Die Verfemte
Ein Erinnerungsblatt

Motto:
-- aber denen, die mich lieben und meinee Gebote halten,
tue ich wohl bis ins tausendste Geschlecht.


Ich habe sie niemals gesehen, so oft ich auch in meiner Jugend zu Besuch in Golzow weilte, und ich habe auch keinen gesprochen, der behaupten konnte, er habe sie gesehen, obwohl man doch wusste, dass es im Dorf solche gab, die sie gesehen haben wollten. Allein das Volk, dem solche Geschichte widerfahren, hat eine tiefe Scheu, davon zu sprechen - erst viele Jahre später hat es seinen Mund aufgetan, doch das gehört nicht in den Anfang dieser Geschichte, sondern in ihr Ende. Damals schien es nur der Sage gestattet zu behaupten, sie stehe an bestimmten Tagen immer noch vor der Tür des alten Herrenhauses wie einst, als der junge Schwede ihr zu Füßen stürzte. Und genau wie einst lag das weite, grundlose Moor draußen, jenseits der bemoosten Parkmauern, immer noch führte der so genannte "Schwedensteg" als einziger, für den Unkundigen nicht gefahrloser Weg über die Urgründe jener schönen, tückischen Wildnis. Immer noch winkten die weißen Flocken der Torfblumen am Rande der schwarzen, hinterhältigen Wasserlachen, immer noch schwelten und schwebten nachts die geisterhaften Nebel bis dicht an das alte Herrenhaus heran und verwandelten die klaren Linien seines vornehm-schlichten Baues in die spukhafte Zweideutigkeit ihrer lautlosen Geheimnisse. Und immer noch hing in der langen Reihe der Familienbilder, die den weiträumigen Esssaal dieses Hauses schmückten, der leere Rahmen, darunter das kleine barocke Schild mit der verschnörkelten Inschrift: Anna Elisabeth, Vermählte von Golzow, geboren 1654, verwitwet 1675 -, das Todesjahr fehlte - damals hatte man das Portrait schon aus dem Rahmen geschnitten und das Andenken der Dargestellten gelöscht.

Zuweilen entspann sich in der Familie, wenn sie unter sich war, ein Streit darüber, ob man nicht diesen leeren Rahmen entfernen solle, denn zweifellos störte seine etwas befremdende Anwesenheit das ruhige Behagen des Hauses. Auch gab er den von auswärts kommenden Gästen immer wieder Anlass zu verwunderten Fragen, denen der Hausherr - mein Onkel - abweisend-unwillig auszuweichen pflegte. Und dies war, wenn man die Familie kannte, durchaus verständlich. Die märkischen Junker sind - nein, heute muss man sagen: sie waren - ein konservatives Geschlecht, und ihren Gesinnungen konnten die Jahrhunderte kaum etwas anhaben. Wahrscheinlich hätte mein sonst so ritterlicher Onkel sich Anna Elisabeth gegenüber sehr ähnlich verhalten wie seine Ahnherrn vor zweihundert Jahren. Hier waren unüberwindliche Kräfte der Beharrung im Spiel, einer Beharrung, die sich dann freilich auch dahin auswirkte, dass der leere Rahmen, allen Bedenken zum Trotz, doch immer wieder hängen blieb, wo er eben seit zwei Jahrhunderten hing.

Was mich betraf, so fiel ich den Golzowern etwas auf die Nerven, weil ich für diesen leeren Rahmen und die verfemte Anna Elisabeth ein jugendliches und am Widerspruch erst recht entflammtes Interesse fühlte, das aber niemand geneigt war zu befriedigen, denn wie gesagt, die Golzower sprachen nicht gern von jenem Kapitel ihrer Familiengeschichte. Selbst meine nachgiebige Tante wollte auf diesem Ohr nicht hören, wenn ich sie fragte, allerdings aus einem ganz anderen Grund als mein Onkel: "Diese Geschichte kannst du erst verstehen, wenn du selbst einmal verheiratet bist", pflegte sie meinem Drängen zu erwidern - man war bekannter Weise damals unbeschreiblich prüde jungen Mädchen gegenüber, am liebsten hätte man gesehen, dass sie noch an den Storch glaubten. Barbara, meine mit mir gleichalterige Cousine, wusste scheinbar von der Anna Elisabeth auch nicht mehr als ich. "Wir lehnen sie eben ab", sagte sie, von mir mit Fragen in die Enge getrieben, wobei ihr kindlich-naives Gesicht einen befangenen, fast ängstlichen Ausdruck annahm. Ich ärgerte mich über sie, denn ich hatte einen andern Tropfen Blut in den Adern als die Golzower. Für mich bedeutete es von früh auf einen geradezu unwiderstehlichen Reiz, gegen den Strom zu schwimmen, Angefochtene zu verteidigen und Beargwöhnte herauszustreichen.
"Schämst du dich denn gar nicht, jemand abzulehnen, von dem du überhaupt nichts weißt?", fragte ich herausfordernd.

Nun kam Bewegung in das Phlegma ihrer kleinen wohlerzogenen Person. "Aber ich weiß doch von der Anna Elisabeth", fuhr es ihr heraus, "ich habe doch gehört, was Trina und die andern Mägde sich erzählen! Sie glauben ja noch heute im Dorf, was die Anna Elisabeth geglaubt hat."
"Und was hat sie denn geglaubt?", forschte ich.
"Dass sich eine Frau versehen kann, wenn ein Toter im Hause ist." Und dann errötend: "Die Anna Elisabeth hat doch ein Kind erwartet, als der Schwede kam."
Das half mir nun auch nicht weiter. Der Schwede - ein Kind? Was hatten die miteinander zu tun? Und was hieß das: sich versehen?
"Ich glaube, das heißt: dem Kinde schaden", stammelte Barbara - sie hatte offenbar ein furchtbar schlechtes Gewissen bei diesem Gespräch. Und es war dann auch nichts mehr aus ihr herauszubringen. Ich musste die Sache selbst in die Hand nehmen, vielleicht, dass mir Hans - Jeskow dabei helfen würde.
Hans - Jeskow, Barbaras halbwüchsiger Bruder, der mich damals auf eine knabenhaft-spröde Weise anschwärmte, war der einzige Golzower, der sich zuweilen auf meine Seite schlug und meine Fragen nach der verleugneten Ahnin unterstützte. Ja, er fand sich sogar bereit, einmal einen ganzen Nachmittag lang eine entlegene Bodenkammer mit mir durchzustöbern, in der sich nach einem leider unbegründeten Gerücht unter allerlei altem Gerümpel das aus dem Rahmen geschnittene Portrait befinden sollte. Auch ließ er sich, wenn wir zu dreien durch die Felder schweiften, manchmal herbei, mich auf den so genannten Melliner Friedhof zu begleiten, wo die Golzower angeblich ihre missliebige Ahnin bestattet haben sollten, um sie nicht in der Familiengruft dulden zu müssen.

Der Melliner Friedhof bildete die Ruhestätte einer Hugenottenkolonie, die der Große Kurfürst ehemals dort angesiedelt hatte. Das Dorf Mellin war verschwunden, die Kolonisten längst in die umliegenden Ortschaften abgewandert, nur ihre Toten hatten sie zurück gelassen. Umgeben von einer dichten, mauerhohen Buchenhecke, übte diese einsame Ruhestätte schon an und für sich einen gewissen Zauber auf mich aus, vor allem aber war es mir um das Grab der Anna Elisabeth zu tun. Unermüdlich streifte ich mit Hans - Jeskow die langen feinen Waldgräser auseinander, immer in der Hoffnung, auf einen versunkenen Stein zu stoßen, der den gesuchten Namen trug. Aber diese Gräber hatten wohl überhaupt keine Steine gekannt, und die schlichten Holzkreuze, die man den Vertriebenen gesetzt haben mochte, waren längst verwittert. Nur blasse Skabiosen und blaue Glockenblumen schmückten die vergessenen Gräber, und hie und da wucherte noch eine vom Waldgras halb erstickte Kaiserkrone oder ein verwilderter Rosenstrauch.
Barbara streckte sich unterdessen jenseits der Blumenhecke wohlig ins schattige Gras. Sie begleitete uns niemals, wenn wir den Melliner Friedhof besuchten - ich hatte manchmal den Eindruck, dass sich etwas in ihr gegen das Andenken der Anna Elisabeth wehre, und heute weiß ich auch, was es war.
"Weshalb geht ihr eigentlich immer wieder hierher?", fragte sie missmutig. "Ihr könntet doch nachgerade wissen, dass ihr das Grab der Anna Elisabeth nicht findet."
"Einerlei", erwiderte ich, "man kann hier gut an sie denken, denn es ist der Friedhof der Heimatlosen. Und sie ist doch auch eine Verstoßene."

Nun sah sie mich plötzlich mit großen entsetzten Augen an, die alle Naivität ihres kindlichen Gesichtes verschlangen. "Aber ich mag nicht an Heimatlose denken", stieß sie hervor, "heimatlos werden, das muss etwas Schreckliches sein - das muss das Schrecklichste von allem sein, was es gibt!" - Merkwürdigerweise ist mir dieses Wort in Erinnerung geblieben, oder eigentlich ganz natürlicherweise, denn ich habe niemals Menschen gesehen, die so fraglos und ursprunghaft an ihre Scholle gebunden waren wie die Golzower, obwohl sie kaum je davon sprachen. Man merkte es nur daran, dass man sie sich nirgends anders vorstellen konnte als eben in Golzow. -

Wir saßen dann noch eine Weile im Schatten der hohen Buchenhecke. Es war dort angenehm kühl, und der süße Duft eines nahen Lupinenfeldes lag in der Luft. "Wir müssen ihn noch schnell und gründlich trinken", sagte ich eifrig, "denn der Inspektor will die Lupinen morgen umpflügen lassen - wie traurig ist es für die schönen Blumen!" Hans - Jeskow lachte mich aus: so etwas konnte auch nur jemand sagen, der aus der Stadt kam! Inzwischen hatte sich Barbara wieder gefasst.
"Wenn die Anna Elisabeth von uns verstoßen wurde, so ist ihr recht geschehen", trotzte sie. "Mein Vater sagt, sie hat Verrat geübt, und das wird richtig sein, sonst würde sie ja auch nicht spuken."
"Wollen wir nicht einmal eine Nacht aufbleiben und warten, ob wir den Spuk sehen?", schlug ich vor.
"Das nutzt nichts", sagte Hans - Jeskow. "Den Spuk sehen wir nicht, den sehen nur die Dorfleute."
"Sehen sie ihn wirklich?", fragte ich, denn seine Antwort schien mir etwas unsicher zu klingen.
"Ja, sie sehen ihn", erwiderte er nun sehr bestimmt, "die Anna Elisabeth steht auf der Schwelle des Hauses und wartet."
"Auf wen wartet sie?", wollte ich wissen. Nun stutzte er.
"Ja, auf wen wartet sie eigentlich?", wiederholte er, offenbar kam diese Frage ihm zum ersten Mal in den Sinn.
"Vielleicht darauf, dass ihr Gerechtigkeit zuteil wird", meinte im anzüglich. Er sah mich erstaunt an. "Du meinst, sie warte auf uns?", sagte er. Dann plötzlich aufspringend: "Ach Unsinn!" Und nun setzte er das Golzower Junkergesicht auf, und ich konnte vorerst nichts mit ihm anfangen. Aber lange hielt er das nicht aus, und so war er es denn auch, der mich bald danach auf die so genannte "Chronika" aufmerksam machte, die demnächst nach Golzow kommen sollte.

Die "Chronika" oder, wie mein Onkel sagte, "das Buch der Chronika, " war der Spitzname für ein armes adeliges Fräulein, das in der benachbarten Kreisstadt eine kleine Mietswohnung inne hatte, aber fast nie darinnen angetroffen wurde. Die Chronika war mit dem gesamten Landadel der Umgegend verwandt, versippt oder verschwägert, und die Güter rissen sich darum, sie einzuladen, denn sie führte ihren Spitznamen zu Recht, insofern sie wirklich die lebendige Chronik der ganzen Gegend bedeutete, also ein höchst unterhaltsamer Gast war. Sie konnte das verworrene Garn der verwickeltsten Verwandtschaften so glatt aufspulen, dass man unwillkürlich an den Faden der Ariadne dachte; sie verstand sich auf die Herkunft jener feinen altertümlichen Gewebe, die man Traditionen nennt; sie konnte über den Grundbesitz eines jeden märkischen Geschlechtes Auskunft geben, über seine Schlösser, die noch standen, und über solche, die nicht mehr standen; und natürlich kannte sie sich auch in den herben und stolzen Opfergängen dieser alten Familien aus. Sie wusste die lange Reihe ihrer im Felde gefallenen Söhne mit Namen zu benennen bis in die friederizianischen, ja bis in die kurfürstlichen Zeiten hinab. Sie wusste aber auch um die Herzensgeheimnisse und stillen Tragödien dieser äußerlich so kühlen und unangefochtenen Menschen. Ein wahres Feuerwerk von Anekdoten stieg empor, wenn sie auf gewisse Originale dieser Familien zu sprechen kam, sie scheute aber auch nicht vor den Berichten kleiner und großer Skandale zurück, die es schließlich hier, wie an jedem anderen Ort der Erde, wo Menschen wohnen, gegeben hatte, ja, man behauptete sogar, es mache ihr nichts aus - nein, es mache ihr gelegentlich sogar Vergnügen - die Gesellschaft etwas zu schockieren. Die Chronika hatte eben ihr eigenes Maß, irdische Geschichte, Irrungen und Verhängnisse zu messen, denn sie wusste von den Menschen vieles, was man sonst nicht wusste und vielleicht auch gar nicht wissen konnte, weshalb mein Onkel, der sich gerne mit ihr stritt, behauptete, sie flunkere ein wenig, womit er denn freilich dem eigentlichen Geheimnis der Sache weit näher kam, als er selbst wusste. Was nämlich die Chronika wirklich zum "Buch der Chronika" machte, hing nicht, wie alle Welt glaubte, an erster Stelle mit ihren gesellschaftlichen und familienhaften Interessen zusammen, sondern es war der Niederschlag eines höchst anmutigen Erzählertalents. Man munkelte denn auch von ihr, dass sie im Geheimen schriftstellere, weshalb mein Onkel sie als einen "Schöngeist" zu bezeichnen pflegte, ein Titel, der in seinem Mund mit dem Ton leichter Missbilligung verbunden war - Schöngeister gehörten eigentlich nicht in die Kreise, die er "die unsern" nannte. über das, was die Chronika schrieb, kann ich keine Aussagen machen, in Golzow war darüber nichts zu erfahren. Mein Onkel las morgens die Kreuzzeitung und abends die Bibel, außerdem studierte er gelegentlich den Gothaer und die Rangliste, sowie eine Zeitschrift für Jagd- und Forstwirtschaft. Meine gute Tante aber kam wohl über die Losungen der Brüdergemeinde hinaus kaum noch zum Lesen; was ihr die eigene Familie an Zeit übrig ließ, verschlang die große Familie der Gutsleute. Übrigens war die Missbilligung, die mein Onkel der Chronika als Schöngeist zollte, durchaus theoretischer Natur, praktisch bekannte er sich wie alle Welt dazu, dass sie eben doch eine "charmante Person" sei.

Sie erschien also in Golzow zu den Manövertagen: zierlich, liebenswürdig und eigenwillig, ob alt oder jung, wage ich nicht zu entscheiden. Meinen siebzehn Jahren kam sie natürlich uralt vor, heute würde ich dieses Urteil schwerlich unterschreiben. Doch vor allem kam sie mir ganz anders vor als alle Menschen, die ich kannte. Ich fühlte mich sofort von ihr gefesselt, ja, ich schwärmte sie bewundernd an, weil es ihr gelungen war, so anders und doch so beliebt zu sein, nein, von der Gesellschaft geradezu gefeiert zu werden, ein Widerspruch, an dem ich selbst vorläufig noch tagtäglich scheiterte.

In Golzow hatte man damals zwei Stäbe und eine Schwadron Husaren einquartiert: Herrenhaus und Wirtschaftsgebäude waren bis unter das Dach belegt, außerdem biwakierte noch schwere Artillerie auf dem geräumigen Gutshof. Alle Hände waren in Bewegung, alle Füße flogen treppauf, treppab, aber niemand klagte über Müdigkeit. Das ganze Personal war in freudiger Erregung, besonders den Mädchen wurde nichts zuviel, von früh bis spät hörte man ihren fröhlichen Gesang. Auch Barbara und ich mussten uns schon vor Tau und Tag den Schlaf aus den Augen reiben, um das Frühstück für all die hungrigen Mäuler herrichten zu helfen. Aber wenn dann endlich die vielen hundert Butterbrote gestrichen und belegt, die letzten Tassen Kaffee eingeschenkt und die Versorgten glücklich ausgerückt waren, dann durften wir zur Belohnung auch die Jucker anspannen lassen - ach nein, was sage ich denn da? Nicht zur Belohnung: in Golzow tat jedermann seine Pflicht, ohne Anspruch auf besondere Prämien, da galt noch das berühmte "Travailler pour le Roi de Prusse", ein Wort, das mein Onkel gerne und nicht ohne Stolz zitierte. Also ganz schlicht: die Jucker wurden angespannt, und man fuhr im offenen Jagdwagen schlanken Trabes durch die Ebereschenallee ins Manövergelände hinaus, das sich in der entgegengesetzten Richtung wie die Moorlandschaft und meilenweit wie diese über die abgeernteten Kornfelder und Äcker hin erstreckte. Schon von weitem hörte man die hellen militärischen Trompetensignale, die einander durch die lichte, lautlos-stille Herbstluft riefen und antworteten. Dann kamen die Truppen in Sicht. Wir hielten dicht bei dem kleinen Hügel, wo die hohen Stäbe ihre Aufstellung genommen hatten. Mein Onkel, mit dem Fernglas bewaffnet, folgte angespannt den militärischen Bewegungen, wobei er sich freudig an seine eigene Dienstzeit erinnerte, während Barbara und ich, unter den wogenden Rändern unserer großen Strohhüte hervor, nach den schlanken Adjutanten lugten, die von Zeit zu Zeit grüßend an unsern Wagen heran ritten und von ihren tanzenden Pferden herab das farben-frohe Schauspiel erläuterten, denn damals trugen ja die Regimenter noch das bunte Turo: Husaren und Dragoner leuchteten in den blassen Stoppelfeldern wie große, übrig gebliebene Inseln von Mohn- und Kornblumen. Am prächtigsten aber sahen doch die Kürassiere aus, zumal die von der Garde, mit ihren im Sonnenlicht blitzenden Harnischen und den fliegenden Achern über den silbernen Helmen. Man setzte auch auf allerhöchsten Befehl noch zu prunkvoll - rauschenden Kavallerieattacken an; obwohl man doch genau wusste, dass solche in einem künftigen Krieg nicht mehr vorkommen würden. Aber wer dachte damals an Krieg? Wir jungen Mädchen gewiss nicht, für uns waren die Manövertage das reine Fest, besonders Barbara war völlig aus dem Häuschen, ihr ganzes süßes Phlegma war verschwunden. Abends fanden sich die Offiziere meistens noch zu einem Tanz bereit, während die Regimentsmusik draußen im Park die "Schöne blaue Donau" spielte. Barbara und ich flogen von einem Arm in den andern, jede von uns war eine Ballkönigin ohne Konkurrenz, obwohl sich auch die zierliche Chronika hie und da noch zu einem feierlich - wogenden Walzer erbitten ließ - es bestand da offenbar eine geheime Übereinstimmung zwischen ihren leicht beschwingten Füßen und ihrem beschwingten Wort. Freilich, die von mir ersehnte Gelegenheit, diesem zu lauschen, ergab sich erst am letzten Abend, den die Einquartierung in Golzow verbrachte. Unter den Offizieren hatte sich eine gewisse Tanzmüdigkeit eingestellt. Einige waren nach dem spät eingenommenen Diner mit meinem Onkel und Barbara pürschen gefahren, andere zu einem Besuch in die Nachbarschaft geritten oder hatten sich zum Baden an den Waldsee begeben. Zum ersten Mal war ich mit der Chronika allein, denn die Tante hatte man natürlich wieder ins Dorf gerufen. Während wir gemeinsam die alten Kristallgläser für die Abschiedsbowle bereitstellten, zu der man sich hernach auf der Terrasse versammeln wollte - diese kostbaren Gläser wurden nie der Dienerschaft anvertraut - überlegte ich, ob ich nicht jetzt um die Geschichte der Anna Elisabeth bitten sollte. Es war so lautlos still im Haus und auf der Terrasse, dass man das leise Niederschweben der ersten Herbstblätter zu vernehmen glaubte, die sich von den hohen Lindenbäumen des Parkes lösten. Und von Zeit zu Zeit klangen auch die alten Kristalle ganz leicht und melodisch aneinander, wenn sich die Hände der Chronika und die meinen bei der Arbeit berührten. Ohne Zweifel war jetzt die rechte Stunde, ihr meinen Wunsch vorzutragen. Aber ich hatte wunderlicher Weise das Gefühl, dass sie bereits um diesen wisse, denn jedes Mal, wenn die Kristalle aneinander klangen, sah sie mich an, als ob wir ein Geheimnis teilten. Hatte Hans - Jeskow da irgend etwas vorbereitet, um einen Stein bei mir im Brett zu haben - der gute Junge, er war so schrecklich eifersüchtig auf die Offiziere! Oder wusste die Chronika zuweilen wirklich etwas, was man eigentlich nicht wissen konnte? Wusste sie es auch von mir? Sicher war nur: wenn meine Neugier alle andern rücksichtslos bedrängt hatte, der Chronika gegenüber vermochte ich nur bescheiden zu warten. Ja, der Ausgang des Wartens schien mir geradezu die Probe auf das Geheimnis, das zwischen uns schwang. Und wirklich: als wir mit den Gläsern fertig waren, nahm sie meine Hand in ihre kleine energische Rechte und zog mich an ihre Seite auf einen der bequemen Korbsessel nieder, dann begann sie zu erzählen. Es dämmerte bereits auf der Terrasse, aber im Esssaal, zu dem die Flügeltüre offen stand, brannte eine Flamme - ihr Schein fiel voll auf den leeren Raahmen. Und nun trat gleichsam das verschollene Bild dennoch aus diesem hervor. Ich gebe es hier wieder, so wie es mir über viele Jahrzehnte hinweg in Erinnerung geblieben ist.


Wenige Tage nach der Schlacht bei Fehrbellin, als die schwedische Armee auf ihrem hastigen Rückzug vielfach versprengte, einzelne Reiter zurücklassen musste, die entweder von den erbitterten Bauern erschlagen oder von den brandenburgischen Regimentern in die Sümpfe gejagt wurden, pochte an das Tor des Gutshofes von Golzow ein blutjunger, zu Tode erschöpfter schwedischer Kornett. Als man ihm öffnete, prallte er entsetzt zurück, denn er hatte erwartet, hier noch ein Detachement seiner eigenen Waffengefährten anzutreffen, das auch bis vor wenigen Tagen dort gelegen hatte. Stattdessen stand er einem finster blickenden Mann in der bäuerlichen Tracht des Landes gegenüber, in dem er ohne Zweifel einen feindseligen Brandenburger zu erkennen hatte. Der Mann schlug denn auch sofort das Hoftor hinter dem Schweden zu und schob den schweren Balken vor.

"Komm nur herein, du elender Kerl", schrie er, "du Mordbrenner und Viehräuber! Deinesgleichen sind uns wohlbekannt! Wir wollen dich auf gut brandenburgisch empfangen, so dass du niemals wieder Lust verspüren kannst, in unseres Kurfürsten Land einzufallen." Dann stieß er einen Pfiff aus, worauf im Türrahmen eines sichtlich leeren Stalles zwei stämmige Knechte erschienen. "Jochen und Heinrich, holt eure Dreschflegel, "rief ihnen der Mann am Tor zu, "hier gibt es Arbeit für euch!" Der junge Schwede -natürlich hatte seine Pistole die letzte Kugel längst verschossen - wollte nach dem Degen greifen, aber die kräftige Faust des andern kam dem Erschöpften zuvor und hielt seine Hand fest.

In dem Gesicht des jungen Menschen tagte eine schreckliche Erkenntnis - er wurde weiß wie ein Leinentuch. Und nun rückten auch bereits die beiden dreschflegelbewaffneten Knechte heran. Gleichzeitig öffnete sich die Tür des Herrschaftshauses, und auf der Schwelle erschien eine Frau mit einem noch jungen, aber herben und vergrämten Gesicht, das die Flügel einer weißen Witwenhaube rahmten. Beim Anblick der schwedischen Uniform und der unzweideutigen Haltung des Hofgesindes trat sie hastig ins Haus zurück, offenbar gewillt, den Landesfeind seinem Geschick zu überlassen. Aber noch ehe sie die Tür hinter sich schließen konnte, hatte jener sich mit letzter Kraft von dem Griff des Brandenburgers losgerissen. Er stürzte ihr nach ins Innere des Hauses und, zu ihren Füßen niedergetaumelt, hob er, in seiner Todesangst immer dichter an ihren Körper herandrängend, die Arme flehend zu ihr empor. Dabei ward er inne, dass sie gesegneten Leibes war, und der deutschen Sprache zwar unvollkommen und mit fremdem Tonfall, aber immerhin mächtig, stammelte er: "Mutter, Ihr seid eine Mutter, rettet mich!"

Ob es nun der Anruf mit dem süßen Mutternamen war, den Anna Elisabeth in diesem Augenblick wohl zum ersten Mal in ihrem Leben an sich gerichtet vernahm - auf jeden Fall, sie blieb stehen und stieß den Flehenden nicht zurück.

Aber auch die drei Männer auf dem Hof waren der Frau ins Haus nachgestürzt. Der, welcher dem Schweden das Tor geöffnet hatte, - wohl der Verwalter des Gutes - rief: &"Gnädige Frau, hier ist ein Landesfeind, an dem ein Männerwerk getan sein muss - zieht Euch in Euer Schlafgemach zurück, Ihr tragt ein Kind unter dem Herzen, gebt acht, dass Ihr Euch nicht verseht!"
In der Haltung der vergrämten Frau schien eine Wandlung vorgegangen. "Zieht ihr euch zurück", erwiderte sie, "und lasst diesen Fremden in Frieden. Er ist ein besiegter Feind und kann uns keinen Schaden mehr zufügen. "
"Was ist ein besiegter Feind?", polterte der andere. "Ein besiegter Feind kann wiederkommen, auf einen erschlagenen Feind kommt es an!"
"Auf die Herrin von Golzow kommt es an", sagte die Frau hochfahrend.
"So, und auf den Gatten der gnädigen Frau, der im Schwedenkrieg gefallen ist, kommt es wohl nicht mehr an?", fragte der Mann patzig, wagte aber offenbar nicht, den Knieenden zu Füßen der Herrin fortzureißen. "Nun, auch gut, wir können warten, nicht wahr, Jochen und Heinrich? Der Bursche da entgeht uns nicht." Er wechselte einen tückischen Blick mit den beiden Knechten, worauf sich alle drei davonmachten.

Kaum war die Frau mit dem jungen Schweden allein, so brach der Erschöpfte völlig zusammen. Er fiel auf den Fußboden nieder, streckte sich und schloss die Augen.
Wir wissen nun nicht, was in dieser Stunde in Anna Elisabeth vorging, wir wissen ja überhaupt so wenig von ihr! In dem kargen Bericht, der später über sie für den Kurfürsten aufgesetzt wurde, bezeugen ihre Mägde, sie habe die Schweden bitterlich gehasst und seit dem Tode ihres Gatten Tag und Nacht geweint und sich auch durch das Kind in ihrem Schoß nicht wollen trösten lassen. Es sei vielmehr gewesen, als ob sie überhaupt nicht habe inne werden können, dass sie in der Hoffnung sei. Und so scheint es denn also wirklich, dass durch den Anruf dieses jungen verzweifelten Menschen zum ersten Mal das Bewusstsein ihrer Mutterhoffnung in ihr aufgeleuchtet ist. Vielleicht hat ihr junges, vergrämtes Gesicht in jener Stunde zum ersten Mal seit langer Zeit gelächelt, vielleicht - wir wissen es nicht.
Als es im Gemach zu dämmern begann - der frühe Mond verbarg sich noch hinter den hohen Scheunendächern - pochte es an die Tür. Die Frau öffnete, und die alte Magd Stina schlich, die Holzpantoffeln in der Hand, auf bloßen Füßen herein. Sie warf einen bösen Blick auf den schlafenden Schweden, dann flüsterte sie der Herrin zu: "Junge Frau, der da muss fort! Morgen früh werden die Kurfürstlichen hier sein und ihn erschlagen, und recht geschieht 's dem verdammten Schweden, aber es sollte nicht hier sein - ein Erschlagener im Hause der Schwangeren, das bedeutet Unheil fürs Kind."
"Ja, er muss noch in der Nacht fort", erwiderte die Frau leise.
"Aber er kommt nicht lebend aus dem Haus", versetzte die Alte düster. "Die Knechte wollen die ganze Nacht Wache stehen und ihm auflauern. Ihr werdet Euch durch das Geschrei versehen, wenn sie ihn vor Eurer Tür erschlagen. Ich lasse ihn durchs Kellerpförtchen und zeige ihm den Weg ins Moor."
"Du meinst, dass er durchs Moor die Seinen noch erreichen könnte -?" es war etwas Undurchsichtiges iin der Frage der Frau.
"Könnte, könnte", kicherte die Magd, "ja, wenn ihn das Moor durchließe! Aber das Moor lässt keinen durch, der sich nicht auskennt - spätestens am Mordsteg tuts einen jeden ab, der ungeleitet geht. Aber da hört Ihr's nicht, wenn's geschieht - das Moor macht's ohne Geschrei."

Die Frau war zuerst ganz still. Ihr Gesicht lag tief im Schatten der verschwiegenen Dämmerung. Endlich herb, aber sehr ruhig: "Ja, dort hör ich's nicht, wenn's geschieht." Alsdann: "Leg dich schlafen, Stina, ich lass ihn selbst durchs Kellerpförtchen." Und als die Magd zögerte, kurz und hochfahrend: "Du hast mich verstanden, also geh." -
Wir wissen nun abermals nicht, was in Anna Elisabeth vorging, als sie wieder mit dem jungen Schweden allein war. Hat sie mit dem Gedanken gerungen, dass er zu denen gehörte, von deren Hand ihr Gatte die tödliche Kugel empfing? Wer sagte ihr, dass es nicht eben dieses Schweden Hand gewesen? War sie willens, ihn zum zweiten Mal zu retten - hatte sie der Anruf ihrer Mutterschaft so mütterlich auch gegen ihn verwandelt? -

Der Mond war jetzt über dem Scheunendach emporgestiegen, sein mildes Licht fiel auf die Dielen und auf das Gesicht des am Boden Schlummernden. Er lag da, schmal und blond und jung - viel zu jung für den Krieg - viel, viel zu jung. Zwischen den weißblonden Augenbrauen stand eine steile, schmerzvolle Falte, die Spur der ausgestandenen Todesangst. Wie ein Schwerverwundeter lag er da, unmächtig seiner selbst, im Schlafe hilflos wie ein Kind, fast so hilflos wie das Kind, das unter dem Herzen der Frau schlief. Nein, wir wissen nicht, was in dieser vorging - wir wissen nur, was sie tat.
Sie wartete lange. Noch zerrte der Hofhund an der Kette, noch knarrte eine Stalltür, noch schlichen die Schritte der wachenden Knechte ums Haus. Endlich barg die Nacht den letzten eigenwilligen Laut in ihrem Schweigen: müde gewachte Häupter sanken gegen die Haustür - wenn Anna Elisabeth lauschte, vernahm sie die Atemzüge der Schlafenden unschuldsvoll und tief wie die der nahen Felder.
Sie entzündete kein Licht, sondern trug im Mondschein Brot und Milch aus dem Keller herbei, das karge Mahl des ausgesogenen Landes. Dann weckte sie den Schweden und hieß ihn sich stärken. Er gehorchte stumm, er war noch wie betrunken von Schlaf und Erschöpfung. Erst als sie ihm gebot, ihr zu folgen, stutzte er flüchtig, dann aber schien er sich zu entsinnen, wie sie ihn vorhin geschützt hatte, und er folgte ihr ohne Widerspruch.
Durch das Kellerpförtchen stieg man in den einstigen Burggraben hinab, in den sich nun ein kleiner barocker Ziergarten schmiegte, er duftete in der warmen Juninacht wie ein einziger großer Sommerstrauß. Der Mond ergoss sich in Bächen von Licht zwischen den geschnittenen Buchsbaumhecken. Hie und da flimmerte ein spitzer Stein blank auf wie von überspülendem Wasser benetzt - hier war es noch gefährlich. Aber bald kam die Treppe in der Gartenmauer, über deren moosige Stufen man hinauf und hinab stieg, ohne Tor ins freie Land hinein. Und nun begannen auch schon die Nachtnebel des nahen Bruches. Noch erkannte man umschleierte Ellern und Weiden. Einmal stand ein riesiger Moorhirsch mitten im Weg, das dunkle Geweih wie eine geisterhafte Krone im Dunst schwebend. Aber schon rauschte es im Ellernbusch, und er verschwand. Ein stiller Kanal tauchte auf, daneben war Torf geschichtet, ein schwarzes Boot lag im Wasser, wie bereit, ins Jenseits abzustoßen. Dann schwammen Boot und Torf hinweg, alles wurde undurchdringlich dicht und grau, als würden die Gesichter der Wandernden in ein Tuch eingeschlagen. Und nun musste Anna Elisabeth ja wohl den Schweden seinem Schicksal überlassen, wenn sie sich Stinas Plan zu eigen gemacht hatte? Oder war die rechte Stelle noch nicht gekommen? Wiederum wissen wir nicht, was in ihr vorging -wiederum wissen wir nur, was sie tat: Anna Elisabeth ging weiter.
Der Weg wurde nun seilschmal, die Luft dick und feucht, aber immer noch erwärmt von der Hitze des vergangenen Sommertages. Nur von Zeit zu Zeit verkühlte sie sich jäh und heftig, als lange da blitzschnell eine eisige Hand aus dem Boden hervor nach den Wandernden. In der Ferne klagte eine Unke wie die arme Seele eines im Moor Versunkenen.
Sie gingen schweigend, die Frau mit ihrem schweren Leib langsam und ruhig voran, er folgte noch immer halb schlafend und wie benommen ihren Fußstapfen. Es gluckste unter ihren Füßen, Wasser quoll auf und sprang ihnen wie kalte Frösche über die Schuhe. Es roch nach Schilf und Morast. Zuweilen hatte er das dunkle Gefühl, als sei die Gestalt vor ihm eine bloße Einbildung, oder auch, als könne sie sich jeden Augenblick in eine solche auflösen. Dann wieder schien es ihm, als sei auch sie ihrer selbst oder des Weges nicht ganz sicher - er sah an den beiden Flügeln ihrer Haube, wie sie den Kopf unruhig spähend bewegte, aber alles wie im Traum, ohne Wirklichkeit und rechtes Erwachen.
In der Ferne jagte jetzt ein Schrei über das Moor hin, als wolle sich dieses blutig-rot verfärben. Würgte da ein Raubzeug ein anderes Tier, oder kam der Schrei aus einer Menschenkehle? Hatten sie da wieder einen Versprengten in den Sumpf getrieben? Anna Elisabeth lauschte auf: kein Zweifel, das waren brandenburgische Schüsse, und das waren die Schreie der Landesfeinde. Und jetzt musste ja wohl endlich klar werden, was eigentlich in Anna Elisabeth vorging, jetzt musste es sich entscheiden, ob sie den Schweden wirklich retten wollte? Denn diese Schüsse - immer wieder fielen solche in der Ferne - diese Schüsse waren doch gleichsam die Stimmen der Ihren, die Mahnrufe derer, zu denen sie gehörte, und zu denen ihr geliebter Gatte gehört hatte - ja, diese Schüsse waren eigentlich die Mahnrufe des Vaterlandes selbst, die ihr brandenburgisches Gewissen trafen, streng fordernd, so als pochten da die Hände ihrer toten Väter an ihr Herz. Ja, jetzt musste es sich entscheiden, jetzt war sie endlich aus dem süßen Traume ihres Mutterglückes aufgerüttelt, jetzt war sie sich zum ersten Mal voll bewusst, was das Vaterland von ihr verlangte.
Aber auch der Schwede hatte die fernen Schüsse vernommen. Er war stehen geblieben: "Frau, wohin führt Ihr mich?" fragte er - es war das erste Wort, das er auf dem Wege sprach, es klang erwacht, fast erschreckt. War der Soldat da plötzlich in ihm aufgesprungen, der Soldat in Feindesland, der niemand trauen darf? Oder war ein düstrer Funke ihrer Not zu ihm hinüber geflogen? Jäh erschauernd wandte sie sich um - sie hatte das Gefühl, er könne sie von rückwärts niederschlagen. Einige Sekunden stand sie ihm wie gelähmt gegen- über, sie konnte sein Gesicht im Nebel nicht erkennen, sie konnte sich auch nicht auf sein Gesicht besinnen - es war, als würden sie beide von bösen Geistern umringt. Und wo eben noch ein armer, todmüder Junge gewesen war, der ihr arglos folgte, da war nun ein Feind, den sie vernichten sollte und der sie vernichten konnte - oder konnte er es etwa nicht, weil sie es nicht konnte? War die Entscheidung schon gefallen?
Sie standen jetzt unmittelbar vor der Stelle, wo der so genannte "Mordsteg" begann, die Stelle, die Stina gemeint hatte, als sie sagte: ,Das Moor lässt keinen durch, der ungeleitet wandert. Wenn sie jetzt zu dem Schweden sagte: ,Geht getrost allein, von hier an ist der Weg nicht mehr gefährlich', so würde er ihr sicher Glauben schenken. Er würde dann noch eine kleine Strecke weitertasten, indessen sie heimwärts ging, aber dann würde wieder ein Schrei über das Moor jagen, schrecklicher als der, den sie in ihrem Haus gefürchtet hatte. Denn Stina's Wort: ,Das Moor macht's ohne Geschrei', das hatte nur für die Daheimgebliebene gegolten, die den Schweden eben Stina überlassen wollte - Stina als Begleiterin des Schweden hätte dieser Schrei nichts ausgemacht, sie hätte sich daran erfreut und erquickt. Denn Stina trug kein Kind unter dem Herzen, aber sie trug ein solches - oder trug sie wirklich nur eins? Waren ihr nicht zweie anvertraut? Das Leben ihres Kindes hing am Leben dieses Schweden, und wie jener sie als Mutter angerufen hatte, so rief jetzt gleichsam ihr Kind die Mutter in ihr für den Schweden an. Ja, weiß Gott, die Entscheidung war vorüber: als sie Stina weggeschickt, da hatte sie bereits das Vaterland geopfert! Aber nie, nie würde ihr das Vaterland vergeben können, und nie, nie würde sie sich selbst vergeben dürfen.
Der Schwede fragte jetzt zum zweiten Mal: "Frau, wohin führt Ihr mich? Seid Ihr auch des Weges sicher?" Es klang drängender noch als das erste Mal und doch: sie fühlte, dass die bösen Geister schon entwichen waren. Sie konnte sich jetzt auch wieder auf sein Gesicht besinnen, wie sie es da vorhin auf der Diele ihres Hauses erblickt hatte, so blond und jung, viel zu jung für den Krieg, ja wirklich zum Erbarmen jung! Und nun musste sie die Schuld dieses Erbarmens auf sich nehmen - wehrlos und im Innersten zerrissen. ,Seid Ihr des Weges sicher' hatte er gefragt - "Ja, ich bin sicher", sagte sie, "gebt mir die Hand, denn an dieser Stelle sind schon viele versunken." -
Sie setzten nun schweigend den Weg fort. Endlich begann sich der Boden zu festigen, man spürte raschelndes Heidekraut unter den Füßen. Der Nebel wurde durchsichtiger, eine Sanddüne schob sich vor, es roch nicht mehr nach Schilf und Morast, sondern nach Wacholder, Harz und Thymian. Dann erhob sich aus der bereits grauenden Dämmerung eine Kiefernschonung wie eine lang gestreckte niedrige Mauer. Hinter ihr stieg Feuerschein zum Himmel auf.
Anna Elisabeth blieb stehen. "Dort drüben", sagte sie, "sind die Lagerfeuer der Euren. Haltet Euch darauf zu, von hier an kann Euch nichts mehr widerfahren." Sie wandte sich ins Moor zurück, in dessen Ferne fiel jetzt wiederum ein Schuss.
"Aber Euch, Frau", rief er mit plötzlichem Begreifen ihrer Lage, "Euch kann etwas geschehen! Ihr habt den Feind geführt, man wird Euch strafen! Habt Ihr keinen Gatten, der Euch schützt?"
"Mein Gatte ist gefallen", erwiderte sie schroff .
"Im Schwedenkrieg?", fragte er hellhörig.
Die Flügel ihrer Witwenhaube bebten wie verwundete Vogelschwingen. Ohne sich nach ihm umzuwenden, ging sie weiter. Er haschte nach ihrem vom Nebel feuchten Gewand: "Und trotzdem habt Ihr mich gerettet, Frau? Trotzdem seid Ihr mir barmherzig geworden?"
Sie wehrte sich: "Nicht ich, mein Kind hat Euch gerettet; die Frau, die das kommende Leben trägt, darf den Tod in ihrem Hause nicht dulden." Heftig riss sie ihr Gewand von seiner Hand los. Er lief neben ihr her und erfasste es zum zweiten Mal: "So segne denn Gott dieses Kind, das mich gerettet hat und all seine Kinder und Kindeskinder. Möge es ihnen ergehen wie mir, sollten sie je in Feindesnot geraten. Gott schütze sie bis ins fernste Geschlecht!"
Da endlich überwältigte sie das Erbarmen ihres Herzens: sie wurde plötzlich so froh über die Rettung dieses jungen Schweden, als habe das Kind in ihrem Schoß einen Bruder bekommen. Leise und sanft sagte sie: "Gott segne auch Euch - Ihr wart der erste, der mich Mutter nannte." -
Die Laute des beginnenden Tages erhoben sich, als Anna Elisabeth über das Moor zurückehrte. Der Unkenruf war verstummt, die Rohrdommel erwacht. Der Flötenruf des Pirol erklang. Ein Schwarm wilder Enten, dicht aneinander gedrängt, stob mit lautem Flügelschlag vorüber. Kleine Frösche und Kröten hüpften eilfertig über den schmalen Pfad - Anna Elisabeth musste bei jedem Schritt achtgeben, dass sie die Fülle des Lebendigen nicht zertrat, sie fühlte ein früher nicht gekanntes Verlangen, selbst das armseligste Geschöpf zu schonen. Auch über dem Moor lichtete sich jetzt der Nebel. Das Morgenrot ließ die Einsamkeit des Horizonts erblühen. Auf den schwarzen Wasserlachen lag sein zarter Widerschein, schön geflügelte, metallisch glänzende Libellen blitzten darüber hin, Myriaden kleiner Insekten schwirrten um die bräunlich blühenden Binsen. Das Schilf war im Morgenwind lebendig geworden, es sauste und sang wie mit schönen, wildnishaften Harfenstimmen. Nichts Unheimliches und Hintergründiges ging mehr von dieser schlichten Landschaft aus, alles schien geschmückt für die Festlichkeit des neuen Tages. Anna Elisabeth fühlte das Verlangen zu singen. Sie wusste, sie trug ihr gerettetes Kind heim, aber nicht nur dieses, sondern so, als wachse dieses kleine Kind unter ihrem Herzen und begehre immer mehr von dessen Raum, so viel Raum, als sollten alle Menschen darin Platz finden. Unwillkürlich fiel ihr die alte Legende aus der katholischen Zeit ein, von dem Manne Christoph, der das Jesuskind über das Wasser trug, und als er hinüber war, merkte er, dass er die ganze Welt getragen hatte. Trug etwa jeder, den Barmherzigkeit erfüllte, im Grunde das Jesuskind? Und nun war der Krieg zu Ende, all sein Unrecht vergeben und all sein Leid versöhnt. -
Schon im Laufe des gleichen Tages traf eine brandenburgische Streife in Golzow ein, die nach einem jungen schwedischen Offizier fahndete, der angeblich wichtige Informationen für den Rückzug der feindlichen Armee getragen haben sollte. Ob der Gesuchte nun jener Schwede war, den Anna Elisabeth geführt hatte, konnte nie geklärt werden, fest stand nur, dass sie dem Feind Hilfe geleistet, und dass dieser seinen einen Flügel gerettet hatte. Es heißt, man habe sie wegen Landesverrat vor ein Kriegsgericht stellen wollen, aber der Kurfürst, dankbar für den Sieg, den er ja eben doch errungen hatte, und eingedenk dessen, dass die junge Frau in der Hoffnung war, habe den Prozess großmütig niedergeschlagen.

Anna Elisabeth gab einige Wochen später einem gesunden Knaben das Leben. Über ihr ferneres Schicksal gehen verschiedene Meinungen um. Die Familienchronik verschweigt sie völlig. Einige wollen wissen, sie habe Jahr lang als eine Art Gefangene ihrer Schwäger ein einsames und trauervolles Leben in einem entlegenen Gemach des Golzower Herrenhauses geführt und später ihr Grab auf dem Melliner Friedhof gefunden. Andere behaupten, dass sie bei der Geburt ihres Sohnes oder bald danach gestorben sei, und so habe man ihr denn nichts mehr antun können, als eben ihr Bild aus dem Rahmen zu nehmen und ihr Andenken in den Annalen der Familie zu löschen. ---


Die Chronika hatte geendet. Noch während sie erzählte, waren die einzelnen Gruppen unserer Manövergäste von ihren Ausflügen zurückgekehrt und hatten auf der Terrasse Platz genommen. Stühle wurden gerückt, Bowlengläser eingeschenkt, mein Onkel räusperte sich hörbar, allein die Chronika ließ sich dadurch nicht im geringsten stören. Riss die Leidenschaft des Erzählens sie fort, so dass sie gar nicht merkte, was um sie her vorging, oder fand sie wieder einmal einen kleinen verwegenen Reiz darin, ihre Umgebung zu schockieren - kurz, sie erzählte unbefangen weiter, und natürlich war man viel zu gut erzogen, um sie zu unterbrechen. Als sie geendet hatte, trat ein Schweigen der Befangenheit ein - ich wusste, jeder dachte nun: wie kann sich diese kleine unverheiratete Person auf ein solches Thema einlassen? Ohne Zweifel, man fühlte sich geniert, aber korrekterweise sprach es niemand aus, sondern die Kritik erhob sich an ganz anderer Stelle.
"Sehr reizend erzählt, mein gnädiges Fräulein", meldete sich einer der älteren Offiziere zum Wort, "allein, alles was recht ist, Ihre Heldin war doch eben eine Hochverräterin, sie hat den Landesfeind beschützt."
Ich hatte mich schon zum Sprung bereit gemacht. "Nein, sie hat ihn überwunden", rief ich eifrig. "Der Schwede war kein Landesfeind mehr, als er ihr beim Abschied wünschte, ihre Kinder möchten einmal ebenso gerettet werden wie er!"
"Nun, das haben wir Golzower nicht nötig", brach jetzt mein Onkel los, "dafür ist Gott sei Dank gesorgt!"
"Dafür sind wir da, Herr von Golzow!", rief einer der jungen Offiziere.
"Ihr prächtigen blauen Jungens, ja, dafür seid ihr da!" Die sonst so trockene Stimme meines Onkels klang ungewöhnlich warm, fast bewegt.
"Und dafür werden wir immer da sein!", kam es zurück. "Preußen soll leben, hoch!" "Hoch, hoch!" rief Barbara, sie sah begeistert und ein wenig drollig aus, eine kleine märkische Bacchantin. Man erhob die Gläser und stieß an. Und nun setzte auch vom Park her die Regimentsmusik zu einem Abschiedsständchen ein: der Hohenfriedberger Marsch erklang - noch einmal schienen die stolzen Regimenter der Manövertage an uns vorüber zu ziehen. Oder waren es nicht nur diese? War es nicht vielmehr die ganze preußische Geschichte, die da, Klang und Rhythmus geworden, in dieser funkelnden und blitzenden Musik vor uns erstand? Man hatte wohl in Rücksicht auf die Neigungen meines Onkels ein Potpourri von Armeemärschen gewählt: dem Hohenfriedberger Marsch folgte der Torgauer und diesem der Pariser Einzugsmarsch. Zum Schluss wurde das Preußenlied intoniert, in das alle Anwesenden auf der Terrasse einstimmten. Noch höre ich es zuversichtlich, kraftvoll-ernst wie ein Gelübde, fast wie einen Choral über den dunklen Park hintönen, hinaus in das sorglos schlummernde, unsagbar friedliche Land:
Sei's trüber Tag, sei's heitrer Sonnenschein,
Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein -
Als der letzte Ton verklungen war, erhob sich alles, um Abschied zu nehmen. Es war spät geworden, und die Manövergäste sollten mit dem ersten Grauen des nächsten Tages aufbrechen. Auch meine Abreise stand unmittelbar vor der Tür. Und nun bemächtigte sich meiner plötzlich eine tiefe, rätselhafte Trauer, so als berühre mich der Schatten eines unwiederbringlich Verlorenen, eines Vorbei und Vorüber, dessen Namenlosigkeit ich hilflos gegenüberstand, weil es durch den Abschied von den fröhlichen Manövertagen durchaus nicht erklärbar schien. Vielleicht, nein wahrscheinlich, entsprang sie dem Bewusstsein, dass meine Eltern mich demnächst für längere Zeit ins Ausland schicken wollten, und ich daher Golzow in absehbarer Zeit nicht, wie sonst allsommerlich, wieder sehen würde. -
In Wirklichkeit habe ich Golzow niemals wieder gesehen. Schon im folgenden Jahr brach der Erste Weltkrieg aus. Mein Onkel starb, Golzow wurde eine Weile administriert, weil Hans - Jeskow noch zu jung war, um den Besitz zu übernehmen - das einst so gastliche Herrenhaus stand einige Jahre leer. Barbara heiratete, mich selbst führte meine Berufswahl nach Süddeutschland. Und dann kamen jene furchtbaren Jahre, in denen das Zerrbild der Macht über unserem Vaterland erschien. Was meine Jugend nur als gebändigte Kraft gekannt hatte, fiel in Verbrecherhände. Hans - Jeskow geriet mit diesen frühzeitig in Konflikt, unsere Korrespondenz wurde bespitzelt, Barbara riet von jedem Besuch in Golzow ab.
Erst nach vielen, vielen Jahren habe ich sie und Hans - Jeskow wieder gesehen - als verarmte Flüchtlinge, heimatlos wie die Toten des Melliner Friedhofs, deren Schicksal das kleine verschlafene Mädchen einst wie eine tödliche Ahnung durchschauert hatte. Auch der Zweite Weltkrieg war über uns dahingebraust, ein Städte und Länder niederlegender Orkan. Was mein Onkel und die glänzenden Offiziere, die an jenem letzten Golzower Abend versammelt gewesen, nie für möglich gehalten hätten, es war geschehen: Deutschland lag, aus tausend Wunden blutend, in zwei Teile zerrissen am Boden. Preußen war für tot erklärt, Golzow verloren. Aber noch etwas anderes war geschehen, was wenigstens ich niemals für möglich gehalten hätte.
Wir trafen uns zunächst in München, wohin ich Barbara und Hans - Jeskow entgegengefahren war. Ehrlich ggestanden, ich hatte mich vor diesem Wiedersehn ein wenig gefürchtet: die Golzower außerhalb Golzows, das war schon immer eine nicht ganz glückliche Vorstellung gewesen, jetzt war es eine unaussprechlich schmerzliche. Denn diese Menschen waren ja nicht nur aus ihrer eigensten Welt herausgerissen, sondern diese Welt selbst hatte den Untergang gefunden, ein ganzes Land war umgepflügt wie jenes blühende Lupinenfeld, das mich einstmals so gejammert hatte. Ja, mir war vor diesem Wiedersehn bange gewesen, aber dann kam alles ganz anders als meine Erwartung. Von Golzow wurde überhaupt nicht gesprochen.
"Unsere Kinder und Enkel sind gerettet und wohlbehalten wie wir selbst", sagte Barbara, meine Teilnahme mit einem unwahrscheinlich heiteren Lächeln abwehrend, "und wir alle sind gesund und können arbeiten." Dann stellte sie verschiedene Fragen, die mich selbst und mein Ergehen betrafen. Hans - Jeskow, der mir mit der vollendeten Ritterlichkeit der alten Schule die Hand geküsst hatte, kam immer wieder scherzend darauf zurück, dass ich doch eben seine erste Liebe gewesen sei. Er war äußerlich seinem Vater sehr ähnlich geworden und mir dadurch sofort vertraut. Barbara dagegen konnte ich bei den mir bekannten Golzower Gesichtern nicht unterbringen. Ich hätte sie überhaupt nicht wieder erkannt - da musste irgend eine längst vergessene Ahnin in ihr durchgebrochen sein. Die kleine märkische Bacchantin der Manövertage mit dem unaussprechlich naiven Gesichtchen - wie erschütternd wissend und still hatte sie das Leben gemacht! Sie wie Hans - Jeskow waren von großartiger Haltung - ich schämte mich geradezu, weil ich mich vor diesem Wiedersehn gefürchtet hatte. Aber ich war wohl seinerzeit zu jung gewesen, um alle Möglichkeiten dieser tapferen Menschen erahnen zu können. Unwillkürlich ging mir der Schluss des Preußenliedes durch den Sinn, so wie es damals an meinem letzten Golzower Abend in die friedliche Nacht des vertrauensvoll ruhenden Landes hinaus gesungen worden war:
Sei's trüber Tag, sei's heitrer Sonnenschein ---
Nein, das besiegte Preußen war nicht tot, es war nur verwandelt - es stand in diesem Augenblick zu einerr neuen, innerlichen Tapferkeit wiedergeboren vor mir. -
Erst als wir einige Tage später in meiner eigenen kleinen Wohnung in den Bergen beim Tee saßen, kam man endlich auf das verlorene Golzow zu sprechen.
"Wir waren, als die Katastrophe hereinbrach, alle noch einmal dort versammelt", erzählte Barbara. "Hans Jeskow hatte die ganze Familie aufs Land kommen lassen, als es in den Städten mit dem Bombenkrieg ernst wurde. Aber dann kam die tödliche Bedrohung auch aufs Land, anders als in den Städten, aber nicht minder furchtbar. Doch du weißt natürlich, dass man uns die Flucht verboten hatte - lassen wir die Einzelheiten. Es schien also keine Rettung für uns zu geben, denn als wir endlich fliehen durften, war es viel zu spät. Und trotzdem sind wir im letzten Augenblick entkommen, und weißt du auch wie? Durchs Moor über den alten Schwedensteg, den einst Anna Elisabeth den jungen Kornett geführt hat. Wir haben auf der ganzen Flucht an sie gedacht und uns mit ihr getröstet, so als wolle sie uns unsichtbar geleiten, ja, als habe auch der junge Schwede bei seinem Abschiedswunsch bereits an uns gedacht. Wir waren ganz ruhig, selbst von den kleinen Enkelkindern hat keines geweint - es war, als seien wir geborgen mitten im Verhängnis. Verstehst du das?"
Ich verstand es wohl, aber wer hätte das von den Golzowern gedacht! Sie wurde ein wenig rot, es sah merkwürdig jung aus zu ihren grauen Haaren - ich hatte plötzlich die Überzeugung, sie war fähig, das ganze Leben noch einmal neu anzupacken.
"Du wunderst dich über uns", sagte sie freimütig, "aber Hans - Jeskow und ich denken heute ganz anders über Anna Elisabeth als einst. Auch sie hat zu uns gehört, und obwohl wir sie verstießen, hat sie uns die Treue gehalten. Denn auch sie war ein echtes Kind unserer Heimat und ein Teil von deren Kraft - jener weiblich-mütterliche, auf den die hochmütige Weltgeschichte sich nur ungern zu besinnen pflegt, und der doch in einem jeden Volk das zutiefst Tragende ist: die Hälfte alles Seins, der Schoß des Lebens, sein erster Aufbruch und sein letzter Fortbestand, das nicht Besiegbare -"
"Du meinst das Menschliche überhaupt?" fragte ich tastend. Sie erwiderte: "Ja, das meine ich, denn mit dem Mütterlichen fängt es schließlich an und, oh, wie grausig ist die Weltgeschichte, die es immer wieder verrät!" Und nun stürzten ihr doch die Tränen aus den Augen, die wohl allzu viel des Grauens erblickt hatten.
Eine Weile wagte niemand von uns zu sprechen, endlich sagte Hans - Jeskow: "Aber das Menschliche istt trotzdem das einzige, das über die Furchtbarkeit der Weltgeschichte triumphieren kann, und darum hat Anna Elisabeths ausgelöschtes Antlitz zuletzt doch alle unsere Untergänge überdauert." Er erzählte dann, wie einer seiner alten, treuen Gutsleute sich unlängst über die Grenze geschlichen und ihm Nachrichten aus Golzow gebracht habe. Das Herrenhaus sei völlig ausgeplündert, die Familienbilder habe man verbrannt, nichts erinnere mehr an die einstigen Besitzer. Auch die Anna Elisabeth stehe nicht mehr auf der Schwelle des Hauses und warte, aber sie werde von den Dorfleuten häufig erblickt, wie sie durch das Innere der leeren Räume wandle, die heimliche Herrin des Hauses, die einzige, die von den neuen Machthabern nicht vertrieben werden konnte, der Geist des anderen, des unbesiegbaren Preußen.

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