Vom
Bücherlesen
Es ist ein eingeborenes Bedürfnis unsere Geistes, Typen
aufzustellen und die Menschheit nach ihnen einzuteilen. Von den
"Charakteren" des Theophrast und den vier Temperamenten
unserer Großväter bis in die modernste Psychologie hinein, ist
das Bedürfnis nach Typenordnungen zu spüren. Und auch unbewußt,
teilt jeder Mensch die Menschen seiner Umgebung in Typen ein,
nach Ähnlichkeiten mit Charakteren, die in seiner Kindheit ihm
wichtig geworden sind. So fördernd und aufschlußreich nun
solche Einteilungen sind, einerlei ob sie von rein persönlicher
Erfahrung ausgehen oder nach wissenschaftlicher Typenbildung
streben - zuzeiten ist es recht gut und fruchtbar, den
Querschnitt durch das Reich der Erfahrung auch einmal anders zu
legen und festzustellen, daß jeder Mensch Züge von jedem Typus
an sich trägt, und daß die diversen Charaktere und Temperamente
sich, als einander ablösende Zustände, auch innerhalb einer
einzelnen Persönlichkeit finden lassen.
Wenn ich im folgenden drei Typen, oder besser Stufen, von Bücherlesern
aufstelle, so meine ich damit nicht, daß die Leserwelt sich in
diese drei Ordnungen teile so, daß der eine dieser, der andere
jener Gattung angehöre. Sondern jeder von uns gehört zeitweise
zu dieser, zeitweise zu jener Gruppe.
Da ist zuerst der naive Leser. Jeder von uns liest zuzeiten naiv.
Dieser Leser nimmt ein Buch zu sich wie der Essende eine Speise,
er ist lediglich Nehmender, er ißt und saugt sich voll, sei es
als Knabe am Indianerbuch, als Dienstmagd am Gräfinnenroman oder
als Student am Schopenhauer. Dieser Leser verhält sich zum Buche
nicht wie Person zu Person, sondern wie das Pferd zur Krippe,
oder auch wie das Pferd zum Kutscher: das Buch führt, der Leser
folgt. Das Stoffliche! Es gibt auch sehr gebildete, ja
raffinierte Lese, namentlich von schöner Literatur, welche
durchaus zur Klasse der Naiven gehören. Diese bleiben zwar am
Stofflichen nicht hängen, sie schätzen einen Roman zum Beispiel
nicht nach den darin vorkommenden Todesfällen oder Heiraten ein,
aber sie nehmen den Dichter selbst, sie nehmen das Ästhetische
am Buche völlig objektiv, sie genießen die Schwingungen des
Dichters mit, sie fühlen sich in seine Stellungnahme zur Welt
vollkommen ein, und übernehmen restlos die Deutungen, welche der
Dichter selbst seinen Erfindungen gibt. Was den schlichten Seelen
Stoff, Milieu und Handlung ist, das ist diesen kultivierten
Lesern die Kunst, die Sprache, die Bildung des Dichters, seine
Geistigkeit - die nehmen sie als etwas Objektives, als letzten
und höchsten Wert einer Dichtung hin, ebenso wie der junge Leser
Karl Mays die Taten Old Shatterhands als tatsächliche Werte, als
Wirklichkeit hinnimmt.
Dieser naive Leser ist, in seinem Verhältnis zur Lektüre, überhaupt
nicht Person, nicht er selbst. Er wertet die Geschehnisse eines
Romans nach ihrer Spannung, ihrer Gefährlichkeit, ihrer Erotik,
ihrem Glanz oder Elend, oder er wertet statt dessen den Dichter,
indem er dessen Leistung an Maßstäben einer Ästhetik mißt,
die letzten Endes immer eine Konvention bleibt. Dieser Leser
nimmt ohne weiteres an, ein Buch sei dazu und einzig dazu da,
getreu und aufmerksam gelesen und in seinem Inhalt oder seiner
Form gewürdigt zu werden. So wie ein Brot zum Essen und ein Bett
zum Schlafen da ist.
Man kann aber zu allen Dingen der Welt, und so auch zum Buche,
auch eine völlig andere Stellung einnehmen. Sobald der Mensch
seiner Natur folgt und nicht seiner Bildung, so wird er Kind und
beginnt mit den Dingen zu spielen, das Brot wird ein Berg, in den
man Tunnel bohrt, und das Bett zur Höhle, zum Garten, zum
Schneefeld. Etwas von dieser Kindlichkeit und diesem Spielgenie
zeigt der zweite Typ von Leser. Dieser Leser schätzt weder Stoff
noch Form eines Buches, als seine einzigen und wichtigsten Werte.
Dieser Leser weiß, wie die Kinder es wissen, daß jedes Ding
zehn und hundert Bedeutungen und Sinne haben kann. Dieser Leser
kann zum Beispiel einem Dichter und Philosophen zuschauen, wie er
sich Mühe gibt, seine Deutung und Bewertung der Dinge, sich
selber und den Lesern einzureden, und kann dazu lächeln und in
der scheinbaren Willkür und Freiheit des Dichters lediglich
Zwang und Passivität sehen. Dieser Leser ist schon so weit, daß
er weiß, was den Literaturprofessoren und Literaturkritikern
meistens völlig unbekannt ist: daß es solche Dinge wie freie
Wahl des Stoffes und der Form gar nicht gibt. Wo der
Literaturhistoriker sagt: Schiller wählte Anno so und so diesen
Stoff und entschloß sich, ihn in fünffüßigen Jamben zu
bearbeiten - da weiß der Leser, daß weder der Stoff noch die
Jamben dem Dichter zur freien Wahl offenstanden, und sein Vergnügen
besteht darin, daß er nicht den Stoff in den Händen seines
Dichters sieht, sondern den Dichter im Zwang seines Stoffes. Für
diesen Standpunkt fallen die sogenannten ästhetischen Werte fast
ganz dahin, und es können gerade die Entgleisungen und
Unsicherheiten den allergrößten Reiz und Wert haben. Denn
dieser Leser folgt dem Dichter nicht wie das Pferd dem Kutscher,
sondern wie der Jäger einer Fährte, und ein plötzlich
gefundener Blick in das Jenseits der scheinbaren Dichterfreiheit
hinein, in des Dichters Zwang und Passivität, kann ihn mehr entzücken,
als alle Reize einer guten Technik und einer kultivierten
Sprachkunst.
Auf diesem Wege noch eine letzte Stufe weiter, finden wir den
dritten und letzten Typus des Lesers. Nochmals sei betont, daß
keiner von uns einem dieser Typen andauernd anzugehören braucht,
daß jeder von uns heute der zweiten, morgen der dritten, übermorgen
wieder der ersten Stufe angehören kann. Nun also die dritte und
letzte Stufe. Sie ist anscheinend die genaue Umkehrung dessen,
was man üblicherweise einen "guten Leser" nennt.
Dieser dritte Leser ist so sehr Persönlichkeit, ist so sehr er
selbst, daß er seiner Lektüre völlig frei gegenübersteht. Er
will weder sich bilden noch sich unterhalten, er benutzt ein Buch
nicht anders, als jeden Gegenstand der Welt, es ist ihm lediglich
Ausgangspunkt und Anregung. Es ist ihm im Grunde einerlei, was er
liest. Er liest einen Philosophen nicht, um ihm zu glauben, um
seine Lehre anzunehmen, auch nicht um sie zu befeinden oder zu
kritisieren, er liest einen Dichter nicht, um sich die Welt von
ihm deuten zu lassen. Er deutet selber. Er ist, wenn man so sagen
will, völlig Kind. Er spielt mit allem - und von einem gewissen
Standpunkt aus, ist nichts fruchtbarer und ergiebiger, als mit
allem zu spielen. Findet dieser Leser in einem Buche eine schöne
Sentenz, eine Weisheit, eine Wahrheit ausgesprochen, so dreht er
sie probeweise erst einmal um. Er weiß längst, daß von jeder
Wahrheit auch das Gegenteil wahr ist. Er weiß längst, daß
jeder geistige Standpunkt ein Pol ist, zu dem es einen gleich
guten Gegenpol gibt. Er ist insofern Kind, als er das assoziative
Denken hochschätzt, nur kennt er auch das andere. Und so kann
dieser Leser, oder vielmehr so kann jeder von uns, in der Stunde,
in der er diese Stufe einnimmt, lesen was irgend er will, einen
Roman, eine Grammatik, einen Fahrplan, Schriftproben einer
Druckerei. In der Stunde, wo unsere Phantasie und Assoziationfähigkeit
auf voller Höhe ist, lesen wir ja überhaupt nicht mehr, was vor
uns auf dem Papier steht, sondern schwimmen im Strom der
Anregungen und Einfälle, die uns aus dem Gelesenen zukommen. Sie
können aus dem Text kommen, sie können sogar nur aus den
Schriftbildern entstehen. Das Inserat einer Zeitung kann zur
Offenbarung werden. Es kann der beglückendste, der bejahendste
Gedanke entstehen aus einem völlig gleichgültigen Wort, das man
umdreht, mit dessen Buchstaben man spielt, wie mit einem
Mosaikspiel. Man kann das Märchen vom Rotkäppchen in diesem
Zustand lesen, als eine Kosmogonie oder Philosophie, oder als
eine blühende erotische Dichtung. Man kann auch das "Colorado
maduro" auf einer Zigarrenkiste lesen, mit den Worten,
Buchstaben und Anklängen spielen, und dabei innerlich einen Gang
durch alle Reiche des Wissens, der Erinnerung und des Denkens tun.
Aber, wirft man mir nun ein, - ist das noch Lesen? Ist der
Mensch, der eine Seite Goethe, unbekümmert um Goethes Absichten
und Meinungen, liest wie ein Inserat oder wie ein Inserat oder
wie ein zufälliges Durcheinander von Buchstaben, überhaupt noch
ein Leser? Ist nicht die Stufe des Lesers, die du als dritte und
letzte nennst, die niedrigste, kindlichste, barbarischste? Wo
bleibt für einen solchen Leser die Musik Hölderlins, die
Leidenschaft Lenaus, der Wille Stendhals, die Weite Shakespeares?
Der Einwand ist richtig. Der Leser der dritten Stufe ist kein
Leser mehr. Der Mensch, der ihr dauernd angehörte, würde bald
überhaupt nichts mehr lesen, denn das Muster eines Teppichs oder
die Ordnung der Steine in einem Gemäuer wäre ihm genauso viel
wie die schönste Seite voll bestgeordneter Buchstaben. Das
einzige Buch für ihn wäre ein Blatt mit den Buchstaben des
Alphabets. So ist es: der Leser der letzten Stufe ist überhaupt
kein Leser mehr. Er pfeift auf Goethe. Er braucht Shakespeare
nicht. Der Leser der letzten Stufe liest überhaupt nicht mehr.
Wozu Bücher? Hat er nicht die gesamte Welt in sich selbst?
Wer dauernd auf dieser Stufe stünde, würde nichts mehr lesen.
Aber niemand steht dauernd auf dieser Stufe. Wer indessen diese
Stufe überhaupt nicht kennt, der ist dennoch ein schlechter, ein
unreifer Leser. Er weiß ja nicht, daß alle Dichtung und alle
Philosophie der Welt auch in ihm selbst liegt, daß auch der größte
Dichter aus keiner andern Quelle schöpfte als aus der, die jeder
von uns im eigenen Wesen hat. Sei auch nur einmal im Leben eine
Stunde, einen Tag lang auf der dritten Stufe, auf der das
Nichtmehrlesens, so wirst du nachher (die Rückkehr ist so leicht!)
ein desto besserer Leser, ein desto besserer Hörer und Deuter
alles Geschriebenen sein. Sei nur ein einzigesmal auf der Stufe
gestanden, wo der Stein am Wege dir ebensoviel bedeutet, wie
Goethe und wie Tolstoi, so wirst du nachher aus Goethe, Tolstoi
und allen Dichtern unendlich mehr Wert, mehr Saft und Honig, mehr
Bejahung des Lebens und deiner selbst ziehen als jemals vorher.
Denn die Werke Goethes sind nicht Goethe, und die Bände
Dostojewskis sind nicht Dostojewski, sie sind nur sein Versuch,
sein zweifelhafter und nie zum Ziel gebrachter Versuch, die
vielstimmige, vieldeutige Welt, deren Mittelpunkt er war, zu
bannen.
Versuche ein einzigesmal, eine kleine Gedankenreihe, wie sie dir
im Spazierengehen kommt, festzuhalten. Oder, scheinbar leichter,
einen einfachen Traum, den du in der Nacht gehabt hast! Du hast
geträumt, ein Mann bedrohe dich erst mit einem Stock, verleihe
dir dann aber einen Orden. Aber wer war der Mann? Du besinnst
dich, du findest an ihm Züge deines Freundes, deines Vaters,
aber etwas an ihm ist auch anders, ist weiblich, er hatte, nicht
zu sagen wie, etwas an sich, was ich an eine Schwester, an eine
Geliebte erinnert. Und sein Stock, mit dem er dich bedrohte,
hatte eine Krücke, die erinnert dich an den Stock, mit dem du
einst deine erste Fußwanderung als Schüler gemacht hast, und da
brechen hunderttausend Erinnerungen ein, und wenn du den Inhalt
des einfachen Traumes festhalten und aufschreiben willst, sei es
auch nur stenographisch und in Stichworten, so kannst du, ehe du
nur bis zum Orden kommst, schon ein Buch voll geschrieben haben,
oder zwei, oder zehn. Denn der Traum ist das Loch, durch das du
in den Inhalt deiner Seele siehst, und dieser Inhalt ist die
Welt, nicht mehr und nicht minder als die Welt, die ganze Welt
von deiner Geburt bis heute, von Homer bis Heinrich Mann, von
Japan bis Gibraltar, vom Sirius bis zur Erde, vom Rotkäppchen
bis zum Bergson. - Und so wie dein Versuch, deinen Traum
aufzuschreiben, sich zur Welt verhält, die dein Traum umfaßt,
so verhält sich das Werk des Autors zu dem, was er sagen wollte.
Am zweiten Teil von Goethes "Faust" haben Gelehrte und
Liebhaber nun bald hundert Jahre herumgedeutet und die schönsten
und dümmsten, die tiefsten und banalsten Deutungen dafür
gefunden. Aber in jedem Dichterwerk ist, wenn auch verhüllter,
heimlich unter der Oberfläche diese namenlose Vieldeutigkeit
vorhanden, diese "Überdeterminiertheit der Symbole",
wie die neuere Psychologie sagt. Ohne sie, sei es auch nur ein
einzigesmal, in ihrer unendlichen Fülle und Unausdeutbarkeit
erkannt zu haben, stehst du jedem Dichter und Denker beschränkt
gegenüber, nimmst für das Ganze, was ein kleiner Teil ist,
glaubst an Deutungen, die kaum der Oberfläche gerecht werden.
Die Wandlungen des Lesers zwischen den drei Stufen sind, wie sich
von selbst versteht, jedem Menschen auf jedem Gebiete möglich.
Dieselben drei Stufen mit tausend Zwischenstufen kannst du
einnehmen der Baukunst, der Malerei, der Zoologie, der Historie
gegenüber. Überall wird die dritte Stufe, auf der du am meisten
du selbst bist, deine Leserschaft aufheben, die Dichtung auflösen,
die Kunst auflösen, die Weltgeschichte auflösen. Und doch wirst
du, ohne diese Stufe ahnungsweise zu kennen, alle Bücher, alle
Wissenschaften und Künste immer nur lesen wie ein Schüler eine
Grammatik liest.
(1920)