Oft,
wenn ich zu Bette geh
und die Augen fallen mir zu,
Mit nassen Fingern klopft am Sims der Regen,
Da kommst mir du,
Schlankes zögerndes Reh,
Aus Traumländern still entgegen.
Wir gehen oder schwimmen oder schweben
Durch Wald, Ströme, plauderndes Tiergevölk,
Durch Sterne und regenbogenfarbenes Gewölk,
Ich und du, unterwegs nach dem Heimatland,
Von tausend Gestalten und Bildern der Welt umgeben,
Bald im Schnee, bald in Sonnenflammen,
Bald getrennt, bald nah zusammen
Und Hand in Hand.
Am Morgen ist der Traum entflossen,
Tief sank er in mich hinein,
Ist in mir und doch nicht mein,
Schweigend beginn ich den Tag,
unfroh und verdrossen,
Aber irgendwo gehn wir auch dann,
Ich und du, von Bilderspielen umgeben,
Fragend durch ein verzaubertes Leben,
Das uns täuschen und doch nicht betrügen kann.
Stufen
Wie
jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Julikinder
Wir Kinder im Juli geboren
Lieben den Duft des weißen Jasmin,
Wir wandern an blühenden Gärten hin,
Still und in schwere Träume verloren.
Unser Bruder ist der scharlachen Mohn,
Der brennt in flackernden roten Schauern
Im Ährenfeld und auf den heißen Mauern,
Dann treibt seine Blätter der Wind davon.
Wie eine Julinacht will unser Leben
Traumbeladen seinen Reigen vollenden,
Träumen und heißen Erntefesten ergeben,
Kränze von Ähren und rotem Mohn in den Händen.
Bücher
Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
doch sie weisen dich geheim,
in dich selbst zurück.
Dort ist alles, was du brauchst.
Sonne, Stern und Mond,
denn das Licht, nachdem du fragst,
in dir selber wohnt.
Weisheit, die du lang gesucht,
in den Büchereien,
leuchtet jetzt aus jeden Blatt -
denn nun ist sie dein.
Bitte
Wenn du die kleine Hand mir gibst,
die so viel ungesagtes sagt,
hab ich dich jemals dann gefragt,
ob du mich liebst?
Ich will ja nicht, dass du mich liebst,
will nur, dass ich dich nahe weiß
und dass du manchmal stumm und lei
die Hand mir gibst.
Glück
Solang du nach dem Glücke jagst,
bist du nicht reif zum Glücklichsein.
Und wär alles Liebste dein.
Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
weißt du noch nicht, was Friede ist.
Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
das Glück nicht mehr mit Namen nennst,
dann reicht dir des Geschehens Flut
nicht mehr ans Herz und deine Seele ruht.
Dunkelste
Stunden
Das sind die Stunden, die wir nicht begreifen!
Sie beugen und in Todestiefen nieder
Und löschen aus, was wir von Trost gewußt,
sie reißen und geheimgehaltne Lieder
mit blutend wunden Wurzeln an die Brust.
Und doch sind das die Stunden, deren Last
Uns Stille lehrt und innerlichste Rast
Und die zu Weisen uns und Dichtern reifen.
Manchmal
Manchmal scheint uns alles falsch und traurig,
wenn wir schwach und müd in Schmerzen liegen,
jede Regung will zur Trauer werden,
jede Freude hat gebrochne Flügel.
Und wir lauschen sehnlich in die Weiten
Ob von dorther neue Freude käme.
Aber keine Freude kommt, kein Schicksal
Je von außen uns.
Ins eigne Wesen müssen wir,
vorsichtige Gärtner, lauschen,
bis von dort mit Blumenangesichtern
neue Freuden wachsen, neue Kräfte
Oft ist das Leben
Oft ist das Leben lauter Licht
und funkelt freudefarben
und lacht und fragt nach denen nicht,
die litten, die verdarben.
Doch immer ist mein Herz bei denen,
die Leid verhehlen
und sich am Abend voller Sehnen
zum Weinen in die Kammer stehlen.
So viele Menschen weiß ich,
die irren leidbeklommen,
all ihre Seelen heiß ich,
mir Brüder und willkommen.
Gebückt auf nasse Hände,
weiß ich sie abends weinen,
sie sehen dunkle Wände
und keine Lichter scheinen.
Doch tragen sie verborgen,
verirrt und wissen's nicht,
durch Finsternis und Sorgen,
der Liebe süßes Licht.
Klage
Uns ist kein Sein vergönnt. Wir sind nur Strom,
wir fließen willig allen Formen ein:
Dem Tag, der Nacht, der Höhle und dem Dom.
Wir gehen hindurch, uns treibt der Durst nach Sein.
So füllen Form und Form wir ohne Rast,
und keine wird zur Heimat uns, zum Glück, zur Not,
stets sind wir unterwegs, stets sind wir Gast,
uns ruft nicht Feld noch Pflug, uns wächst kein Brot.
Wir wissen nicht, wie Gott es mit uns meint,
er spielt mit uns, dem Ton in seiner Hand,
der stumm und bildsam ist, nicht lacht noch weint,
der wohl geknetet wird, doch nie gebrannt.
Einmal zu Stein erstarren! Einmal dauern!
Danach ist unsere Sehnsucht ewig rege,
und bleibt doch ewig nur ein banges Schauen,
und wird doch nie zur Rast auf unserem Wege.
Leb
wohl Frau Welt
Es liegt die Welt in Scherben.
Eins liebten wir sie sehr.
Nun hat für uns das Sterben,
nicht viel Schrecken mehr.
Man soll die Welt nicht schmähen.
Sie ist so bunt und wild.
Uralte Zauber wehen,
noch immer um ihr Bild.
Wir wollen dankbar scheiden,
aus ihrem großen Spiel:
Sie gab uns Lust und Leiden,
sie gab uns Liebe viel.
Leb wohl Frau Welt und schmücke,
dich wieder jung und glatt,
wir sind von deinem Glücke
und deinem Jammer satt.
Kennst
du das auch?
Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
bei einem Fest, in einem frohen Saal,
du plötzlich schweigen und hinweggehn musst?
Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf,
wie Einen, den ein plötzlich Heimweh traf,
Lust und Gelächter ist versiebt wie Rauch,
du weinst, weinst ohne Halt - Kennst du das auch?