im Jetzt
leben
Was sollte sie nur tun? Sie fühlte sich so unendlich verloren.
Wenn sie auf ihr Leben blickte, schien ihr alles so aussichtslos.
Sie fühlte sich so einsam, so allein. Aber sie wusste ja, die
Welt war nicht so einfach zu verändern. Wie oft hatte sie es
versucht? Aber sie hatte es ja noch nicht einmal geschafft, ihr
eigenes Leben so zu gestalten, wie sie es gern gehabt hätte. Wie
oft hatte sie versucht, die Anderen oder die Gesellschaft dafür
verantwortlich zu machen? Doch ihr war klar geworden: kein
Anderer hatte Schuld daran, sondern es lag allein an ihr selbst,
wie ihr Leben aussah. Es lag an ihr, ob sie morgens mit einem Lächeln
oder einem mürrischen Gesicht aus dem Bett steigen würde.
Sie dachte an die Zeit, als sie noch ein Kind war. Sie sehnte sich nach der ungespielten Sorglosigkeit, mit der sie einen jeden Tag genoss. Sie sehnte sich nach der unaufgelegten Liebenswürdigkeit, mit der sie den Menschen begegnen konnte. Sie sehnte sich nach dem Vertrauen, welches sie dem Leben entgegenbrachte. Was war nur passiert, dass sie sich mit dem älter werden so verändert hatte?
Sie wusste, dass es an ihr war zu entscheiden, wie sie ihr Leben
leben wollte und doch fühlte sie sich so eingeengt, so
determiniert. So oft wollte sie alles hinschmeißen und aufgeben,
so oft sah sie keinen Sinn mehr im täglichen Kampf, der ihr
Leben so mit sich brachte. Im Kampf gegen die Frustration, gegen
die Müdigkeit, gegen die fehlenden Nerven, gegen die Angst,
gegen das Gefühl der Einsamkeit. Was hielt sie denn noch am
Leben ?
Aber auch auf diese Frage kannte sie manche Antworten. War da
nicht die Musik, dir ihr soviel Kraft gab, ihr soviel bedeutete?
Waren da nicht der Gesang, die Gedichte und Bücher, die Schönheit
der französischen Sprache, das Reisen, ein schöner sonniger
Tag, der hoffen ließ, dass sie eines Tages die Ruhe und
Harmonie, nach der sie sich so sehr sehnte und nach der sie seit
Jahr und Tag strebte, finden würde? Die Hoffnung, dass sie eines
Tages den Sinn erkennen würde?
Was wollte sie in ihrem Leben denn? Diese Frage quälte sie in der letzten Zeit immer häufiger und dringlicher, denn sie würde sie bald beantworten müssen, zumindest zu einem großen Teil. Als Kind wollte sie immer Sängerin oder Autorin werden, aber heute wusste sie, dass das so einfach nicht war. Mit der Frage nach dem "was", kam auch die Frage nach dem "wo" / "wohin" ? Jahrelang träumte sie davon, nach Frankreich zu gehen, aber heute schien ihr doch ihr Heimatländle die bessere Wahl. Und dann kamen doch wieder die Zweifel. Es führte einfach zu Nichts, wie sie es auch drehte und wendete, denn die Angst verließ sie bei keiner Variante.
"Im Jetzt leben", so hieß der Titel eines Textes, den
sie erst vorige Woche von einer ihr sehr lieben Person zu lesen
bekommen hatte und sie erinnerte sich daran, wie viel Weisheit
dieser in sich barg. Aber es war so schwer in dieser Welt, in der
Nachhaltigkeit verlangt wurde, einfach so im Jetzt zu leben. In
einer Welt, in der der Mensch immer mit dem Gestern oder dem
Morgen, aber nur in sehr sehr wenig Augenblicken mit dem Heute,
mit dem Jetzt beschäftigt ist. Ob sie es je schaffen würde?
Sie schüttelte langsam aber entschlossen den Kopf. Es blieb ihr
doch nichts übrig als es so gut wie möglich zu versuchen. Sie
musste versuchen, dem Leben ihr ursprüngliches Vertrauen wieder
entgegenzubringen, den Menschen ihre altbekannte Liebenswürdigkeit.
Sie musste das tun, was im Moment für sie wichtig war, oder doch
zumindest wichtig für sie schien. Denn es war eben doch ein Geben
und Nehmen und konnte sie denn überhaupt verlieren ?