Gedichtinterpretation: Herbst
(Theodor Storm)

Auf den ersten Blick scheint es so, als beschreibe Theodor Storm aus der Perspektive
eines unbekannten Beobachters, einen herrlichen Herbsttag, an dem die Natur noch einmal
ihre ganze Pracht zeigt. Allerdings drückt er auch die Wehmut aus, mit welcher der
Beobachter die Geschehnisse betrachtet. Es scheint einem, als sei es ein kleines,
heimliches "Klagelied", an dessen Schluss jedoch wieder der Beginn des nächsten Frühlings
steht und der Beobachter trotz aller Trauer gegen Schluss ein Gefühl der Hoffnung
aufkommen lässt.

Der Aufbau verdeutlicht die entstehende Hoffnung. Wo er am Anfang klagt, dass die Lärche
nicht mehr singt, die Schwalben schon weggeflogen sind, das letzte Grün von
den Bäumen geweht ist, Nebel über dem Wald liegt, die Welt vergehen mag, beschreibt er
gegen Ende, dass die Sonne nocheinmal "durch den Duft bricht", "Wald und Heide" leuchten
und verstärkt das ganze noch einmal, indem er in der letzten Zeile hinter allem
Winterleide, auf einen fernen Frühlingstag hinweist.

Das Gedicht hinterlässt eine sehr harmonische, friedvolle, geheimnissvolle Stimmung.
Diese wird durch den gleichmässigen Rhythmus und die gleichbleibende Reimform verstärkt.

Ebenso wie die bildhaften Umschreibungen der Natur, in Form von Verben. Der Wind "seufzt"
und "klagt" geheim. Der Nebel "verschlingt" den Wald, und der letzte Sonnenstrahl "rieselt"
über Berg und Kluft. Diese Bilder verstärken die erzeugte Stimmung.

In dem Gedicht ist zum Einen die Natur beschrieben, die ihren Lauf nimmt und in ihrem
eigenen Rhythmus geht. Und zum anderen unsere Welt. Wir, die wehmütig zusehen, die unsere
Wehmut auch auf die Natur übertragen und am liebsten die Wintermonate aus dem Kalender
streichen würden, dann aber feststellen müssen, dass wir keinen Einfluss auf den Lauf
der Dinge in der Natur haben.

So können wir das Gedicht als einen Abschied vom Sommer und der Blütezeit der Natur sehen.
Die Natur als Zeichen der Vergänglichkeit, und trotz allem den Blick in den Frühling,
in die Zukunft, auf den Neubeginn, wenn die Natur wieder erwacht.
Es zeigt, dass es weitergeht, in der Natur und im Leben.

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