die Suche nach dem Glück
Ich konnte einfach nicht schlafen. Diese Hitze machte es unmöglich.
Ich saß vor dem Computer, es war wohl schon elf, aber ich war
tatsächlich schon 17, dazu hatte ich Ferien. Aber wenn Eltern Etwas
wollen, von Etwas überzeugt sind, hat man als ihr Kind, und ist
man noch so alt, keine Chance. Was soll man auch machen, wenn man
noch unter ihrem Dach lebt und es immer noch ihr Haus ist? So kam
es, dass ich den PC ausmachte, zu spät. Zu spät für meinen
Vater, der schon wie ein Verrückter tobte. Wegen zehn Minuten zu
lange, in größter Stille, vor dem guten alten Computer. Doch zu
früh, zu früh um schlafen zu können. Ich schmiss mich auf mein
Bett, wühlte mich in meine Decken und da liefen die Tränen. Es
überkam mich und ich konnte und wollte nichts dagegen tun, was
auch? Wozu auch? Aber warum das alles, wieso an so vielen Abend
dieses Theater, warum diese Vorwürfe? Ich war doch kein Tyrann,
der alles was er tut, darauf ausrichtet, Andere zu ärgern, zu
nerven. Was wäre das für ein Leben?
Ich suchte im Dunklen nach meinen Stoffdelphin. Nein, eigentlich
war es der von meinem Bruder, aber jener hatte wohl keine Augen für
ihn gehabt. Da! Da war das flauschige Etwas, zwischen all den
Kissen und anderen Viechern, die ich in letzter Zeit wieder
hervorgeholt hatte, ohne genau zu wissen, warum. Ich nahm ihn
fest in die Arme und streichelte sein flauschiges, weiches Fell.
Oh, könnte er nur reden, mich verstehen, aber er war tatsächlich
tot. Hatte nie gelebt, war nur Produkt der Gedanken irgend eines
Stofftierherstellers, der wohl nur nach etwas suchte, was sich
vermarkten ließ und Geld einbrachte. Dabei schien er für mich
doch so lebendig. Die Minuten und die Tränen vergingen, doch der
Schlaf kam nicht. Ich tastete nach meiner Nachttischlampe und
machte sie an. Stieg aus dem Bett. Die Knochen taten mir auf
Grund meines Muskelkaters vom Segeln weh. Ich schlüpfte in die nächstbeste
Hose, streifte mir ein T-Shirt über, nahm meinen Hausschlüssel,
schlich die Treppe hinunter und verließ das Haus.
Ich steuerte den Wald an, wie schon so oft. Ich wollte zu meiner
Bank, meiner guten alten Bank. Doch ich hörte schon von Weitem,
dass das mit der Ruhe heute nichts werden würde. Da war wohl so
etwas wie eine Waldparty am steigen. Saufen in der Bar okay, in
der Disco, im Club, auf den ganzen Festle oder sonst wo, aber in
der Natur? Das verstehe mal einer. Doch ich ging weiter und
ignorierte sie mehr oder weniger, auch ich war ihnen egal. Womit
sie mir den zu dieser Zeit größtmöglichsten Gefallen taten.
Ich setzte mich auf meine Bank neben der Marienstatue und schaute
in die Dunkelheit, oder besser, auf die wenigen Lichter des
Dorfes? Die Waldparty war wirklich in vollen Zügen und der Sound
eines Autoradios dröhnte in meinen Ohren, doch ich hatte letzten
Endes wenig Gedanken dafür übrig, bis plötzlich ein Auto
scharf bremste, dass ich schnell als Polizeiauto erkannte.
Zwei Polizisten stiegen aus, die den Damen und Herren versuchten
klar zu machen, dass sich Anwohner beschwert hätten, dass sie
einfach zu laut seien und sie auf die Ruhestörung und Lärmbelästigung
hinwiesen, worauf sie jedoch nur blöde, obercoole Kommentare
abbekamen und sichtlich nicht viel Eindruck auf die Jugendlichen
machten. Schließlich kamen die Zwei in grün auf die Idee eine
Ausweiskontrolle zu machen, wobei einer doch tatsächlich in
meine Richtung kam.
"Könnte
ich bitte deinen Ausweis sehen?", fragte mich dieser barsch.
"Tut mir leid, den habe ihn nicht dabei.", antwortete
ich müde.
"Du weißt schon, dass ich dich jetzt eigentlich mitnehmen müsste?"
Ich musste auf diese Worte hin lachen, ohne genau zu wissen warum.
Die Situation war einfach zu komisch. Wer wird schon im Wald nach
seinem Ausweis gefragt? Mein Lachen hatte ihn wohl etwas verdutzt
gemacht. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich leider, wegen der
Dunkleheit, nicht sehen.
"Ich wohne hier ganz in der Nähe, wir können dort gerne
hingehen und ich kann ihn Ihnen zeigen, wen sie das für absolut
nötig halten.", antworte ich schließlich."Gehörst du
denn nicht zu denen?", er wies wohl in die Richtung, aus der
der Lärm kam."
"Nein, jedenfalls nicht so wie sie das meinen." Es
folgte eine Pause, bis er wieder zu reden ansetzte. "Aha,
und warum bist du dann hier?" Ich seufzte, er langweilte
mich einfach, ich wollte meine Ruhe, aber es brachte alles
nichts, so konterte ich: "Ich kann nicht schlafen. Ich kann
nachts oft nicht schlafen und komme hier her, um hier zu sitzen
und nachzudenken und die Ruhe zu geniessen. " "Woran
liegt es denn, dass du nicht schlafen kannst? Hast du
Liebeskummer?", fragte er nun in fast väterlichem Tonfall.
Etwas Blöderes war ihm wohl nicht eingefallen. Am Liebsten hätte
ich wieder laut losgelacht, doch ich unterließ es.
"Wissen sie, es ist eher, ich suche das Gleiche, wie diese
Gesellschaft, von der sie so abfällig denken und das Gleiche,
was sie auch suchen. So gehören wir doch alle etwas zueinander."
"Sie bilden sich also ein, zu wissen, was ich suche? Also
ich muss schon bitten, ich bin kein Mensch, der nur Spaß sucht.
Bestimmt nicht." Ich lächelte wissend, aber er konnte es
nicht sehen.
"Was versuchen denn diese Menschen durch den Spaß ihrer
Meinung nach zu erreichen?" "Erreichen? Die? Die wollen
gar nichts erreichen, die wollen, wie schon gesagt, nur Spaß
haben. Aber ich bestimmt nicht. Ich bin wirklich kein naiver
Teenager."
"Dann sind sie wohl wahrlich der einzige Mensch, der nicht
glücklich sein möchte."
"Blödsinn! Natürlich will ich glücklich sein, aber doch
nicht durch laute Musik, Alk, Frauen.. was weiß ich"
"Nein, das haben sie wohl schon hinter sich, aber sind sie
denn wirklich glücklicher als diese Menschen dort? Suchen wir
nicht alle das Gleiche, jeder auf seine Weise und haben wir das,
was wir suchen denn für immer gefunden, so dass wir sagen können,
das ist es, so findest du es und nicht anders?"
Ich mußte ihn wirklich verlegen gemacht haben, fast tat er mir
leid. Er räusperte sich, meinte etwas von, er sei im Dienst, wünsche
mir noch eine gute Nacht und stolperte geradezu weg.
Erwachsene lassen sich einfach nicht gerne von Jüngeren zum
Denken anregen und doch werden sie ständig dazu gezwungen. Zum
lachen? Zum weinen? Ich wusste es nicht. Aber ich wusste, dass
auch jener das Glück nicht gefunden hatte, sonst hätte er nie
solche Anworten gegeben.
Mein Blick viel auf die heilige Mutter Gottes, deren Konturen ich
nur im Geiste sehen konnte, da sie von Dunkelheit umhüllt war.
Ob sie wohl glücklich gewesen war? Jesus Geburt, aber davor die
Herbergsuche, dann die Flucht und die ständige Angst um ihr Kind
und die Kreuzigung, aber wie sollte ich das beurteilen, wenn ich
nicht einmal mehr wusste, was Glück war. Meine Gedanken
schweiften zu den Kuscheltieren, zu meiner Kindheit. Spielen im
Sand, im Bächle, graben und bauen mit den Händen in der Erde,
die Puppe, die Puzzle und Bauklötze, war das Glück? Die Ausflüge
und Urlaubsfahrten, in den Bergen, am Meer auf dem Bauernhof bei
den Tieren.
Aber
was hat Glück für einen Wert, wenn es vergänglich ist? Alkohol
- keine Hemmungen, Ausgelassenheit, eineen Abend, eine Nacht
einfach nur glücklich sein. Eine Ehe die nach drei Jahren
auseinander bricht. Drei glückliche Jahre. Ich schloss für
einen Moment meine Augen und lauschte nur dem Wind, der durch die
Äste streifte, durch die Wipfel der Bäume fuhr. Er wehte mir um
die Nase, durch die Haare und streichelte mich sanft. Ich blickte
in den Himmel, sah die Sterne, tausendfach, sie lächelten mir zu
und der Mond schien zu winken. Da fiel eine Sternschnuppe, viel
zu langsam, wie in Zeitlupe, als wollte sie mir für meinen
Wunsch Zeit lassen. Doch ich wusste: kein erfüllter Wunsch macht
glücklich.
Bei dem erleben der Natur waren mir Worte meines Lieblingsautors
Hesse eingefallen. "Glück ist Liebe, nichts anderes, wer
lieben kann ist glücklich." So oft habe ich darüber
nachgedacht, eine alte Freundin, hatte ihn mir in der Grundschule
schon in mein Poesiealbum geschrieben, aber ich wußte lange Zeit
weder wirklich ein noch aus. Aber jetzt schien mir alles so klar.
Wenn all unsere Taten auf wirklicher Liebe basieren würden, wäre
der Zustand dieser Erde göttlich und das würde jeden von uns
wirklich glücklich machen, denn wenn man jeden (gleich)liebt,
will man auch, dass es allen (gleich)gut geht und jeder wäre (gleich)zufrieden
und somit glücklich!
War
ich nicht zufrieden als Kind, wenn ich Ferien hatte? Hat der Mann
seine Frau nicht geliebt, war er nicht froh, zufrieden, dass er
sich anlehnen konnte, die Gesellschaft heute Abend, waren sie
nicht zufrieden, für ein paar Stunden cool und fröhlich wirken
zu können ?
Aber
wie schwer ist es, soweit zu kommen, alle Menschen (gleich) zu
lieben, jede Tat nach der Liebe und nicht nach Angst, Hass, Neid
und Machtwillen auszurichten? Wer kann das schon? Ihr Sohn,
Jesus, er konnte das vielleicht. Aber könnten auch wir es? Könnten
wir lieben, so wären wir glücklich.
In
diesem Moment, war ich tatsächlich glücklich. Glücklich darüber,
dem Glück näher gekommen zu sein, dem großen Glück, in meinen
Gedanken. Zumindest in diesem Moment liebte ich die Welt, liebte
die Gesellschaft, den Polizisten. Ohne sie wäre ich womöglich
nicht so schnell auf diese Gedanken gekommen. Vor allem aber
liebte ich meinen Vater. Ohne ihn wäre ich nicht in den Wald
gelaufen und hätte nicht darüber nachgedacht was Glück ist.
Aber muss man zum glücklich sein erst traurig sein?
Vielleicht müssen wir das noch, ja, aber unsere Kinder und die
Kinder unserer Kinder, sie müssten es nicht mehr müssen, wenn
wir nur damit anfangen würden es nicht mehr zu wollen.