Begräbnis meines Vaters (1944 / 45)

Am Judenfriedhof ist viel Land umgebrochen
und Sarg um Sarg kommt, und die Sonne scheint.
Der Pfleger sagt: So geht es schon seit Wochen.
Ein Kind hascht Falter, und ein Alter weint.

Dumpf fällt der Vater in die Erde,
ich werfe Lehm nach, feucht und kalt.
Der Kantor singt. Es wiehern schwarze Pferde.
Es riecht nach Sommeraufenthalt.

Die mir die Gärten meiner Stadt versagen,
die Bank im staubigen Grün am Kai,
sie haben mir den Vater totgeschlagen,
dass ich ins Freie komm und Frühling seh.

(Erich Fried, 1921- 1988)



Deutsches Leid

Schiffer, zieh fort die Brücke,
Du lockst mich nimmermehr an Bord,
Ich weiß von keinem Glücke,
Ich weiß von keinem Zufluchtsort.

Und ob sich draußen weiten
Noch Länder froh und gastbereit,
Und ihre Arme breiten
Wie fremder Mütter Lindigkeit:

Ich würde doch entbehren
Bei ihres reichen Tisches Brot,
Ich würde mich verzehren
Nach meiner Heimat bittrer Not,

Ich stünde doch in Ketten
Mitten im festlich hohen Saal,
Ich könnt mich niemals retten
Vor meines Volkes Schuld und Qual.

Mir bräche doch in Scherben,
Des vollen Bechers Prunkgerät,
Ich müsste dennoch, dennoch sterben
Wenn Deutschland untergeht.

(Gertrud von le Fort, 1876 - 1971)




Gedichtvergleich "Begräbnis meines Vaters" von Erich Fried und "Deutsches Leid" von Gertrud von le Fort

Vor allem in Zeiten des Krieges, in Zeiten, in denen bestimmte Bevölkerungsgruppen aus ideologischen, religiösen oder rassistischen Gründen verfolgt werden und unter repressiven Maßnahmen leiden, ist die politische Situation des Landes Anlass, sich mit den vorherrschenden Missständen kritisch auseinanderzusetzen und persönliche Konsequenzen aus den Vorkommnissen zu ziehen. Besonders in dichterischen Texten wird dieser Prozess der Reflexion und Entschlussfassung oftmals thematisiert, wie z.B. in den Gedichten "Begräbnis meines Vaters" von Erich Fried und "Deutsches Leid" von Gertrud von le Fort, wobei sich das erste auf die nationalsozialistische Zeit Deutschlands bezieht, das zweite nach dem ersten Weltkrieg in den 20er Jahren des 19. Jahrhundert geschrieben wurde.

Erich Fried thematisiert in seinem Gedicht "Begräbnis meines Vaters" die Begräbniszeremonie für den jüdischen Vater des lyrischen Ichs, welche in die Zeit des 3. Reiches, also in die Zeit des Nationalsozialismus fällt, und die Folgen, welche der Tod des Vaters für das lyrische Ich mit sich bringt.
In der ersten Strophe des Gedichts "Begräbnis meines Vaters" stellt Fried unpersönlich das Szenario eines jüdischen Friedhofs dar, auf dem immer mehr Gräber aufbereitet werden, da, wie der Friedhofswärter erklärt, immer häufiger jüdische Beerdigungen anfallen. Die "Sonne scheint" (V. 2), ein Kind spielt mit Schmetterlingen, wohingegen ein älterer Mensch weint.
In der zweiten Strophe schildert Fried, wie das lyrische Ich die Begräbniszeremonie seines Vaters wahrnimmt. Er beschreibt, wie der Sarg ins Grab gelassen und mit Erde bedeckt wird, wie der Kantor singt und die Pferde, die den Sarg zuvor gezogen haben, wiehern. Wichtig ist, dass das lyrische Ich, das hier deutlich in den Vordergrund tritt: "ich werfe Lehm […]" (V. 6), das Gefühl hat, auf einem "Sommeraufenthalt" (V. 8) zu sein.
In der letzten Strophe gibt Fried Hinweise auf den Grund des Todes des Vaters, der von den Gleichen getötet wurde, die dem lyrischen Ich den Zugang zu den "Gärten" und der "Bank am Kai", das heißt zu öffentlichen Plätzen verwehrt haben. Die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Freiheit und Neubeginn, nach "Frühling" (V. 12), kommt in dieser letzten Zeile verstärkt zum Ausdruck, wie auch der Gedanke, dass der Tod des Vaters letztendlich dem lyrischen Ich diesen Schritt in die Freiheit ermöglicht.

Das Gedicht besteht aus 3 einfachen Liedstrophen à vier Zeilen, wobei jeweils die erste und die dritte sowie die zweite und vierte Zeile einen Kreuzreim der Form abab bilden, der die Verse der einzelnen Strophen jeweils zu einer Einheit verbindet. Das heißt, das gedanklich Zusammengehörende wird auch formal verknüpft.
Das Metrum ist ein fünfhebiger Jambus, der, mit dem Reimschema übereinstimmend, jeweils in Zeile eins und drei auf eine weibliche (ungerade Anzahl an Silben), in Zeile zwei und vier auf eine männliche Kadenz (gerade Silbenanzahl) endet. Dies hat zur Folge, dass der Leser nach jeweils der ersten und dritten Zeile für einen Moment innehält und eine Pause beim Lesen des Gedichtes entsteht. Nur in Zeile fünf weicht der Wortakzent vom Metrum ab, was zur Folge hat, dass hier das Wort "dumpf" am Zeilenanfang betont ist.

Die ersten zwei Zeilen der ersten Strophe bilden eine syntaktische Einheit, die ein Polysyndeton darstellen, also eine Vielverbundenheit durch "und [...] und" (V. 2). Die dritte Zeile der ersten Strophe besteht aus einer wörtlichen Rede, die vierte aus einer weiteren syntaktischen Einheit, die aus einer Parataxe besteht.
Die ersten zwei Zeilen der zweiten Strophe bilden ebenfalls eine syntaktische Einheit, wobei der parataktische Satzbau jedoch asyndetisch ist, also eine Reihung ohne "und" vorliegt.
Zeile 7 besteht aus 2, Zeile 8 aus einem einfachen Hauptsatz. Die von Fried gewählte Reihung von einfachen Sätzen wirkt wie eine emotionslose, konstatierende Aufzählung von Sachverhalten.
Die letzte Strophe hingegen weist einen vorangestellten Relativsatz auf und nach dem Hauptsatz einen Finalsatz .

Erich Fried verwendet auch rhetorische Stilmittel, denen eine gestalterische, vor allem aber den Inhalt unterstützende Funktion zukommt. So reiht er z.B. in Vers 1 und 2 die Sätze aneinander: "und Sarg um Sarg kommt, und die Sonne scheint", wobei "Sarg um Sarg" eine Repetitio und "Sonne scheint" eine Alliteration darstellen.
Besonders auffällig ist die Arbeit mit Gegensatzpaaren, so z.B. in der ersten Strophe "Friedhof", (V. 1) "Sarg" (V. 2) und "Sonne" (V. 2), "Kind" (V. 4) und "Alter" (V. 4), "hascht Falter" (V. 4) und "weint" (V. 4). In Strophe zwei: "dumpf" (V. 5), "feucht und kalt"(V. 6), "schwarz" (V. 7), im Gegensatz zu "Sommeraufenthalt" (V. 8). Oder auch in Strophe drei: "Gärten" (V. 9), "Grün" (V. 10), "ins Freie" (v. 12), "Frühling" (V. 12) im Gegensatz zu "staubgen" (V. 10) und "totgeschlagen" (V. 11). Es wird immer etwas Schönes, Helles, eher fröhlich Machendes, Freilassendes mit Dunklem, Traurigem, Leidvollem, Einengendem verglichen. Dies findet auch besonders Ausdruck in dem in Vers 10 auftretenden Oxymoron: "staubgen Grün".
Des Weiteren arbeitet Fried mit vielen Metaphern, so z.B. mit der des "Frühlings", der für Neubeginn steht, nach dem sich das lyrische Ich sehnt, die des "Sommeraufenthaltes", die zum einen für Sommer, Licht, Wärme und zum anderen für etwas Kurzlebiges, Endendes steht, oder die der "Gärten", welche ebenso für das Schöne in der Welt, das Ästhetische, die Harmonie steht, welche dem lyrischen Ich, ebenso wie das "Grün", Symbol des Lebens, versagt werden.
Der "Judenfriedhof" hingegen ist Symbol des Grauens, des Schreckens, das lyrische Ich verbindet mit diesem eher negativ besetzte Ereignisse wie das Begräbnis seines Vaters.

In der Wortwahl ist vor allem die Häufung von Adjektiven, so z.B. in V. 5 "dumpf", V. 6 "feucht und kalt", V. 7 "schwarze", V. 10 "staubgen" auffällig. Sie unterstützen wiederum die Atmosphäre, die dem Leser vermittelt werden soll.

Erich Fried thematisiert in seinem 1944 / 1955 im Exil geschriebenen Gedicht "Begräbnis meines Vaters" nicht das Schicksal einer fiktionalen Figur, sondern verarbeitet in ihm seine eigene Lebensgeschichte. Das lyrische Ich steht für den Autor selbst, denn wie der Titel schon sagt, schildert das lyr. Ich reflektierend das Begräbnis seines eigenen Vaters, der im Mai 1938 von der Gestapo ermordet worden ist, so wie die Folgen, welche dieses Erleben mit sich bringt,.
Wichtig für das Verständnis des Gedichtes ist zunächst das Wissen, dass Fried und seine Familie jüdischer Abstammung waren. Denn nur so kann man auch die Wichtigkeit der Bedeutung des Wortes "Judenfriedhof" (V. 1) verstehen, das in seiner zusammengesetzt gewählten Art eher abfällig in den Ohren des Lesers klingen mag. Denn normalerweise sagt man doch eher jüdischer Friedhof oder christlicher Friedhof und nicht Judenfriedhof oder Christenfriedhof. Fried macht damit die bedrohliche Situation der Juden in Deutschland bzw. Österreich deutlich, welches im März 1938 an Deutschland angeschlossen wurde. Der vorherrschende Antisemitismus führte schon mit der Machtergreifung Hitlers 1933 zur Hetze und Diskriminierung gegenüber Juden, welche im September 1915 mit den Nürnberger Rassegesetzen "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" legalisiert wurden. Den Höhepunkt erreichte der Judenhass in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in der sogenannten Reichskristallnacht, in welcher viele jüdische Geschäfte geplündert, Synagogen verwüstet und verbrannt wurden und viele Juden verhaftet und ermordet wurden.
Diese repressiven Maßnahmen gegenüber jüdischen Bürgern sind auch in der letzten Strophe des Gedichtes wiederzufinden, wenn Fried schreibt, dass ihm die "Gärten [seiner] Stadt" (V. 9) und "die Bank im staubgen Grün am Kai" (V. 10) verboten worden sind. Denn öffentliche Einrichtungen, zu denen letzten Endes auch Parkanlagen, Spielplätze, Schwimmbäder etc. gehörten, waren nur arischen Staatsangehörigen erlaubt. So waren auch an Parkbänken Schildchen angebracht: "Für Juden verboten".
Die gewalttätigen Ausschreitungen gegenüber jüdischen Bürgern, die vielen Pogrome finden in der Todesursache des Vaters Ausdruck. Es sind die gleichen, die ihm so viele Verbote aufstellen, nämlich die Männer der Gestapo, welche Fried in seinem Gedicht nicht beim Namen nennt, die seinen Vater "totgeschlagen" (V. 11) haben.
Aber wie die erste Strophe zeigt, ist das Schicksal von Frieds Vater kein Einzelfall, sondern dieser ist nur ein Opfer unter vielen. Denn "am Judenfriedhof ist viel Land umbrochen und Sarg um Sarg kommt"(V. 1 f).
Besonders schlimm sind diese Ereignisse für die ältere Generation, welches der "weinende Alte" (V. 4) deutlich macht. Sie haben nur noch wenig Kräfte, den Repressionen standzuhalten, müssen oftmals hilflos zusehen, wie ihr ganzes Lebenswerk zerstört wird, wie ihre Geschäfte boykottiert werden, ihnen der Handel verboten wird. Aber auch das Kind, vom dem man vielleicht glauben wollte, es würde die Geschehnisse nicht verstehen, "hascht Falter", wobei der Falter auch als Zeichen der Unabhängigkeit und Freiheit interpretiert werden kann, welche das Kind so gern einfangen würde. Denn auch das Kind bekommt die Feindschaft zu spüren, wenn ihm die Schulen, Kinos und Schwimmbäder verboten sind.

Letzten Endes ist es der Tod des Vaters, welcher in Fried endgültig den Entschluss wachsen lässt, ins Exil zu gehen. Durch dessen Tod hat er nichts mehr, was ihn noch in seiner alten Heimat, in Österreich hält. Im Gegenteil spürt er, dass seine Heimat endgültig für ihn verloren ist. Die Erde, die ihn umgibt, die auch seinem Vater letzte Ruhestätte ist, ist "feucht und kalt" (V. 5), die Pferde, die seinen Vater noch bis zum Grab gezogen haben, sind "schwarz" (V. 7). Hier zeigt sich wieder die symbolhafte Bedeutung des "Judenfriedhof[s]" (V. 1), welcher für Fried einen dunklen Schauer zurücklässt. Es gibt nichts Schönes, Freundliches, Warmes mehr, das ein Mensch aber zum Leben braucht, das Fried noch halten könnte, sondern "es riecht nach Sommeraufenthalt" (V. 8). Das heißt nach Aufbruch, der am Ende eines jeden Urlaubs steht. Und dieser Aufbruch bedeutet die Flucht ins Exil, die Flucht nach England, nach London, wo er hofft "das Freie" (V. 12) und den "Frühling" (V.12) zu finden. Wobei hier Fried geradezu einen Hauch von Selbstironie aufkommen lässt, wenn er in gewissem Sinne den Tod des Vaters doch auch als das Ereignis darstellt, das ihm trotz allem Negativen, mit dem dieser behaftet ist, den Schritt in die Freiheit ermöglicht, da ihn eben nun nichts mehr bindet, nichts mehr hindert, das Land zu verlassen. Fried hofft folglich wie viele andere jüdische oder dem Regime ablehnend gegenüberstehenden Bürger auf einen Neubeginn im Ausland, der Freiheit mit sich bringt, ohne die vielseitigen Repressionen, denen er im nationalsozialistischen Deutschlands ausgesetzt ist.

Im Gegensatz zu Frieds Gedicht "Begräbnis meines Vaters", welches die Folgen aufzeigt, welche die nationalsozialistische Zeit um 1938 für viele Menschen mit sich brachte, stellt Gertrud von le Fort in ihrem Gedicht "Deutsches Leid" in erster Linie die Probleme dar, welche nach dem von Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieg mit dem Untergang des Kaiserreichs für viele Menschen auftraten.

So wird das lyrische Ich vor die Frage gestellt, ob es ins Exil gehen oder vielmehr in seinem Vaterland, in Deutschland, bleiben soll, auch wenn sich dieses nicht mehr vollständig mit ihm identifizieren kann, in gewissem Sinne den Glauben an dieses verloren hat.
In der ersten Strophe folgt zunächst, ganz anders als bei Fried, der das Szenario eines jüdischen Friedhofs beschreibt, die Aufforderung des lyrischen Ichs an einen Schiffer, die Brücke fortzuziehen, da es nicht an Bord will, nicht mit dem Schiff wegfahren möchte, da es nirgends Glück oder Zuflucht vor dem "Deutschen Leid" findet, das über das Heimatland gekommen ist.
In den folgenden vier Strophen wird der Entschluss, im Heimatland zu bleiben, begründet, wohingegen bei Fried in den Strophen zwei und drei der Entschluss, das Heimatland zu verlassen, begründet wird.
In der zweiten Strophe werden folglich alle Vorteile, die das Verlassen des Landes mit sich brächte, widerlegt. Denn die Länder, die das lyrische Ich aufnähmen, wären eben doch nur fremd und könnten keinen Schutz vor dem deutschen Leid bieten. Anders als es in Frieds Gedicht der "Sommeraufenthalt" ist, der unbedingt auf den Aufbruch, auf das Verlassen des Landes hinweist, steht hier der Entschluss zu bleiben fest.
In den folgenden Strophen 3, 4, und 5 werden die möglichen Folgen, die eine Emigration mit sich brächten, beispielhaft aufgezählt. Das lyrische Ich würde trotz des "reichen Tisches Brot" (V. 10), den es vorfinden würde, seelischen Mangel leiden, denn das Wissen um das leidende Volk seiner Heimat wäre nicht zu ertragen.
Die vierte Strophe, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingefügt wurde, zeigt, dass ihm auch das Exil keine Freiheit bringt. Dies steht in starkem Kontrast zu der Sehnsucht und vor allem zu der Hoffnung, durch die Flucht ins Exil die Freiheit, den "Frühling" zu erlangen, welche in Frieds Gedicht eine große Rolle spielt. Bei Gertrud von le Fort aber kann das lyrische Ich vor der "Schuld und Qual" seines Volkes nicht flüchten. Es kann der Kollektivschuld, die jeder zu tragen hat, nicht entweichen. Das lyrische Ich hat die Gewissheit: Würde Deutschland untergehen, müsste es selbst sterben und alles, was es in der Fremde an Luxus bekommen hätte, würde zerbrechen.

Das Gedicht besteht aus fünf einfachen Liedstrophen zu je vier Zeilen und hat damit die gleiche Gedichtform wie das Gedicht "Begräbnis meines Vaters". Ebenso liegt in beiden Gedichten ein Kreuzreim der Form abab und als Metrum ein Jambus vor. Dieser wird jedoch in der ersten Zeile der ersten Strophe ("Schiffer zieh fort..") und in der zweiten Zeile der vierten Strophe ("Mitten im festlich hohen Saal") unterbrochen, d.h. hier stimmen Wortakzent und Metrum nicht überein. Auch die Endung in den Zeilen eins und drei auf eine weibliche Kadenz und in den Zeilen zwei und vier auf eine männliche ist gleich.
Anders als bei Fried bildet zunächst die erste Strophe, darauf folgend die nächsten drei Strophen und wieder die fünfte Strophe jeweils eine syntaktische Einheit, was eine gewisse Symmetrie erkennen lässt und das Gedicht formal noch einmal gliedert. Dabei ist die erste Strophe im Zeilenstil geschrieben und ab der zweiten Strophe folgt jeweils bei Vers 1 und 3 ein Enjambement. Zugleich findet sich hier eine Inversion.

Ebenso wie Fried verwendet auch Gertrud von le Fort einige rhetorische Stilmittel, denen ebenso eine gestalterische, vor allem aber den Inhalt unterstützende Funktion zu Grunde liegt.
So findet sich z.B. in Vers 12 ein Pleonasmus "bittre[...] Not" (Vers 12)
In Vers 7 und 8 bringt Gertrud von le Fort einen Vergleich: "Und ihre Arme breiten wie fremder Mütter Lindigkeit", wobei die Mütter auch eine Metapher bilden, die hier ebenso wie bei Fried auftaucht. Wenn es bei Fried die Sonne ist, die für Heimat, WLiebe, Sicherheit und Schutz steht, so ist es bei Gertrud von le Fort das Motiv der Mutter. Weitere Metaphern bilden "des ärme, vollen Bechers Prunkgerät"(V. 18) und die "Scherben" (V.17). Wie der "Frühling" metaphorisch für die Freiheit steht, ist es hier "vollen Bechers Prunkgerät", der für Unabhängigkeit, vor allem für die materielle steht. Die "Scherben" sind mit dem "Sarg" des oder der "feucht und kalt[en Erde]" zu vergleichen, welche alle drei negative Assoziationen beim Leser aufkommen lassen und fdas Leidvolle, Dunkle, Traurige stehen.
ür Hier wird deutlich , dass auch Gertrud von le Fort mit Gegensätzen arbeitet, so in der letzten Strophe: "Mir bräche doch in Scherben des vollen Bechers Prunkgerät".
Ein weiteres Stilmittel ist in Vers 10 die Anastrophe: "ihres reichen Tisches Brot", die durch Umkehrung der geläufigen Wortstellung die Aussage besonders hervorhebt.

In der Wortwahl ist weniger die Häufung von Adjektiven auffällig als vielmehr die Häufung negativ behafteter Begriffe wie: "keinen" (V. ¾), "fremder" (V.8.), "bittre Not (V. 12), welche jedoch die gleiche Funktion wie die Adjektive bei Fried haben. So sollen sie helfen, dem Leser die Atmosphäre, in diesem Fall die verzweifelt auswegslose, zu vermitteln.

Auch im Gedicht "Deutsches Leid" von Gertrud von le Fort steht hinter dem lyrischen Ich die Autorin selbst, die mit diesem Text die in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts von Bekannten gemachte Einladung, in die Schweiz überzusiedeln, das heißt zu emigrieren, abgelehnt hat.
Vielleicht könnte man zunächst denken, dass es eigentlich zu dieser Zeit keinen Grund für eine Emigration gegeben hätte, was sich jedoch bei genauerer Betrachtung der historischen Hintergründe und der Biographie Gertrud von le Forts als nicht unbedingt richtig erweist. Denn mit dem 1919 geschlossenen Frieden von Versailles war der Erste Weltkrieg nicht nur endgültig beendet und für Deutschland verloren, sondern auch die gesamte Kriegsschuld wurde in diesem Diktatfrieden dem deutschen Volk zugesprochen, und mehr noch als das bedeutete dies den endgültigen Untergang des Kaiserreichs. Dieser sozusagen äußere Zusammenbruch bringt aber auch für viele Menschen den inneren Zusammenbruch mit sich. Denn viele Menschen kannten zu dieser Zeit nichts anderes als den Reichsgedanken an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das für sie immer unschlagbar, unfehlbar gewesen war, das ihnen mehr noch Werte und Normen vorgab, nach denen zu streben löblich und erfolgversprechend war. Aber mit dem Sieg der Alliierten brach dieser Glaube, brachen all diese Werte mit einem Schlag zusammen. Für Gertrud von le Fort stellt sich folglich die Frage, ob man einem solchen Land, das einen so sehr enttäuscht hat, noch treu bleiben, ob man sich noch mit ihm identifizieren, mit gutem Gewissen in ihm leben kann, oder ob es nicht ratsam wäre, in einem neuen, anderen, unbelasteten Land einen Neuanfang zu wagen, der die Chance mit sich brächte, neue Werte, einen neuen Glauben zu finden.

Hinzu kommt noch eine zweite Enttäuschung, welche noch dringender nach einer Antwort verlangt, nämlich die Enteignung ihres Wohnsitzes, des Guts Boek nach dem Kapp-Putsch von 1920, an dem ihr Bruder teilgenommen hatte und durch welche sie im wahrsten Sinne des Wortes "heimatlos" geworden war. Und Gertrud von le Fort gibt sie in ihrem Gedicht eindeutig: "Schiffer, zieh fort die Brücke, du lockst mich nimmermehr an Bord, Ich weiß von keinem Glücke, ich weiß von keinem Zufluchtsort". Sie würde in keinem fremden Land vor der Schuld, vor dem Schmerz und dem Leid, welche ihrem Vaterland widerfahren sind, Schutz finden. Auch wenn die Situation ihres Landes nicht mehr so ist, wie sie es gerne hätte, fühlt sie sich verpflichtet, in ihm zu bleiben, weiterhin in ihm zu wohnen. Gertrud von le Fort will ihrer "Heimat bittre[...] Not" zusammen mit ihrem Volk durchstehen, denn auch wenn sie emigrieren würde, würde diese sie verfolgen. Die Kriegsfolgen sind zu dieser Zeit in Deutschland nicht zu übersehen, die Folgen des Nahrungsmangels wirken noch fort, 1923 kommt es zur Inflation, überhaupt ist die Moral der Bevölkerung durch den Krieg in gewissem Sinne zerstört. Aber in dieser Situation möchte Gertrud von le Fort bei ihrem Volk bleiben und mit ihm ausharren.
Überhaupt ist es noch nicht ganz klar, was auf politischer Ebene mit Deutschland geschehen wird, wie lang Deutschland von den Alliierten besetzt bleiben wird, wie lang der Diktatfrieden andauern würde, an dessen Revision ja noch Hitler teil hatte. Und auch in diesem Hinblick weiß die Dichterin: "Mir bräche doch in Scherben des vollen Bechers Prunkgerät, ich müsste dennoch, dennoch sterben wenn Deutschland untergeht." Würde Deutschland nicht mehr seine Souveränität und mehr noch als das, würden die deutschen Bürger nicht mehr zu einem neuen Glauben, zu neuen inneren Werten finden, so bedeutet dies für sie den seelischen Zusammenbruch, unabhängig von dem Land, in welchem sie dann lebte.

Wenn man das Gedicht im Hinblick darauf interpretiert, dass die vierte Strophe wohl erst nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem 3. Reich, eingefügt worden ist, so kann man zu dem Entschluss kommen, dass Gertrud von le Fort auch nach dieser noch viel dunkleren Zeit für Deutschland, ihre Entscheidung, in der Heimat geblieben zu sein, nicht bereut hat, sondern es für sie die einzig richtige, die einzig mögliche war. Tatsächlich ist sie ja eben auch später, in den 30 er Jahren des 19. Jahrhunderts, wie viele andere ihrer Kollegen, obwohl sie dem nationalsozialistischen Regime ablehnend gegenüberstand, nicht emigriert, sondern hat viel mehr das innere Exil gewählt, welches ihr ermöglicht hat, bei ihrem Volk zu bleiben und in gewisser Weise auch auf diese Art durch ihre literarischen Werke Widerstand zu leisten. Stärker noch als zuvor stellt sie hier die Kollektivschuld in den Vordergrund, welche die Dichterin immer und überall unausweichlich verfolgen würde: "Ich könnt mich niemals retten Vor meines Volkes Schuld und Qual" (V. 15 / 16). So kann dieses Gedicht als doppeltes Bekenntnis zu ihrem deutschen Vaterland verstanden werden.

Sowohl in Frieds Gedicht "Begräbnis meines Vaters" als auch in dem Gedicht "Deutsches Leid" von Gertrud von le Fort werden von den Dichtern Entscheidungen getroffen, die Antwort auf die politische Situation ihres Landes darstellen. Beide wählen letzten Endes auf Grund der ablehnenden Haltung gegenüber dem herrschenden Regime das Exil, wobei Fried das äußere und Gertrud von le Fort das innere wählen. Diese unterschiedlich gewählte Form des Exils ist vor allem auf die Unterschiede des biographischen Hintergrunds der beiden Dichter zurückzuführen.
So ist es für Gertrud von le Fort im Gegensatz zu Erich Fried wichtig, auch in den Notzeiten ihres Landes, auch in den Zeiten, in denen ihr Land Fehler begeht, standzuhalten. Die Dichterin möchte mit ihrem deutschen Vaterland den Weg durch die Nacht gehen, da sie sich subjektiv nicht von diesem lösen kann, da sie gelernt hat, sich mit diesem zu identifizieren und diese Bande, welche sich im Laufe ihres Lebens mit Deutschland gebildet hat, auch durch örtliche Distanzen nicht zerrissen werden kann . Sie selbst fühlt sich als Teil von diesem und hat somit an der Kollektivschuld, wo immer sie auch ist, teil.
Erich Fried hingegen kennt diese feste Bindung zu Deutschland bzw. Österreich in den Zeiten des Nationalsozialismus nicht mehr. Er bekommt die Repressionen durch den Tod seines Vaters knallhart persönlich zu spüren und mit "denen" möchte er nichts mehr zu tun haben, mit "denen" kann er sich nicht identifizieren. Das Gefühl der Heimat ist nicht mehr vorhanden. Wichtig ist hierfür wohl auch der Fakt, dass er als Jude durch die Repressionen des NS- Staats doppelt stark gefährdet war und doch in Österreich lebte, welches zuletzt nicht freiwillig an Deutschland angeschlossen wurde. Eine innere Emigration als solche hätte ihm darüber hinaus keine Alternative geboten. Er hätte sich vielmehr regelrecht verstecken müssen, was für ihn die Aufgabe jeder Freiheit bedeutet hätte.

Auch wenn wir heute in Deutschland nicht mehr unter einem repressiven, kriegführenden Regime leben müssen, sondern in Frieden und unter dem Schutz einer Demokratie, die durch das Grundgesetz unsere Grundfreiheiten schützt, gibt es auch heute noch Menschen auf der Welt, die vor die gleiche Entscheidung gestellt werden wie Erich Fried und Gertrud von le Fort. So ist es z.B. den Christen in der Türkei oft untersagt, Kirchen zu bauen und ihren Glauben frei zu leben, sie werden sogar um ihres Glaubens Willen verfolgt, auch wenn das Gesetz dies verbietet. In diktatorisch regierten Ländern wie z.B. in China leiden viele Menschen auch heute unter der Freiheitsberaubung durch den Staat. Diese Menschen stehen folglich ebenfalls vor der Entscheidung, ob sie die Last, das Leid, die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, sich in eine private Nische zurückziehend mit ihrem Land ausharrend ertragen, oder ob sie in einem anderen Land Exil suchen, das ihnen die Freiheit, die Freiheit im Glauben, die Freiheit in der Meinung gewährt. Besonders aktuell wird dieses Thema, wenn in der Bundesrepublik über Einwanderregelungen diskutiert wird. Man sollte nicht vergessen, dass es auch Zeiten gab, in denen auch deutsche Staatsbfroh waren, wenn sie in anderen Ländern Asyl gefunden hatten.
ürger

 

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