Iris
Im Frühling seiner Kinderzeit lief Anselm durch den grünen
Garten. Eine Blume unter den Blumen der Mutter hieß
Schwertlilie, die war ihm besonders lieb. Er hielt seine Wange an
ihre hohen hellgrünen Blätter, drückte tastend seine Finger an
ihre Blüte und sah lange hinein. Da standen lange Reihen von
gelben Fingern aus dem bleichbläulichen Blumenboden empor,
zwischen ihnen lief ein lichter Weg hinweg und hinabwärts in den
Kelch und das ferne, blaue Geheimnis der Blüte hinein. Die
liebte er sehr, und blickte lange hinein, und sah die gelben
feinen Glieder bald wie einen goldenen Zaun am Königsgarten
stehen, bald als doppelten Gang von schönen Traumbäumen, die
kein Wind bewegt, und zwischen ihnen lief hell und von glaszarten
lebendigen Adern durchzogen der geheimnisvolle Weg ins Innere.
Ungeheuer dehnte die Wölbung sich auf, nach rückwärts verlor
der Pfad zwischen den goldenen Bäumen sich unendlich tief in
unausdenkliche Schlünde, über ihm bot sich die violette Wölbung
königlich und legte zauberisch dünne Schatten über das stille
wartende Wunder. Anselm wußte, daß dies der Mund der Blume war,
daß Hinter den gelben Prachtgewächsen im blauen Schlunde ihr
Herz und ihre Gedanken wohnten, und daß über diesen holden,
lichten, glasig geäderten Weg ihr Atem und ihre Träume aus und
ein gingen.
Und neben der großen Blüte standen kleinere, die noch nicht
aufgegangen waren, sie standen auf festen, saftigen Stielen in
einem kleinen Kelche aus bräunlich grüner Haut, aus ihnen drang
die junge Blüte still und kräftig hinan, in lichtes Grün und
Lila fest gewickelt, oben aber schaute straff und zart gerollt
das junge tiefe Violett mit feiner Spitze hervor. Auch schon auf
diesen festgerollten, jungen Blütenblättern war Geäder und
hundertfache Zeichnung zu sehen.
Am Morgen, wenn er aus dem Hause und aus dem Schlaf und Traum und
fremden Welten wiederkam, da stand unverloren und immer neu der
Garten und wartete auf ihn, und wo gestern eine harte blaue Blütenspitze
dicht gerollt aus grüner Schale gestarrt hatte, da hing nun dünn
und blau wie Luft ein junges Blatt, wie eine Zunge und wie eine
Lippe, suchte tastend seine Form und Wölbung, von der es lang
geträumt, und zuunterst, wo es noch im stillen Kampf mit seiner
Hülle lag, da ahnte man schon feine gelbe Gewäsche, lichte geäderte
Bahn und fernen, duftenden Seelenabgrund bereitet. Vielleicht am
Mittag schon, vielleicht am Abend war sie offen, wölbte blaues
Seidenzelt über goldnem Traumwalde, und ihre ersten Träume,
Gedanken und Gesänge kamen still aus dem zauberhaften Abgrund
hervorgeatmet.
Es kam ein Tag, da standen lauter blaue Glockenblumen im Gras. Es
kam ein Tag, da war plötzlich ein neuer Klang und Duft im
Garten, und über rötlichem durchsonntem Laub hing weich und
rotgolden die erste Teerose. Es kam ein Tag, da waren keine
Schwertlilien mehr da. Sie waren gegangen, kein goldbezäunter
Pfad mehr führte zart in duftende Geheimnisse hinab, fremd
standen starre Blätter spitz und kühl. Aber rote Beeren waren
in den Büschen reif, und über den Sternblumen flogen neue,
unerhörte Falter frei und spielend hin, rotbraune mit
perlmutternen Rücken und schwirrende, glasflüglige Schwärmer.
Anselm sprach mit den Faltern und mit den Kieselsteinen, er hatte
zum Freund den Käfer und die Eidechse, Vögel erzählten ihm
Vogelgeschichte, Farnkräuter zeigten ihm heimlich unterm Dach
der Riesenblätter den braunen gesammelten Samen, Glasscherben grün
und kristallen fingen ihm den Sonnenstrahl und wurden Paläste, Gärten
und funkelnde Schatzkammer. Waren die Lilien fort, so blühten
die Brombeeren braun, alles verschob sich, war immer da und immer
fort, verschwand und kam zur Zeit wieder, und auch die bangen,
wunderlichen Tage, wo der Wind kalt in der Tanne lärmte und im
ganzen Garten das welke Laub so fahl und erstorben klirrte,
brachten noch ein Lied, ein Erlebnis, eine Geschichte mit, bis
wieder alles hinsank, Schnee vor den Fenstern fiel und Palmenwälder
an den Scheiben wuchsen, Engel mit silbernen Glocken durch den
Abend flogen und Flur und Boden nach gedörrtem Obst dufteten.
Niemals erlosch Freundschaft und Vertrauen in dieser guten Welt,
und wenn einmal unversehens wieder Schneeglöckchen neben dem
schwarzen Efeulaub strahlten und erste Vögel hoch durch neue
blaue Höhen flogen, so war es, als sei alles immerfort dagewesen.
Bis eines Tages, nie erwartet und doch immer genau wie es sei mußte
und immer gleich erwünscht, wieder eine erste bläuliche Blütenspitze
aus den Schwertlilienstengeln schaute.
Alles war schön, alles war Anselm willkommen, befreundet und
vertraut, aber der größte Augenblick des Zaubers und der Gnade
war in jedem Jahr für den Knaben die erste Schwertlilie. In
ihrem Kelch hatte er irgendeinmal, im frühsten Kindestraum, zu
erstenmal im Buch der Wunder gelesen, ihr Duft und wehendes
vielfaches Blau war ihm Anruf und Schlüssel der Schöpfung
gewesen. So ging die Schwertlilie mit ihm durch alle Jahre seiner
Unschuld, war in jedem neuen Sommer neu, geheimnisreicher und rührender
geworden. Auch andre Blumen hatten einen Mund, auch andre Blumen
sandten Duft und Gedanken aus, auch andre lockten Biene und Käfer
in ihre kleinen, süßen Kammern. Aber die blaue Lilie war dem
Knaben mehr als jede andre Blume lieb und wichtig geworden, sie
wurde ihm Gleichnis und Beispiel alles Nachdenkenswerten und
Wunderbaren. Wenn er in ihren Kelch blickte und versunken diesem
hellen träumerischen Pfad mit seinen Gedanken folgte, zwischen
den gelben wunderlichen Gestäuden dem verdämmernden
Blumeninneren entgegen, dann blickte seine Seele in das Tor, wo
die Erscheinung zum Rätsel und das Sehen zum Ahnen wird. Er träumte
auch bei Nacht zuweilen von diesem Blumenkelch, sah ihn ungeheuer
groß vor sich geöffnet wie das Tor eines himmlischen Palastes,
ritt auf Pferden, flog auf Schwänen hinein, und mit ihm flog und
ritt und glitt die ganze Welt leise, von Magie gezogen, in den
holden Schlund hinein und hinab, wo jede Erwartung zur Erfüllung
und jede Ahnung Wahrheit werden mußte.
Jede Erscheinung auf Erden ist ein Gleichnis, und jedes Gleichnis
ist ein offenes Tor, durch welches die Seele, wenn sie bereit
ist, in das Innere der Welt zu gehen vermag, wo du und ich und
Tag und Nacht alle eines sind. Jedem Menschen tritt hier und dort
in seinem Leben das geöffnete Tor in den Weg, jeden fliegt
irgendeinmal der Gedanke an, daß alles Sichtbare ein Gleichnis
sei, und daß hinter dem Gleichnis der Geist und das ewige Leben
wohne. Wenige freilich gehen durch das Tor und geben den schönen
Schein dahin für die geahnte Wirklichkeit des Innern.
So erschien dem Knaben Anselm sein Blumenkelch als die aufgetane,
stille Frage, der seine Seele in quellender Ahnung einer seligen
Antwort entgegendrängte. Dann wieder zog das liebliche Vielerlei
der Dinge ihn hinweg, in Gesprächen und Spielen zu Graus und
Spielen zu Graus und Steinen, Wurzeln, Busch, Getier und allen
Freundlichkeiten seiner Welt. Oft sank er tief in die Betrachtung
seiner selbst hinab, er saß hingegeben an die Merkwürdigkeiten
seines Leibes, fühlte mit geschlossenen Augen beim Schlucken,
beim Singen, beim Atmen sonderbare Regungen, Gefühle und
Vorstellungen im Munde und im Hals, fühlte auch dort dem Pfad
und dem Tore nach, auf denen Seele zu Seele gehen kann. Mit
Bewunderung beobachtete er die bedeutsamen Farbenfiguren, die bei
geschlossenen Augen ihm oft aus purpurfarbenem Dunkel erschienen,
Flecken und Halbkreise von Blau und tiefem Rot, glasig helle
Linien dazwischen. Manchmal empfand Anselm mit froh erschrockener
Bewegung die feinen, hundertfachen Zusammenhänge zwischen Auge
und Ohr, Geruch und Getast, fühlte für schöne flüchtige
Augenblicke, Töne, Laute, Buchstaben verwandt und gleich mit Rot
und Blau, mit Hart und Weich, oder wunderte sich beim Riechen an
einem Kraut oder an einer abgeschälten grünen Rinde, wie
sonderbar nahe Geruch und Geschmack beisammen waren und oft
ineinander übergingen und eins wurden.
Alle Kinder fühlen so, wennschon nicht alle mit derselben Stärke
und Zartheit, und bei vielen ist dies alles schon hinweg und wie
nie gewesen, noch ehe sie den ersten Buchstaben haben lesen
lernen. Andern bleibt das Geheimnis der Kindheit lange nah, und
einen Rest und Nachhall davon nehmen sie bis zu den weißen
Haaren und den späten müden Tagen mit sich. Alle Kinder,
solange sie noch im Geheimnis stehen, sind ohne Unterlaß in der
Seele mit dem einzig Wichtigen beschäftigt, mit sich selbst und
mit dem rätselhaften Zusammenhang ihrer eignen Person mit der
Welt ringsumher. Sucher und Weise kehren mit den Jahren der Reife
zu diesen Beschäftigungen zurück, die meisten Menschen aber
vergessen und verlassen diese innere Welt des wahrhaft Wichtigen
schon früh für immer und irren lebenslang in den bunten
Irrsalen von Sorgen, Wünschen und Zielen umher, deren keines in
ihrem Innersten wohnt, deren keines sie wieder zu ihrem Innersten
und nach Hause führt.
Anselms Kindersommer und - herbste kamen sanft und gingen ungehört,
wieder und wieder blühte und verblühte Schneeglocke, Veilchen,
Goldlack, Lilie, Immergrün und Rose, schön und reich wie je. Er
lebte mit, ihm sprachen Blume und Vogel, ihm hörten Baum und
Brunnen zu, und er nahm seinen ersten geschriebenen Buchstaben
und seinen ersten Freundschaftskummer in alter Weise mit hinüber
zum Garten, zur Mutter, zu den bunten Steinen am Beet.
Aber einmal kam ein Frühling, der klang und roch nicht wie die
früheren, alle, die Amsel sang, und es war nicht das alte Lied,
die blaue Iris blühte auf und keine Träume und Märchengestalten
wandelten aus und ein auf dem goldgezäunten Pfad ihres Kelches.
Es lachten die Erdbeeren versteckt aus ihrem grünen Schatten,
und die Falter taumelten glänzend über den hohen Dolden, und
alles war nicht mehr wie immer, und andre Dinge gingen den Knaben
an, und mit der Mutter hatte er viel Streit. Er wußte selber
nicht, was es war, und warum ihm etwas weh tat und etwas
immerfort ihn störte. Er sah nur, die Welt war verändert, und
die Freundschaften der bisherigen Zeit fielen von ihm ab und ließen
ihn allein.
So ging ein Jahr, und es ging noch eines, und Anselm war kein
Kind mehr, und die bunten Steine um das Bett waren langweilig,
und die Blumen stumm, und die Käfer hatte er auf Nadeln in einem
Kasten stecken, und seine Seele hatte den langen, harten Umweg
angetreten, und die alten Freuden waren versiegt und verdorrt.
Ungestüm drang der junge Mensch ins Leben, das ihm nun erst zu
beginnen schien. Verweht und vergessen war die Welt der
Gleichnisse, neue Wünsche und Wege lockten ihn hinweg. Noch hing
Kindheit wie ein Duft im blauen Blick und im weichen Haar, doch
liebte er es nicht, wenn er daran erinnert wurde, und schnitt die
Haare kurz und tat in seinen Blick so viel Kühnheit und Wissen
als er vermochte. Launisch stürmte er durch die bangen,
wartenden Jahre, guter Schüler bald und Freund, bald allein und
scheu, einmal in Büchern vergraben bis in die Nächte, einmal
wild und laut bei ersten Jünglingsgelagen. Die Heimat hatte er
verlassen müssen und sah sie nur selten auf kurzen Besuchen
wieder, wenn er verändert, gewachsen und fein gekleidet heim zur
Mutter kam. Er brachte Freunde mit, brachte Bücher mit, immer
anderes, und wenn er durch den alten Garten ging, war der Garten
klein und schwieg vor seinem zerstreuten Blick. Nie mehr las er
Geschichten im bunten Geäder der Steine und der Blätter, nie
mehr sah er Gott und die Ewigkeit im Blütengeheimnis der blauen
Iris wohnen
Anselm war Schüler, war Student, er kehrte in die Heimat mit
einer roten und dann mit einer gelben Mütze, mit einem Flaum auf
der Lippe und mit einem jungen Bart. Er brachte Bücher in
fremden Sprachen mit, und einmal einen Hund, und in einer
Ledermappe auf der Brust trug er bald verschwiegene Gedichte,
bald Abschriften uralter Weisheiten, bald Bildnisse und Briefe hübscher
Mädchen. Er kehrte wieder und war weit in fremden Ländern
gewesen und hatte auf großen Schiffen auf dem Meer gewohnt. Er
kehrte wieder und war ein junger Gelehrter, trug einen schwarzen
Hut und dunkle Handschuhe, und die alten Nachbarn zogen die Hüte
vor ihm und nannten ihn Professor, obschon er noch keiner war. Er
kam wieder und trug schwarze Kleider, und ging schlank und ernst
hinter dem langsamen Wagen her, auf dem seine alte Mutter im
geschmückten Sarge lag. Und dann kam er selten mehr.
In der Großstadt, wo Anselm jetzt die Studenten lehrte und für
einen berühmten Gelehrten galt, da ging er, spazierte, saß und
stand genau wie andre Leute der Welt, im feinen Rock und Hut,
ernst oder freundlich, mit eifrigen und manchmal etwas ermüdeten
Augen, und war ein Herr und ein Forscher, wie er es hatte werden
wollen. Nun ging es ihm ähnlich wie es ihm am Ende seiner
Kindheit gegangen war. Er fühlte plötzlich viele Jahre hinter
sich weggeglitten, und stand seltsam allein und unbefriedigt
mitten in der Welt, nach der er immer getrachtet hatte. Es war
kein rechtes Glück, Professor zu sein, es war keine volle Lust,
von Bürgern und Studenten tief gegrüßt zu werden. Es war alles
wie welk und verstaubt, und das Glück lag wieder weit in der
Zukunft, und der Weg dahin sah heiß und staubig und gewöhnlich
aus.
In dieser Zeit kam Anselm viel in das Haus eines Freundes, dessen
Schwester ihn anzog. Er lief jetzt nicht mehr leicht einem hübschen
Gesicht nach, auch das war anders geworden, und er fühlte, daß
das Glück für ihn auf besondere Weise kommen müsse und nicht
hinter jedem Fenster liegen könne. Die Schwester seines Freundes
gefiel ihm sehr, und oft glaubte er zu wissen, daß er sie
wahrhaft liebe. Aber sie war ein besonderes Mädchen, jeder
Schritt und jedes Wort von ihr war eigen gefärbt und geprägt,
und es war nicht immer leicht, mit ihr zu gehen und den gleichen
Schritt mit ihr zu finden. Wenn Anselm zuweilen in seiner
einsamen Wohnung am Abend auf und nieder ging und nachdenklich
seinem eigenen Schritt durch die leeren Stuben zuhörte, dann
stritt er viel mit sich selber wegen seiner Freundin. Sie war älter,
als er sich seine Frau gewünscht hätte. Sie war sehr eigen, und
es würde schwierig sein, neben ihr zu leben und seinem gelehrten
Ehrgeiz zu folgen, denn von dem mochte sie nichts hören. Auch
war sie nicht sehr stark und gesund, und konnte namentlich
Gesellschaft und Feste schlecht ertragen. Am liebsten lebte sie,
mit Blumen und Musik und etwa einem Buch um sich, in einsamer
Stille, wartete, ob jemand zu ihr käme, und ließ die Welt ihren
Gang gehen. Manchmal war sie so zart und empfindlich, daß alles
Fremde ihr weh tat und sie leicht zum Weinen brachte. Dann wieder
strahlte sie still und fein in einem einsamen Glück, und wer es
sah, der fühlte, wie schwer es sei, dieser schönen seltsamen
Frau etwas zu geben und etwas für sie zu bedeuten. Oft glaube
Anselm, daß sie ihn lieb habe, oft schien ihm, sie habe
niemanden lieb, sei nur mit allen zart und freundlich, und
begehre von der Welt nichts, als in Ruhe gelassen zu werden. Er
aber wollte anderes vom Leben, und wenn er eine Frau haben würde,
so müßte Leben und Klang und Gastlichkeit im Hause sein.
"Iris" sagte er zu ihr, liebe Iris , wenn doch die Welt
anders eingerichtet wäre! Wenn es gar nichts gäbe als eine schöne,
sanfte Welt mit Blumen, Gedanken und Musik, dann wollte ich mir
nichts anderes wünschen als mein Leben lang bei dir zu sein,
deine Geschichten zu hören und in deinen Gedanken mitzuleben.
Schon dein Name tut mir wohl, Iris ist ein wundervoller Name, ich
weiß gar nicht, woran er mich erinnert."
"Du weißt doch", sagte sie, "daß die blauen
Schwertlilien so heißen."
"Ja", rief er in einem beklommenen Gefühl, "das
weiss ich wohl, und schon das ist sehr schön. Aber immer wenn
ich deinen Namen sage, will er mich noch außerdem an irgend
etwas mahnen, ich weiß nicht was, als sei er mir mit ganz
tiefen, fernen, wichtigen Erinnerungen verknüpft, und doch weiß
und finde ich nicht, was das sein könnte.
Iris lächelte ihn an, der ratlos stand und mit der Hand seine
Stirn rieb.
"Mir geht es jedesmal so", sagte sie mit ihrer
vogelleichten Stimme zu Anselm, "wenn ich an einer Blume
rieche. Dann meint mein Herz jedesmal, mit dem Duft sei ein
Andenken an etwas überaus Schönes und Kostbares verbunden, das
einmal vorzeiten mein war und mir verlorengegangen ist. Mit der
Musik ist es auch so, und manchmal mit Gedichten - da blitzt auf
einmal etwas auf, einen Augenblick lang, wie wenn man eine
verlorene Heimat plötzlich unter sich im Tale liegen sähe, und
ist gleich wieder weg und vergessen. Lieber Anselm, ich glaube,
daß wir zu diesem Sinn auf Erden sind, zu diesem Nachsinnen und
Suchen und Horchen auf verlorene ferne Töne, und hinter ihnen
liegt unsere wahre Heimat.
"Wie schön du das sagst", schmeichelte Anselm, und er
fühlte in der eigenen Brust eine fast schmerzende Bewegung, als
weise dort ein verborgener Kompaß unweigerlich seinem fernen
Ziele zu. Aber dieses Ziel war ganz ein andres, als er es seinem
Leben geben wollte, und das tat weh, und war es denn seiner würdig,
sein Leben in Träumen hinter hübschen Mädchen her zu
verspielen?
Indessen kam ein Tag, da war Herr Anselm von einer einsamen Reise
heimgekehrt und fand sich von seiner kahlen Gelehrtenwohnung so
kalt und bedrückend empfangen, daß er zu seinen Freunden lief
und gesonnen war, die schöne Iris um ihre Hand zu bitten.
"Iris", sagte er zu ihr, "ich mag so nicht
weiterleben. Du bist immer meine gute Freundin gewesen, ich muß
dir alles sagen. Ich muß eine Frau haben, sonst fühle ich mein
Leben leer und ohne Sinn. Und wen sollte ich mir zur Frau wünschen,
als dich, du liebe Blume? Willst du, Iris? Du sollst Blumen
haben, so viele nur zu finden sind, den schönsten Garten sollst
du haben. Magst du zu mir kommen?"
Iris sah ihm lang und ruhig in die Augen, sie lächelte nicht und
errötete nicht, und gab ihm mit fester Stimme Antwort: "Anselm,
ich bin über deine Frage nicht erstaunt. Ich habe dich lieb,
obschon ich nie daran gedacht habe, deine Frau zu werden. Aber
sieh, mein Freund, ich mache große Ansprüche an den, dessen
Frau ich werden soll. Ich mache größere Ansprüche , als die
meisten Frauen machen. Du hast mir Blumen geboten, und meinst es
gut damit. Aber ich kann auch ohne Blumen leben, und auch ohne
Musik, ich könnte alles das und viel andres wohl entbehren, wenn
es sein müßte. Eins aber kann und will ich nie entbehren: ich
kann niemals auch nur einen Tag lang so leben, daß nicht die
Musik in meinem Herzen mir die Hauptsache ist. Wenn ich mit einem
Manne leben soll, so muß es einer sein, dessen innere Musik mit
der meinen gut und fein zusammenstimmt, und daß seine eigene
Musik rein und daß sie gut zu meiner klinge, muß sein einziges
Begehren sein. Kannst du das, Freund? Du wirst dabei
wahrscheinlich nicht weiter berühmt werden und Ehren erfahren,
dein Haus wird still sein, und die Falten, die ich auf deiner
Stirn seit manchem Jahr her kenne, müsse alle wieder ausgetan
werden. Ach, Anselm, es wird nicht gehen. Sieh, du bist so, daß
du immer neue Falten in deine Stirn studieren und dir immer neue
Sorgen machen mußt, und was ich sinne und bin, das liebst du
wohl und findest es hübsch, aber es ist für dich wie für die
meisten doch bloß ein feines Spielzeug. Ach, höre mich wohl:
alles, was dir jetzt Spielzeug ist, ist mir das Leben selbst und
müßte es auch dir sein, und alles, woran du Mühe und Sorge
wendest, das ist für mich Spielzeug, ist für meinen Sinn nicht
wert, daß man dafür lebe. - Ich werde nicht mehr anders werden,
Anselm, denn ich lebe nach einem Gesetz, das in mir ist. Wirst
aber du anders werden können? Und du müßtest ganz anders
werden, damit ich deine Frau sein könnte."
Anselm schwieg betroffen von ihrem Willen, den er schwach und
spielerisch gemeint hatte. Er schwieg und zerdrückte achtlos in
der erregten Hand eine Blume, die er vom Tisch genommen hatte.
Da nahm ihm Iris sanft die Blume aus der Hand - es fuhr ihm wie
ein schwerer Vorwurf ins Herz - und lächelte nun plötzlich hell
und liebevoll, als habe sie ungehofft einen Weg aus dem Dunkel
gefunden.
"Ich habe einen Gedanken, sagte sie leise, und errötete
dabei. Du wirst ihn sonderbar finden, er wird dir eine Laune
scheinen. Aber es ist keine Laune. Willst du ihn hören? Und
willst du ihn annehmen, daß er über dich und mich entscheiden
soll?"
Ohne sie zu verstehen,
blickte Anselm seine Freundin an, Sorge in den blassen Zügen.
Ihr Lächeln bezwang ihn, daß er Vertrauen faßte und ja sagte.
"Ich möchte dir eine Aufgabe stellen", sagte Iris und
wurde rasch wieder ernst.
"Tue das, es ist dein Recht", ergab sich der Freund.
"Es ist mein Ernst", sagte sie, "und mein letztes
Wort. Willst du es hinnehmen, wie es mir aus der Seele kommt, und
nicht daran markten und feilschen, auch wenn du es nicht sogleich
verstehst?"
Anselm versprach es. Da sagte sie, indem sie aufstand und ihm die
Hand gab:
"Mehrmals hast du mir gesagt, daß du beim Aussprechen
meines Namens jedesmal dich an etwas Vergangenes erinnert fühlst,
was dir einst wichtig und heilig war. Das ist ein Zeichen,
Anselm, und das hast dich alle die Jahre zu mir hingezogen. Auch
ich glaube, daß du in deiner Seele Wichtiges und Heiliges
verloren und vergessen hast, was erst wieder wach sein muß, ehe
du ein Glück finden und das dir Bestimmte erreichen kannst. -
Leb wohl, Anselm! - Ich gebe dir die Hand und bittet dich: Geh
und sie, daß du das in deinem Gedächtnis wiederfindest, woran
du durch meinen Namen erinnert wirst. Am Tage, wo du es
wiedergefunden hast, will ich als deine Frau mit dir hingehen,
wohin du willst, und keine Wünsche mehr haben als deine."
Bestürzt wollte der verwirrte Anselm ihr ins Wort fallen und
diese Forderung eine Laune schelten, aber sie mahnte ihn mit
einem klaren Blick an sein Versprechen, und er schwieg still. Mit
niedergeschlagenen Augen nahm er ihre Hand, zog sie an seine
Lippen und ging hinaus.
Manche Aufgaben hatte er in seinem Leben auf sich genommen und
gelöst, aber keine war so seltsam, wichtig und dabei so
entmutigend gewesen wie diese. Tage und Tage lief er umher und
sann sich daran müde, und immer wieder kam die Stunde, wo er
verzweifelt und zornig diese ganze Aufgabe eine verrückte
Weiberlaune schalt und in Gedanken von sich warf. Dann aber
widersprach tief in seinem Innern etwas, ein sehr feiner,
heimlicher Schmerz, eine ganz zarte, kaum hörbare Mahnung. Diese
Feine Stimme, die in seinem eigenen Herzen war, gab Iris recht
und tat dieselbe Forderung wie sie.
Allein diese Aufgabe war allzu schwer für den gelehrten Mann. Er
sollte sich an etwas erinnern, was er längst vergessen hatte, er
sollte einen einzelnen, goldenen Faden aus dem Spinnweb
untergesunkener Jahre wiederfinden, er sollte etwas mit Händen
greifen und seiner Geliebten darbringen, was nichts war als ein
verwehter Vogelruf, ein Anflug von Lust oder Trauer beim Hören
einer Musik, was dünner, flüchtiger und körperloser war als
ein Gedanke, nichtiger als ein nächtlicher Traum, unbestimmter
als ein Morgennebel.
Manchmal, wenn er verzagend das alles von sich geworfen und voll
übler Laune aufgegeben hatte, dann wehte ihn unversehens etwas
an wie ein Hauch aus fernen Gärten, er flüsterte den Namen Iris
vor sich hin, zehnmal und mehrmal, leise und spielend, wie man
einen Ton auf einer gespannten Seite prüft. "Iris" flüsterte
er, "Iris", und mit feinem Weh fühlte er in sich innen
etwas sich bewegen, wie in einem alten verlassenen Hause ohne
Anlaß eine Tür aufgeht und ein Laden knarrt. Er prüfte seine
Erinnerungen, die er wohl geordnet in sich zu tragen geglaubt
hatte, und er kam dabei auf wunderliche und bestürzende
Entdeckungen. Sein Schatz an Erinnerungen war unendlich viel
kleiner, als er je gedacht hätte. Ganze Jahre fehlten und
standen leer wie unbeschriebene Blätter, wenn er zurückdachte.
Er fand, daß er große Mühe hatte, sich das Bild seiner Mutter
wieder deutlich vorzustellen. Er hatte vollkommen vergessen, wie
ein Mädchen hieß, daß er als Jüngling wohl ein Jahr lang mit
brennender Werbung verfolgt hatte. Ein Hund fiel ihm ein, den er
einst als Student in einer Laune gekauft und der eine Zeitlang
mit ihm gewohnt und gelebt hatte. Er brauchte Tag, bis er wieder
auf des Hundes Namen kam.
Schmerzvoll sah der arme Mann mit wachsender Trauer und Angst,
wie zerronnen und leer sein Leben hinter ihm lag, nicht mehr zu
ihm gehörig, ihm fremd und ohne Beziehung zu ihm wie etwas, was
man einst auswendig gelernt hat und wovon man nun mit Mühe noch
öde Bruchstücke zusammenbringt. Er begann zu schreiben, er
wollte Jahr um Jahr zurück, seine wichtigsten Erlebnisse
niederschreiben, um sie einmal wieder fest in Händen zu haben.
Aber wo waren seine wichtigsten Erlebnisse? Daß er Professor
geworden war? Daß er einmal Doktor, einmal Schüler, einmal
Student gewesen war? Oder daß ihm einmal, in verschollenen
Zeiten, dies Mädchen oder jenes eine Weile gefallen hatte.
Erschreckend blickte er auf: war das sein Leben? War dies alles?
Und er schlug sich vor die Stirn und lachte gewaltsam.
Indessen lief die Zeit, nie war sie so schnell und unerbittlich
gelaufen! Ein Jahr war um, und ihm schien, er stehe noch genau am
selben Ort wie in der Stunde, da er Iris verlassen. Doch hatte er
sich in dieser Zeit sehr verändert, was außer ihm ein jeder sah
und wußte. Er war sowohl älter wie jünger geworden. Seine
Bekannten war er fast fremd geworden, man fand ihn zerstreut,
launisch oder sonderbar, er kam in den Ruf eines seltsamen
Kauzes, für den es schade sei, aber er sei zu lange Junggeselle
geblieben. Es kam vor, daß er seine Pflichten vergaß und daß
seine Schüler vergebens auf ihn warteten. Es geschah, daß er
gedankenverloren durch eine Straße schlich, den Häusern nach,
und mit dem verwahrlosten Rock im Hinstreifen den Staub von den
Gesimsen wischte. Manche meinten, er habe zu trinken angefangen.
Andere Male aber hielt er mitten in einem Vortrag vor seinen Schülern
inne, suchte sich auf etwas zu besinnen, lächelte kindlich und
herzbezwingend, wie es niemand an ihm gekannt hatte, und fuhr mit
einem Ton der Wärme und Rührung fort, der vielen zu Herzen ging.
Längst war ihm auf dem hoffnungslosen Streifzug hinter den Düften
und verwehten Spuren ferner Jahre her ein neuer Sinn zugekommen,
von dem er jedoch selbst nichts wußte. Es war ihm öfter und öfter
vorgekommen, daß hinter dem, was er bisher Erinnerungen genannt,
noch andre Erinnerungen lagen, wie auf einer alten bemalten Wand
zuweilen hinter den alten Bildern noch ältere, einst übermalte
verborgen schlummern. Er wollte sich auf irgend etwas besinnen,
etwa auf den Namen einer Stadt, in der er als Reisender einmal
Tage verbracht hatte, oder auf den Geburtstag eines Freundes,
oder auf irgend etwas, und indem er nun ein kleines Stück
Vergangenheit wie Schutt durchgrub und durchwühlte, fiel ihm plötzlich
etwas ganz anderes ein. Es überfiel ihn ein Hauch, wie ein
Aprilmorgenwind oder wie ein Septembernebeltag, er roch einen
Duft, er schmeckte einen Geschmack, er fühlte dunkle zarte Gefühle
irgendwo, auf der Haut, in den Augen, im Herzen, und langsam
wurde ihm klar: es müsse eins ein Tag gewesen sein, blau, warm ,
kühl, grau, oder irgend sonst ein Tag, und das Wesen dieses
Tages müsse in ihm sich verfangen haben als dunkle Erinnerung hängengeblieben
sein. Er konnte den Frühlings - oder Wintertag, den er deutlich
roch und fühlte, nicht in der wirklichen Vergangenheit
wiederfinden, es waren keine Namen und Zahlen dabei, vielleicht
war es in der Studentenzeit, vielleicht noch in der Wiege
gewesen, aber der Duft war da, und er fühlte etwas in sich
lebendig, wovon er nicht wußte und was er nicht nennen und
bestimmen konnte. Manchmal schien ihm, es könnten diese
Erinnerungen wohl auch über das Leben zurück in die
Vergangenheiten eines vorigen Daseins reichen, obwohl er darüber
lächelte.
Vieles fand Anselm auf seinen ratlosen Wanderungen durch die Schlünde
des Gedächtnisses. Vieles fand er, was ihn rührte und ergriff,
und vieles, was erschreckte und Angst machte, aber das eine fand
er nicht, was der Name Iris für ihn bedeutete.
Einstmals suchte er auch, in der Qual des Nichtfindenkönnens,
seine alte Heimat wieder auf, sah die Wälder und Gassen, die
Stege und Zäune wieder, stand im alten Garten seiner Kindheit
und fühlte die Wogen über sein Herz fluten, Vergangenheit
umspann ihn wie Traum. Traurig und still kam er von dort zurück.
Er ließ sich krank sagen und jeden wegschicken, der zu ihm
begehrte.
Einer kam dennoch zu ihm. Es war sein Freund, den er seit seiner
Werbung um Iris nicht mehr gesehen hatte. Er kam und sah Anselm
verwahrlost in seiner freudlosen Klause sitzen.
"Steh auf", sagte er zu ihm, "und komm mit mir,
Iris will dich sehen."
Anselm sprang empor.
"Iris! Was ist mir ihr? - O ich weiß ich weiß!"
"Ja", sagte der Freund, "komm mit! Sie will
sterben, sie liegt seit langem krank."
Sie gingen zu Iris, die lag auf einem Ruhebett leicht und schmal
wie ein Kind, und lächelte hell aus vergrößerten Augen. Sie
gab Anselm ihre weiße leichte Kinderhand, die lag wie eine Blume
in seiner, und ihr Gesicht war verklärt.
"Anselm", sagte sie, "bist du mir böse? Ich habe
dir eine schwere Aufgabe gestellt, und ich sehe, du bist ihr treu
geblieben. Suche weiter, und gehe diesen Weg, bis du am Ziele
bist! Du meintest ihn meinetwegen zu gehen, aber du gehst ihn
deinetwegen. Weißt du das?"
"Ich ahnte es", sagte Anselm, "und nun weiß ich
es. Es ist ein langer Weg, Iris, und ich wäre längst zurückgegangen,
aber ich finde keinen Rückweg mehr. Ich weiß nicht, was aus mir
werden soll."
Sie blickte ihm in die traurigen Augen und lächelte licht und tröstlich,
er bückte sich über ihre dünne Hand und weinte lang, daß ihre
Hand naß von seinen Tränen wurde.
"Was aus dir werden soll", sagte sie mit einer Stimme,
die nur wie Erinnerungsschein war, "was aus dir werden soll,
mußt du nicht fragen. Du hast viel gesucht in deinem Leben. Du
hast die Ehre gesucht, und das Glück, und das Wissen, und hast
mich gesucht, deine kleine Iris. Das alles sind nur hübsche
Bilder gewesen und sie verließen dich, wie ich dich nun
verlassen muß. Auch mir ist es so gegangen. Immer habe ich
gesucht, und immer waren es schöne liebe Bilder, und immer
wieder fielen sie ab und waren verblüht. Ich weiß nun keine
Bilder mehr, ich suche nichts mehr, ich bin heimgekehrt und habe
nur noch einen kleinen Schritt zu tun, dann bin ich in der Heimat.
Auch du wirst dorthin kommen, Anselm, und wirst dann keine Falten
mehr auf deiner Stirn haben."
Sie war so bleich, daß Anselm verzweifelt rief: "O warte
noch, Iris, geh noch nicht fort! Laß mir ein Zeichen da, daß du
mir nicht ganz verlorengehst!"
Sie nickte und griff neben sich in ein Glas, und gab ihm eine
frisch aufgeblühte blaue Schwertlilie.
"Da nimm meine Blume, die Iris, und vergiß mich nicht.
Suche mich, suche die Iris, dann wirst du zu mir kommen."
Weinend hielt Anselm die Blume in Händen, und nahm weinend
Abschied. Als der Freund ihm Botschaft sandte, kam er wieder und
half ihren Sarg mit Blumen schmücken und zur Erde bringen.
Dann brach sein Leben hinter ihm zusammen, es schien ihm nicht möglich,
diesen Faden fortzuspinnen. Er gab alles auf, verließ Stadt und
Amt, und verscholl in der Welt. Hier und dort wurde er gesehen,
in seiner Heimat tauchte er auf und lehnte sich über den Zaun
des alten Gartens, aber wenn die Leute nach ihm fragten und sich
um ihn annehmen wollten, war er weg und verschwunden.
Die Schwertlilie blieb ihm lieb. Oft bückte er sich über eine,
wo immer er sie stehen sah, und wenn er lang den Blick in ihren
Kelch versenkte, schien ihm aus dem bläulichen Grunde Duft und
Ahnung alles Gewesenen und Künftigen entgegenzuwehen, bis er
traurig weiterging, weil die Erfüllung nicht kam. Ihm war, als
lauschte er an einer halb offenstehenden Tür, und höre
lieblichstes Geheimnis hinter ihr atmen, und wenn er eben meinte,
jetzt müsse alles sich ihm geben und erfüllen, war die Tür
zugefallen und der Wind der Welt strich kühl über seine
Einsamkeit.
In seinen Träumen sprach die Mutter zu ihm, deren Gestalt und
Gesicht er nun so deutlich und nahe fühlte wie in langen Jahren
nie. Und Iris sprach zu ihm, und wenn er erwachte, klang ihm
etwas nach, woran zu sinnen er den ganzen Tag verweilte. Er war
ohne Stätte, fremd lief er durch die Lande, schlief in Häusern,
schlief in Wäldern, aß Brot oder aß Beeren, trank Wein oder
trank Tau aus den Blättern der Gebüsche, er wußte nichts davon.
Vielen war er ein Narr, vielen war er ein Zauberer, viele fürchteten
ihn, viele lachten über ihn, viele liebten ihn. Er lernte, was
er nie gekonnt, bei Kindern sein und an ihren seltsamen Spielen
teilhaben, mit einem abgebrochenen Zweig und mit einem Sternchen
reden. Winter und Sommer liefen an ihm vorbei, in Blumenkelche
schaute er und in Bach und See.
"Bilder", sagte er zuweilen vor sich hin, "alles
nur Bilder". Aber in sich innen fühlte er ein Wesen, das
nicht Bild war, dem folgte er, und das Wesen in ihm konnte
zuzeiten sprechen, und seine Stimme war die der Iris und die der
Mutter, und sie war Trost und Hoffnung.
Wunder begegneten ihm, und sie wunderten ihn nicht. Und so ging
er einst ihm Schnee durch einen winterlichen Grund, und an seinem
Bart war Eis gewachsen. Und im Schnee stand spitz und schlank
eine Irispflanze, die trieb eine schöne einsame Blüte, und er bückte
sich zu ihr und lächelte, denn nun erkannte er das, woran ihn
die Iris immer und immer gemahnt hatte. Er erkannte seinen
Kindestraum wieder, und sah zwischen goldenen Stäben die
lichtblaue Bahn hellgeädert in das Geheimnis und Herz der Blume
führen, und wußte, dort war das, was er suchte, dort war das
Wesen, das kein Bild mehr ist.
Und wieder trafen ihn Mahnungen, Träume führten ihn, und er kam
zu einer Hütte, da waren Kinder, die gaben ihm Milch, und er
spielte mit ihnen, und sie erzählten ihm Geschichten, und erzählten
ihm, im Wald bei den Köhlern sei ein Wunder geschehen. Da sehe
man die Geisterpforte offen stehen, die nur alle tausend Jahre
sich öffne. Er hörte zu und nickte dem lieben Bilde zu, und
ging weiter, ein Vogel sang vor ihm im Erlengebüsch, der hatte
eine seltene, süße Stimme, wie die Stimme der gestorbenen Iris.
Dem folgte er, er flog und hüpfte weiter und weiter, über den
Bach und weit in alle Wälder hinein.
Als der Vogel schwieg und nicht zu hören noch zu sehen mehr war,
da blieb Anselm stehen und sah sich um. Er stand in einem tiefen
Tal im Walde unter breiten grünen Blättern rann leise ein Gewässer,
sonst war alles still und wartend. In seiner Brust aber sang der
Vogel fort, mit der geliebten Stimme, und trieb ihn weiter, bis
er vor einer Felswand stand, die war mit Moos bewachsen, und in
ihrer Mitte klaffte ein Spalt, der führte schmal und eng ins
Innere des Berges.
Ein alter Mann saß vor dem Spalt, der erhob sich als er Anselm
kommen sah, und rief.: "Zurück, du Mann, zurück!" Da
ist das Geistertor. Es ist noch keiner wiedergekommen, der da
hineingegangen ist.
Anselm blickte empor und in das Felsentor, da sah er tief in den
Berg einen blauen Pfad sich verlieren, und goldenen Säulen
standen dicht zu beiden Seiten, und der Pfad sank nach innen
hinabwärts wie in den Kelch einer ungeheuren Blume hinunter.
In seiner Brust sang der Vogel hell, und Anselm schritt an dem Wächter
vorüber in den Spalt und durch die goldnen Säulen hin ins blaue
Geheimnis des Innern. Es war Iris, in deren Herz er drang, und es
war die Schwertlilie im Garten der Mutter, in deren blauen Kelch
er schwebend trat, und als er still der goldnen Dämmerung
entgegenging, da war alle Erinnerung und alles Wissen mit einem
Male bei ihm, er fühlte seine Hand, und sie war klein und weich,
Stimmen der Liebe klangen nah und vertraut in sein Ohr, und sie
klangen so, und die goldnen Säulen glänzten so, wie damals in
den Frühlingen der Kindheit alles ihm ihm getönt und geleuchtet
hatte.
Und auch sein Traum war wieder da, den er als kleiner Knabe geträumt,
daß er in den Kelch hinabschritt, und hinter ihm schritt und
glitt die ganze Welt der Bilder mit, und versank im Geheimnis,
das hinter allen Bildern liegt.
Leise fing Anselm an zu singen, und sein Pfad sank leise abwärts
in die Heimat.
(Hermann Hesse 1918)