Am Ende des 21. Kapitels fordert Innstetten Effi auf zu ihrem (betenden) Ausruf "Gott sei Dank" etwas zu sagen ("Sprich") - sie kommt aber nur ein wenig mit der SSprache ‚raus (das Wichtigste verschweigt sie).
Aufgabe: Könnte Effi ihm jetzt die volle Wahrheit sagen? Schreiben sie einen Tagebucheintrag, in dem sie zu dieser Frage Stellung nimmt.


Kessin, den 15. Februar


Liebes Tagebuch,

ich schwelge mal wieder in Schuldgefühlen und weiß weder ein noch aus.
Dabei brachte die heutige Rückkehr Innstettens eine für mich hocherfreuliche Nachricht mit sich, denn die Tage hier in Kessin sind gezählt und ein befreiender Umzug nach Berlin steht bevor. Doch nachdem Innstetten mir dies mitgeteilt hatte, fehlte mir mal wieder die nötige Beherrschung. Um ehrlich zu sein, war ich schon während des ganzen Gesprächs angespannt, verlegen, ja so schuldbewusst. Ich wünschte mir manchmal wirklich, ich wäre von stärkerer Natur. So rutschte ich nämlich plötzlich vom Sofa, umklammerte seine Knie und stieß ein geradezu betend klingendes "Gott sei Dank" aus. Ich vergaß so ganz, wo ich war. In diesem Moment fiel so viel von mir ab. So vieles, um das ich mich die letzten Monate gesorgt hatte. Das ganze Problem, welches mir die Sache mit Crampas brachte, schien sich wie von selbst erledigt zu haben. Doch schon im nächsten Moment merkte ich sein Misstrauen, und da befahl er mir auch schon regelrecht von dem zu reden, was mich so sehr bewegte. Ich riss mich zusammen und zog mich wieder einmal glänzend aus der Affaire. Aber das, was ich ihm sagte, stimmte doch alles nur halb. Es war mir nicht möglich, ihm die ganze Wahrheit zu offenbaren. Und nun sind die Vorwürfe, die ich mir ja doch ständig mache, und die Schuldgefühle nur noch größer geworden, nicht zuletzt, weil es letzten Endes mein guter Innstetten war, der sich bei mir für sein Misstrauen, seinen Argwohn entschuldigte und mich um Verzeihung bat. Dabei bin ich es doch, die soviel Schuld und Sünde auf sich geladen hat, dabei bin ich es doch, der man verzeihen müsste, und einen Moment lang rang ich mit mir selbst, ob ich nicht alles vor ihm offenlegen sollte. Denn ich verabscheue es doch so sehr zu lügen, aber schon im gleichen Moment, da ich mir diese Frage stellte, war mir klar, dass es nicht möglich war.

Warum? Innstetten würde es einfach nicht verstehen. Er ist ein Mann von Prinzipien, für den Zucht und Ordnung und die Ehre das Wichtigste sind. So habe ich doch gegen ein grundlegendes Gesetz verstoßen, habe mich über gesellschaftliche Konventionen hinweggesetzt, nach denen Innstetten doch so sehr lebt. Es wäre für ihn ein Desaster, über das er nicht hinweg käme.
Ist Ehebruch nicht am Ende eines der schlimmsten Verbrechen? Nein, die Folgen wären verheerend.
Für ihn soll ich doch die Rolle der braven, züchtigen Ehefrau einnehmen, die für ihn repräsentiert und immer dann da ist, wenn er sie gerade braucht. Aber zur Aufgabe dieser Frau gehört bestimmt kein Ehebruch, den ich ja doch begangen habe.
Darüber hinaus habe ich seine Gefühlskälte doch schon so oft zu spüren bekommen. Zwischen uns existiert einfach keine Vertrauensbasis, welche ein Aussprechen unter Umständen ermöglichen würde. Wie oft mußte ich in den Briefen an meine liebe Mama diese darauf hinweisen, dass Innstetten dies und jenes nicht wissen darf? Wie schäbig kam ich mir jedesmal dabei vor, aber er versteht mich letzten Endes einfach nicht. Und mit irgendwem muss ich mich doch zumindest bis zu einer gewissen Grenze austauschen können.
Bin ich denn nicht auch ein Mensch, der gewisse Bedürfnisse hat? Sich nach Schutz und Behaglichkeit, nach Verständnis sehnt? War es nicht genau dies, was mich in Crampas Fangarme trieb?

Ach was hätte ich denn auch tun sollen? Ja, ich weiss, ich war nicht stark genug mich von Crampas, mich von meinen Wünschen und Sehnsüchten zu befreien. Das Verbotene, Geheimnisvolle hatte zu viel Macht über mich. Liebte ich denn nicht schon in meiner Jugend das Risiko? So hab ich über Monate eine Komödie gespielt. Es ist mir doch alles so bewusst und ich möchte nichts beschönigen, nicht die Schuld jemandem anderen unterschieben. Mein Gewissen quält mich ja doch Tag und Nacht, ich weiß mich doch selbst beinahe verloren, ist das denn nicht schon Strafe genug?

Aber dennoch waren es eben doch die Umstände, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute steh. In dieses unausweichliche Dilemma.
Ich fühlte mich so einsam. Wie oft ließ Innstetten mich, wegen seines Karrieredenkens allein? Wie viele Ängste stand ich aus, nicht allein wegen seiner Spukgeschichten? Und ist Innstetten jemals auf mich eingegangen, hat er mich je ernst genommen? Er wollte die Gardinen nicht kürzen, er wollte das Haus nicht verkaufen, er wollte immer, dass alles beim Alten bleibt.
Diese Einsamkeit verstärkte sich noch durch den gesellschaftlichen Notstand. Wenn Gieshübler nicht gewesen wäre, wär ich wohl vor Langeweile gestorben.
Aber mehr noch als das war da diese emotionale Kälte, die mich ständig umgab. Wann wurde er schon einmal zärtlich, wann küsste er mich oder nahm er mich einfach nur ganz fest in den Arm? Er war kein Liebhaber und hatte für meine emotionalen Bedürfnisse recht wenig übrig. Alles war so geschäftlich bei ihm.

So ganz anders war da eben Crampas. Er war so ausgelassen, manchmal gar übermütig, hatte Humor, war beredt und konnte mich unheimlich gut unterhalten. Er war nicht so streng und steif und konnte sich auch über Konventionen und Gesetze hinwegsetzen. Mir kommt immer wieder dieses Gespräch bei unserem gemeinsamen Ausritt mit der Robbenjagd in den Sinn. Schon damals fühlte ich mich spontan Crampas viel viel näher als Innstetten. Das Wichtigste von allem war aber, dass Crampas mir meine Angst nahm. Meine Angst hinsichtlich der Spukgeschichte und dann auch meine ja beinahe körperlich spürbare Angst, wie damals, nachts im Wald. Er war einfach so oft für mich da, wenn Innstetten mich gar nicht sah, gar nicht an mich dachte. Crampas sah nicht immer dieses kleine Mädchen in mir, das es gilt zu erziehen, sondern er sah die Frau in mir, ja machte mich gar dazu, klärte mich in gewissem Sinne gar auf, nicht allein über die Spukgeschichte.

Nein, wenn man das Ganze nun abwägend betrachtet, war Innstetten vielleicht wirklich nicht der richtige Ehemann, nein, nicht unbedingt Crampas, aber mein lieber Vetter Dagobert wäre vielleicht doch ganz anders, ja der richtige gewesen. Aber das ist ja nun doch nebensächlich, ich hab ihn ja doch selber gewollt, den Innstetten. Und am Ende ist er ja doch gut gegen mich. Beteuert er mir nicht so oft seine Liebe?

Ach ich mag mich ihm ja unterwerfen, mag ihm so recht zu Willen sein. Umschmeichelt er mich nicht doch so oft mit Komplimenten? Eigentlich ist er doch ein Zärtlichkeitsmensch, unter dem Liebesstern geboren, er kann es nur nicht ausdrücken. Außerdem kann er mir ja doch kaum eine Bitte abschlagen, wie damals die gemeinsamen Ausritte, ich bin ja doch selbst an allem schuld. Ganz alleine.



Aber in Zukunft wird alles anders werden, ich versprech es hoch und heilig, auch wenn ich ihm die Wahrheit nicht offenlegen kann, so will ich mich bessern. Will nur noch für ihn, an seiner Seite leben. Und sein ganzes Glück sein und eine gute Ehefrau und Mutter und all das, was ich ihm an Unrecht getan habe, wieder gut machen. Wenn mich die Vergangenheit nur nicht immer wie ein Schatten verfolgen würde.

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