Interpretation
zu Robert Musil - "Das Fliegenpapier"
Der Text "Das Fliegenpapier" von Robert Musil schildert
das Zusammenspiel von Körper und Geist in einem
Resignationsprozess. So ist es die letztendliche Erschöpfung
beider sich gegenseitig beeinflussender Komponenten, welche die
gefangene Fliege als Kampfmöglichkeiten besitzt, nämlich des
inneren Willens, der kämpfen lässt, und der Kraft des Körpers,
die den Kampf ausführt, was zur Resignation führt.
Dieser Interpretationsansatz zeigt auch Musils Vermenschlichung
der Fliege auf. So ist das Wissen um deren vermeintliche
Gedanken, Gefühle und seelische Empfindungen, Attribute nicht
eines Tieres, sondern ausschließlich des menschlichen Geistes,
grundlegend für die Möglichkeit eines solchen Analysierens.
Es lässt sich die aufgestellte These, dass das Zusammenspiel von
Körper und Geist zur Resignation führt, auch an Hand der von
Musil gewählten und auf den Menschen übertragenen Vergleiche
belegen, so z.B. an Hand des Kampfes des Tabikers (Z. 20), das
heißt am Beispiel des an Syphilis Erkrankten. Auch bei ihm
findet dieser Resignationsprozess durch das Zusammenspiel der
zwei Komponenten statt, wobei ich mich im Folgenden zunächst auf
den der Fliege beschränken werde.
Um zu verstehen, wie sich Körper und Geist konkret beeinflussen,
ist es nötig, die von Musil dargestellte Entwicklung des
Resignationsprozesses Schritt für Schritt zu betrachten.
Zunächst ist es der Körper der Fliege, der ein "befremdliches
Empfinden" (Z.10) wahrnimmt, nachdem sich die Fliege auf dem
Tangle - foot, also auf dem für die Fliege tödlichen
Fliegenpapier, niedergelassen hat. Aber sie weiß in diesem
Moment noch nichts von ihrem Schicksal, von der Gefahr, die ihr
droht.
Dieses "Erkanntwerden" der Gefährdung (Z. 16) ist
Resultat des Geistes. Nur er kann folglich das körperliche
unwohle, unbekannte Gefühl interpretieren und verstehen. Dieses
Erkennen ist Auslöser für die erste nahezu reflexartig
beschriebene Reaktion des Körpers: "dann stehen sie alle
forciert aufrecht" (Z. 19). Es scheint so, als hätte der
Gedanke der Gefahr die Fliege so sehr in Schrecken versetzt, dass
er körperlich sofort Ausdruck gefunden hat.
Der Gedanke ist es also, der den Körper reagieren lässt. Auf
diese erste Antwort auf die Gefahr folgt die nächste innere
Regung: Die Fliegen wollen sich nichts anmerken lassen (Z. 20 f.).
Diese führt dazu, dass die Fliegen sich "Haltung [geben]
und [...] Kraft und Überlegung [sammeln]" (Z.23 f.). Wieder
ist das Körperliche Folge des Geistigen. Zugleich ist der Körper
noch im vollen Besitz seiner Kräfte, mit denen er sich zu
befreien versucht. Körper und Geist sind also noch im
Gleichgewicht. Die Fliegen sind "entschlossen" (Z. 25)
und "beginnen, was sie vermögen, zu schwirren und sich
abzuheben" (Z. 26 f.). Der Geist unterstützt nicht nur
durch seinen Willen den Körper, sondern ist vielmehr innerer
Antrieb selbst. Der Körper hingegen versucht so gut wie möglich
den Willen des Geistes auszuführen. Es findet also ein
gleichgewichtetes Zusammenspiel statt.
Doch nach dieser ersten Phase des Kampfes, die noch hoffnungsvoll
erscheint, kommt es zu einer Veränderung. Der Entschlossenheit
folgt das Gefühl der Wut. Wut macht rasend und hemmt das vernünftige
Handeln. So führen die andauernden verzweifelten Versuche der
Fliegen zur ersten körperlichen Erschöpfung. Diese zwingt zum
"Einhalten" (Z. 29), zur "Atempause" (Z. 30).
Der Körper scheint hier dem Geist unterlegen zu sein, da er
biologischen Prozessen unterliegt, deren Einfluss er sich nicht
entziehen kann. Aber es kommt zu einem "neue[n] Versuch"
(Z.30), dessen Antrieb sicherlich wiederum der Geist bewirkt.
Dieser Wechsel zwischen Pause und Kampf wiederholt sich, aber
letztlich wird auch der Geist "ratlos" (Z.32). Der
Verstand stellt den Erfolg des Kampfes in Frage, er ahnt die
Ausweglosigkeit. Er erkennt, dass der Körper es nicht schaffen
kann sich zu befreien. Das wird durch "das Bedürfnis einer
gegenwärtigen Sekunde, [welche] über alle mächtigen Dauergefühle
des Daseins siegt" (Z. 46f.f.) deutlich. Der Körper hat
keine Kraft mehr, wäre der Wille auch noch so groß. Das
Dauergefühl meint den eigentlich natürlichen Lebenswillen, der
sich über die Dauer des ganzen Lebens hinweg erstreckt. Es
beschreibt den Willen zum Kampf. Aber anstatt zu kämpfen weicht
die Kraft und "[die Fliegen] sinken ein wenig ein" (Z.
54). Sie geben also dem Gefühl der Sekunde, der momentanen Erschöpfung
nach. Aus dieser körperlichen Erschöpfung folgt schließlich
auch die "seelische" (Z. 59). Doch sie wird nochmals überwunden,
noch einmal schafft es der Wille, Oberhand zu gewinnen, worauf
der Körper den "Kampf um [das] Leben wieder auf[nimmt]"
(Z. 61). Doch es ist "vergeblich" (Z. 68). Das Gesicht
wird zwar hoch gehalten (Z. 71 f.), aber dem Verstand wird die
Ausweglosigkeit bewusst.
Gefühle der Verzweiflung und Verwirrung (Z. 73 f.) führen zum
"letzten inneren Zusammenbruch" (Z.77 f.). Endgültig
hat der Geist aufgegeben und resigniert. Der Körper lässt sich
folglich ebenso resignierend fallen, der Kampf, der jetzt noch
folgt, ist nicht mehr bewusst gesteuert, er ist vielmehr ein
reflexartiges, rein körperliches letztes Aufbäumen und
Aufbegehren, welches besonderes in dem "kleine[n],
flimmernde[n] Organ, das [...] noch lange [lebt]" (Z. 93 f.),
obwohl die Fliege schon längst "tiefer in ihren Tod [gesunken
ist]" (Z. 91 ) Ausdruck findet.
Dieser langwierige Prozess macht deutlich, dass der Mensch sowohl
aus seinem Körper als auch aus seinem Innenleben, dem Geist,
besteht und beides braucht, um am Leben zu bleiben. Gibt nur eine
der beiden Komponenten auf, ist also entweder die Kraft des Körpers
nicht mehr vorhanden oder der Wille des Geistes erloschen, so führt
dies unweigerlich zum Tod.
Aber mehr noch als das. Man könnte die gewagte These aufstellen,
dass Musil zeigt, dass es ohne den Willen des Geistes überhaupt
keinen erfolgreichen körperlichen Kampf mehr geben kann. Die
Tatsache, dass die Fliegen von vornherein zum Tode verurteilt
sind, muss in diesem Punkt außer acht gelassen werden. So ist es
bei Musil nämlich eindeutig der innere Zusammenbruch, der vor
dem körperlichen erfolgt.
Würde man dieses Schema z.B. auf Menschen übertragen, die an
einer zwar schlimmen, aber nicht von vornherein unheilbaren
Krankheit leiden, so könnte man folglich verschiedene Fälle
beobachten. Es gäbe jene, die den Willen haben, gegen die
Krankheit zu kämpfen, und durch diesen Willen es schaffen, ihre
körperlichen Kräfte so zu mobilisieren, dass die Genesung
erfolgt, und jene, die den seelischen Zusammenbruch erleiden und
keinen Sinn mehr in ihrem Kampf / ihrem Leben sehen, also schon
innerlich aufgegeben haben, obwohl der Körper noch die Möglichkeit
hätte, weiter zu kämpfen.
Aber würde man weiterhin die These aufstellen, dass es durchaus
außer uns liegende Dinge gibt, die in gewissen Situationen unser
Leben determinieren, wie eben das Tangle - foot die Fliegen, so wären
diese Überlegungen widerlegt. Denn wäre der Wille auch noch so
groß, der Körper noch so stark, in diesem Falle würde jeder
Versuch, sich der Gefahr zu entledigen, den Kampf zu gewinnen,
zur Resignation, zum Tode führen.
Betrachtet man Musils Biographie im Hinblick auf seine
naturwissenschaftlich - technische Ausbildung, so könnte man
daraus schließen , dass für ihn das Physische, das Sichtbare,
folglich das Körperliche von hauptsächlicher Bedeutung wäre.
Doch dieser Interpretationsansatz zeigt, dass dies zu einseitig
ist. Musil weiß um das Zusammenspiel von Körper und Geist und
hat dies im Ersten Weltkrieg als Offizier wohl auch immer wieder
erfahren.
Des Weiteren bin ich der Meinung, dass sich die Wichtigkeit des
Wissens um das Zusammenspiel von Körper und Geist auch in
Bereichen unserer heutigen Welt widerspiegelt, so ist es für
Kranke auch wichtig, dass man sich nicht nur um ihren Körper,
sondern auch um ihr Innenleben kümmert, dass sie Ansprechpartner
haben, oder auch von Seelsorgern betreut werden, die ihnen immer
wieder Mut und Kraft zusprechen, den Kampf gegen die Krankheit
weiterhin auf sich zu nehmen.
Und ist nicht die körperliche Krankheit oft auch Resultat eines
inneren Defizits?
Gerade in unserer Gesellschaft, in der Stress, Hektik,
Abgespanntsein, Ausgelaugtsein, Niedergeschlagenheit sowie
Sorgen, Wut, Ängste und falsche Ernährung das alltägliche
Leben vieler begleiten, treten immer häufiger so genannte "Zivilisationskrankheiten"
auf wie hoher Blutdruck, Migräne und Kreislaufprobleme, die Zahl
der chronisch Kranken wächst, und die Zahl derer, die an
Herzinfarkten sterben, nimmt zu. Vielleicht sollten wir uns heute
manchmal wieder mehr bewusst machen, dass wir eben nicht nur aus
unserem Körper bestehen. Dieses Wissen machen sich auch
alternative Heilmethoden wie Reiki, Chinesiologie, Akupunktur
oder auch autogenes Training zu nutze. So hat Hippokrates schon
gesagt: "Die wirksamste Medizin ist die natürliche
Heilkraft, die im Inneren eins jeden von uns liegt."