Der Sinn des Lebens - Ein Märchen

Anjana ruhte auf ihrem Bett, in unendlich tiefen Gedanken versunken. Das lange Nachdenken über sich, das Dasein, die Menschen und den Sinn des Lebens hatte ihre Sinne, ihre Gedanken und auch ihren Körper verwirrt. Sie konnte das eindringliche Gedicht, das sie vor einiger Zeit gelesen hatte, nicht mehr aus ihrer Erinnerung verbannen. Es hatte sich in ihrer Seele eingebrannt, tief und unauslöschbar. Fragen schwirrten in ihrem Kopf herum, Fragen die mit Sicherheit jemand zu beantworten fähig sein musste. Die Frage nach dem wirklichen Sinn des Lebens. Anjana glaubte in der Tiefe ihres Wesens daran, dass jemand ihr diese Frage bald beantworten konnte.

Sie erhob sich von ihrem ungemachten Bett, verlies mit leichten Schritten das Haus der Verwirrung und plötzlich fand sie sich auf einer belebten Straße wieder.

Plakate, groß und bunt, priesen die verschiedensten Waren und Dienstleistungen an. Sie betrachtete sie nur kurz, nahm sie eigentlich gar nicht richtig wahr, so alltäglich war die Tatsache, dass Werbeschilder die Straßenränder zierten. Die Angebote waren außerordentlich verlockend, überall lachten ihr schlanke, makellose Modelgesichter verführerisch zu. "Kauf diese Ware, glaub mir, du wirst sie brauchen!", schienen diese seelenlosen Gestalten zu flüstern. Anjana versuchte sich von den Figuren, den Waren, dem starken Drang diese Güter zu besitzen und dem zügellosen Konsum zu entreißen. "Dies kann nicht der Sinn des Lebens sein", raunte eine innere Stimme ihr ganz leise zu.

Ihr Blick begegnete einem alten Mann, ganz in schwarz gekleidet, der an einem kleinen Stand seine Philosophie laut verkündete. Seine Wangen waren vor lauter Eifer gerötet, die Augen glänzten vor tiefer Überzeugung. Sie schritt auf ihn zu, begrüßte ihn schüchtern und fragte ihn, was denn der Sinn des Lebens sei.
"Die Menschheit vor dem Untergang zu retten, sie in ein neues, besseres Leben zu führen", antwortete dieser ruhig und durchaus überzeugend. "Und wann wird dies soweit sein?", wollte Anjana wissen. "Erst nach deinem Tode. Und darum lass dich von mir retten, damit auch du in den Genuß des ewigen Lebens kommst." Der Guru lächelte und breitete seine Arme aus, doch sie entzog sich der Versuchung, ihm zu folgen.

Sie wandte sich weiter durch das endlose, beängstigende Getümmel der Großstadt. Hier war sie nur eine anonyme Person, sie ging in der Menge unter und niemand nahm dies zu Kenntnis, da alle mit ihren eigenen Ängsten und Problemen beschäftigt waren. Anjana war nur eine ganz normale Durchschnittsperson, nicht schöner, nicht intelligenter und nicht mächtiger als jene andere.

Nach kurzer Zeit stand vor ihr das Regierungsgebäude der Stadt, groß und bedrohlich blickte der seltsame Bau auf sie herab. Im Inneren dieses Monuments arbeiteten Politiker, die alle nur das Glück der Bürger im Sinn hatten. Für die Politiker bestand der Sinn des Lebens u.a. darin, die leeren Kassen zu füllen, was für junge Leute hieß: Schnell und fleißig die Schule zu beenden, rasch in ein Arbeitsverhältnis zu gelangen und dann im beruflichen Leben unablässig Leistung zu zeigen. Aber auch dieser Lebensinhalt überzeugte Anjana nicht im geringsten. Frust staute sich in ihrer Seele auf, sie hatte den Sinn des Lebens noch immer nicht gefunden. Sie begann zu laufen, zuerst nur langsam, aber dann immer schneller und schneller. "Nur raus aus dieser Stadt, die mich bedrängt, mir nicht auf meine brennende Frage antworten kann!"
Anjana schloss die Augen und rannte ziellos ins Ungewisse.

Sie rempelte einen jungen Brillenträger in weißem Kittel und schwarzen Schuhen an. Wie in Trance fragte Anjana ihn nach dem Sinn des Lebens. "Der Grund, auf dieser Welt zu sein, ist alles zu erforschen, kein Geheimnis mehr offen zu lassen. Für jedes Problem muss eine Lösung gefunden werden. Das will ich erreichen, dafür lebe ich!" Anjana antwortete nicht auf die verwirrenden Worte des Wissenschaftlers. Sie lief einfach weiter.

Anschließend wandte sie sich um und ließ die Stadt, die Unsicherheit und die leeren Antworten weit hinter sich.
Nach langer Zeit gelangte sie in einen großen Wald mit saftigen Kräutern, farbenfrohen Pilzen, zwitschernden Vögeln und knisterndem Laub. Eichhörnchen tummelten sich auf den hohen Ästen zu den himmlischen Klängen des Windes. Anjana erwachte aus ihrem Trancezustand und sah sich verwundert aber begeistert um. Eine andere Welt tat sich vor ihren Augen auf, neu und unglaublich schön. Hier wünschte sie zu bleiben - für immer. Nie wieder wollte sie in die Stadt zurück, nie wieder in das anonyme Leben, in die Welt der Nummern und Zahlen, der Ängste und Verführungen. Lächelnd fasste sie in ihre linke Hosentasche, holte einen zerknüllten Fetzen Papier hervor und las laut die Worte, die darauf gedruckt waren:

Du bist umgeben von Instituten und Systemen,
die alle zu wissen meinen, was du brauchst.
Sie alle machen dir Angebote und betonen,
wie gut es wäre, wenn du ihnen glauben würdest.

Ratgeber annoncieren ihre Künste,
Wissenschaftler verbessern deine Lebensqualität,
Gurus wollen dich retten,
und für jedes Problem gibt es Techniker und Ärzte,
Politiker und Weltverbesserer.

Wo ist der Sinn des Lebens?

Es ist nichts so wichtig
Wie die Entscheidungen deines Lebens.
Es ist wichtig, dass du etwas willst,
in der Tiefe deines Wesens,
dass du etwas mit deinem ganzen Herzen glaubst,
dass du wählst, wie du leben willst,
und dass du deine innere Stimme hörst und ihr traust.

Anjana begann langsam die Worte auf dem Papier zu verstehen. "Es ist wichtig, dass du deine innere Stimme hörst und ihr traust." Aber was war mit den Politikern, dem Guru und dem Forscher? Beanspruchten denn nicht alle, denen sie begegnet war, den Sinn des Lebens für sich gefunden zu haben? Anjana wurde nachdenklich. Plötzlich erschien unter einem der Bäume eine dunkle Gestalt. Diese hob ihren Arm und fragte: "Dir ist der Sinn des Lebens immer noch nicht ganz klar?". Anjana nickte ängstlich und neugierig zugleich. "Der Sinn des Lebens", so die dunkle Gestalt, "besteht in den Institutionen und Systemen, in der Politik, in der Wissenschaft und in den Weltanschauungen - und doch in keinem von allem."
Die Stimme war jetzt sanft wie der Tanz schillernder Farben eines Regenbogens.
"Der Sinn des Lebens, Anjana, ist das Leben!"

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