Textinterpretation zu Günter Kunert - "die Waage"

Die Geschichte "die Waage", von Günter Kunert, zeigt uns, dass auch die Gesellschaftstheorie der Ideologie kein Ersatz für Menschlichkeit ist, sondern die "Moral der Herrscher" sich jederzeit gegen einen wenden kann.

Die Metapher der Waage, begegnet uns beim Lesen immer wieder, eröffnet und schließt die Geschichte und lässt sich jeweils verschieden deuten. Zu Beginn zeigt sie ein Weltbild auf. Die Welt wird in zwei Hälften geteilt und ist somit selbst eine Waage. Auf der einen Waagschale, auf der, die schwerer wiegt, befindet sich der Sprecher. Dieser gehört zu einer sehr wichtigen, unabkömmlichen Sorte von Mensch, der in einer Kneipe über sein ach so schönes, modernes wichtiges Leben und über Karl Marx, dessen Porträt an der Wand hängt, und dessen altes Gesellschaftssystem philosophiert. So beschreibt der Sprecher mit seiner Waage ein gesellschaftliches Bewertungsmodell. Anders als Marx, teilt er die Gesellschaft in zwei Klassen ein. In Gesellschaftsnützliche und Nichtsnützliche, wobei er sich natürlich zu den Nützlichen zählt. In einer Schale sitzt also die menschliche Spreu, die nach oben steigt und in der anderen er selbst, er und seine Stammtischbrüder, die sitzen und reden und ihre Pflicht tun. Deshalb steigt der Sprecher auch auf sein Motorrad und fährt los, um seinen Kollegen im Stromwerk abzulösen.

Doch da fährt er einen älteren, besoffenen Mann an. Er ist allein und nun gilt es, auf der Waage in ihm abzuwägen, sein Gewissen zu fragen, was er tun soll. Er schiebt die Gewichte hin und her, schwingt sich schließlich auf sein Motorrat und fährt, da er gebraucht wird, da er wichtig ist, in die Zentrale und überlässt den Alten seinem Schicksal. So beschreibt die Waage auch das Gewissen.

Doch dann kommt die Polizei und verlangt, dass er aussagt. Er gerät in den Konflikt zwischen Gesellschaftstheorie und Moral. Er erklärt, sich noch im Rechte sehend, dass er seine Pflicht erfüllt habe, dass er abwägen und im Wohle der Allgemeinheit handeln musste.
An der Wand hängt ein Bild von Marx, seinem Zeugen. Jetzt macht er jedoch eine Wandlung durch und merkt, dass er mit dem Alten nicht weiterkommt. Er bezeichnet die angebliche Gewissensentscheidung als manipuliert. Er hat eine Waagschale nicht mehr gesehen, vor lauter Pflicht und System, er dachte nicht an Tod. Noch immer Marx an der Wand, würden seine Worte, könnte er jetzt reden, von alten Überzeugungen abweichen? Man wird es nicht wissen. Aber er ist tot, er ist alt, jetzt muss man sich abwenden von ihm.

So sitzt der Sprecher am Schluss in der falschen Waagschale. Er wird zum Häftling, zum Gesellschaftsschädling. Und in seiner Kammer - kein Marx, keine Illusionen, keine Systeme, einzig und allein die Macht des Gesetztes, die "Moral" des Herrschenden.

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