten Mitbürger, der ihnen begegnete, auf das freundlichste zu grüßen. Ich selbst erlebte damals in dem Kurort Oberstdorf, wie man einem verstorbenen christlichen Juden ein Grab an der Seite seiner Gattin erkämpfte und nicht zugab, daß er, wie befohlen worden war, irgendwo verscharrt wurde. Es waren Deutsche, welche die Konzentrationslager errichteten, es waren aber auch Deutsche, welche eine sehr große Zahl der Opfer stellten. Es waren Deutsche, welche russische Gefangene verhungern ließen, es waren aber auch Deutsche, die sich nachts auf Händen und Füßen kriechend an die Gefangenenlager heranschlichen und unter Lebensgefahr den Unglücklichen etwas von der eigenen kargen Nahrung über den Stacheldraht zuwarfen. Und so könnte man die Beispiele der Gegensätze endlos reihen. Ich spreche hier also nicht von dem Weg der Deutschen schlechthin, sondern ich spreche von diesem Weg, soweit ich und meine nächsten Freunde ihn zu übersehen vermochten.

Die erste überraschende Wandlung, die sich uns vollzog, betraf die Erkenntnis der außerordentlichen Brüchigkeit alles dessen, was wir als Kultur, Zivilisation und menschliche Gesittung bezeichnen. Denn geordnete Zustände geben nicht die Maßstäbe ab für die letzten Möglichkeiten, die im Untergrund der Dinge schlummern. Und doch warnt Christus gerade vor der Sicherheit geordneter Zustände. Ich denke an die hellsichtigen Worte jenes Evangeliums, wo der Teufel in das Haus zurückkehrt, aus dem er lange ausgezogen war, und wie es nachher mit diesem Hause ärger wird als zuvor. Auch die Kirche hat uns über die tiefe Gefährdung alles Menschlichen niemals im Zweifel gelassen. Wir hörten ihre Stimme wohl, wir glaubten ihr selbstverständlich, aber im Grunde konnten wir uns doch nicht vorstellen, daß auch in unsern Tagen noch anarchische Ausbrüche hemmungsloser Bosheit und Grausamkeit, antichristliche Verfolgungen großen Stils möglich seien. Wir waren kindlich genug zu glauben, dies sei längst vergangenen Jahrhunderten vorbehalten gewesen. Denn der Begriff der eigentlichen Macht des Bösen ist dem heutigen Menschen weithin verlorengegangen. Man redet von Unrecht und Verbrechen, daß aber hinter diesen klaren, irdischen Begriffen ein abgründiges, metaphysisches Geheimnis steht, jenes, welches die Kirche das mysterium iniquitatis nennt, das Mysterium einer ganz realen, riesengroßen, außermenschlichen Macht, das ist den wenigsten klar, auch den wenigsten Christen die außerchristliche moderne Welt will überhaupt nichts mehr davon wissen: die Vorstellung von der Macht des Teufels ist ihr ebenso entfallen wie die von der Macht Gottes. Man ist der Meinung, daß der Mensch dem Bösen mit einigermaßen gutem Willen, mit Einsicht und Charakterstärke gewachsen sein müsse. Dies ist nun aber nicht der Fall. Was wir in Deutschland erlebten, war die erschütternde Tatsache, daß bei einer großen Anzahl von Menschen unter gewissen Belastungsproben weder die Einsicht, noch die Charakterstärke, noch das sogenannte gute Herz standhalten; daß eine geschickte Propaganda ihren Geist verwirrt, und ein bestimmtes Maß von natürlichem Grauen sie einschüchtert und zum Verrat oder doch zum Augenschließen bereit macht, und dies nicht nur bei fraglichen Charakteren, sondern auch bei sonst gutartigen, rechtschaffenen Menschen ja gerade dies war das bestürzend Unerwartete, das wir erlebten.

Die alten, tiefsinnigen Märchen unserer Voreltern haben in diesen Dingen besser Bescheid gewußt als wir. Der Teufel, der sich dem Menschen vermummt naht, so daß er ihn nicht erkennt - etwa als edler Ritter oder wohlhabender Kaufmann -, der Teufel, der den Menschen zu einem Pakt überredet, der Teufel, der mit dem kleinen Finger schon die ganze Hand nimmt; der Teufel, der stark, reich, kugelfest und unüberwindlich macht bis zu dem Tage, an welchem der Pakt abgelaufen ist -genau das war es, was wir damals erlebten.

Ich habe in jener Zeit viel in diesen alten, tiefsinnigen Märchenbüchern gelesen. Sie, nach denen mir einst als Kind die geliebte Stimme meiner Mutter erzählte, sie gehörten zu den ganz wenigen weltlichen Büchern, die ich in jenen Tagen noch ertrug, als die fremden Flieger stundenlang über uns hinwegzogen, und der Feuerschein der brennenden Städte den Horizont färbte - in jenen Tagen auch, die erfüllt waren von dem grausigen Bewußtsein, daß über jedem Haupt in Deutschland das Henkerbeil hing. Wie vieles andre, so verschob sich uns damals auch die Rangordnung der Bücher. Manche, die uns früher überaus kostbar schienen, wurden bedeutungslos - auch manche religiösen Bücher machten keine Ausnahme. Stand hielt überall nur das Letzte, Tiefste, meistens das ganz Einfache. Jedes wesentliche Buch, das ich besitze, wird für mich immer das Zeichen dessen tragen, was es uns damals war, oder was es uns nicht mehr war.

Durch die Anerkennung der metaphysischen Macht des Bösen wird es denn auch begreiflich, daß die Dinge so überaus schwer zu überwinden waren, ein Umstand, der jenseits der deutschen Grenzen immer wieder das höchste Befremden erweckt -begreiflicherweise, weil man dort das Wesen des Dämonischen noch nicht aus eigener Erfahrung kennt, sondern meistens nur aus der moralischen Sicht urteilt.

Wir reichten uns damals zu gegenseitigem Trost Blätter und Zettel von Hand zu Hand mit wesentlichen Aussprüchen oder Gedichten, die irgendwie unsere Lage trafen. Darunter befand sich auch ein Ausspruch Goethes aus >Dichtung und Wahrheit<. Goethe schildert dort das Wesen des Dämonischen genau so, wie wir es erlebten, und schließt mit dem Gedanken, daß der Mensch es von sich aus nicht zu überwinden vermöchte. Damit ist der springende Punkt getroffen. Den Drachen der Apokalypse wirft nicht der Mensch, sondern der Engel Gottes in den Abgrund. Dem nicht mehr Menschlichen ist nur das Übermenschliche gewachsen. In der Erkenntnis dieser Wahrheit liegt der eigentliche Schlüssel zum Verständnis jener Tage.

Auch die Einzelschicksale legten dafür Zeugnis ab. Es waren durchaus nicht immer die stärksten, die klügsten, die charaktervollsten Menschen, an denen die Verführung abglitt. Aber es waren auch nicht immer die, welche uns bisher als fromm erschienen waren. Wie sich uns das Bild des Menschen wandelte, so wandelte sich uns auch der Begriff der Frömmigkeit: jede nur formal geübte erwies sich als hinfällig. Ich habe viele erliegen und viele wunderbar aufrecht gesehen, von denen es niemand erwartete. In beiden Fällen entschied die lebendige oder nicht lebendige Verbindung mit der göttlichen Welt, mit dem Engel, der den Abgrund meistert, mit dem Heiland der Welt, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist.

Damit habe ich den Tiefpunkt meines Erinnerungsweges überwunden. Gerade die Ungeheuerlichkeit der Nacht, das Erlebnis der furchtbaren Verführbarkeit des Menschen stellte zuletzt die Voraussetzung dar für eine ganz neue Erfahrung des Lichts. Wollen Sie dies, bitte, durchaus wörtlich verstehen. Sie wissen, daß man damals in Deutschland das Christentum ausschalten wollte - wir fanden uns also tatsächlich wiederr in jene Jahrhunderte zurückversetzt, die der Erscheinung Christi vorangingen. Werden Sie mir glauben, daß wir von dieser Finsternis her damals Advente und Weihnachtsfeste erlebten, in denen wir eigentlich erst recht verstanden, was Christus der Welt an Gnade, Liebe und Barmherzigkeit gebracht hat? Wir waren innerlich in einer nie zuvor gekannten Tiefe bereit, das Weihnachtswunder in uns aufzunehmen. Es wird mir lebenslang unvergeßlich bleiben, wie sich während der Christmette in der dichtgedrängten, tief verdunkelten Kirche kein Mensch zur Flucht erhob, als plötzlich das Gellen der Sirene Voralarm gab, dem jeden Augenblick Vollalarm folgen konnte. Alle waren entschlossen, sich durch die äußerste Nähe der Gefahr nicht die Feier der Heiligen Nacht rauben zu lassen.
Das Verlangen nach Christus war so groß, daß es auch Menschen ergriff, die ihm bisher ferngestanden hatten. Ich habe in jenen Tagen mehrmals von Nichtchristen erschütternde Bekenntnisse dieser Art gehört. Wir sahen Menschen an den Fronleichnamsprozessionen teilnehmen, die in gar keinem Sinn mehr zur Kirche gehörten. " Es befriedigt mich, in dieser verruchten Zeit an irgendeiner Stelle meine Ehrfurcht vor einer höheren Welt zu beweisen«, sagte mir einmal einer dieser seltsamen Teilnehmer. - Unsere Kirchen waren stets voll und übervoll. Während der Fliegerangriffe wurden die Christen in den Kellern von solchen Fernstehenden immer wieder angefleht, laut zu beten. Die katholische Kirche hatte damals ihre Priester ermächtigt, angesichts der Todesgefahr die Generalabsolution und den Segen allen getauften Christen zu spenden sie wurden von vielen Nichtkatholiken begehrt und empfangen. Man ist manchmal geneigt, solche Erscheinungen mit dem skeptischen Wort: " Nun ja, das sind Ausdrücke der Angst -Not lehrt beten «, abzutun. Ich möchte hier lieber an die schöne Erklärung Bremonds denken, daß die Gefahr die Tore zu den tieferen und wesenhaften Gründen der Seele aufreißt.

Was sich in jenen Tagen wandelte, war auch das Verhältnis der Konfessionen zueinander. In der gemeinsamen Bedrohung ihres religiösen Besitzes fanden die getrennten Brüder zwar nicht zum gemeinsamen Bekenntnis, aber zur gemeinsamen Liebe, und ich glaube auch nicht, daß sich diese Haltung wieder ändern wird - dazu haben wir zu viel miteinander durchgemacht. Es gibt leider im heutigen Deutschland manchen politischen und sonstigen Hader, aber konfessionellen Hader gibt es nicht mehr. In vielen größeren Städten wirkt mit steigendem Erfolg die "Una Sancta«.

Es gab auch viele Menschen bei uns, die durch Gebet und Opfer denjenigen beizustehen suchten, die in anderen Ländern durch Deutsche zu leiden hatten. Wir besaßen dafür ein sehr lebendiges Gefühl. Als nach dem Kriege eine von uns besonders geliebte ausländische Dichterin in unseren Zeitungen äußerte, sie könne uns einstweilen nicht verzeihen, da sie weder an unser Schuldgefühl noch an unsere Umkehr glaube, habe ich an jene Gebete denken müssen sie hatten auch dem Volk jener Dichterin und ihr selbst gegolten. Man hat mich damals in Deutschland von vielen Seiten bestürmt, ich möchte ihr öffentlich antworten. Ich habe es nicht getan. Es schien mir nicht notwendig, daß sie um unsere Gebete wisse, es genügte mir, daß Gott diese Gebete erhört und sie erhalten hatte. Vielleicht wird Sie dies überraschen, aber ich versichere Sie, uns haben viele Anschuldigungen, die uns zunächst ohne Unterscheidung trafen, kaum berührt, nicht weil wir hochmütig oder verstockt waren, wie so oft behauptet wird, sondern weil das Gericht Gottes über unser Volk ergangen war. Wer im Gericht Gottes gestanden hat, für den sind die Gerichte der Menschen nicht mehr sehr eindrucksvoll. Aber gerade im Gerichte fühlten wir uns auch begnadigt, denn Gottes Gerichte sind immer Strafe und Gnade zugleich, was die menschlichen Gerichte nicht immer sind.

Wir lernten überhaupt uns viel mehr ausschließlich auf Gott stellen als früher. Es war dies der außerordentliche, ja geradezu unersetzliche Gewinn einer Zeit, in der uns alle irdischen Stützen fortgenommen wurden. Zwar, wir glaubten ja auch früher schon auf Gott vertraut zu haben. Aber was bedeutet Gottvertrauen, solange man sich noch auf einen wohlgeordneten Staat, auf polizeiliche Sicherheit, auf Geld, Besitz und Wohlangesehenheit verlassen kann? Ich versichere Sie, es ist etwas ganz anderes um das Vertrauen auf Gott, wenn man wirklich nur noch auf Gott gestellt ist, wenn alle, aber auch alle menschlichen Sicherungen fallen und man sich sagen muß: jeden Augenblick kann nicht nur bildlich, sondern ganz real das Dach über deinen Kopf zusammenstürzen. Jeden Augenblick kann alles, was dir lieb und teuer, ja sogar was dir unentbehrlich ist, dahin sein! Solltest du morgen krank werden, so gibt es kein Krankenhaus mehr, das dich aufnehmen wird. Du kannst jeden Tag aus deinem Heim vertrieben und einfach auf die Landstraße gesetzt werden. Du kannst tage-, wochenlang im Viehwagen, auf Stroh liegend gefahren werden, ohne Obdach zu finden; erfrierst du, so erfrierst du, hungerst du, so hungerst du eben. Du kannst täglich eingekerkert und auf das grausamste und schmerzlichste getötet werden, ohne die geringste Schuld und Möglichkeit, dich zu verteidigen. Jeden Augenblick kannst du die Nachricht erhalten, daß deine Verwandten, deine Freunde unter dem Schutt ihrer Heimatstadt begraben liegen oder in den Gaskammern der KZ. untergingen - jeden Augenblick kann dies auch dein Schicksal werden. Und wenn du wirklich all diese Gefahren Überleben solltest, dann wirst du, obwohl du selbst die Verbrechen, die in deinem Volk begangen wurden, nicht mit begangen, ja obwohl du vielleicht alles dir Mögliche dagegen getan hast, lebenslang durch diese Schuld deines Volkes beschattet bleiben - nie wieder wirst du das Kind eines geachteten und geehrten Volkes sein! -Ich weiß nicht, ob Sie sich auch nur ahnungsweise eine Vorstellung von einer solchen Situation machen können - ich konnte es nicht, bevor ich es erlebte. Sie bedeutet ja nicht mehr und nicht weniger als die Frage: Was bleibt, wenn alles versinkt? Und an dieser furchtbaren Fragestellung nahm schließlich auch die letzte Kostbarkeit des Menschen, der religiöse Besitz, teil: auch er schien weithin in Frage gestellt. Christliche Zeitschriften, Vorträge, Bücher gab es nur wenige - wirklich aufrecht stand ausschließlich die Kirche in ihrem Zentralbezirk, mit ihrem innersten Mysterium der heiligen Messe und den Sakramenten. Aber wir mußten uns mit Recht fragen: Wie lange noch? Auch hier erhob sich die gleiche Frage: Was bleibt, wenn alles versinkt, wenn sich eines Tages die Kirchentüren schließen, der Empfang der Sakramente unmöglich gemacht, die Liturgie und die Verkündigung der Predigt verstummen, oder wenn alle Gotteshäuser in Schutt und Asche sinken? Und hier konnte auf der ganzen Linie die Antwort nur lauten: Gott bleibt, Christus, der Herr der Kirche bleibt bei uns, selbst wenn alle sichtbaren Zeichen seiner Gnade, alle äußeren Zeichen seines Reiches schwinden. Ich kann Ihnen nicht aussprechen, welchen Trost diese Gewißheit bedeutet, wenn man im Angesicht des Weltunterganges steht.

Von dieser letzten Erfahrung her möchte ich noch einmal auf den Anfang meines Berichtes zurückkommen. Wie in allen Untergängen, so bleibt auch im Untergang des menschlichen Bildes nichts anderes übrig als die Gewißheit der nie untergehenden göttlichen Liebe: die letzte Wandlung, die wir erfuhren, betrifft das Verhältnis nicht zur Sünde, sondern zum Sünder.

Sie alle kennen das ergreifende Buch von Nanda Herbermann: »Der gesegnete Abgrund«. Die gültige Formung dieses Buches ist einzig, das Erlebnis, das ihm zugrunde liegt, nicht. Mir sind eine ganze Reihe von Menschen bekannt, die auf das gleiche oder ähnliche Schicksal in der gleichen Weise antworteten, wie wir denn immer wieder erleben, daß gerade die, denen das Bitterste zu tragen bestimmt war, am meisten zur Vergebung und Milde geneigt sind, während die Fernerstehenden oft viel härter bleiben. Wie die Nacht erst für das Licht aufschließt, wie das Erlebnis eines entchristlichten Volkes erst die ganze Herrlichkeit Christi erkennen lehrt, so bedeutet auch das Erlebnis der hemmungslosen Bosheit ein neues Verhältnis zur Liebe, ich möchte fast sagen: eine ganz neue Liebe zur Liebe.

Dazu kommt noch ein weiteres. Je näher man selbst den grauenhaften Geschehnissen stand, um so mehr verstand man schließlich auch von ihren Versuchungen. Ich denke hier natürlich nicht an die Handlanger und Vollstrecker der Verbrechen, sondern an jene viele Schwachen, die durch ihr Schweigen und ihr Sich-Ducken jene Verbrechen mit ermöglichten, ohne doch an ihnen teilzunehmen, geschweige sie gutzuheißen. Auf die Gefahr hin, daß Sie mich mißverstehen, möchte ich Ihnen sagen, daß ich diese Schwachen bis zu einem gewissen Grad verstehe. Denn das neue Verhältnis zum Menschen bedeutet ja auch ein neues Verhältnis zum eigenen Selbst. Es stehen mir da z. B. jene Dichter vor Augen, denen man das bekannte Lobgedicht auf Hitler zu schreiben zumutete. Manche schrieben es und werden jetzt verachtet. Diejenigen, die es nicht geschrieben haben, denken milder, denn sie wissen, welche Todesangst die Absage gekostet hat. Ich bin der Überzeugung, daß wir im Grunde alle nur so durchgekommen sind, wie in meiner Novelle »Die Letzte am Schafott« die kleine, furchtsame Blanche, von der es heißt: »Sie erwarteten den Triumph einer Heldin zu sehen, und sie erlebten das Wunder in der Schwachen«. Auch starke Männer sind nicht anders durchgekommen, und wenn sie ehrlich sind, geben sie dies auch zu. Vor der Folter hört der Heroismus auf, und es bleibt nur die geschenkte Kraft jenseits der unsren. Wir, die den letzten, furchtbaren Möglichkeiten des Menschen gegenübergestanden haben, erlauben uns keine Beschönigungsversuche menschlicher Schwachheit mehr, aber auch keine vernichtenden Verurteilungen dieser Schwachheit.

Und nun komme ich zu meinem letzten Anliegen. Unser neues, tief skeptisches Verhältnis zum Menschen bedeutet natürlich auch ein solches zum eigenen Volk. Unsre Illusionen über dieses Volk, unser Stolz auf dieses Volk sind, was seine zeitgenössische Erscheinung betrifft, gefallen - unsre Liebe zu ihm nicht. Sie ist vielmehr tiefer und mächtiger denn je. Es muß weithin Liebe dessen sein, der mit den Zöllnern und Sündern an einem Tisch saß und nach seinen eigenen Worten gekommen ist, um gerade das Verlorene zu suchen. In der Reihe der großen Gewinne, die uns die letzte Vergangenheit brachte, rechne ich auch das Verständnis dafür, was eigentlich christliche Liebe bedeutet. Die meisten Christen - ich schließe mich da selbst voll ein -wenden ihre Liebe nur den wohlgeratenen, den hochstehenden und erfreulichen Gestalten zu. Das ist gut und recht als natürliche Liebe des edlen Menschen zum edlen Menschen, aber die eigentliche christliche Liebe ist das noch nicht. Christliche Liebe, das heißt: die ganze Fragwürdigkeit und Abgründigkeit des Menschen kennen und ihn dennoch lieben.

Um diese christliche Liebe bitte ich auch Sie für mein Volk. Ich weiß, daß die Schweiz schon viel für uns getan hat und nicht nur in materieller Hinsicht. Es waren die Reihen Ihres Volkes, aus denen uns - nächst den Worten des Heiligen Vaters - die ersten Stimmen der Teilnahme, der Güte in unsrer Verstoßenheit erreichten. Wir werden Ihnen das niemals vergessen. Erhalten Sie uns diese Teilnahme und Güte, wir brauchen sie ebenso nötig wie die materielle Hilfe, um nicht der Verzweiflung anheim zu fallen - diese Gefahr ist im heutigen Deutschlaand sehr groß. Denn das grauenhafte Gespenst einer irrigen Weltanschauung ist zwar zu Boden geschlagen, überwunden sind aber die widergöttlichen Mächte damit nicht. Eine wirkliche Überwindung kann nur erfolgen durch jenen Geist, den wir gleicherweise den Geist der Liebe wie den Schöpfergeist nennen: Er, aber nur Er besitzt die Verheißung, daß Er das Angesicht der Erde erneuern wird.

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