Gedichtinterpretation : Der römische Brunnen
(Conrad Ferdinand Meyer: 1825-1898)

Auf den ersten Blick scheint es so, als beschreibe Conrad Ferdinand Meyer aus der
Perspektive eines unbekannten Beobachters, einen römischen Brunnen.
Er besteht aus drei Schalen. Oben steigt ein Wasserstrahl auf (Zeile 1) und fällt in
eine Schale und von dort in eine zweite und dritte. Diese Schalen können als die
drei Lebensabschnitte Kind, Jugendlicher, Erwachsener gesehen werden. Denn
wie die Schalen nach unten hin größer werden und mehr Wasser aufnehmen können,
so wächst der Mensch geistig und körperlich in drei deutlich bemerkbaren Phasen.

Der Aufbau des Brunnens verdeutlicht den Kreislauf des Lebens. Wie das
Wasser in die nächste Schale fließt, so sollten auch die Menschen sich
gegenseitig Helfen. Aber auch Traditionen werden, wie das Wasser, von
Generation zu Generation weitergegeben.

Jede Schale nimmt nur so viel Wasser, bis sie voll ist. Überschüssiges gibt sie
der Nächsten. Ebenso sollen die Menschen nur das nehmen, was sie zum Leben
benötigen und das Übrige an die geben, die zu wenig haben.

Alle Schalen bilden einen Brunnen und können nur so funktionieren. Genauso
sollten die Menschen eine Gemeinschaft bilden und sich gegenseitig
unterstützen, einander helfen. Gleichzeitig geben und nehmen wie auch jede
Schale nimmt und gibt (Zeile 7).

Das Auf und Ab des Lebens wird durch den Kreuzreim und das wechselnde Metrum,
anfangs Daktylus und ab Zeile vier Jambus, Trochäus verdeutlicht.
Das plätschernde Wasser, erinnert an die Höhen und Tiefen des Lebens.
Dies wird auch darin deutlich, dass das gesamte Gedicht aus nur einem Satz besteht.
Dazu kommt, dass sich ab Zeile 7 die "und's" häufen, und man beim Vortragen
immer schneller wird.

Aber auch wenn der Kreislauf des Lebens für sich geschlossen ist und weitergeht,
so hat das Leben für jeden Einzelnen, so wie das Wasser Ende Zeile 8 schließlich
"ruht", ein irdisches Ende, was zusätzlich auch durch die sich ändernde Silbenzahl
in selbiger Zeile verdeutlicht wird.

So können wir das Gedicht als eine Aufforderung sehen, über unseren Sinn zu leben,
nachzudenken. Wir sollen es den Wasserschalen gleichtun und uns von unserer
oftmals egoistischen Denkweise lösen und daran denken, dass nach uns
noch andere Generationen kommen, die auch leben wollen, dass auch wenn wir einmal
nicht mehr sind, der Kreislauf des Lebens immer weiter gehen wird.

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