ein Herbsttag

Es war ein Herbsttag im Oktober. Die Blätter fielen in allen Farben von den Bäumen.
Weinrot, gelb, manche schon braun. Langsam, wie Federn so weich, fielen sie auf die kalt gewordene Erde. Sie liebte es, dieses göttliche Fallen zu beobachten. Ja, sie selbst fiel ja eben mit. Ganz weich. Sie liebte auch, das zärtliche Rascheln unter ihren Füßen, wenn Sie über den Blätterteppich schritt. Sekunden, Minuten, Stunden lang lauschte sie dem Rauschen des Windes und sog ihn tief in sich ein.


Ihr Leben glich einem Herbsttag. Oft grau, trist, voll Ahnung der Vergänglichkeit und zugleich voll Farbe und Licht, wie die Sonnenstrahlen, die nochmals die Kraft finden, den Nebel, die Kälte und Dunkelheit zu durchdringen und zu erwärmen. Ihre Gedanken glitten in die Vergangenheit, in die Zukunft. Stumme Filme, mal schwarz - weiß, mal in Farbe spielten sichh vor ihrem inneren Auge ab. Aufforderungen, Wünsche, Erwartungen, die so oft an sie gestellt worden waren, drangen wieder an ihr Ohr. Konnte Sie sie je erfüllen? Ja, hätte sie sie überhaupt erfüllen dürfen? Die Antwort - Schweigen.


Schweigen, das sie ja doch so oft umgab. So viele Situationen, in denen sie auch hätte anders handeln können, die sie verpasst hatte? Stille, Stille und Schweigen, da war dieser unbändige Wunsch nach Ruhe.


Nur noch wenige Monate und es war vollbracht. Nicht ihr Lebenswerk, aber der erste Teil davon: Herbst, Vergänglichkeit, Abschiedsschmerz und doch Aufbruch, doch Neubeginn mit dem Blick in die Zukunft. Wehmut oder Sehnsucht? Sie wusste, es war einerlei, gehörte zusammen. Wer würde sie sein, wer wollte sie sein? Wohin würde es sie verwehen - die Blätter im Wind ! Würde sie fallen oder aufsteigen, wie der Sonnenstrahl?

Visionen, Ideale, Wünsche - Hoffnung. Aber es war ja doch Herbst uund der Winter noch nicht überstanden. Der erste Schnee noch lang nicht gefallen. Warten. Es blieb das Warten. Wie die Blätter auf den Windstoß warten, so hieß es auch für sie - warten.
Warten, dass neue Blätter trieben, warten auf den Frühling. Aber sie war ja ein Kind des Herbstes.

(19.10.04)

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