Unser
Weg durch die Nacht
Was ich Ihnen zu bieten vermag, bedeutet keinen Höhenflug,
sondern einen Blick in den Abgrund der Welt und in seine letzten
Schrecken. »Unser Weg durch die Nacht« lautet das Thema -
gemeint sind die eben vergangenen furchtbaren Jahre der deutschen
Geschichte. Ich begreife, wenn Sie davor erschrecken, geht es mir
doch nicht anders. Und doch - darf ich Ihnen dies im voraus zum
Trost sagen: trotz allem Grauen der Erinnerung möchte ich diesen
Weg durch die Nacht nicht in meinem Leben vermissen. Das heißt
natürlich keineswegs, daß ich nicht überglücklich sein würde,
wenn der Welt und meinem Volk diese Schicksale erspart geblieben
wären. Aber da sie ihnen nicht erspart blieben, bin ich in einem
sehr ernsten, sehr schmerzlichen Sinn dankbar, daß ich sie in
Deutschland miterleben und miterleiden durfte, Denn nicht nur der
lichte Tag, auch die Nacht hat ihre Wunder. Es gibt Blumen, die
nur in der Wildnis gedeihen, Sterne, die nur am Horizont der Wüste
erscheinen. Es gibt Erfahrungen der göttlichen Liebe, die uns
nur in der äußersten Verlassenheit, ja am Rande der
Verzweiflung geschenkt werden. Ich glaube mit vielen meiner
deutschen Brüder und Schwestern, daß wir in diesen furchtbaren
Jahren als Menschen wie als Christen Erkenntnisse gewonnen haben,
die wir für einen Gewinn halten müssen. Wenn ich diesen Gewinn
in einem kurzen Wort ausdrücken soll, so würde ich sagen: Wir
haben alle Werte einmal unter den letzten Aspekten der Vergänglichkeit
und des Gerichtes erblickt - ein unermeßlicher Gewinn, freilich
bezahlt durch zunächst erschütternd schmerzliche Wandlungen
unsres bisherigen Weltbildes.
Ich will versuchen, Ihnen von diesen Erfahrungen zu sprechen.
Dabei müssen Sie sich freilich vor Augen halten, daß mein Bild
kein allgemein gültiges sein kann, d. h. ich muß Sie bitten,
mit dem irreführenden Massenbegriff »die Deutschen«, oder »der
deutsche Mensch« aufzuräumen. Ein Volk - jedes Volk -ist eine
Vielfalt von Einzelwesen und bleibt eine solche selbst in den
Tagen der sogenannten »Gleichschaltung«. Die Gegensätze in
Deutschland waren sehr groß. Es kann leicht sein, daß Sie von
anderer Seite ein Bild empfangen, das dem meinen widerspricht,
und daß doch beide Bilder durchaus wahr sind. Denn es liegt im
Wesen chaotischer Zeiten, daß die mittleren Erscheinungsformen
aufgelöst und weggespült werden, so daß nur die äußersten
stehen bleiben. Sie konnten damals in Deutschland neben dem
Furchtbarsten das Rührendste, neben dem Gemeinsten das Edelste,
neben dem Gottlosesten das Ehrfürchtigste antreffen. In
denselben Tagen, in denen bei uns die Synagogen brannten, konnte
das Wort geprägt werden von den »Ehrentagen der Münchner
Hausmeister« - diese stellten damals den Juden, als ihnen der
Einkauf aller Lebensmittel untersagt war, stillschweigend das
Notwendige vor die Türe. Während zahlreiche Deutsche sich dem
Rassenhaß hemmungslos hingaben, fanden sich auch zahlreiche
Deutsche, die es sich zur Aufgabe machten, jeden mit dem
Judenstern gezeichneten Mitbürger, der ihnen begegnete, auf das
freundlichste zu grüßen. Ich selbst erlebte damals in dem
Kurort Oberstdorf, wie man einem verstorbenen christlichen Juden
ein Grab an der Seite seiner Gattin erkämpfte und nicht zugab,
daß er, wie befohlen worden war, irgendwo verscharrt wurde. Es
waren Deutsche, welche die Konzentrationslager errichteten, es
waren aber auch Deutsche, welche eine sehr große Zahl der Opfer
stellten. Es waren Deutsche, welche russische Gefangene
verhungern ließen, es waren aber auch Deutsche, die sich nachts
auf Händen und Füßen kriechend an die Gefangenenlager
heranschlichen und unter Lebensgefahr den Unglücklichen etwas
von der eigenen kargen Nahrung über den Stacheldraht zuwarfen.
Und so könnte man die Beispiele der Gegensätze endlos reihen.
Ich spreche hier also nicht von dem Weg der Deutschen
schlechthin, sondern ich spreche von diesem Weg, soweit ich und
meine nächsten Freunde ihn zu übersehen vermochten.
Die erste überraschende Wandlung, die sich uns vollzog, betraf
die Erkenntnis der außerordentlichen Brüchigkeit alles dessen,
was wir als Kultur, Zivilisation und menschliche Gesittung
bezeichnen. Denn geordnete Zustände geben nicht die Maßstäbe
ab für die letzten Möglichkeiten, die im Untergrund der Dinge
schlummern. Und doch warnt Christus gerade vor der Sicherheit
geordneter Zustände. Ich denke an die hellsichtigen Worte jenes
Evangeliums, wo der Teufel in das Haus zurückkehrt, aus dem er
lange ausgezogen war, und wie es nachher mit diesem Hause ärger
wird als zuvor. Auch die Kirche hat uns über die tiefe Gefährdung
alles Menschlichen niemals im Zweifel gelassen. Wir hörten ihre
Stimme wohl, wir glaubten ihr selbstverständlich, aber im Grunde
konnten wir uns doch nicht vorstellen, daß auch in unsern Tagen
noch anarchische Ausbrüche hemmungsloser Bosheit und
Grausamkeit, antichristliche Verfolgungen großen Stils möglich
seien. Wir waren kindlich genug zu glauben, dies sei längst
vergangenen Jahrhunderten vorbehalten gewesen. Denn der Begriff
der eigentlichen Macht des Bösen ist dem heutigen Menschen
weithin verlorengegangen. Man redet von Unrecht und Verbrechen,
daß aber hinter diesen klaren, irdischen Begriffen ein abgründiges,
metaphysisches Geheimnis steht, jenes, welches die Kirche das
mysterium iniquitatis nennt, das Mysterium einer ganz realen,
riesengroßen, außermenschlichen Macht, das ist den wenigsten
klar, auch den wenigsten Christen die außerchristliche moderne
Welt will überhaupt nichts mehr davon wissen: die Vorstellung
von der Macht des Teufels ist ihr ebenso entfallen wie die von
der Macht Gottes. Man ist der Meinung, daß der Mensch dem Bösen
mit einigermaßen gutem Willen, mit Einsicht und Charakterstärke
gewachsen sein müsse. Dies ist nun aber nicht der Fall. Was wir
in Deutschland erlebten, war die erschütternde Tatsache, daß
bei einer großen Anzahl von Menschen unter gewissen
Belastungsproben weder die Einsicht, noch die Charakterstärke,
noch das sogenannte gute Herz standhalten; daß eine geschickte
Propaganda ihren Geist verwirrt, und ein bestimmtes Maß von natürlichem
Grauen sie einschüchtert und zum Verrat oder doch zum
Augenschließen bereit macht, und dies nicht nur bei fraglichen
Charakteren, sondern auch bei sonst gutartigen, rechtschaffenen
Menschen ja gerade dies war das bestürzend Unerwartete, das wir
erlebten.
Die alten, tiefsinnigen Märchen unserer Voreltern haben in
diesen Dingen besser Bescheid gewußt als wir. Der Teufel, der
sich dem Menschen vermummt naht, so daß er ihn nicht erkennt -
etwa als edler Ritter oder wohlhabender Kaufmann -, der Teufel,
der den Menschen zu einem Pakt überredet, der Teufel, der mit
dem kleinen Finger schon die ganze Hand nimmt; der Teufel, der
stark, reich, kugelfest und unüberwindlich macht bis zu dem
Tage, an welchem der Pakt abgelaufen ist -genau das war es, was
wir damals erlebten.
Ich habe in jener Zeit viel in diesen alten, tiefsinnigen Märchenbüchern
gelesen. Sie, nach denen mir einst als Kind die geliebte Stimme
meiner Mutter erzählte, sie gehörten zu den ganz wenigen
weltlichen Büchern, die ich in jenen Tagen noch ertrug, als die
fremden Flieger stundenlang über uns hinwegzogen, und der
Feuerschein der brennenden Städte den Horizont färbte - in
jenen Tagen auch, die erfüllt waren von dem grausigen Bewußtsein,
daß über jedem Haupt in Deutschland das Henkerbeil hing. Wie
vieles andre, so verschob sich uns damals auch die Rangordnung
der Bücher. Manche, die uns früher überaus kostbar schienen,
wurden bedeutungslos - auch manche religiösen Bücher machten
keine Ausnahme. Stand hielt überall nur das Letzte, Tiefste,
meistens das ganz Einfache. Jedes wesentliche Buch, das ich
besitze, wird für mich immer das Zeichen dessen tragen, was es
uns damals war, oder was es uns nicht mehr war.
Durch die Anerkennung der metaphysischen Macht des Bösen wird es
denn auch begreiflich, daß die Dinge so überaus schwer zu überwinden
waren, ein Umstand, der jenseits der deutschen Grenzen immer
wieder das höchste Befremden erweckt -begreiflicherweise, weil
man dort das Wesen des Dämonischen noch nicht aus eigener
Erfahrung kennt, sondern meistens nur aus der moralischen Sicht
urteilt.
Wir reichten uns damals zu gegenseitigem Trost Blätter und
Zettel von Hand zu Hand mit wesentlichen Aussprüchen oder
Gedichten, die irgendwie unsere Lage trafen. Darunter befand sich
auch ein Ausspruch Goethes aus >Dichtung und Wahrheit<.
Goethe schildert dort das Wesen des Dämonischen genau so, wie
wir es erlebten, und schließt mit dem Gedanken, daß der Mensch
es von sich aus nicht zu überwinden vermöchte. Damit ist der
springende Punkt getroffen. Den Drachen der Apokalypse wirft
nicht der Mensch, sondern der Engel Gottes in den Abgrund. Dem
nicht mehr Menschlichen ist nur das Übermenschliche gewachsen.
In der Erkenntnis dieser Wahrheit liegt der eigentliche Schlüssel
zum Verständnis jener Tage.
Auch die Einzelschicksale legten dafür Zeugnis ab. Es waren
durchaus nicht immer die stärksten, die klügsten, die
charaktervollsten Menschen, an denen die Verführung abglitt.
Aber es waren auch nicht immer die, welche uns bisher als fromm
erschienen waren. Wie sich uns das Bild des Menschen wandelte, so
wandelte sich uns auch der Begriff der Frömmigkeit: jede nur
formal geübte erwies sich als hinfällig. Ich habe viele
erliegen und viele wunderbar aufrecht gesehen, von denen es
niemand erwartete. In beiden Fällen entschied die lebendige oder
nicht lebendige Verbindung mit der göttlichen Welt, mit dem
Engel, der den Abgrund meistert, mit dem Heiland der Welt, dessen
Kraft in den Schwachen mächtig ist.
Damit habe ich den Tiefpunkt meines Erinnerungsweges überwunden.
Gerade die Ungeheuerlichkeit der Nacht, das Erlebnis der
furchtbaren Verführbarkeit des Menschen stellte zuletzt die
Voraussetzung dar für eine ganz neue Erfahrung des Lichts.
Wollen Sie dies, bitte, durchaus wörtlich verstehen. Sie wissen,
daß man damals in Deutschland das Christentum ausschalten wollte
- wir fanden uns also tatsächlich wiederr in jene Jahrhunderte
zurückversetzt, die der Erscheinung Christi vorangingen. Werden
Sie mir glauben, daß wir von dieser Finsternis her damals
Advente und Weihnachtsfeste erlebten, in denen wir eigentlich
erst recht verstanden, was Christus der Welt an Gnade, Liebe und
Barmherzigkeit gebracht hat? Wir waren innerlich in einer nie
zuvor gekannten Tiefe bereit, das Weihnachtswunder in uns
aufzunehmen. Es wird mir lebenslang unvergeßlich bleiben, wie
sich während der Christmette in der dichtgedrängten, tief
verdunkelten Kirche kein Mensch zur Flucht erhob, als plötzlich
das Gellen der Sirene Voralarm gab, dem jeden Augenblick
Vollalarm folgen konnte. Alle waren entschlossen, sich durch die
äußerste Nähe der Gefahr nicht die Feier der Heiligen Nacht
rauben zu lassen.
Das Verlangen nach Christus war so groß, daß es auch Menschen
ergriff, die ihm bisher ferngestanden hatten. Ich habe in jenen
Tagen mehrmals von Nichtchristen erschütternde Bekenntnisse
dieser Art gehört. Wir sahen Menschen an den
Fronleichnamsprozessionen teilnehmen, die in gar keinem Sinn mehr
zur Kirche gehörten. " Es befriedigt mich, in dieser
verruchten Zeit an irgendeiner Stelle meine Ehrfurcht vor einer höheren
Welt zu beweisen«, sagte mir einmal einer dieser seltsamen
Teilnehmer. - Unsere Kirchen waren stets voll und übervoll. Während
der Fliegerangriffe wurden die Christen in den Kellern von
solchen Fernstehenden immer wieder angefleht, laut zu beten. Die
katholische Kirche hatte damals ihre Priester ermächtigt,
angesichts der Todesgefahr die Generalabsolution und den Segen
allen getauften Christen zu spenden sie wurden von vielen
Nichtkatholiken begehrt und empfangen. Man ist manchmal geneigt,
solche Erscheinungen mit dem skeptischen Wort: " Nun ja, das
sind Ausdrücke der Angst -Not lehrt beten «, abzutun. Ich möchte
hier lieber an die schöne Erklärung Bremonds denken, daß die
Gefahr die Tore zu den tieferen und wesenhaften Gründen der
Seele aufreißt.
Was sich in jenen Tagen wandelte, war auch das Verhältnis der
Konfessionen zueinander. In der gemeinsamen Bedrohung ihres
religiösen Besitzes fanden die getrennten Brüder zwar nicht zum
gemeinsamen Bekenntnis, aber zur gemeinsamen Liebe, und ich
glaube auch nicht, daß sich diese Haltung wieder ändern wird -
dazu haben wir zu viel miteinander durchgemacht. Es gibt leider
im heutigen Deutschland manchen politischen und sonstigen Hader,
aber konfessionellen Hader gibt es nicht mehr. In vielen größeren
Städten wirkt mit steigendem Erfolg die "Una Sancta«.
Es gab auch viele Menschen bei uns, die durch Gebet und Opfer
denjenigen beizustehen suchten, die in anderen Ländern durch
Deutsche zu leiden hatten. Wir besaßen dafür ein sehr
lebendiges Gefühl. Als nach dem Kriege eine von uns besonders
geliebte ausländische Dichterin in unseren Zeitungen äußerte,
sie könne uns einstweilen nicht verzeihen, da sie weder an unser
Schuldgefühl noch an unsere Umkehr glaube, habe ich an jene
Gebete denken müssen sie hatten auch dem Volk jener Dichterin
und ihr selbst gegolten. Man hat mich damals in Deutschland von
vielen Seiten bestürmt, ich möchte ihr öffentlich antworten.
Ich habe es nicht getan. Es schien mir nicht notwendig, daß sie
um unsere Gebete wisse, es genügte mir, daß Gott diese Gebete
erhört und sie erhalten hatte. Vielleicht wird Sie dies überraschen,
aber ich versichere Sie, uns haben viele Anschuldigungen, die uns
zunächst ohne Unterscheidung trafen, kaum berührt, nicht weil
wir hochmütig oder verstockt waren, wie so oft behauptet wird,
sondern weil das Gericht Gottes über unser Volk ergangen war.
Wer im Gericht Gottes gestanden hat, für den sind die Gerichte
der Menschen nicht mehr sehr eindrucksvoll. Aber gerade im
Gerichte fühlten wir uns auch begnadigt, denn Gottes Gerichte
sind immer Strafe und Gnade zugleich, was die menschlichen
Gerichte nicht immer sind.
Wir lernten überhaupt uns viel mehr ausschließlich auf Gott
stellen als früher. Es war dies der außerordentliche, ja
geradezu unersetzliche Gewinn einer Zeit, in der uns alle
irdischen Stützen fortgenommen wurden. Zwar, wir glaubten ja
auch früher schon auf Gott vertraut zu haben. Aber was bedeutet
Gottvertrauen, solange man sich noch auf einen wohlgeordneten
Staat, auf polizeiliche Sicherheit, auf Geld, Besitz und
Wohlangesehenheit verlassen kann? Ich versichere Sie, es ist
etwas ganz anderes um das Vertrauen auf Gott, wenn man wirklich
nur noch auf Gott gestellt ist, wenn alle, aber auch alle
menschlichen Sicherungen fallen und man sich sagen muß: jeden
Augenblick kann nicht nur bildlich, sondern ganz real das Dach über
deinen Kopf zusammenstürzen. Jeden Augenblick kann alles, was
dir lieb und teuer, ja sogar was dir unentbehrlich ist, dahin
sein! Solltest du morgen krank werden, so gibt es kein
Krankenhaus mehr, das dich aufnehmen wird. Du kannst jeden Tag
aus deinem Heim vertrieben und einfach auf die Landstraße
gesetzt werden. Du kannst tage-, wochenlang im Viehwagen, auf
Stroh liegend gefahren werden, ohne Obdach zu finden; erfrierst
du, so erfrierst du, hungerst du, so hungerst du eben. Du kannst
täglich eingekerkert und auf das grausamste und schmerzlichste
getötet werden, ohne die geringste Schuld und Möglichkeit, dich
zu verteidigen. Jeden Augenblick kannst du die Nachricht
erhalten, daß deine Verwandten, deine Freunde unter dem Schutt
ihrer Heimatstadt begraben liegen oder in den Gaskammern der KZ.
untergingen - jeden Augenblick kann dies auch dein Schicksal
werden. Und wenn du wirklich all diese Gefahren Überleben
solltest, dann wirst du, obwohl du selbst die Verbrechen, die in
deinem Volk begangen wurden, nicht mit begangen, ja obwohl du
vielleicht alles dir Mögliche dagegen getan hast, lebenslang
durch diese Schuld deines Volkes beschattet bleiben - nie wieder
wirst du das Kind eines geachteten und geehrten Volkes sein! -Ich
weiß nicht, ob Sie sich auch nur ahnungsweise eine Vorstellung
von einer solchen Situation machen können - ich konnte es nicht,
bevor ich es erlebte. Sie bedeutet ja nicht mehr und nicht
weniger als die Frage: Was bleibt, wenn alles versinkt? Und an
dieser furchtbaren Fragestellung nahm schließlich auch die
letzte Kostbarkeit des Menschen, der religiöse Besitz, teil:
auch er schien weithin in Frage gestellt. Christliche
Zeitschriften, Vorträge, Bücher gab es nur wenige - wirklich
aufrecht stand ausschließlich die Kirche in ihrem Zentralbezirk,
mit ihrem innersten Mysterium der heiligen Messe und den
Sakramenten. Aber wir mußten uns mit Recht fragen: Wie lange
noch? Auch hier erhob sich die gleiche Frage: Was bleibt, wenn
alles versinkt, wenn sich eines Tages die Kirchentüren schließen,
der Empfang der Sakramente unmöglich gemacht, die Liturgie und
die Verkündigung der Predigt verstummen, oder wenn alle Gotteshäuser
in Schutt und Asche sinken? Und hier konnte auf der ganzen Linie
die Antwort nur lauten: Gott bleibt, Christus, der Herr der
Kirche bleibt bei uns, selbst wenn alle sichtbaren Zeichen seiner
Gnade, alle äußeren Zeichen seines Reiches schwinden. Ich kann
Ihnen nicht aussprechen, welchen Trost diese Gewißheit bedeutet,
wenn man im Angesicht des Weltunterganges steht.
Von dieser letzten Erfahrung her möchte ich noch einmal auf den
Anfang meines Berichtes zurückkommen. Wie in allen Untergängen,
so bleibt auch im Untergang des menschlichen Bildes nichts
anderes übrig als die Gewißheit der nie untergehenden göttlichen
Liebe: die letzte Wandlung, die wir erfuhren, betrifft das Verhältnis
nicht zur Sünde, sondern zum Sünder.
Sie alle kennen das ergreifende Buch von Nanda Herbermann: »Der
gesegnete Abgrund«. Die gültige Formung dieses Buches ist
einzig, das Erlebnis, das ihm zugrunde liegt, nicht. Mir sind
eine ganze Reihe von Menschen bekannt, die auf das gleiche oder
ähnliche Schicksal in der gleichen Weise antworteten, wie wir
denn immer wieder erleben, daß gerade die, denen das Bitterste
zu tragen bestimmt war, am meisten zur Vergebung und Milde
geneigt sind, während die Fernerstehenden oft viel härter
bleiben. Wie die Nacht erst für das Licht aufschließt, wie das
Erlebnis eines entchristlichten Volkes erst die ganze
Herrlichkeit Christi erkennen lehrt, so bedeutet auch das
Erlebnis der hemmungslosen Bosheit ein neues Verhältnis zur
Liebe, ich möchte fast sagen: eine ganz neue Liebe zur Liebe.
Dazu kommt noch ein weiteres. Je näher man selbst den
grauenhaften Geschehnissen stand, um so mehr verstand man schließlich
auch von ihren Versuchungen. Ich denke hier natürlich nicht an
die Handlanger und Vollstrecker der Verbrechen, sondern an jene
viele Schwachen, die durch ihr Schweigen und ihr Sich-Ducken jene
Verbrechen mit ermöglichten, ohne doch an ihnen teilzunehmen,
geschweige sie gutzuheißen. Auf die Gefahr hin, daß Sie mich mißverstehen,
möchte ich Ihnen sagen, daß ich diese Schwachen bis zu einem
gewissen Grad verstehe. Denn das neue Verhältnis zum Menschen
bedeutet ja auch ein neues Verhältnis zum eigenen Selbst. Es
stehen mir da z. B. jene Dichter vor Augen, denen man das
bekannte Lobgedicht auf Hitler zu schreiben zumutete. Manche
schrieben es und werden jetzt verachtet. Diejenigen, die es nicht
geschrieben haben, denken milder, denn sie wissen, welche
Todesangst die Absage gekostet hat. Ich bin der Überzeugung, daß
wir im Grunde alle nur so durchgekommen sind, wie in meiner
Novelle »Die Letzte am Schafott« die kleine, furchtsame
Blanche, von der es heißt: »Sie erwarteten den Triumph einer
Heldin zu sehen, und sie erlebten das Wunder in der Schwachen«.
Auch starke Männer sind nicht anders durchgekommen, und wenn sie
ehrlich sind, geben sie dies auch zu. Vor der Folter hört der
Heroismus auf, und es bleibt nur die geschenkte Kraft jenseits
der unsren. Wir, die den letzten, furchtbaren Möglichkeiten des
Menschen gegenübergestanden haben, erlauben uns keine Beschönigungsversuche
menschlicher Schwachheit mehr, aber auch keine vernichtenden
Verurteilungen dieser Schwachheit.
Und nun komme ich zu meinem letzten Anliegen. Unser neues, tief
skeptisches Verhältnis zum Menschen bedeutet natürlich auch ein
solches zum eigenen Volk. Unsre Illusionen über dieses Volk,
unser Stolz auf dieses Volk sind, was seine zeitgenössische
Erscheinung betrifft, gefallen - unsre Liebe zu ihm nicht. Sie
ist vielmehr tiefer und mächtiger denn je. Es muß weithin Liebe
dessen sein, der mit den Zöllnern und Sündern an einem Tisch saß
und nach seinen eigenen Worten gekommen ist, um gerade das
Verlorene zu suchen. In der Reihe der großen Gewinne, die uns
die letzte Vergangenheit brachte, rechne ich auch das Verständnis
dafür, was eigentlich christliche Liebe bedeutet. Die meisten
Christen - ich schließe mich da selbst voll ein -wenden ihre
Liebe nur den wohlgeratenen, den hochstehenden und erfreulichen
Gestalten zu. Das ist gut und recht als natürliche Liebe des
edlen Menschen zum edlen Menschen, aber die eigentliche
christliche Liebe ist das noch nicht. Christliche Liebe, das heißt:
die ganze Fragwürdigkeit und Abgründigkeit des Menschen kennen
und ihn dennoch lieben.
Um diese christliche Liebe bitte ich auch Sie für mein Volk. Ich
weiß, daß die Schweiz schon viel für uns getan hat und nicht
nur in materieller Hinsicht. Es waren die Reihen Ihres Volkes,
aus denen uns - nächst den Worten des Heiligen Vaters - die
ersten Stimmen der Teilnahme, der Güte in unsrer Verstoßenheit
erreichten. Wir werden Ihnen das niemals vergessen. Erhalten Sie
uns diese Teilnahme und Güte, wir brauchen sie ebenso nötig wie
die materielle Hilfe, um nicht der Verzweiflung anheim zu fallen
- diese Gefahr ist im heutigen Deutschlaand sehr groß. Denn das
grauenhafte Gespenst einer irrigen Weltanschauung ist zwar zu
Boden geschlagen, überwunden sind aber die widergöttlichen Mächte
damit nicht. Eine wirkliche Überwindung kann nur erfolgen durch
jenen Geist, den wir gleicherweise den Geist der Liebe wie den
Schöpfergeist nennen: Er, aber nur Er besitzt die Verheißung,
daß Er das Angesicht der Erde erneuern wird.