Gedichtinterpretation:
Andreas Gryphius, "Tränen des Vaterlandes"
Andreas Gryphius, der im Barockzeitalter von 1616 bis 1664 gelebt
hat, ist ein wichtiger Dichter dieser Epoche. Diese wird zum großen
Teil vom 30-jährigen Krieg geprägt, der Zerstörung, Leid und
Tod mit sich brachte und dadurch die Menschen dazu veranlasste,
die herrschenden Lebensumstände zu reflektieren und zu überdenken,
wie es auch Andreas Gryphius in seinen Gedichten tut.
Gryphius weist in seinem Gedicht "Tränen des Vaterlandes"
zunächst auf die Auswirkungen und Folgen des 30-jährigen
Krieges hin. In der ersten Zeile der ersten Strophe stellt er die
These auf, dass diese in der vollständigen Zerstörung des
Landes bestehen. Dies begründet er mit einer Vielzahl von
Beispielen von Vers 2 - 23. So haben die Schwerter und Geschütze
der Heerscharen die angesammelten Vorräte und das, was die
Menschen unter Schweiß und mit viel Fleiß aufgebaut hatten,
kaputt gemacht. In der zweiten Strophe wird die Zerstörung
konkretisiert, welche die Türme, die Kirche und das Rathaus,
also alle Bereiche des öffentlichen Lebens betrifft. Aber auch
die unterschiedlichsten Menschen, wie die jungen Frauen und die
Starken und Mächtigen, haben Schaden genommen. Schließlich
nennt er weitere Kriegsfolgen wie die Feuersbrunst, die Pest und
den Tod, die überall anzutreffen sind. Die dritte Strophe erklärt,
dass der Anblick des Blutes in den Wehrbauten und der Stadt, wie
die Leichen, die die Flüsse nahezu verstopfen, nichts Neues mehr
ist, da der Krieg schon 18 Jahre andauert. In der vierten und
letzten Strophe folgt schließlich, typisch für den
Gedichtaufbau im Barock, in der letzten Zeile die Klage über die
Folge, die für Gryphius am schlimmsten, schlimmer noch als
"Tod", "Pest", das vernichtende Feuer und die
"Hungersnot" ist, nämlich die Klage über den Verlust
des Seelenheils der Menschen.
Das Gedicht besteht aus zwei Quartetten und zwei Terzetten, es
handelt sich somit um ein Sonett. Diese strenge Gedichtform, die
im Barock überaus beliebt war, verlangt vom Dichter ein hohes Maß
an formalen gestalterischen Fähigkeiten und eine bewusst
poetisch-rhetorisch formende Gestaltung. Das Metrum ist, dem
klassischen Sonett entsprechend, ein Alexandriner. Das heißt, es
findet sich durchgehend ein sechshebiger Jambus von 12 (bei männlicher
Kadenz) oder 13 Silben (bei weiblicher Kadenz), mit einer Zäsur
nach der 3. Hebung. Wenn die Verszeile auf eine männliche Kadenz
endet, hat dies einen fließenden Rhythmus zur Folge, endet sie
auf eine weibliche Kadenz, dann treffen am Versende und
Versanfang zwei unbetonte Silben aufeinander, was eine kurze
Staupause Sprechrhythmus zur Folge hat.
In den ersten zwei Quartetten liegt ein umarmender Reim der Form
abba abba vor, wohingegen die Terzette einen Schweifreim der Form
ccd eed bilden. So sind jeweils die zwei Quartette und die zwei
Terzette zu einer Einheit miteinander verbunden.
In den ersten drei Strophen bilden jeweils die erste Zeile und
dann die zweite bis vierte Zeile eine syntaktische Einheit.
Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um Parataxen, in denen
die einzelnen Sachverhalte reihend aufgezählt werden. In der
letzten Strophe hingegen bildet das gesamte Terzett eine
syntaktische Einheit, die aus Hypotaxen einfacher Art besteht,
denn hier wird nicht mehr aufgezählt, sondern argumentiert.
Auch einzelne Strophen bzw. Verse sind durch zusammengehörende Wörter
miteinander verbunden. Festzumachen ist dies z.B. an der Verknüpfung
der zweiten mit der letzten Strophe durch das Wort "Pest"
in den Versen 8 und 13und durch das Wort "Tod" in den
Versen 8 und 12. Eine gedankliche Verbindung besteht auch
zwischen der ersten und der letzten Strophe, welche die Wörter
"Vorrath" (V. 4)und "Hungersnoth" (V. 13)
bilden.
Auffallend sind für den heutigen Leser zunächst besonders die
vielen alten, heutzutage nicht mehr geläufigen Wörter wie
"Carthaun" (V. 3), Grauß"(V. 6), "Schantz"(V.
9), "grimmer" (V. 13), "Seelen Schatz" (V.14),
die Gryphius benutzt. Zusammen mit der vorliegenden Orthographie,
die ebenfalls nicht mehr der unseren entspricht, macht dies die
große Zeitdistanz zu heute deutlich.
Bedeutend ist auch die Fülle an Stilmitteln, die Gryphius
verwendet. Barockes Dichten ist rhetorisch ausgeformtes Dichten.
So bringt er viele Aufzählungen, wie z.B. in Strophe eins:
"der frechen Völcker Schaar" (V. 2), "die rasende
Posaun" (V. 2), "Das vom Blutt fette Schwerdt" (V.
3), "die donnernde Carthaun" (V. 3) oder in Vers 4
"Schweiß und Fleiß und Vorrath" (V. 4). Ebenso liegt
bei Strophe eins in der ersten Zeile eine Correctio vor: "Wir
sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!",
wodurch Gryphius durch die verstärkende Wiederholung eine
inhaltliche Steigerung zum Ausdruck bringt. In Zeile 8 zeigt sich
eine Klimax: "Feuer", "Pest" und "Tod".
Eine Antiklimax hingegen findet man in Vers 13 /14: "was ärger
als der Tod / was grimmer denn die Pest / und Glutt und
Hungersnoth" Schließlich verwendet Gryphius auch gerne sich
ergänzende Sachverhalte, so "Kirch" (V. 5) und "Rathauß"
(V. 6), womit er die kirchliche und weltliche Macht anspricht.
Insbesondere fällt auch die häufige Verwendung von Metaphern
auf, so z.B. in Strophe zwei: "Glutt" (V. 5) für
Feuersbrunst und Brandschatzung, "die Starcken" (V. 6)
für die Einflussreichen in Staat und Stadt, "Jungfern"
(V. 7) für die Schwachen und Hilflosen, "Feuer" (V. 6),
"Pest" (V. 6), "Tod" (V. 8) für die totale
Zerstörung. Auch der Titel des Gedichtes "Thränen des
Vaterlandes" stellt eine Metapher dar. Das Vaterland wird
somit personifiziert. Gryphius bevorzugt auch die Nominahäufung,
so beispielsweise "der Völcker Schaar" (V. 2), "die
rasende Posaun" (V.2), "Das vom Blutt fette Schwerdt"
(V. 3), "die donnernde Carthaun" (V. 3), "die Thürme"
(V. 5), "die Kirch" (V. 5), "das Rathauß" (V.
6). Auch die in den ersten beiden Strophen häufig verwendeten
Partizipia wie "gantz verheert" (V. 1), "rasend[...]"
(V. 2), "zerhaun" (V. 6), "geschändt" (V. 7)
vermitteln durch ihre knappe Formulierung eindringlich die
Atmosphäre des Kriegsszenarios.
Diese Vielfalt der Stilmittel ist darin begründet, dass
entsprechend der barocken Dichtkunst dichten öffentliches Reden
war und rhetorische Gestaltung verlangte. Die Vielzahl der
rhetorischen Stilmittel dient der Eindringlichkeit und
Veranschaulichung des Gesagten. Diese Eindringlichkeit wird noch
zusätzlich durch die dreimalige Ansprache des Lesers in Vers 1:
"Wir sind doch", in Vers 7: "wo wir hinschaun"
und in Vers 10: "unser Ströme Flut" durch das lyrische
Ichverstärkt, welches in Zeile 12 klar in den Vordergrund tritt:
"doch schweig ich" (V. 12). Der Leser wird direkt in
das Geschehen miteinbezogen. Er ist nicht nur Beobachter, sondern
die Geschehnisse haben etwas mit ihm zu tun.
Gryphius' Gedicht "Thränen des Vaterlandes" ist also
nicht in erster Linie Klage über die Folgen eines Krieges, der
nur Materielles zerstört, sondern vielmehr über den Krieg, der
auch alle Werte und selbst die menschliche Moral vernichtet. So
sagt Gryphius ausdrücklich, "die Kirch ist umgekehret"
(V. 5) und auch "Das Rathauß liegt im Grauß" (V. 6),
und nennt damit die Einrichtungen, welche ja beide die Rolle von
Wertinstanzen innehaben.
Der moralische Verlust zeigt sich vor allem in den geschändeten
Mädchen und Frauen: "Die Jungfern sind geschänd't" (V.
7). Und neben Werten und Moral werden der Körper, welcher
sinnbildlich für das "Hertz" steht (V. 8), das ja der
Antrieb und Motor von diesem ist, und der Geist des Menschen
zerstört. Dies hat zur Folge, dass die Menschen an ihrem Leben
verzweifeln, sie verrohen und haben keinen Anhaltspunkt mehr, der
ihnen die Richtung weist. Letzten Endes heißt dies, dass ihr
Seelenheil verloren ist, denn auch "der Seelen Schatz, [ist]
so vilen abgezwungen". (V. 14). Gryphius möchte nicht, dass
der Mensch an dieser Kriegssituation verzweifelt. Er möchte den
Menschen viel mehr ihre Situation klarmachen, möchte aufzeigen,
was Schlimmes passieren kann, wenn sie sich nicht darüber
bewusst werden, wo sie momentan in ihrem Leben stehen.
Womit sich Gryphius an die aus dem langjährigen Krieg
resultierenden, für den Barock bedeutenden Leitsätze anschließt:
"Carpe diem" - "Nutze den Tag". Dies meint,
dass der Mensch sein Leben so gestalten soll, dass es für sein
ewiges Seelenheil gut ist, damit er seinen "Seelenschatz",
sein ewiges Seelenheil eben nicht verliert. "Memento mori"
bedeutet, dass der Mensch sich darüber bewusst sein soll, dass
er einmal sterben muss und folglich entsprechend leben soll.
Gryphius sagt ganz klar, dass die Leiden des Krieges schrecklich
sind und alles zerstört ist. Materielles, das Denken und Fühlen
des Menschen, aber er möchte die Menschen vor dem schlimmsten
Verlust, den es für sie nur gibt, vor dem Verlust des ewigen
Seelenheils bewahren. Er möchte, dass sie letztendlich in dem
Bewusstsein der Realität die Hoffnung und den Blick auf das
Jenseitige dennoch nicht verlieren.
Auch wenn das Gedicht unbedingt aus seinem geschichtlichen
Kontext heraus interpretiert werden muss, denke ich, dass es dem
heutigen Leser noch etwas zu sagen hat und diesen zum Nachdenken
anregt, denn nicht nur damals, sondern auch heute verbittern und
verrohen Menschen durch Kriege, Terroriums, Bombenanschläge und
Gewalttaten. Innere menschliche Werte und Moralvorstellungen
verlieren ihre Wichtigkeit und vielleicht sollten wir uns gerade
heute, in der zunehmend säkularisierten Welt fragen, was das
Seelenheil, der "Seelenschatz", vor dessen Verlust
Gryphius warnt, uns heute noch bedeutet oder besser bedeuten
sollte.