Das Gericht des Meeres
Bei der Überfahrt der königlichen Schiffe nach Cornwall, als
der wütende Sturm, mit dem man anfangs gekämpft hatte, urplötzlich
von einer lautlosen Windstille erstickt wurde, erkrankte der
kleine Prinz an einer höchst sonderbaren Krankheit. Niemand
hatte sie bei einem Kinde so zarten Alters je beobachtet. Während
das Meer tiefer und tiefer in der Betäubung eines bleiernen
Schlummers zu versinken schien, wurde dieses arme, kleine Wesen
von einer völligen Schlummerlosigkeit ergriffen. Vergeblich sang
ihm seine blühende Amme die gewohnten Wiegenlieder vor,
vergeblich bot sie ihm die Brust dar, an der es sonst wohlig zu
entschlummern pflegte; es verweigerte die gewohnte Nahrung,
einzig nach der süßen Milch des Schlafes verlangend, die ihm
niemand zu gewähren vermochte; und während die weitgeöffneten
Augen seines blassen feierlichen Gesichtchens immer größer
wurden, schwand der kleine Körper dahin, wie verzehrt von dem
Hunger dieser übergroßen, überwachen Augen, die sich auch
nicht eine einzige Sekunde schließen wollten. Die Ärzte an Bord
des königlichen Schiffes wußten sich keinen Rat; die Küste der
Normandie, von der man ausgesegelt war, erschien ebenso
hoffnungslos unerreichbar wie die von Cornwall, der man zustrebte
- es rührte sich ja noch kein Lüftchen iin den schlaffen Segeln.
Schließlich, als der Zustand des Kindes immer beunruhigender
wurde, faßte sich die Umgebung des erlauchten Elternpaares ein
Herz und erinnerte daran, daß eins der königlichen
Geleitschiffe die Geisel Anne de Vitré an Bord führe, von der
ihr Landsmann Budoc behauptete, sie gehöre zu denen, die noch
das bretonische Schlummerlied singen könnten.
König Johann erschrak bei diesem Vorschlag - er fürchtete sich,
Anne de Vitré rufen zu lassen, denn er dachte an seinen letzten
Einfall bei den Bretonen, an ihre verbrannten Städte und
zerstampften Felder, vor allem aber dachte er an ihren jungen
Herzog, den zarten Knaben, den er bei jenem Einfall geraubt und
zu Rouen mit eigener Hand ermordet hatte. Er erwiderte daher, er
wisse längst, die Bretonen seien immer noch heidnische Zauberer,
er selber sei ein guter Christ und wolle nichts mit ihren
Schlummerliedern zu tun haben. Ob man etwa Annes Urmutter, die
Frau Avoise, vergessen habe, die nächtlich singend durch Schloß
Reaux gegangen sei, als die britische Besatzung dort in ihren
Betten gelegen - es sei kein Mann derselben wieder aufgestanden.
- Der kleine Prinz fuhr also fort, an seeinen übergroßen, überwachen
Augen hinzuschwinden, ebenso wie das Meer fortfuhr, unbeweglich
zu schlafen. Allein nach etlichen weiteren Tagen, als sich König
Johann vor den offenen Augen seines Kindes in das Schiff des
Seneschalls geflüchtet hatte, ließ die verzweifelte Königin
Budoc rufen und befahl ihm, eine ihrer Kammerfrauen nächtlicherweise
zu der Bretonin zu rudern.
Anne de Vitré war noch nicht zur Ruhe gegangen, sondern sie saß
an Bord ihres Schiffes unter dem offenen Sternenzelt des Himmels
und befragte das Meer, so wie man es in ihrer Heimat zu befragen
pflegte, wenn man sich nicht mehr zu raten wußte. Das gab Anne
ein so tiefes gläubiges Vertrauen, daß sie sich an das Meer
wenden konnte, das gab ihr eine solche Zuversicht, wie ihr Herz
sie schon lange nicht mehr gekannt hatte. In Rouen war sie sich
immer hilflos vorgekommen, dort war ihr alles bang und ungewiß
erschienen, aber auf dem Meere fühlte sie sich wie auf festem
Boden. Denn im Lande gibt es Wälder und Höhlen, da gibt es
finstere Schlösser mit schaurigen Verliesen, da können die bösen
Geheimnisse sich leicht verbergen - aber auf dem Meere werden
alle Dinge offenbar. Anne dachte an die Gerichtstage in ihrer
Heimat, wie sich die Menschen da dem Meere anvertraut und seinem
Urteil unterworfen hatten, und wie das Meer die Schuldigen
erkannt und bei sich behalten und die Unschuldigen an Land
gesetzt und sich niemals geirrt hatte. Denn das Meer war doch
nicht wie die kleinen, kurzsichtigen Menschen, das Meer war
Gottes vornehmstes und gewaltigstes Geschöpf, es kam seiner
Allmacht am nächsten, es grenzte schon an seinen Himmel - es war
fast wie Gott. Das Meer mußte man befragen, wenn man Gottes
Stimme zu vernehmen hoffte; und welche Stimme konnte Anne de Vitré
denn noch zu vernehmen hoffen außer der seinen? Die Menschen
wichen ja alle scheu vor ihr zurück und hüllten sich in
undurchdringliches Schweigen, sooft sie nach dem jungen Herzog
ihres Volkes forschte - es war, als ob sein Name ihnen ganz
entfallen wäre. Und Anne de Vitré hatte doch ein Recht, nach
ihm zu fragen, denn um ihres jungen Herzogs willen war sie diesem
fremden König ausgeliefert worden - sie war die Bürgin für den
Lehnseid, den ihm jener abgerungen. Für ihn hatte sie die Heimat
verlassen müssen, die treuen Eltern und die zärtlichen
Geschwister, alle Lieblichkeiten ihres kargen Landes. Wenn sie
nicht von ihrem Volke fortgegangen wäre, dann hätte er
fortgehen müssen - und ein Herzog darf doch nicht von seinem
Volke gehen: so hatte es der Vater ihr beim Abschied eingeprägt,
und so hatte Anne es ihm in ihrem Inneren nachgesprochen, immer
wieder, jeden Tag aufs neue, sonst wäre sie bei den Briten vor
Verlassenheit und Einsamkeit gestorben. Allein sie hatte bei den
Briten leben können; denn wenn sie für ihres Volkes jungen
Herzog in die Fremde gegangen war, dann war er für sie in der
Heimat geblieben - wenn sie für ihn gefangen sein mußte, dann
hatte er für sie die Freiheit: er war ihr Daheimsein, er war
ihre Freiheit - ihr eigentliches Leben, das war gar nicht hier
bei diesem fremden harten Volke, ihr eigentliches Leben war das
Leben ihres jungen Herzogs - nach diesem ihrem eigentlichen Leben
mußte Anne doch fragen dürfen! Und wenn die Menschen ihr nicht
Antwort gaben, das Meer würde ihr die Antwort nicht verweigern -
das Meer war gerecht, das Meer war fast wie Gott. Anne de Vitré
lauschte.
Es stieg kein Laut aus der regungslosen Flut auf. Die Schiffe
lagen da wie tote schwarze Schwäne, fast als ob sie eingefroren
wären. Noch nie in ihrem Leben hatte Anne das Meer so still
gesehen - man hätte wirklich meinen können, daß es schlafe.
Allein das Meer schlief nicht, wie diese Briten meinten, sondern
es schwieg nur, wie ja auch Gott nur schweigt, wenn er zu
schlafen scheint - und wenn Gott lange schweigt, dann will er
reden. Anne de Vitré lauschte abermals.
Da war es ihr auf einmal, als vernehme sie dicht bei dem Bug des
Schiffes einen leisen Laut wie von einem Wellenschlage - es war,
als wolle das Meer seinen Mund auftun. Und wie Anne sich nun
erhob - denn des Meeres Antwort ziemt es sich im Stehen zu
vernehmen -, da sah sie die dunklen Umrisse eines Mannes aus der
Flut emporgetaucht gleich den Geschöpfen der Tiefe. Sie hörte
einen kurzen, verhaltenen Ruf, wie ihn die Schiffer in ihrer
Heimat auszustoßen pflegen, wenn ein Kahn irgendwo anlegen will.
Und nun sah Anne de Vitré auch den Kahn - er schwamm lautlos an
das Schiff heran, und sie erkannte, daß der Mann darinnen Budoc
war.
Das enttäuschte Anne sehr, denn Budoc konnte sie nur stören, während
sie das Meer befragte - Budoc war ein Überläufer und Verräter.
Er hatte längst vergessen, daß er hier wie sie als Geisel für
den jungen Herzog ihres Volkes bei den Briten weilte; Budoc
weilte bei den Briten, als gehöre er zu ihnen. Anne verachtete
und mied ihn, obwohl er einst in ihrem Vaterhause aus und ein
gegangen war; nur manchmal, wenn sie unversehens seinem Blick
begegnete, dann befiel sie plötzlich solche Sehnsucht, als
blicke die ferne Heimat sie an - aber das mußte eine Täuschung
sein.
Inzwischen hatte Budoc seinen Kahn an dem Schiff befestigt und
der Kammerfrau an Bord geholfen. Anne konnte sich nicht denken,
warum die Königin sie zu so später Stunde zu sich rufen ließ;
allein sie war zu stolz, danach zu fragen, denn da hätte sie
sich ja Budocs bedienen müssen, wie die Kammerfrau sich bei der
Botschaft seiner bedient hatte - die Kammerfrau verstand ihre
Sprache nicht, und Anne verstand nicht die verhaßte Sprache
jener, sie hatte diese nie erlernen wollen; Budoc freilich hatte
sie erlernt. Anne folgte also stumm. Aber wie sie nun ihm gegenüber
in dem kleinen Nachen saß, dicht über dem Wasser, ganz nahe dem
tiefen, klaren, allwissenden Auge des Meeres, da war es ihr auf
einmal, als fange er mit ihr im Dunkeln ein geheimnisvolles Gespräch
an, nicht mit der Stimme seines Mundes, sondern mit der Stimme
seines Blutes, dieses uralten keltischen Blutes, das in ihrer
beider Adern floß, tief wie die schönen Brunnen ihrer Heimat
und dunkel wie die Wälder des Zauberers Merlin und wild wie die
rauschenden Felsenküsten, wo die Todesfrau den untergehenden
Schiffern das Wiegenlied ihrer Mütter ins Ohr raunt. Es war ihr,
als blicke sie durch Budocs Augen hindurch, die sie doch im
Dunkeln gar nicht sehen konnte, in den Abgrund einer wandellosen
Treue hinab, nicht in die zarte edle Treue ihrer eignen Liebe,
sondern in die Treue des Hasses, die kühn verschlagene, die sich
nicht scheut, dem Feinde den Überläufer vorzuspielen, um ihn
desto sicherer zu verraten. Anne fühlte, daß in ihnen beiden
der gleiche Schmerz zitterte, sie meinte jeden Augenblick nun
auch die Stimme seines Mundes vernehmen zu müssen, die von ihrer
beider jungem Herzog sprach. Allein das durfte Budoc wohl vor der
Kammerfrau nicht wagen - es war ja so erschreckend still hier auf
dem Meer, als könne man jeden Flüsterlaut bis zum Horizont hin
vernehmen.
Erst als das Boot leise klatschend bei dem Bug des königlichen
Schiffes lag und die Kammerfrau bereits an Bord gestiegen war, näherte
er sein dunkles Gesicht dem ihren und hauchte ihr ins Ohr: »Der
Herzog ist tot. Der König selbst war sein Mörder, das Meer hat
ihn gerichtet, und du - du - du...« Es war, als wenn ein unbändiger
Triumph ihm das Wort verschlüge. Er hob sie mit seinen nackten
Armen auf - sie wußte einen Augenblick lang nicht, wollte er sie
wie einen Jubelschrei der Rache emporschleudern oder ins Meer
werfen -, aber da hatte er sie schon an Bord niedergesetzt.
Anne war noch völlig betäubt, als sie das Zelt des königlichen
Schiffes betrat. Es war dämmrig darunter; nur vom Eingang her,
wo man das Segeltuch an zwei geschnitzten Pfeilern aufgebunden
hatte, schimmerte das Meer herein, weiß wie Sterne.
Die junge Königin stand zierlich und steil aufgerichtet, aber
ihr kleines nichtiges Gesicht unter der goldenen Flügelhaube war
verweint; sie sprach hastig und ängstlich auf Anne ein. Man hätte
meinen können, sie denke, wie jene, an die Ermordung des jungen
Herzogs, aber sie dachte nur an die Genesung ihres kleinen Sohnes.
Anne verstand sie nicht - Budocs Worte klangen wie Geläut in
ihren Ohren; es war, als ob der zarte Knabenschatten des
Ermordeten ihre ganze Umgebung verschlungen habe: sie bemerkte
gar nicht, daß die Königin mit ihr sprach - sie gab überhaupt
nicht auf sie acht. Aber dann vernahm sie wieder Budocs Stimme.
»Anne de Vitré«, sagte er, »die Frau Königin will wissen, ob
du dich getraust, ihrem kranken Kinde das bretonische
Schlummerlied zu singen?«
Anne verstand Budoc ebenso wenig, wie sie die junge Königin
verstanden hatte. Es war ihr nur, als rede er auf einmal in der
Sprache jener, obwohl er doch in ihrer eigenen geredet hatte. Sie
gab keine Antwort.
Die hohen Augenbrauen der jungen Königin zuckten ein wenig, es
sah fast aus, als wolle sie Anne drohen. Aber dann wurde ihr
kleines nichtiges Gesicht ganz hilflos. Sie riß die goldenen
Ketten von ihrem Halse und streifte sie Anne über, sie nestelte
ihre Armgehänge los und bot sie ihr dar, sie küßte Anne auf
beide Wangen. Anne fühlte das Gewicht der Ketten und Spangen an
ihren Gliedern, sie spürte auf ihrem Gesicht die Feuchtigkeit
der Tränen, aber sie begriff noch immer nicht. Budoc stand
indessen ruhig da und wartete, sein dunkles, verschlossenes
Gesicht erschien ganz teilnahmslos.
Die Königin wandte sich jetzt wieder an ihn. »Ach, Budoc«,
schluchzte sie, »ich glaube, Anne hat das Lied vergessen; bitte
sie doch, daß sie sich besinnt - bitte sie doch -, sie versteht
ja meine Sprache nicht!« »Anne de Vitré«, sagte Budoc, »die
Frau Königin ängstigt sich, du könntest das Lied vergessen
haben, aber ich weiß, du hast es nicht vergessen; du warst schon
ziemlich groß, als deine Mutter an der Wiege deines kleinen
Bruders Alain sang, der hernach im Meer ertrunken ist. Ich
entsinne mich deiner damals noch ganz genau: du lagst in dem
unteren Stock des alten Truhenbetts und sangst immer mit wie ein
Vögelchen aus dem Nest hervor, bis du einschliefst.«
Anne schwieg, obwohl sie Budoc jetzt verstanden hatte; die Tränen
stiegen ihr in die Augen. Wie konnte Budoc denn nur glauben, sie
würde dem Kind des königlichen Mörders das Wiegenlied singen,
das süße Wiegenlied, das ihre Mutter ihrem kleinen Bruder Alain
gesungen hatte! War Budoc dennoch ein Verräter? Ihr kindliches
Gesicht wurde ganz hart und unerbittlich. Die junge Königin
betrachtete es mit Entsetzen, sie sah jetzt aus wie irgendeine
arme Frau aus dem Volke, die um ein Almosen bettelt. »O Gott,
sie will meinem Kinde nicht singen«, jammerte sie, »sie will
nicht! Ach, Budoc, sprich doch noch einmal mit ihr, rede ihr zu,
sage ihr, daß sie sich erbarmen soll!«
»Anne«, sagte Budoc, »du hast jetzt verstanden, was die Frau Königin
meint, aber du hast noch nicht verstanden, was ich meine: du
willst dem Kinde das Wiegenlied nicht singen, weil es das Kind
des königlichen Mörders ist, allein du kannst ihm gerade
deshalb singen. Denke doch noch einmal an deinen kleinen Bruder
Alain, der hernach im Meer ertrunken ist. Allen, die im Meer
ertrinken, singt die Todesfrau das Lied, das sie ihren Müttern
an der Wiege abgelauscht hat -, es ist dasselbe Lied, Anne, ganz
dasselbe. Deine Urmutter Avoise wußte es, und du weißt es auch:
Wem man den Anfang singt, der schläft ein, und wem man zu Ende
singt, der wacht nie mehr auf. Du mußt dem Kinde der Frau Königin
zu Ende singen! Du kennst den Anfang. Anfang und Ende, Wiege und
Woge sind eins. Hast du nun endlich verstanden, daß du - du - du...«
Es war, als komme wieder dieser leise Jubellaut in seine Stimme,
der ihm die Worte verschlug. Aber jetzt hatte Anne verstanden:
das Meer hatte geantwortet, das Meer hatte gerichtet, das Meer
verlangte dieses Kind - wahrlich, das Meer war gerecht, das Meer
war fast wie Gott! - Sie verharrte einen Augenblick lang ganz
still wie eine Betende. Dann streifte sie die Ketten und Spangen
der Königin langsam von ihren Gliedern, trat an die Brüstung
des Schiffes und warf sie ins Meer. Ihr Gesicht war weiß und
unbeweglich still wie dieses. Sie sah die Königin nicht an, sie
hielt die Augen nur dem Meere zugewandt. »Ich werde das
Wiegenlied singen« , sagte sie.
Aber nun wurde auf einmal die junge Königin unruhig. »Budoc,
warum löst sie sich von meinen Ketten und Geschmeiden?« fragte
sie ängstlich. »Ketten fesseln doch - ich wollte sie mit meinen
Ketten an mich binden. Warum beschenkt sie mit ihnen das Meer?
Sucht sie etwa eine Verbindung mit ihm?«
Budoc erwiderte leichthin, er glaube, daß der Brauch es so
erfordere, wenn man das bretonische Schlummerlied singen wolle.
Allein die junge Königin beruhigte sich nicht. »Also sie hat
eine Verbindung mit dem Meere, wenn sie singt !« rief sie erregt.
»Allein das Meer ist unser Feind - das Meer ist grausam - es hält
mein kleines krankes Kind fest, daß wir es nicht an Land bringen
können! Was ist das für eine Verbindung, die sie mit dem Meere
hat?« Sie blickte Anne de Vitré forschend in die Augen.
Anne war jetzt von der Brüstung des Schiffes zurückgekehrt und
blieb in der dämmrigen Öffnung des Zeltes stehen. Der weiße
Glanz der regungslosen Flut umschrieb von rückwärts her ihre
Gestalt wie mit einem Silberstift: sie war noch immer schmal und
rührend herb wie die des kindlichen Mädchens, das man vor Jahr
und Tag den Briten ausgeliefert hatte - es schien, als wäre Anne
noch gar nicht voll erblüht, obwohl sie nun schon in ihrer
ersten, zarten Reife stand - wie hätte Anne denn in der Fremde
auch erblühen sollen? Annes Leben war doch gleichsam abgestorben.
Die Augen in dem kleinen nichtigen Gesicht der jungen Königin
bekamen plötzlich einen hellsichtigen Ausdruck: es war, als ob
sie Anne de Vitré heut zum ersten Mal erblickte.
Unterdessen hatte Budoc die Frauen bedeutet, daß sie aus dem
Zelte gehen und auch ihre Gebieterin hinausgeleiten müßten,
wenn Anne nun zu singen begänne. Allein die junge Königin zögerte.
»Nein, nein« , wehrte sie ab, »ich gehe nicht hinaus, ich
bleibe hier, während Anne singt, ich lasse mein Kind nicht mit
ihr allein, wenn sie eine Verbindung mit dem Meere hat!« Es
klang, als ob sie sich vor Anne de Vitré fürchtete. Die Frauen
versuchten zu lächeln. Die älteste von ihnen, eine Verwandte
des königlichen Hauses, begann der jungen Fürstin zuzusprechen:
Anne wolle doch nur tun, worum man sie selbst inständig gebeten
habe. Nun solle man ihr auch Vertrauen schenken und sich so
verhalten, wie es der bretonische Brauch vorschreibe - man müsse
ja auch schon hinausgehen, um nicht selber einzuschlafen.
Die junge Königin begann bei dem Wort Vertrauen plötzlich zu
zittern. Die kleinen silbernen Platten, mit denen die Ränder
ihrer goldenen Flügelhaube verziert waren, flüsterten und
wisperten wie die Blätter einer Pappelkrone - sie starrte in
Annes junges, einsames Gesicht, als taste sich ihr Blick an
dessen schmerzlicher Lieblichkeit zu dem Antlitz einer Meduse hin.
»Aber ich kann ihr nicht vertrauen!« rief sie. »Seht sie doch
nur an - wir haben sie ja alle niemals wirklich angesehen!«
Abermals versuchten die Frauen beschwichtigend zu lächeln. Die
alte Verwandte des königlichen Hauses erneuerte ihren Zuspruch:
Anne sähe so zart und unschuldig aus, warum die königliche Base
ihr denn nicht das Kind vertrauen wolle? Anne sähe doch selber
fast wie ein Kind aus.
»Aber das ist es gerade - das ist es gerade«, stammelte die Königin;
»versteht ihr denn nicht? Sie weiß ja gar nicht, was ein
kleines Kind ist - sie hat weder Gatten noch Kind -, sie hat überhaupt
kein Leben - sie verlangt auch nicht danach! Sie hat ihr Leben an
einen verschenkt - und der ist nicht mehr am Leben.« Die letzten
Worte kamen wie ein bloßer Hauch von ihren Lippen - niemand
verstand ihren Sinn.
Die Königin geriet jetzt völlig außer sich. »Aber ihr müßt
mich verstehen«, rief sie, »ihr müßt es! Wir wissen doch, daß
die Bretonen mit ihren Schlummerliedern auch töten können -
habt ihr denn die britische Besatzung von Schloß Reaux
vergessen?«
Jetzt verlernten die höfischen Gesichter der Frauen plötzlich
ihr Lächeln. Die alte Verwandte machte eine mütterliche
Bewegung: Wie die königliche Base nur so sprechen könne? Derart
dürfe man Anne de Vitré nicht kränken! Ein Kind töten? Das
werde niemand übers Herz bringen.
Die junge Königin begann plötzlich zu flüstern: »Doch, doch,
man bringt es übers Herz, auch Kinder zu töten«, hauchte sie.
»Alles bringt man heute übers Herz - ihr wißt es so gut wie
ich - der ganze Hof weiß es - jeder zu Rouen hat es gewusst -
verstellt euch nicht-, o Gott, ich kann es doch nicht aussprechen!
Warum befragt man mich denn nur danach?« Die Frauen waren unter
ihrer Schminke blaß geworden: Meinte die Frau Königin etwa den
jungen Herzog der Bretonen? Er war noch ein Knabe, fast ein Kind
gewesen - sie wagten nicht, einander anzublicken, denn es wußte
ja doch keine von der anderen, was sie wußte - so unverbrüchlich
hatte man den Mord beschwiegen! - Es war einige Augenblicke lang,
als halte selbst das Meer draußen den Atem an. Den Frauen begann
es plötzlich unheimlich zu werden, ihre glatten höfischen
Gesichter bekamen einen hilflosen Ausdruck, scheu wandten sie
sich um, als könne vor dem Zelte jemand lauschen. Nur die guten
einfältigen Augen der königlichen Verwandten blickten
unbefangen - die alten Leute können sich ja den Greuel der neuen
Zeiten nicht denken! Sie sagte beschwichtigend: wonach die Königin
sich denn gefragt glaube? Keine von den Frauen habe eine Frage
ausgesprochen, auch Budoc und Anne nicht, sonst aber sei niemand
gegenwärtig, die Königin täusche sich.
»Aber es befragt mich doch die ganze Zeit jemand«, hauchte die
Königin; »merkt ihr es denn nicht? Es ist ja hier wie vor
Gericht - vor Gericht wird man verhört -, vor Gericht muß man
bekennen, wenn man Gnade finden will! Allein ich habe doch nichts
zu bekennen - ich weiß doch nicht, warum mein kleines Kind
schlaflos ist, und ich will auch nicht länger danach gefragt
sein -, es ist so schauerlich, wenn kleine Kinder nicht mehr
schlafen können - schlaflos sind doch sonst nur die Verbrecher!
Allein mein kleines Kind hat nichts verbrochen - es muß ein
Irrtum sein, daß es nicht schlafen kann! Budoc, sage Anne, daß
es ein Irrtum ist - sie braucht nicht zu singen - ich werde es
selbst tun!«
»Anne«, begann Budoc, »es scheint, das Meer fordert das Geständnis
der Frau Königin, bevor du sein Urteil vollziehen darfst, aber
sie bringt es schwer über die Lippen. Laß es dich nicht verdrießen,
noch ein wenig zu warten.«
Anne hatte die ganze Zeit über dagestanden, völlig nach innen
gewandt, auf das Lied gesammelt, das sie singen sollte. Es war
schon so lange her, seit sie es vernommen hatte - sie mußte alle
Kraft zusammennehmen, um sich seiner zu erinnern, sie durfte auf
nichts achtgeben, was um sie her geschah. - Bei Budocs Anrede
blickte sie zum ersten Male auf: in ihrem stillen Antlitz stieg
ein Staunen empor. Wo war denn die zierliche Königin geblieben,
die zu Rouen so heiter Hof gehalten, als das große schauerliche
Schweigen um den jungen Herzog der Bretonen angehoben hatte? Wo
war die geschmückte und geschminkte Frau, die Annes bangem
Fragen nach ihm immer lächelnd ausgewichen? Wo war die
Schmeichlerin, die ihr noch eben auf dem Schiffe hier so schön
getan? Da war ja plötzlich nur noch ein kleines, wildes,
verzweifeltes Antlitz, spiegelklar wie die nackten Steine am
Strande, die das Meer gewaschen hat - ja wahrlich, auf dem Meere
wurden alle Dinge offenbar! - Anne wagte kein Wort zu sprechen:
sie nickte Budoc zu, sie werde warten - wie durfte Anne das
verweigern? Das Meer wartete ja auch, das Meer hatte keine Eile,
es hatte den Atem der Ewigkeit, es war fast wie Gott. Gott und
der Ewigkeit konnte niemand entrinnen.
Man vernahm jetzt draußen leise Atemzüge, die Flut mußte
eingesetzt haben: es war, als steige das Meer zu seinem
Richterstuhl empor. Anne de Vitré kam es plötzlich vor, als
werde es mitten in der Nacht sonderbar hell. - Unterdessen hatte
sich die Königin selbst an die Wiege gesetzt und begann mit
ihrer kleinen, dünnen Stimme zu singen. Dabei verwirrte sich ihr
die Melodie, die Worte sprangen sinnlos durcheinander, sie sang
falsch - es war, als wolle das kleine Lied, das sie angestimmt
hatte, in ihrem Munde wahnsinnig werden. Plötzlich hielt sie
inne und sagte mit fliegender Stimme: »Mein Gott, was ist denn
das nur - es wird ja hier so hell, und der kleine Prinz will doch
schlafen! Man soll das Zelt schließen!« Ihr Blick fiel auf
Anne, die noch immer unter dem Eingang stand, jetzt nicht mehr
wie von einem zarten Silberstift umschrieben, sondern wie von
einem Stern umstrahlt: das Meer hinter ihr hatte zu leuchten
begonnen. Die Königin stieß bei ihrem Anblick einen Schrei aus
und warf sich über die Wiege, als müsse sie das Kind mit ihrem
Leibe schützen. »Warum ist sie denn noch immer da? Warum ist
sie denn noch immer da?« schluchzte sie. »Ich habe ihr doch
sagen lassen, daß der kleine Prinz von selber schlafen kann, ja
ich glaube, er schläft bereits - seht nur, seht. ..« Sie hob
mit zitternder Hand die Vorhänge der Wiege. Indem ward es so
hell, als sei das Meer wirklich an Bord gestiegen und träte in
das Innere des Zeltes ein: man erkannte jeden Winkel seines
Raumes, man erkannte in der weißen Dämmerung der offenen Wiege
das feierliche Gesicht des kleinen Prinzen. Die junge blühende
Amme begann plötzlich laut und ungefaßt zu schluchzen. Auch die
Frauen der Königin weinten, nur diese selbst saß da wie zur
Salzsäule erstarrt und blickte tränenlos in die weitgeöffneten
Augen ihres Kindes.
Endlich berührte die alte Verwandte ihre Schulter und sagte
mitleidig: »Liebste Base, Anne de Vitré ist noch da, wollt Ihr
Euch nicht ein Herz zu ihr fassen? Es ist eben kein Irrtum, daß
der kleine Prinz nicht schlafen kann.«
Die Königin gab keine Antwort, aber sie begann leise vor sich
hinzumurmeln -niemand hätte sagen können, zu wem sie sprach -,
es war, als stünde sie einem unsichtbaren Beichtiger Rede. »Nein,
es ist kein Irrtum, daß der kleine Prinz nicht schlafen kann«,
hauchte sie, »und ich weiß ja auch, warum es keiner ist - es
gibt nichts Ruchloseres auf Erden, als ein Kind zu ermorden - und
wir haben doch ein Kind ermordet. Wenn man zu einem Verbrechen
schweigt, so willigt man in dasselbe ein, und ich habe doch dazu
geschwiegen - jeder einzelne von uns -, der ganze Hof hat es
getan: wir haben geschwiegen, daß es zum Himmel schrie! Wir
haben gegessen und getrunken, als ob nichts geschehen wäre, wir
haben uns geschmückt und geschminkt, wir haben gescherzt und
getanzt, ja wir haben sogar geschlafen! Wir haben gut geschlafen,
obwohl man hätte meinen sollen, daß zu Rouen kein Mensch mehr hätte
schlafen können; allein wir haben es vermocht - warum hätten
wir nicht schlafen sollen? Es gab keinen Richter, der uns hätte
wecken können - die Richter schliefen auch - sie mußten ja
schlafen - man befahl es ihnen doch. Nur mein kleines Kind kann
plötzlich nicht mehr schlafen!« Sie sah sich um wie eine, die
ihre Umgebung völlig vergessen hat.
Die Frauen waren eine nach der anderen lautlos aus dem Zelt
geschlichen, selbst die königliche Verwandte hatte sich verwirrt
zurückgezogen. Nur Anne de Vitré war noch da und im Hintergrund
des Zeltes Budoc; sein Gesicht erschien die einzige im hellen
Raum verbleibende Dunkelheit. Die Königin nahm seiner nicht
wahr, sie hatte den Kopf hintenüber gelegt, als ob sie vor Qual
aufschreien möchte. Dabei rutschte ihr die goldene Flügelhaube
in den Nacken, ihre blonden Haare lösten sich und stürzten ihr
wie einer Löwin ums Gesicht. Sie erhob sich und machte einige
Schritte auf Anne zu; es sah aus, als wolle sie sich vor ihr auf
die Knie niederwerfen, aber gleichzeitig war es auch, als ob sich
ihr ganzes Wesen aus seinen Urgründen empor gegen jene erhebe
und aufbäume. Ihr kleines puppenhaftes Gesicht, dieses ohne
Schminke und Schmuck doppelt ärmliche Gesicht, verschwand jetzt
vollkommen, überwältigt und ausgelöscht von seinem eigenen
Urbild - sie war überhaupt nicht mehr sie selbst, sie war nur
noch ein Teil der ungeheuren Kräfte aus dem namenlosen
Mutterschoße der Natur. »Anne«, rief sie, »ich weiß, du bist
mit dem Meere verbündet, von dem ihr Bretonen sagt, es ist
gerecht, es ist fast wie Gott: ich unterwerfe mich seinem
Gericht; allein vor jedem Richter darf man doch um Gnade bitten -
töte mich, aber rette das Kind! Ich schwöre, ich will mich dir
stellen, wenn wir in Cornwallis landen: singe dort, wann es dir
gefällt und wo es dir gefällt. Ich will dir den Schlüssel von
Schloß Bristol geben, du sollst nachts durch alle seine Gänge
gehen dürfen, wie deine Urmutter Avoise durch Schloß Reaux
ging, als die britische Besatzung dort in ihren Betten lag. Und
wenn ich deine Stimme vor meinem Gemach höre, so will ich deinem
Lied selbst die Tür aufmachen und ihm willig lauschen, so lange,
bis ich nicht mehr lauschen kann. Nein, fürchte nicht, daß ich
mich dir entziehen werde - ach, Anne, du hast kein Kind, du
kannst mich nicht verstehen -, du mußt mir glauben: es ist nicht
schwer, für dieses kleine Kind zu sterben - ich weiß es -, ich
bin schon einmal fast für dieses kleine Kind gestorben - damals,
als ich es zur Welt brachte. Ach, Anne, glaube mir doch, glaube
mir doch!« Sie hatte ganz vergessen, daß die Bretonin ihre
Sprache nicht verstehen konnte.
Anne fühlte dunkel, daß jene mit ihr um des Kindes Leben kämpfte:
ihr junges, herbes Gesicht wurde wiederum ganz unerbittlich. Sie
schloß abweisend die Augen. Jetzt war sie gänzlich auf das Lied
gesammelt: es war ihr, als vernehme sie von fern die schönen
Brunnen ihrer Heimat und die Wälder des Zauberers Merlin und die
rauschenden Felsenküsten, wo die Todesfrau den untergehenden
Schiffern das Wiegenlied ihrer Mütter ins Ohr raunt. Und nun
trat Anne in das große dämmrige Gemach von Schloß Reaux ein,
leise, wie die längst Verstorbenen zuweilen hereintreten, nein,
wie die Todesfrau hereingetreten war, als sie an der Wiege Alains
lauschen wollte; Anne vernahm wie sie das süße Schlummerlied
ihrer Mutter - ihr Herz begann zu klopfen. Es war ihr, als
erwache sie urplötzlich wiederum zu ihrem eigenen Leben. Und nun
würde sie auch Alain gleich erblicken - ihr junges, herbes
Gesicht wurde unsäglich weich.
Die Königin verwandte keinen Blick von ihr. Plötzlich ging es
wie ein Aufatmen durch ihre ganze Gestalt, sie ergriff Anne bei
den Händen und zog sie dicht an die Wiege heran. Anne fühlte
einen schwesterlichen Kuß auf ihren Lippen und hörte ein
entrauschendes Gewand. Einige Sekunden lang verharrte sie
regungslos wie eine Schlummernde, wenn sie sich am Rand der Träume
gegen das Erwachen wehrt. Dann begriff sie, daß die Königin sie
mit dem Kind allein gelassen hatte - die Stunde war gekommen. Sie
wagte nicht, die Augen aufzuschlagen, inbrünstig faltete sie
ihre Hände. Nun glich sie wieder ganz dem Bilde einer Betenden.
Sie begann zu singen.
Ihre Stimme klang zuerst sehr scheu, sie sang ohne Worte, nur die
Töne raunend, diese zärtlich dahinmurmelnden, immer wieder von
vorne beginnenden, bei denen es war, als schaukelten die kleinen
Wellen am Ufer einen Nachen. Aber dann tauchten wie von selber
aus der Melodie die Worte empor: holde, unschuldige Worte mit
kindlichen Reimen - es war Anne, als ob die Mutter sie ihr
vorsinge, sie merkte nicht, daß ihre eigene Stimme der Stimme
jener völlig gleich geworden war. Anne hatte, seit sie bei den
Briten weilte, nie gesungen, sie kannte ihre Stimme nicht mehr,
sie glaubte ihrer Mutter Stimme zu vernehmen: jetzt lag sie
wieder in dem großen Truhenbett von Schloß Reaux und brauchte
nur einzustimmen, wenn die Mutter ihren kleinen Bruder Alain in
Schlaf sang.
Sobald Alain schlief, ging die Mutter hinaus, um die alte Magd
Enora zu rufen, damit sie bei den Kindern bleibe. Bis Enora kam,
war Anne mit Alain alleine, dann durfte sie eine Weile seine
kleine Mutter sein. Alain hatte das nötig, denn er war so winzig
- es überkam sie immer wie ein zärtlichees Erbarmen, sooft sie
ihn anblickte, obgleich doch Alain rosig und gesund war; einem so
winzigen Kinde konnte leicht etwas geschehen, Anne durfte ihn
nicht aus den Augen lassen, am liebsten hätte sie ihn auf den
Arm genommen und an sich gedrückt, aber das hatten ihr die
Mutter und Enora verboten; Anne war selber noch so klein, sie hätte
Alain fallen lassen können. »Aber wenn ich groß bin« , hatte
Anne gebettelt, »darf ich Alain auf den Arm nehmen?« -» Wenn
du groß bist«, hatte Enora erwidert, »so nimmst du ein Kind
auf den Arm, dem du selber das Leben gegeben hast.« - Es dauerte
oft lange, bis Alain einschlief. Alain war schon als kleines Kind
manchmal sehr ungebärdig, man mußte immer wieder von neuem zu
singen beginnen, unermüdlich, eben wie die kleinen Wellen am
Ufer, wenn sie einen Nachen schaukeln -, Anne glaubte die sanften
Bewegungen der Wiege zu spüren, die neben ihr auf der Bett-Truhe
stand. Aber nun würde es endlich so weit sein, daß man die
kleinen kräftigen Atemzüge des Schlafenden vernahm, dieses
zarte kindliche Schnaufen, das Anne immer mit so viel Zärtlichkeit
erfüllte. Sie hielt mit Singen an und lauschte. Dabei ward sie
inne, daß nur sie gesungen hatte; die Mutter mußte schon
hinausgegangen sein, um Enora zu rufen - sie war mit Alain allein.
Wenn sie sich auf ihrem hohen Lager aufrichtete, so konnte sie
auf die Bett-Truhe herabblicken, Alain gerade ins Gesicht, wie er
im Schlafe so lieblich dalag, die drallen Fäustchen zu beiden
Seiten seines rosigen Gesichts geballt wie in rührender
Verkennung seiner Kräfte - Anne hatte darüber lächeln müssen
-, es war immer süß gewesen, ihn dann annzublicken und zu
wissen, daß man ihn beschütze: Anne öffnete die Augen und
beugte sich nieder. Da stand die Wiege dicht vor ihr, weiß wie
Schlehdorn, Alain lag darinnen, doch er war nicht rosig, Alain
hatte auch die Fäustchen nicht geballt, Alain - o Gott, es war
ja gar nicht Alain, es war der kleine schlummerlose Prinz, dessen
Leben das Meer verlangte! Anne starrte ihn entsetzt an. Sein
winziges Gesicht war weiß wie der Wiegenflor, die Haare klebten
feucht von Angst und Schweiß an seiner Stirne, die Mundwinkel
waren von der ausgestandenen Qual verzogen, aber es lag trotz
allem etwas Wohliges über sein kleines Gesicht ausgegossen, er
atmete kaum hörbar, aber sanft und ruhig, er hatte die Augen
geschlossen - er schlummerte: Anne hatte ihn in Schlaf gesungen!
Sie fühlte eine seltsame Verwirrung - es überkam sie plötzlich
wieder jenes zärtliche Erbarmen wie bei Alains Anblick, sie
vergaß ganz, wer dieses Kind war, sie sah nur, daß es noch viel
winziger und schutzbedürftiger war als jener; je länger sie es
ansah, desto rührender erschien es ihr. Sie hätte es auf ihre
Arme nehmen mögen, wie sie sich immer gewünscht hatte, mit
Alain zu tun - warum tat sie es denn nicht? Niemand konnte es ihr
wehren - Anne war ja nun groß geworden.
»Wenn du groß
bist«, hatte Enora gesagt, »so nimmst du ein Kind auf den Arm,
dem du selbst das Leben gegeben hast.« - Anne fühlte einen
durchdringenden Schmerz, so, als werde sie zum zweiten Mal von
allen Lieblichkeiten ihrer kargen Heimat fortgerissen, nein, vom
Urland ihres tiefsten Wesens - denn sie stand doch hier, um einem
Kind den Tod zu geben. Erschauernd blickte sie es an. Es würde
nicht lange dauern, nicht so lange, wie ihre Urmutter Avoise
gebraucht hatte, um der britischen Besatzung von Schloß Reaux
das Schlummerlied zu singen - der kleine Prinz war ja so schwach
und elend. Wenn Anne noch ein wenig weiter sang, so würde sein
Atem unhörbar werden, und noch ein wenig weiter, so würde er
aussetzen, und noch ein wenig weiter, so würde er verstummen,
eingelullt und fortgespült von dieser sanften, träumerischen
Melodie, die so kindlich war wie der Laut der kleinen Wellen am
Ufer, wenn sie einen Nachen schaukeln, und doch der abgründigen
Tiefe so nahe wie jene - so nahe, wie der Schlaf dem Tode ist -,
so nahe, daß man beide mit demselben Namen rufen konnte.
Das Kind weinte jetzt plötzlich auf - auch Alain hatte manchmal
mitten im süßesten Schlummer so ängstlich aufgeweint; man hätte
meinen können, daß er den Blick der Todesfrau gespürt, die
neben seiner Wiege stand - Anne trat unwillkürlich einen Schritt
zurück. Dabei ward sie inne, daß die Decke von der Wiege halb
herabgeglitten war; sie näherte sich wieder und zog sie behutsam
hinauf. Indessen weinte das Kind abermals, Anne mußte Sorge
tragen, daß es nicht erwachte. Und da war es auch bereits
geschehn: eine Sekunde lang tauchte ihr Blick in die übergroßen,
feierlichen Kinderaugen: es war ihr, als wisse dieses winzige
Wesen um sein Schicksal. Sie mußte plötzlich an den jungen
Herzog ihres Volkes denken: so mochte er im letzten Augenblick
den königlichen Mörder angeblickt haben. Erblassend wandte sie
sich ab, dem Meere zu - es sah aus, als wolle sie das Bild dort
in der Wiege von sich streifen wie vorhin den Schmuck der jungen
Königin. Sie faltete abermals die Hände und begann zu singen.
Ihre Stimme war noch viel leiser als zuvor, sie hatte etwas Inbrünstiges
und Flehendes bekommen, ja fast etwas Beschwörendes. Sie schien
das Meer um seinen Beistand anzurufen, allein sie konnte es beim
Singen nicht ansehen, sie mußte aufs neue die Augen schließen:
Nun war sie wieder in dem dämmrigen Gemache ihres elterlichen
Hauses, aber sie vernahm nicht mehr den süßen Gesang ihrer
Mutter, sondern sie vernahm ihre Urmutter Avoise, wie sie in
jener Nacht der britischen Besatzung von Schloß Reaux gesungen
hatte. Anne war damals wach gewesen, obwohl ihr doch die alte
Kindsmagd Enora Wachs in die Ohren gesteckt hatte - alle Bewohner
von Schloß Reaux hatten das in jener Nacht tun müssen, um nicht
mit den Briten einzuschlafen. Aber Anne hatte das Wachs in ihren
Ohren ein wenig gelockert, und jedesmal, wenn Frau Avoise auf
ihrem Gange durch das Schloß an ihrer Tür vorbeigekommen war,
hatte sie ihre Stimme einen Augenblick lang vernehmen können:
sie war leicht und licht gewesen wie die Silberhaare auf dem
Haupte der Greisin, es schien unbegreiflich, daß diese leichte,
lichte Stimme viele, viele starke Männer überwältigen konnte.
- Gegen Morgen hatte Enora die Tür ein wwenig aufgemacht, Anne
hatte durch den schmalen Spalt im fahlen Licht der Frühe die
nackten Arme der Männer erblickt, die mit entblößten
Schwertern hinter Frau Avoise hergeschlichen waren, um zustoßen
zu können, wenn etwa doch noch einer der Briten von seinem Lager
auftaumeln sollte - aber es war keiner aufgetaumelt. Die Männer
hatten eine wilde, trübe Freude im Gesicht getragen, als ob sie
den Siegesjubel nur mühsam verhielten, aber das Gesicht der Frau
Avoise war ohne Siegesjubel gewesen, still, geheimnisvoll und
klar, trotzdem war es Anne viel schauerlicher vorgekommen als
jene; sie hatte damals nicht gewußt, warum, aber jetzt wußte
sie es, denn eine Frau kann sich doch nicht zum Werkzeug des
Todes hergeben - eine Frau ist doch dazu da, um das Leben zu
schenken! Sie fühlte, wie sich aus allen Tiefen ihrer Natur und
aus allen Quellen ihres Geblüts ein weiches und zartes, aber
zugleich sehr starkes Verlangen erhob, ein gewaltiges, ja
geradezu unüberwindliches Verlangen. Sie wich zitternd davor zurück,
immer weiter von der Wiege fort der Öffnung des Zeltes zu, so daß
sie den Salzgeschmack der See auf ihren Lippen spürte; aber je näher
sie zu der Brüstung des Schiffes kam, desto unentrinnbarer wuchs
dies Verlangen. Es war ihr, als leuchte das Meer durch ihre
geschlossenen Augen hindurch in ihr Inneres hinab, es wurde so
durchsichtig hell darinnen wie vorhin unter dem Zelt, als die Königin
ihr Schuldbekenntnis abgelegt hatte - sie konnte sich bis in die
letzte Falte ihres Seins erkennen: Anne vermochte plötzlich
nicht mehr weiter zu singen. Es war, als habe nun das Meer auch
sie vor sein Gericht gezogen. - Sie wollte niederknien und sein
Erbarmen anflehen, aber sie konnte selbst das nicht mehr, vor
Todesangst um das Kind - sie konnte sich nur noch in ihr eigenes
Erbarmen, sie konnte sich nur noch an die Wiege retten.
Das Kind lag beklemmend still da - jetzt mußte Anne es wirklich
in die Arme nehmen, um sich seines Lebens zu versichern. Sie tat
es zitternd: es war leicht wie ein Neugeborenes - Anne hatte nie
ein kleines Kind im Arm getragen -, erschauernd spürte sie die Wärme
seines winzigen Körpers an dem ihren: es atmete, es schlief, nur
tiefer als zuvor! Anne fühlte eine Seligkeit, als sei sie selbst
aus Todesnot genesen. >So muß es sein<, dachte sie,
>wenn man einem Kinde das Leben gegeben hat - so muß es sein.<
Dabei fielen ihr wieder Enoras Worte ein, aber jetzt war der
Erinnerung eine unbekannte Süße beigemischt. >Ich habe ihm
das Leben gegeben<, dachte sie, >ich habe ihm das Leben
gegeben - es schläft, es ist gesund, es ist gerettet.< -Es
kam sie ein so tiefer Friede an, als habe sie den Sinn ihres
eigenen Lebens erfüllt, sie mußte immerfort die Worte
wiederholen: >Ich habe ihm das Leben gegeben - ich habe ihm
das Leben gegeben<, - es war, als ob sie alles andere
vergessen hätte und mit dem Kinde ganz allein auf Erden wäre.
Aber schon wurde sie mit jäh geschärften Sinnen inne, daß sie
es nicht war - ganz unvermittelt mußte sie an Budoc denken. Und
da sah sie ihn auch wirklich aus dem Hintergrund des Zeltes
tauchen. Er sprach kein Wort, er blickte sie nur an, als habe er
sie die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen. Sie wollte
fragen: >Was willst du von mir?< Allein sie wußte es ja -
wieder blickte sie durch seine Augen in den Abgrund einer wilden
wandellosen Treue. Diese Augen fragten sie: >Wirst du zu Ende
singen?<
Sie schüttelte stumm das Haupt und drückte das Kind an sich.
Budocs dunkles Gesicht wurde vor Schmerz und zorniger Enttäuschung
bleich. Er trat dicht an sie heran, so daß sie seinen Atem an
ihrem Gesicht spürte. »Anne«, flüsterte er, »du weißt, an
der Wiege aller, die im Meere ertrinken, steht die Todesfrau - du
warst noch ein Kind, als sie zu deinem kleinen Bruder Alain kam -
bist du wirklich sicher, daß sie nur um seinetwillen lauschte?«
Es war eine verhaltene Drohung in seinen Worten -, Anne verstand
sie augenblicklich. Sie sah seine nackten Arme, die sie vorhin
aus dem Boot gehoben hatten, als sie nicht gewußt, wollte er sie
wie einen Jubelschrei der Rache emporschleudern oder ins Meer
werfen. Allein sie spürte sonderbarerweise keine Furcht - ihr
war, als habe Budoc über sie nicht die geringste Macht; sie lächelte
- sie glaubte plötzlich nicht mehr an diie Todesfrau.
Er sah sie unbeweglich an, sie fühlte, daß er sie zum letzten
Male fragte: >Wirst du zu Ende singen?< Wieder schüttelte
sie stumm das Haupt und drückte das Kind an sich. Er wurde noch
um einen Schein blässer - nie hätte Anne geglaubt, daß sein
dunkles Gesicht so tief erblassen könne. Langsam wandte er sich
zum Ausgang des Zeltes und ließ das hochgebundene Segeltuch
herabfallen. Nun war es fast lichtlos um sie beide. Anne konnte
Budocs Gestalt nicht mehr erkennen, aber sie spürte jetzt die Nähe
seiner nackten Arme wie etwas Schreckliches - sie mußte plötzlich
an die Männer denken, die hinter Frau Avoise hergeschlichen
waren. Blitzartig durchzuckte sie die Gewißheit: seine Arme
suchten das Kind! Sie stieß einen leichten Schrei aus, riß den
Vorhang zurück und stürzte, das Kind fest an sich gepreßt, an
Deck. Im nächsten Augenblick war sie von den Frauen der Königin
umringt.
Man nahm ihr den kleinen Prinzen aus den Armen. Sie hörte den
leisen Jubelruf der jungen Königin beim Anblick des
schlummernden Kindes, sie vernahm den froherregten Flüsterchor
der Frauen. Auf sie selbst gab in der allgemeinen Freude niemand
acht - es war ja nicht ihr Kind, dem sie das Leben geschenkt
hatte, es war das Kind der fremden Frau, das Kind der Feindin und
des königlichen Mörders. Anne sah, wie man es der jungen blühenden
Amme an die Brust legte, die es im Triumph unter das Zelt zurücktrug;
alle folgten: Anne war wieder allein unter dem offenen Sternendom
des Himmels wie vorhin, als sie das Meer nach ihrem jungen Herzog
befragt hatte - aber jetzt befragte das Meer sie nach ihm! Und
nun mußte Anne Rechenschaft ablegen, nun mußte sie sich diesem
heiligen, schauervollen Wesen stellen, dem sie vorhin in ihren
Todesängsten um das Kind entlaufen war. Es lag so weiß da, als
seien alle Sterne der Milchstraße darin ertrunken, strenge lag
es da, wie der Spiegel eines ehernen Gesetzes, unbeweglich, wie
ein alldurchdringendes Auge - wieder war es Anne, als werde sie
bis in die letzte Falte ihres Seins durchleuchtet. Sie suchte
sich nicht zu verbergen - wo hätte Anne sich vor dem Meer
verbergen sollen? Das Meer war wie Gott! Anne hatte es befragt,
und es hatte ihr geantwortet, es hatte ihr die Vollstreckung
seines Urteils anvertraut - seines heiligen gerechten Urteils.
Anne dachte nicht daran, dieses Urteil anzutasten: Mord schrie
nach Sühne! Sie fühlte, daß sie vor dem Meere schuldig war,
allein sie fühlte keine Reue. Es war ihr, als sei sie einem
andern Richter unterworfen, allmächtig wie das Meer, heilig wie
das Meer, aber nicht nur gerecht wie jenes, sondern auch
erbarmend wie ihr eignes Herz - es war ihr, als sei Gott hinfort
Mensch geworden.
Aber wie sollte Anne in dem Gericht, vor dem sie stand, das wohl
vertreten? Wie durfte sie hoffen, es dem Meere, diesem großen
schauervollen Wesen, verständlich zu machen? Sie verstand es ja
selbst nicht! Und was sollte sie als Sühne für den Mord an
ihrem jungen Herzog bieten? Sie wußte es nicht. Sie konnte sich
in ihrer frommen Einfalt weder verantworten noch erklären - sie
konnte sich nur selbst hingeben: kindlich gläubig neigte sie das
Haupt.
Indem erblickte sie Budocs dunkle Gestalt, die in einiger
Entfernung über dem Schiffsrand emportauchte - wieder erschien
er ihr wie ein Geschöpf der Tiefe, dessen Bote er vorhin gewesen
war. Er stieg an Bord und näherte sich ihr. »Der Nachen ist
bereit, Anne de Vitré«, sagte er kurz, »komm!« Sein Gesicht
hatte etwas Verschlossenes und Herrisches, aber seine Stimme
klang ganz ruhig, fast teilnahmslos. Wieder fühlte Anne sich
ohne Furcht, wieder war es ihr, als habe Budoc keine Macht über
sie. Willig folgte sie ihm zum Bug des Schiffes, wo das Boot im
Wasser lag. Es schaukelte leicht - das Meer erschien plötzlich
sanft und freudig erregt. Anne spürte an der Stirn den Hauch
eines kleinen Windes, der sich aufgemacht hatte. Der Morgen dämmerte,
doch auf den Schiffen rings war es noch totenstill, nur aus dem königlichen
Zelt klang immer noch gedämpft der frohe Flüsterchor der Frauen.
Budoc beugte sich stumm herab, um Anne ins Boot zu helfen. Sie fühlte,
wie seine nackten Arme ihre Knie umfaßten, er hob sie auf -
wiederum hochauf, als gelte es, einen Jubelschrei der Rache
emporzuschleudern -, es galt den Jubelschrei der Rache: er
kostete ihn voll aus. Einige Sekunden lang schwebte Anne
bewegungslos, von seinen Armen festgehalten, über der Flut: sie
erblickte noch das viel zu frühe Rosenrot des Morgens, das den
Horizont bekränzte, sie sah noch, wie auf dem fernen
Geleitschiff, das sie hergetragen hatte, ein Segel gehißt wurde,
als steige ein Schwanenflügel über der Flut auf - dann ließ
Budoc sie fallen. Die Wasser schlugen brausend über ihr
zusammen, Anne stürzte ins Meer, hinab in die bodenlose Tiefe -
dorthinab, wo man alle Dinge mit demselben Namen rufen kann. Es
kam die Qual des Ertrinkens - plötzlich nahm sie wieder jemand
in die Arme - sie war gerettet -, das Leben ward ihr geschenkt!
Die brausenden und sausenden Gewässer wurden sanft wie die
kleinen Wellen am Strande, wenn sie einen Nachen schaukeln - Anne
hörte dicht an ihrem Ohre eine Stimme, süß wie die Stimme der
Mutter an der Wiege ihres kleinen Bruders Alain: sie sang
dasselbe Lied, das Anne dem Kind des königlichen Mörders
gesungen hatte - sie sang es zu Ende.