Textgrundlage: S.194
("Mein letzter Flug...") - 196 ("...Marmor, körnig-")
- Ordne die Textstelle mit wenigen S&aumml;tzen in den
Handlungszusammenhang des Romans ein
- Inwiefern ist dieser Textausschnitt geeeignet, die Entwicklung
Walter Fabers im Vergleich mit dem ersten Flug (S. 7-10) zu
verdeutlichen?
In dem meistgelesenen Roman des 20. Jahrhunderts "Homo Faber"
von Max Frisch, geht es um den Ingenieur Walter Faber, dessen
rationales Weltbild durch verschiedene Ereignisse im Laufe der
Handlung zerbricht.
Nachdem Sabeth gestorben ist, muss Walter Faber aus geschäftlichen
Gründen nach Düsseldorf. Dort führt er seine Filme vor, die er
auf seiner Reise gedreht hat, da seine Firma an der Plantage
seines Freundes Herbert, Interesse haben könnte. Als er schließlich
Sabeth auf der Leinwand sieht, kommt alles Geschehene wieder hoch
und er merkt, dass er in der Firma nichts mehr verloren hat, dass
er nicht mehr so leben kann. Er verlässt die Firma und fährt
zuerst nach Zürich, in seine Vaterstadt. Dort trifft er seinen
ehemaligen Professor O., der stark gealtert ist. Zusammen gehen
sie ins Café Odéon. Doch Walter Faber merkt, dass auch der
Professor, sein altes Vorbild, welches er lange Zeit bewunderte,
welches Inbegriff seiner rationalen Weltanschauung war, nun vom
Tod gezeichnet, ihm fremd geworden ist. So fliegt er am gleichen
Tag weiter nach Griechenland zu Hanna. Dort hat er auch seinen
Operationstermin wahrzunehmen.
Man kann folglich erkennen, dass in Walter Faber eine Wandlung
stattgefunden hat. Bei seinem ersten Flug, nimmt er alles sehr
technisch wahr. Die "Propeller, [die]
blinkten [...], die üblichen Scheiben [...], ebenso [...] die
Tragflächen." (S. 9)
Er fühlt sich in seiner Umgebung vollkommen vertraut und sicher.
Es ist für ihn ein "Flug wie hundert
andere zuvor" (S.9) Ganz anders bei
dem Flug zu Hanna. Er schaut aus dem Fenster und sieht "Täler
im Schräglicht des späten Nachmittags, Schattenhänge,
Schattenschluchten [...] (S. 195). Er will "Heu
riechen" und wünscht sich auf der
Erde zu sein, um jenes, was er sieht, auch zu fühlen, zu riechen
und zu schmecken. Gefühle, Gedanken kommen in ihm auf, die ihm
bei seinem ersten Flug fremd waren. Er fühlt sich nicht wohl im
Flugzeug, sondern eingeengt, geradezu bedroht: "[Die]
Zone des Lebens, wie dünn sie eigentlich ist, ein paar hundert
Meter, dann wird die Atmosphäre schon zu dünn, zu kalt
[...]" (S. 195).
Anders ist es auf der Erde, auf der man einfach leben kann, ohne
jegliche Technik, wie in einer "Oase"
(S. 195).
Aber Faber geht noch weiter. Er fängt ein Spiel an, das er einst
mit Sabeth gespielt hatte. Er beschreibt, vergleicht, was er
sieht, mit anderen Dingen und seine Assoziationen fallen so gar
nicht technisch aus: "Die Felsen im späten
Licht: wie Gold. Ich finde: Wie Bernstein".
Er weiß, was sie, Sabeth, sagen würde, wie sie denken und fühlen
würde, weil auch er begonnen hat, so zu denken und zu fühlen
wie sie.
Würde er am Ende sogar "mit dem Tod
bezahlen" (S. 196) um ein Licht des
Gipfelkreuzes zu sehen, um für einen Moment glücklich zu sein?
Bei seinem ersten Flug hätte er nie einen Gedanken verschwendet,
den Tod verdrängt, weil unkontrollierbar.
Aber nicht nur seine Einstellung zur Technik und zur Natur hat
sich verändert, nein, auch jene zu Frauen. Die Gedanken an Ivy,
die ihn nervte und die er nie im Leben, so wie keine andere Frau,
je geheiratet hätte. Und jetzt die Gedanken an Sabeth, der er
einen Heiratsantrag gemacht hatte. Auch Hanna, zu welcher er
unterwegs ist, die er heiraten will. Überhaupt hat er gemerkt,
wie wichtig andere Menschen sein können. Er will nicht mehr "allein
sein" (S. 7), ist nicht mehr "unhöflich"
(S. 8) und überheblich. Sehnsucht nach
Heimat?
Auch seinen "American way of life"
hat er schon vor dem Flug zu Hanna, in Kuba abgelegt, wo er noch
seinen Sitznachbarn des ersten Fluges verachtete, da dieser "im
ganzen fand, [daß] [...] Amerikaner kulturlos" (S.9)
seien.
Vor allem aber hat Faber aufgegeben sich selbst zu täuschen und
zu rechtfertigen. Seinen Magen spürt er nicht mehr einfach nur
so, um zu wissen, "dass man einen Magen
hat" (S. 10), sondern er weiß und
akzeptiert, dass er Magenkrebs hat und fliegt nach Griechenland,
um gegen das Schicksal, das ihm sonst vielleicht drohen würde -
der Tod, etwas zu tun.
Wo er im Flugzeug seinem Nebensitzer über seine Tätigkeit erzählt
und meint "er könne darüber sprechen,
während er ganz andres denke", dies
aber sichtlich nicht tut, darüber jedenfalls nicht berichtet,
weicht er beim Flug zu Hanna nicht aus: "Ich
habe anderes im Kopf - was eigentlich?".
Auch zeichnet Walter Faber im Café beim Treffen mit dem
Professor etwas auf den Tisch, wo er zuvor der Ansicht war, dass
gerade der Mann für technische Berufe bestimmt sei und nur in
diesen aufginge. Den Ruinen - Künstler, den er auf seiner Suche
nach Joachim traf und verachtete, scheint er auch vergessen zu
haben. Überhaupt hat er gemerkt, dass seine Arbeit, "technische
Hilfe für unterentwickelte Völker"(S. 10),
für die er zuvor in gewissem Sinne lebte, die er pries und über
die er stolz erzählte, nicht das ist, was er will, was er
braucht. So kündigt er diese Mittels einer Depesche in jenem
Flug nach Griechenland.
So kann man abschließend sagen, dass sich Walter Faber in seiner
Einstellung zur Technik, zur Natur, zu den Frauen gewandelt hat
und somit sein Credo der Wissenschaft und Rationalität, nicht
mehr länger ausschlaggebend für ihn ist.