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Wieso nur quält uns manchmal diese Traurigkeit, von der wir nicht wirklich wissen woher sie kommt. Die plötzlich da ist, uns ganz ausfüllt, uns den Atem raubt, schmerzt und weh tut.

Was nur will sie uns sagen und was nur können wir tun, damit sie wieder weicht?

Und wie ist die Schwäche beschaffen, die oft mit dieser Traurigkeit einhergeht? Was genau ist es, das uns lähmt, uns die Kraft raubt und was vor allem können wir tun um diese wiederzuerlangen? Diese Kraft und Stärke, die zum Leben unabdingbar notwendig ist, ohne die wir langsam, Stück für Stück kaputt gehen.

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So gerne hätte sie ihren Kopf abgeschaltet. Auf einen Knopf gedrückt und damit dem ewigen Denken, Grübeln und Nachsinnen ein Ende bereitet. Es war ja nicht so, dass ihr dieser Zustand nicht bekannt gewesen wäre. Schon immer hatte sie einen Hang dazu gehabt Gott und die Welt, die Dinge die sie zu erledigen, die Aufgaben die sie zu bewältigen hatte, ihre Mitmenschen zu zerdenken. Aber dieser Zustand war gerade wieder einmal dabei Überhand zu nehmen, ganz von ihr Besitz zu ergreifen, ihr die Luft zum Atmen und die nötige Kraft zum Handeln zu nehmen. Aber sich dagegen zu wehren erschien ihr sinnlos. Sie wusste einfach nicht, wie sie das anstellen sollte. Was sie auch tat, irgendetwas zum nachdenken fand ihr Kopf immer. Da tauchte entweder die allgemeine Frage nach dem Sinn des Daseins und der Beschaffenheit der Welt und Gesellschaft auf, oder aber sie hatte sich auf Grund von Selbstzweifel und Ängsten mit der Frage herum zuschlagen, ob sie jemals das Ziel, dass sie sich gesetzt hatte, erreichen würde und ob sie das, was sie gerade tat oder zu tun hatte überhaupt könne, schlimmer noch, ob sie es überhaupt tun wollte, oder aber sie zerbrach sich, wenn nicht über die Gesellschaft oder sich selbst, doch über die Probleme und Schicksäle eines lieben Mitmenschen den Kopf. Sie hatte einfach viel zu wenig Distanz zu all den Dingen, mit denen ein Mensch in seinem Leben konfrontiert wird.

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Da waren immer die gleichen Formulierungen in ihrem Kopf. Sie litt sehr darunter. Ja, sie hatte Freude am fabulieren, am Spiel mit den Wörtern, die alle so verschieden schmeckten, in den unterschiedlichsten Farben schillerten. Die einen sanft und weich, sehr leise die anderen rau und hart, berstend laut. Aber sie fand kein Genügen mehr in dem was ihre Feder zu Papier brachte. Altes, das sie einst geschrieben, erschien ihr fahl und matt. Zumindest hatte es nicht den Glanz, den sie anstrebte. Den Glanz, der als Ideal in ihr liegend Maßstab des Urteils war. Minuten, Stunden konnte sie über einem Satz sitzen, nach den richtigen Worten ringend, aber das Ergebnis befriedigte sie nie gänzlich. Ähnlich ging es ihr mit dem, worüber sie schrieb. Wie gern hätte sie ein Buch geschrieben, oder doch ein Gedicht oder wenigstens einen Prosatext, aber, aber ja, über was? Über ihre Gedanken, ihre Gefühle, über das was in ihr schlummernd nach Ausdruck verlangend an die Oberfläche drängte, darauf bestrebt sich in die Welt zu ergießen? Aber war genau dieses, nicht immer dasselbe? Die gleiche große Sehnsucht, die so viele Facetten hatte, so viele Gesichter, so viele Erscheinungen und zuletzt doch ein großes, unlösbares, unaussprechbares Rätsel blieb? Was war in ihr verborgen, dass sich der Welt mitteilen wollte? Was meinte, es sei so wichtig, dass es alle Welt hören müsse, wissen müsse? Die Kritik, die sie an der Welt, besser an der Gesellschaft und an den in dieser lebenden Menschen zu äußern hatte? Ihre Schwierigkeiten und Probleme in dieser und mit diesen klar zu kommen? Die Schmerzen, die das wiederholte Scheitern beim Versuch Sinnhaftigkeit in ihrem derzeitigen Leben zu erkennen, verursachte? Die Traurigkeit über die Unfähigkeit für Welt und Menschen so zu wirken, dass sie das Gefühl gehabt hätte etwas bewirkt, etwas erreicht, anderen etwas gegeben zu haben?

Und wenn es so gewesen wäre, hätte dieses dann überhaupt das Recht sich der Welt mitzuteilen? Wollte die Welt und die in ihr lebenden Menschen das überhaupt wissen? War es für sie von Interesse? Wäre es nicht einfach nur egoistisch von ihr all das diesen aufzudrängen? Leicht hätte sie diese letzte Frage mit einem lauten, energischen <Ja> beantworten können, aber irgendwo zog sie doch noch in Betracht, dass es anderen genauso ging wie ihr. Andere Menschen genau von der gleichen Sehnsucht, den gleichen Wünschen, den gleichen Schmerzen und Traurigkeiten, Problemen und Unzulänglichkeiten gequält würden. Waren es letzten Endes diese, die sie mit ihren Worten erreichen wollte? Und wenn ja, warum? Was wollte sie Ihnen sagen? Dass es folglich nicht nur Ihnen so gehe? Oder wollte sie Ihnen Trost zu Teil werden lassen? Wollte sie ihnen Antworten, Lösungen geben, Ihnen helfen in Worte zu fassen, was sie quält und dieses somit ertragbarer machen? Weil sie selbst so oft erfahren hatte, wie gut es tut zu spüren, dass man mit all diesem Seelenballast nicht allein dastehet. Nicht allein so oder ähnlich denkt, fühlt, sehnt und handelt.

Und war eben dieses der Grund, warum ihr Tun so sehr auf Perfektionismus ausgerichtet war? Weil sie nicht missverstanden werden wollte, weil sie Willens war stellvertretend für viele zu sprechen und dieses also nicht gut genug hätte geschehen können?  

 

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Sie musste durchhalten. Sie war sich sicher, dass sie Erfolg haben würde in ihrem Leben. Wie dieser auch immer aussehen würde. Sie würde einst mit gutem Gewissen das Gefühl haben dürfen etwas Sinnvolles getan, manchen Menschen auf die ein oder andere Weise geholfen, den ein oder anderen  weitergebracht, das ein oder andere bewirkt zu haben. Sie musste diese Zeit des Studiums, in der sie so oft das Gefühl hat in stumpfsinniger Gelehrsamkeit hinter verstaubten Büchern zu versinken, in der sie sich so oft entfernt von der Realität, vom wahren Leben fühlte, unbehelligt überstehen. Sie musste ihre Ziele immer vor Augen haben und alles mitnehmen was ihr einst zur Verwirklichung  dieser dienen würde. Geduld und Vertrauen waren nötig und der feste Glaube an das Gelingen ihres Vorhabens, so wie die Tatkraft das zu tun, was sie auf dem Weg zu diesem voranbrachte. Schritt um Schritt musste sie sich vorantasten und im kleinen Handeln und wirken, wo sie nach großer Tat sann.   

 

 

 

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