stark durch überwundene Angst

Es war ein wunderschöner Tag im Januar. Sie saß an ihrem Schreibtisch und ihr Blick glitt über die im Sonnenlicht glänzenden Dächer der Nachbarhäuser, bis hin zur nicht endend wollenden Baumkette des Waldrandes. Wie oft schon hatte sie diesen Anblick genossen? Und doch kam er ihr jedes Mal noch schöner, noch strahlender, noch prächtiger vor.
An Tagen wie diesen, hätte sie stundenlang einfach nur dasitzen können, um die erwachende Welt zu beobachten.

Aber wer hatte für so etwas schon Zeit? Es gab ja so vieles zu erledigen. Nicht umsonst hatte sie sich ja eben an ihren Schreibtisch gesetzt, um vieles das in den letzten Tagen liegen geblieben war, abzuarbeiten. Und dann stand ja noch diese verhasste Matheklausur aus.

Sie musste an das Gespräch denken, welches sie vor wenigen Stunden mit ihrer alten Mathelehrerin geführt hatte. An die guten Wünsche, welche diese aussprach. Überhaupt hatte sie das Gefühl, dass so viele Menschen ihr viel mehr zutrauten, als sie selbst fähig war sich zuzutrauen und das gab ihr doch mal wieder zu denken. So oft fühlte sie sich so schlecht, so allein, so ungliebt, obwohl das Gegenteil wahr war. So viele Leute schienen sie zu lieben, sie in vieler Weise zu unterstützen, wünschten ihr nur das Beste. Aber ist es nicht so, dass wir oft das Gute, das Positive, das Stärkende vor einem selbsterschaffenen Berg aus Angst und Missmut gar nicht mehr wahrnehmen? So oft wollen wir nur unsere eigene Realität für die wahre halten, obwohl sie mit der Wirklichkeit gar nicht übereinstimmt. Manchmal machen wir uns das Leben schon selbst unnötig schwer.


Angst, ja sie war wirklich ihr Problem, sie wusste es. Ihre Bekannten und Freunde hielten sie für stark, kannten ihr Lächeln, aber nicht ihre Tränen. Aber auch das war so wieder nicht ganz richtig. Sie kannten ihre Tränen und ihre Ängste, aber sie selber wollte das nicht wahrhaben. Sie selbst glaubte zu wenig daran, dass sie stark sein konnte, stark in ihren Tränen und in ihrer Angst um die Angst hinter sich zu lassen und so stark durch ihre Angst geworden zu sein.

Langsam schlossen sich die in ihrem Schoß liegenden Händen zu Fäusten und ihr Blick kam langsam wieder zurück. Zurück zu ihrem Fensterbrett, zu ihren grünen Pflänzchen, ihrer Europa-Schreibtischunterlage und entschlossen den Kampf mit der Mathematik ein weiteres Mal auf sich zu nehmen, gefiel ihr der Gedanke "Stark sein durch überwundene Angst" immer besser.

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