Die Dichotomie des Lebens

Es war kalt geworden. Das Kalenderblatt zeigte nun schon den November an. Die Natur schien dahinzusterben, die strahlende Oktobersonne fehlte und die Welt schaute recht grau und trist drein. Aber es war nicht nur die äußere Kälte, die in diesen Tagen so oft an ihr zerrte, sondern es war die innere Kälte, welche sie erzittern und frösteln ließ. Es war diese emotionale Kälte, welche sie so oft am Tag, so oft in den einsamen Nächten umgab. Dabei war sie ja gar nicht allein. Aber sie wusste es ja ganz genau: auch unter Menschen konnte man einsam sein. Unter ihnen gerade, und gerade dann, nämlich unter ihnen, war es doch so unheimlich schmerzhaft.


Ein heißes Bad oder eine warme Decke, eine Tasse heißen Tee, ein gutes Buch, Musik und Gitarrenspiel waren wohl beliebtes, häufiges, alt bewehrtes Trostpflaster, sie boten auch Zerstreuung, aber sie wusste, wirkliche Heilung konnten diese Dinge ihr nicht bringen. Ob es diese überhaupt gab? Da brannte ja immer diese unstillbare Sehnsucht in ihrem Herzen, diese Sehnsucht nach ... ja - nach was?


Sie schaute aus dem Fenster über die verträumte Welt, die da im halbdunkeln Schlummer vor ihr lag. Sie fand keinen Namen für diese Sehnsucht. So oft sie auch danach gesucht hatte. Da war die Möglichkeit, sie Erfolg und Karriere zu nennen, die in ihr Gestalt anzunehmen schienen, dann könnten es die großen Taten, das Erfüllen mancher ihrer Ideale sein. Ein andermal aber war es allein die Ruhe, das Verlangen nach einem Platz tief in ihrem Inneren, an dem sie weilen konnte in tiefer Geborgenheit und Harmonie mit sich und folglich auch ihrer Umwelt. Oft aber war es der Drang zu lieben, die Augen zu schließen und sich hinzugeben, einem Menschen, zu dem der Brückenschlag gelungen war.


Sie lächelte bei dem Gedanken, denn werm, wer von uns kennt diese Sehnsüchte und Wünsche denn nicht?
Vor allem aber fühlte sie sich doch recht undankbar gegenüber dem Leben, denn es war ja nicht so, dass ihr Leben nur grau und trist war, es war ja zugleich so oft wunderschön, goldgelbstrahlend, in den Momenten, in denen sich all diese Sehnsucht zu erfüllen schien, in den Momenten, in denen sie die Ewigkeit schmecken und riechen, ja fühlen konnte, in denen die Einsamkeit so ganz verschwunden war, nur die Liebe sie ausfüllte.


Und sie wusste es ja - es gehörte eins zum anderen und keines konnte ohne das andere existieren. Der März nicht ohne den November, der Erfolg nicht ohne manche Niederlage, das Glück nicht ohne die Traurigkeit und vor allem die Liebe nicht ohne die Einsamkeit. Denn, was würden uns dann noch all diese Dinge bedeuten? Wäre unsere Sehnsucht dann für immer gestillt?


Das eben war sie, die Dichtomie des Lebens, dass nichts ohne sein Gegenteil existieren kann und vor allem für uns eben nicht erfahrbar wäre. Lächelnd schaute sie, wie der Mond am Himmel Gestalt annahm und die Welt endgültig in einen friedlichen, tiefen, ja geradezu geheimnisvollen Schlummer versank.

(07.11.04)

zurück

Hosted by www.Geocities.ws

1