Märchen vom
Korbstuhl
Ein junger Mensch saß in seiner einsamen Mansarde. Er hatte
Lust, ein Maler zu werden; aber da war manches recht Schwierige
zu überwinden, und fürs erste wohnte er ruhig in seiner
Mansarde, wurde etwas älter und hatte sich daran gewöhnt,
stundenlang vor einem kleinen Spiegel zu sitzen und versuchsweise
sein Selbstbildnis zu zeichnen. Er hatte schon ein ganzes Heft
mit solchen Zeichnungen angefüllt, und einige von diesem
Zeichnungen hatten ihn sehr befriedigt.
"Dafür, daß ich noch völlig ohne Schulung bin",
sagte er zu sich selbst, "ist dieses Blatt doch eigentlich
recht gut gelungen. Und was für eine interessante Falte da neben
der Nase. Man sieht, ich habe etwas vom Denker an mir, oder doch
so etwas Ähnliches. Ich brauche nur die Mundwinkel ein klein
wenig herunterzuziehen, dann gibt es einen so eigenen Ausdruck,
direkt schwermütig".
Nur wenn er die Zeichnungen dann einige Zeit später wieder
betrachtete, gefielen sie ihm meistens gar nicht mehr. Das war
unangenehm, aber er schloß daraus, daß er Fortschritte mache
und immer größere Forderungen an sich selber stelle.
Mit seiner Mansarde und mit den Sachen, die er in seiner Mansarde
stehen und liegen hatte, lebte dieser junge Mann nicht ganz im wünschenswertesten
und innigsten Verhältnis, doch immerhin auch nicht in einem
schlechten. Er tat ihnen nicht mehr und nicht weniger Unrecht an,
als die meisten Leute tun, er sah sie kaum und kannte sie
schlecht.
Wenn ihm wieder ein Selbstbildnis nicht recht gelungen war, dann
las er zuweilen in Büchern, aus welchen er erfuhr, wie es
anderen Leuten ergangen war, welche gleich ihm als bescheidene
und gänzlich unbekannte junge Leute angefangen hatten und dann
sehr berühmt geworden waren. Gern las er solche Bücher, und las
in ihnen seine eigene Zukunft.
So saß er eines Tages wieder etwas mißmutig und bedrückt zu
Hause uns las über einen sehr berühmten holländischen Maler.
Er laß, daß dieser Maler von einer wahren Leidenschaft, ja
Raserei besessen gewesen sei, ganz und gar beherrscht von dem
einen Drang, ein guter Maler zu werden. Der junge Mann fand, daß
er mit diesem holländischen Maler manche Ähnlichkeit habe. Im
Weiterlesen entdeckte er alsdann mancherlei, was auf ihn selbst
weniger paßte. Unter anderem las er, wie jener Holländer bei
schlechtem Wetter, wenn man draußen nicht malen konnte,
unentwegt und voll Leidenschaft alles, auch das Geringste,
abgemalt habe, was ihm unter die Augen gekommen sei. So habe er
einmal ein altes Paar Holzschuhe gemalt, und ein andermal einen
alten, schiefen Stuhl welchen gewiß sonst niemals ein Mensch
eines Blickes gewürdigt hätte, habe nun der Maler mit so viel
Liebe und Treue, mit so viel Leidenschaft und Hingabe gemalt, daß
das eines seiner schönsten Bilder geworden sei. Viele schöne
und geradezu rührende Worte fand der Schriftsteller über diesen
gemalten Strohstuhl zu sagen.
Hier hielt der Lesende inne und besann sich. Da war etwas Neues,
was er versuchen mußte. Er beschloß, sofort - denn er war ein
junger Mann von äußerst raschen Entschlüssen - das Beispiel
dieses großen Meisters nachzuahmen und einmal diesen Weg zur Größe
zu probieren.
Nun blickte er in seiner Dachstube umher und merkte, daß er die
Sachen, zwischen denen er wohnte, eigentlich noch recht wenig
angesehen habe. Einen krummen Stuhl mit einem aus Stroh
geflochtenen Sitz fand er nirgends, auch keine Holzschuhe standen
da, er war darum einen Augenblick betrübt und mutlos und es ging
ihm beinahe wieder wie schon so oft, wenn er über dem Lesen vom
Leben großer Männer den Mut verloren hatte: er fand dann, daß
gerade alle die Kleinigkeiten und Fingerzeige und wunderlichen Fügungen,
welche im Leben jener anderen eine so schöne Rolle spielten, bei
ihm ausblieben und vergebens auf sich warten ließen. Doch raffte
er sich bald wieder auf und sah ein, daß es jetzt erst recht
seine Aufgabe sei, hartnäckig seinen schweren Weg zum Ruhm zu
verfolgen. Er musterte alle Gegenstände in seinem Stübchen und
entdeckte einen Korbstuhl, der ihm recht wohl als Modell dienen könnte.
Er zog den Stuhl mit dem Fuß ein wenig näher zu sich, spitze
seinen Künstlerbleistift, nahm das Skizzenbuch auf die Knie und
fing an zu zeichnen. Ein paar erste Striche schienen ihm die Form
genügend anzudeuten, und nun zog er rasch und kräftig aus und
hieb mit ein paar Strichen dick die Umrisse hin. Ein tiefer,
dreieckiger Schatten in einer Ecke lockte ihn, er gab ihn
kraftvoll an, und so fuhrt er fort, bis irgend etwas ihn zu stören
begann.
Er machte noch eine kleine Weile weiter, dann hielt er das Heft
von sich weg und sah seine Zeichnung prüfend an. Da sah er, daß
der Korbstuhl stark verzeichnet war. Zornig riß er eine neue
Linie hinein und heftete dann den Blick grimmig auf den Stuhl. Es
stimmte nicht. Das machte ihn böse. "Du Satan von einem
Korbstuhl", rief er heftig, "so ein launisches Vieh
habe ich doch noch nie gesehen!" Der Stuhl knackte ein wenig
und sagte gleichmütig:"Ja, sieh mich nur an! Ich bin, wie
ich bin, und werde mich nicht mehr ändern." Der Maler stieß
ihn mit der Fußspitze an. Da wich der Stuhl zurück und sah
jetzt wieder ganz anders aus.
"Dummer Kerl von einem Stuhl", rief der Jüngling.
"an dir ist ja alles krumm und schief." - Der Korbstuhl
lächelte ein wenig und sagte sanft: "Das nennt man
Perspektive, junger Herr."
Da sprang der Jüngling auf. "Perspektive!" schrie er wütend.
"Jetzt kommt dieser Bengel von einem Stuhl und will den
Schulmeister spielen! Die Perspektive ist meine Angelegenheit,
nicht deine, merke dir das!"
Da sagte der Stuhl nichts mehr. Der Maler ging einige Male heftig
auf und ab, bis von unten her mit einem Stock zornig gegen seinen
Fußboden geklopft wurde. Dort unten wohnte ein älterer Mann,
ein Gelehrter, der keinen Lärm vertrug.
Er setzte sich und nahm sein letztes Selbstbildnis wieder vor.
Aber es gefiel ihm nicht. Er fand, daß er in Wirklichkeit hübscher
und interessanter aussehe, und das war die Wahrheit.
Nun wollte er in seinem Buche weiterlesen. Aber da stand noch
mehr von jenem holländischen Strohsessel und das ärgerte ihn.
Er fand, daß man von jenem Sessel doch wirklich reichlich viel Lärm
mache, und überhaupt...
Der junge Mann suchte seinen Künstlerhut und beschloß, ein
wenig auszugehen. Er erinnerte sich, daß ihm schon vor längerer
Zeit einmal das Unbefriedigende der Malerei aufgefallen war. Man
hatte da nichts als Plage und Enttäuschungen, und schließlich
konnte ja auch der beste Maler der Welt bloß die simple Oberfläche
der Dinge darstellen. Für einen Menschen, der das Tiefe liebte,
war das am Ende kein Beruf. Und er faßte wieder, wie schon
mehrmals, ernstlich den Gedanken ins Auge, doch noch einer früheren
Neigung zu folgen und lieber Schriftsteller zu werden. Der
Korbstuhl blieb allein in der Mansarde zurück. Es tat ihm leid,
daß sein junger Herr schon gegangen war. Er hatte gehofft, es
werde sich nun endlich einmal ein ordentliches Verhältnis
zwischen ihnen anspinnen. Er hätte recht gern zuweilen ein Wort
gesprochen, und er wußte, daß er einen jungen Menschen wohl
manches Wertvolle zu lehren haben würde. Aber es wurde nun
leider nichts daraus.
(Hermann Hesse 1918)