Rehabilitiere Wagner.
Der Mann erscheint neben Faust lächerlich - ist er das aber
wirklich ?
Lasse einen Studenten / Schüler den neu ernannten Professor
Wagner charakterisieren, wie er ein Seminar abhält - in einem
Brief an einen Freund, der sich überlegt, diesen Kurs ebenfalls
zu besuchen.
Mein lieber Freund,
vielen Dank für deinen Brief. Du hast viel erzählt, viel
erfragt, doch brennt es mir so sehr auf den Fingern, auf deine
zuletzt gestellte Frage, auf die Frage nach den Kompetenzen
unseres neuen Professors Wagner und dessen Seminar zu antworten,
dass ich alles andere vorerst zurückstellen möchte. Denn, auch
wenn die Meinung unter uns Studenten zweigeteilt sein mag, dieser
Professor ist wirklich ein Phänomen, was dazu führt, dass die
Zahl derer, die ihn hören und von ihm lernen wollen beträchtlich
groß ist. Genauso wie der Respekt, welcher ihm auch von seinen
Kritikern zu Teil wird.
Um dir einen Eindruck von ihm zu vermitteln, ist es wohl das Beste und Einfachste, wenn ich dir den typischen Ablauf seiner Seminare schildere. Nachdem der vom äußeren Erscheinungsbild recht kleine, konservativ gekleidete, geschniegelt und gestriegelte Mann, mit seinem Schnauzer nach der diplomatischen Viertelstunde endlich den schon von Studenten überfüllten Hörsaal betritt, wird dieser, wie bei keinem anderen Professor schlagartig ruhig. Schnell hat er Skripte und Bücher geordnet, um mit seinem wohlvertrauten Räuspern das Seminar zu eröffnen.
Was jetzt folgt, hat immer den gleichen geordneten Ablauf. Ja,
alles hat bei ihm seine Ordnung. Nach der kurzen inhaltlichen
Wiederholung des letzten Seminars, folgt die Hinführung zum
Thema, in welcher er sich meist, auf die von uns zu vorbereiten
gewesenen Skripte bezieht. Was dann folgt, sind Ausführungen,
die uns allesamt beeindrucken, wenn sie auch von manchem
unverstanden bleiben mögen, da die Ebene, auf der sich seine
Gedanken und Geisteskonstruktionen bewegen, oftmals unser
Fassungsvermögen übersteigen. Aber genau diese abstrakten
Konstruktionen, seine philosophischen Gedankengänge, welche er
sich über viele Jahre hinweg, durch die Studien alter Schriften
und Büchern angeeignet hat, sind es, die uns Studenten hinreißen.
Dieses Wissen bewirkt die Verehrung, die wir für ihn empfinden.
Ich glaube, ich kenne keinen Menschen, der so viel gelesen, so
viel studiert hat. Sei es die Kunst, die Geschichte, griechische
Sagen, Trauerspiele, alles findet hier und da seinen Platz, lässt
er einfließen, möchte er uns vermitteln.
Er setzt viel auf die Rhetorik, ist selbst ein Meister dieser.
Seine Stimme hebt sich und fällt, wird leiser und lauter, ganz
im Einklang mit dem Sinn seiner Worte, wie es auch seine Gestik
und Mimik ist. Ja, sein Blick fest und klar, drückt aus, wie
sehr er in seinem Wissen, im Lehren dieses Wissens, in seinem
Vortragen aufgeht.
Viele meinen, man erkenne deutlich seinen alten Lehrer, den Doktor Faust, den ich leider nicht mehr erleben durfte. Aber genau hier, trennt sich zugleich die Meinung. Die Einen sind der Ansicht, er sei noch besser als dieser. Wisse mehr, wisse sicherer, zweifle und suche nicht mehr ständig, sondern glaube an und vermittle die unabänderbaren, unanzweifelbaren Fakten der Wissenschaft, der großen Philosophen und Denker. Wohingegen die Anderen meinen, er hätte einen zu stumpfsinnigen Blick, sähe nur seine Bücher, nur das geschriebene Wort, die Wissenschaft, suche aber nicht nach der wahren Erkenntnis, die doch viel mehr in ihm selbst und in der Welt, in welcher er lebt zu finden sei. Diese sind der Meinung, dass er hier seinen alten Lehrer, den Doktor Faust nicht richtig verstanden, nicht erfasst hat, der doch eben nicht nur Freund der Wissenschaft, sondern auch Freund des Transzendenten, des Metaphysischen war, worin sie einen großen Verlust und mehr noch als das, Wagners Fehler sehen.
Wie dem auch sei, am Ende des Seminars rinnt ihm der Schweiß von
der Stirn. Jeder merkt, wie anstrengend der Vortrag für ihn war
und es folgt tosender Beifall der Studenten. Die sonst so
bekannten Diskussionen, die bei anderen Professoren, auf ähnliche
Seminaren folgen, fallen bei ihm immer recht dürftig, ja,
sonderbar aus, da es scheint, als würde sich keiner recht trauen
seine Position auszusprechen, ihn anzuzweifeln. So viel
Opposition es gibt, jedem scheint dieser Mann zu sehr in seiner
eigenen Geisteswelt, in seiner Welt der Bücher, der Philosophen
und alten Schriften verhaftet, als dass man sich getrauen würde,
sein Weltbild anzuzweifeln, zu widerlegen. Es scheint, als wolle
keiner wagen, sein Weltbild zu zerbrechen, als wüssten alle,
dass dieses allein für ihn das Leben lebenswert macht.
Ja, mein lieber Freund, ich hoffe ich konnte dir mit meinen
Schilderungen einen kleinen Eindruck von Professor Wagner
vermitteln. Aber letzten Endes, muss man ihn einfach selbst
erlebt haben, um wirklich ein Bild von ihm haben zu können. So
oder so, wird sein Seminar auch für dich sehr lohnenswert sein
und ich würde mich freuen, wenn wir uns schon bald bei diesem
begegnen würden. So hätte ich auch Gelegenheit, all die anderen
Dinge, auf die ich nun aus Zeitgründen nicht mehr eingehe, mit
dir zu besprechen.
Mit den freundlichsten Grüßen, dein Walter