Der goldene Fisch
In einem schönen,
von Gott erschaffenen Garten,
lebten einmal
ein Mann und eine Frau.
Gott hatte ihnen
die Pflege der Pflanzen
und Bäume anvertraut,
die Sorge um die Fische,
die Vögel und die Landtiere.
Dafür schenkte der Garten
dem Mann und der Frau alles,
was sie zum Leben brauchten,
Nahrung und frisches Wasser,
den Tag und die Nacht,
den Lauf der Sonne,
den Wechsel des Mondes,
den Stand der Sterne,
die Jahreszeiten:
den Frühling, den Sommer,
den Herbst, und den Winter.
Eines Tages entdeckten
der Mann und die Frau
in einem Fluß
einen Fisch.
Er besaß goldene Schuppen.
Aber als sie ihn fangen wollten,
entwischte er ihren Händen
und schwamm davon.
Der goldene Fisch
ließ dem Mann und der Frau keine Ruhe mehr.
Sie fingen ihn an
zu suchen,
und ihre Wege trennten sich.
Der Mann ging an dem rechten,
die Frau an dem linken Ufer entlang.
Beide hofften,
dem anderen
mit dem Fang
zuvorzukommen.
Der Wunsch,
den goldenen Fisch zu besitzen,
beherrschte alle ihre Gedanken.
So kam es,
daß sie den ihnen anvertrauten Garten
mehr und mehr vergaßen,
die Pflege der Pflanzen und Bäume,
die Sorge um die Fische,
die Vögel und die Landtiere.
Die großen Pflanzen
zerstörten die kleinen,
und die starken Tiere
töteten die schwachen.
Von den vielerlei Arten
der Pflanzen und Bäume,
der Fische, der Vögel
und der Landtiere
wurden immer weniger.
Und eines Morgens,
als der Mann und die Frau
aufwachten,
war der Garten verödet
und der Fluß ohne Wasser.
Erschrocken machten sie sich auf,
um nach einer Quelle zu suchen.
Dort trafen sie sich
nach vielen Tagen und Nächten.
Die Quelle war ausgetrocknet,
und auf ihrem Grund
lag der goldene Fisch.
Er war tot.
Da schauten sich
der Mann und die Frau in die Augen
und weinten zum erstenmal
Sie wußten,
daß sie den ihnen anvertrauten Garten
für immer verloren hatten.
Auch Gott
trauerte um seinen Garten.
Aber als er sah,
wie der Mann und die Frau
niederknieten,
um mit ihren Händen
nach einer neuen Quelle zu graben,
hatte er Erbarmen.
Und weil er wußte,
daß sie es allein
nie schaffen würden,
einen neuen Garten zu bauen,
schenkte er ihnen Kinder
und den Kindern dieser Kinder die Verantwortung.
(Max Bollinger)