Sie
saß still auf der Bank, ganz still und hörte doch so viele
Stimmen rufen.
Da
war so vieles, dass sie hätte tun sollen, so vieles zu
erledigen, doch sie saß schweigend, umgeben nur von der stillen
Feier des Herbstes.
Ein
prächtiger Oktobertag, sommerlich warm. Ob es nochmals einen
solchen Tag bis zum Winter geben sollte, stand in den Sternen.
Nur das leise zwitschern der Vögel, wohlklingende
Kinderstimmen und das entfernte Schlagen der Kirchturmuhr klangen
an ihr Ohr.
Leben
dieses Wort wollte aus ihren Gedanken nicht mehr weichen.
Was bedeutet leben ? Sie saß, atmete und ihr Herz
schlug, aber lebte sie?
Hatte
sie es denn nicht schon längst verlernt zu leben? Ja, die
Kinder, die kümmerte es wohl nicht im Geringsten, was der
morgige Tag, die nächste Stunde von ihnen verlangte sie
spielten. Aber die meisten Menschen hetzten doch nur von einem
Termin zum nächsten und waren doch nie da, nie hier, nie im
Jetzt. Nur körperlich, aber ihr Geist, ja auch Herz und Seele,
waren oft ganz woanders. In der Zukunft schon oder in der
Vergangenheit noch. Wie bekannt war ihr dieser erleichternde
Seufzer: Gott sei Dank ist das vorbei, oder der
Wunsch: Wenn es doch nur schon vorbei wäre, Abend wäre,
Morgen wäre, Mittag wäre. Dabei, so dachte sie, ist ein
einziges Menschenleben ja doch viel zu kurz, um all das zu
machen, das man machen will. Aber nicht mal dieses, so schien es
ihr, nutzte man, ja, lebte man. Der Entschluss bewusster zu
Leben. Wie oft hat sie ihn schon gemacht? Wie oft schon, hat sie
ihn wieder aufgegeben. Warum ? Warum wollte es nie gelingen?
Wie
lebte man bewusst und vor allem, was brauchte man dazu ? War es
nicht so, dass der Mensch immer mehr wollte, immer wieder nach
größerem strebte, ständig unzufrieden war, der Moment allein
ihm nie genug war?
Aber
wurde es einem nicht eingetrichtert, schon von jungen Jahren an,
wurde man nicht zur Konkurrenz erzogen? Sollte man nicht immer
noch besser, noch schneller, noch fähiger werden, als der Andere
es war?
Verlangt
dieses Spiel, dass da Leben heißt, nicht ständig die Erfüllung
von Pflichten, das Tun von Dingen, die eben lebens
notwendig, lebens wichtig waren?
Sind
diese nicht Bedingung des Lebens überhaupt?
Sie
schloß die Augen, ganz sacht und sog ganz tief die reine
Herbstluft in sich ein, labte sich an den letzten warmen
Sonnenstrahlen. Sonne für ihr Leben, das konnte sie wohl gut
gebrauchen. Musste sie nehmen und wahren, denn am Ende brachte
das Leben ja doch für jeden das Richtige. Sie nahm sich vor, die
Augen offen zu halten und im richtigen Moment nach dem Ihrigen zu
greifen.
(24.10.04)