Autor: Veza Canetti
Buchtitel: Die Gelbe Straße
In der gelben Straße, da wohnen die Freundin Weiß, der graue
Herr, die rote Gusti und so manche Goldene. Vor allem aber ist
sie die Straße der Lederhändler der Wiener Leopoldstadt, in der
viele Frauen wohnen: Frauen von raffinierter Brutalität, naiver
Torheit und falscher Geduld. Aber ob sie unterdrückte,
tolpatschige, schlaue Dienstmädchen sind, die vor
Ausweglosigkeit bereit sind ins Wasser zu gehen, oder zu
geduldige Ehefrauen , die von ihren Männern geschlagen und
eingesperrt werden, alle haben sie das gleiche, schwere Los der
Unterdrückung, dem nur wenige entkommen. Das Zentrum des Romans,
die Innen-und Außenräume einer Straße in einer fremden Stadt,
führt uns aber auch zu einer Reihe von Männern. Das heißt,
vielleicht lieber zu Unholden, Ogern und Tigern. Zu Tigern, die
in Kaffeehäusern auf Weiberjagd sind, die Notlage junger Damen
ausnützen und feststellen müssen, dass es leichter gesagt als
getan ist, alles von ihnen sehen zu können. Oder zum Oger Iger,
der durch seinen Egoismus seine Frau geradezu zu verschlingen
droht, wie das bei menschenfressenden Riesen so ist.
Aber was für eine Autorin muß es sein, die in einer Zeit, deren
Frauenbild von Mutter - Ehefrauen - Dasein und Hurenromantik geprägt
ist, von derartig anderen Möglichkeiten und Aspekten schreibt?
Da überrascht es nicht allzu sehr, wenn wir erfahren, dass diese
jüdische Autorin unter vielen Pseudonymen, unter schwersten Umständen
zuerst 1932/33 vor allem Kurzgeschichten für die Wiener
Arbeiterzeitung schrieb, später nach der Reichskristallnacht im
Exil lebte und dass ihre Werke erst in den neunziger Jahren, nach
ihrem Tod wieder entdeckt wurden.
Doch was verbindet sie mit diesen Frauen, von denen sie erzählt?
Stellt sie hohe Ansprüche an die Frauen, weil sie so hoch von
ihren eigenen Möglichkeiten dachte, wie Elias Canetti in seinem
Vorwort bemerkt, oder aber fühlte sie sich selbst in gewisser
Weise von ihrem Mann, der selbst ein berühmter und viel
gelesener Autor seiner Zeit war, unterdrückt und in den Schatten
gestellt?
Wie dem auch sei, ihre Absicht ist deutlich. So schreibt ihr
Mann, sie wollte den Leuten helfen, ihren Leuten aus der gelben
Straßen, welche für die Ferdinandstraße steht, in der sie
lange Zeit lebte. Und tatsächlich wird einem beim Lesen des
Buches dieses Gefühl vermittelt.
Da sind die Menschen, die täglich in der Trafik, dem Tabak - und
Zeitungsgeschäft, einkaufen und sich auflehnen. Auflehnen gegen
diese Sorte von Mensch, denen Herr Vlk angehört, die nur Ordnung
will, aber gar nicht richtig hinsieht, was vor sich geht. Oder
gegen die Sorte von Menschen, denen die Runkel angehört, die
sich selbst nicht annehmen, lieben kann, aber Macht über andere
hat, durch welche sie scheinbare Anerkennung bekommt. Auch
zerplatzte Träume und Scheitern gehören zum Leben. Bestimmen
nicht auch heute in unseren Straßen Egoismus, Missgunst und Neid
das Leben wie in der gelben Straße? Doch schon Canettis
Protagonisten wie z.B. Hermann Broch, der auch an die Utopie des
gerechten Sozialismus glaubte, waren der festen Überzeugung,
dass das Gute im Menschen am Ende immer siegt.
Es sind auch viele Parallelen zu den Geschehnissen des 3. Reiches
erkennbar. So z.B. die Kritik am Antisemitismus, die im Kapitel
"Der Zwinger" deutlich wird, als plötzlich ein Kind
aus dem Kinderheim verschwunden ist und man sich einig ist:"Die
Juden haben's abgeschlachtet". Oder auch Vorurteile,
rassistische Bemerkungen gegenüber Burgenländerinnen, welche
wie es im Kapitel "Der Kanal" heißt, alle
schwachsinnig seien. Dass es am Ende gerade dieses burgenländische
Mädchen ist, welches von einer Baronin mit Liebeserklärungen überschüttet
wird, lässt uns schmunzeln.
Aber neben diesen Menschen ist da auch noch die kleine Hedi, die
mit Gerissenheit der Naivität der Leute entgegenschaut und so in
gewisser Weise als Siegerin hervorgeht, die sich nicht in den
Zwinger stecken lässt , nichts hergibt, was ihr doch gefällt.
Veza Canetti schafft es ironisch bitter, mit Ernst und Witz,
provozierende Pointen zu setzen und auf Missstände hinzuweisen.
Sie spielt mit Wörtern und Gegensätzen, mit Symbolen und
Metaphern. So ist jene verkrüppelte alte Frau Namens Runkel mal
ein Fels, eine Wachsfigur oder ein Gewächs. Der Herr Vlk mag es
am liebsten, wenn alles schütter und regelmässig ist und andere
trinken sich gesund, während Runkel sich krank ärgert.
Auch wenn man jedes der 5 Kapitel als eine einzelne
Kurzgeschichte lesen kann, schließt der Kreis sich am Ende
wieder zum Roman. So treten beinahe alle Figuren im letzten
Kapitel noch einmal auf, und nicht nur das Schicksal der Runkel
kommt zu einem unerwarteten Ende, sondern auch das Gelb aus dem
Romantitel kommt hier noch einmal zum Ausdruck. Ja, was bedeutet
letzten Endes dieses Gelb? Steht es nur für den Farbeindruck der
Geschäftsschilder, der Warenballen der Lederhändler oder aber
zeigt es viel mehr deutliche Kontraste auf? So sind gewisse
Hundeköttel gelb, über welche sich Herr Vlk aufregt, aber auch
jene Goldstücke, mit denen die kleine Hedi so gerne spielt. Beim
Lesen des Buches wird es beinahe zur Gewissheit, dass damit
Assoziationen mit Neid, Eifersucht, Zorn, Krankheit zum Tode und
dem Licht der Sonne, das zu unserem Leben dazugehört, verbunden
sind. Auch den einzelnen Personen werden gewisse Farben
zugeschrieben, die so manche Vorstellung beim Leser wecken, z.B.
der Freundin Weiß, die eben ihre Pflicht tut.
So bleibt die "Gelbe Straße" alles in allem ein Buch
voll Freude und Trauer, voll von Wünschen und zerplatzten Träumen,
welches man vorurteilslos zur Hand nehmen sollte, um sich selbst
eine Meinung darüber zu bilden. Wenn auch der etwas gewöhnungsbedürftige,
ungewohnte Schreibstil nicht Jedermanns Sache ist, so hat die
Thematik mit Sicherheit jedem etwas zu sagen und mitzugeben.
Quellen:
Zur Autorin:
http://www.literaturhaus.at/buch/fachbuch/rez/meidl/
http://projekte.vhs.at/nachleseHietzing/stories/storyReader$93
zur Autorin/Interpretation:
Vor-und-Nachwort des Buches