Die Suche nach dem verlorenen Glück oder eine seltsame Begegnung

Früh war es. Früh und kalt und nicht das erste Mal, dass sie auf dieser Holzbank saß, bewacht von der heiligen Mutter Gottes, die ein paar Schritte weiter stand. Aber noch nie war es so früh gewesen. Der Tag war noch nicht gänzlich angebrochen, das Morgenrot lag noch über den Wiesen und dem kleinen Dörfchen, welches seit sie denken konnte ihre Heimat war. Das Gras war noch nass vom Tau und sie fröstelte. Der leichte Sommermantel, den sie fest um sich geschlungen hatte, bot auch viel zu wenig Schutz vor der Kälte. Es war schon Oktober.

Doch sie schien es nicht zu stören, oder nahm sie es überhaupt wahr? Die Kälte wohl schon, die Schönheit der Natur eher nicht, wie mir schien. Bedächtig blickte ich zuerst zur Gottesmutter, dann zu der Frau. Doch keine Chance, ich hatte meine Brille vergessen und konnte so nur die gröbsten Konturen erkennen. Langsam ging ich auf sie zu. Leise, ich wollte sie nicht erschrecken, aber auch nicht zu leise, ich wollte sie nicht überraschen. Doch sie schien mich nicht zu bemerken, sie saß da und starrte vor sich hin. Nach kurzem Zögern setzte ich mich neben sie. Sie sagte nichts, sie schaute mich nicht an, ihr Blick blieb unverändert.


Schön war sie, schön und doch älter als ich gedachte hatte. Aber es war nicht diese Art von Schönheit, die man täglich in den Modemagazinen, im Fernsehen, auf dem Laufsteg bewundern konnte, nein, sie war einfach schön. Schwarzes gewelltes Haar, welches ihr nicht bis zur Hüfte aber doch einige Zentimeter über die Schultern fiel, braune klare Augen und fein gezeichnete Lippen. Hätte ich Papier und Stift zur Hand gehabt, ich hätte wohl nicht widerstehen können sie zu zeichnen.

Die Zeit verging, eine Minute, fünf Minuten, eine halbe Stunde, wir saßen da, schauten, starrten, schwiegen. Nur das Gezwitscher einiger Vögel, das Knacken des Holzes im Walde, der hinter uns lag und unser Atmen war zu hören. Das Morgenrot war verschwunden, die Sonne arbeitete sich weiter und es sah aus, als würde es doch noch einmal ein schöner Herbsttag werden.


Mitten in diese Gedanken stand die Frau neben mir unerwartet auf. Doch es schien, als sei sie in diesem Moment aus ihrem Tagtraum erwacht, denn anstatt zu gehen, fixierte sie mich. Ja, ihr Blick war starr auf mich gerichtet. Sie hatte mich wohl nicht bemerkt, die ganze Zeit nicht. Unentschlossen stand sie da, schaute mich an und schien nicht so recht zu wissen, was sie nun eigentlich wollte, was sie tun sollte.


"Wissen sie, es ist schön hier morgens. Morgens, wenn noch nicht so viele Jogger, Hunde, Spaziergänger, Eltern und Kinder hier sind. Man kann sitzen und überlegen und nachdenken und kann allein sein. Normalerweise.", sagte sie da plötzlich unvermittelt zu mir. Für die lange Zeit des Schweigens kamen mir diese Worte vor, wie ein ganzes Buch und dieses Mal war es an mir, erstaunt zu sein. "Sie sind gerne allein?", fragte ich schließlich vorsichtig. Noch immer schaute sie mich nachdenklich an, bis sie genauso unvermittelt wie zuvor meinte: "Manchmal schon, aber nicht sehr oft, nur morgens."

Diese Frau fing an, mich immer mehr zu interessieren, so kam es dass ich sie fragte: "Wollen sie sich nicht wieder setzen und mir sagen, über was sie nachgedacht haben?" Langsam, geradezu bedächtig setzte sie sich, wobei ihr Blick auf die Marienstatue fiel. "Gedanken in Worte zu fassen war noch nie meine Kunst. Sie könnten mich falsch verstehen.", antwortete sie nachdenklich.
"Ich verstehe schon, die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse, und doch bin ich des Gedankenlesens nicht mächtig."
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, über ihre Lippen. "Der kleine Prinz, ein wahres Meisterwerk, voll schöner Wörter und Gedanken. Er, er konnte Gedanken in Worte fassen" "Wieso sollte er etwas können, was sie nicht können? Wäre das nicht irgendwie ungerecht?" Leise lachte sie. "Ungerecht? Schauen sie diese große, stolze Frau an. Meinen sie, sie hat es gerecht gefunden was mit ihrem Sohn passiert ist? Das Wenigste auf dieser Welt ist gerecht." "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Der eine findet gerecht, was ein Anderer ungerecht findet. Ist es gerecht, für schlechte Leistungen in der Schule, schlechte Noten zu geben? Ist es ungerecht, wenn der arme Tropf am Tage zuvor mächtigen Streit mit seinen Eltern hatte und sich nicht konzentrieren konnte? Das ist alles Sache des Blickwinkels.", konterte ich geradezu hitzig. Doch sie schüttelte geradezu ärgerlich den Kopf. "Wer redet von schlechten Noten, hier haben wir einen anderen Fall. Es geht um Leben und Tod."


Ich fühlte mich ihr in jedem Falle überlegen und wollte auf keinen Fall irgendwie nachgeben oder den Kürzeren ziehen. Ach ja, wie klug und weise, ja erwachsen fühlte ich mich doch. "Leben und Tod. Wie viele Philosophen und Denker werden sich darüber schon den Kopf zerbrochen haben. Will ich leben? Oder will ich sterben? Das, muss schon jeder für sich selbst entscheiden. Gerecht und ungerecht treten hier wohl in den Hintergrund." Sie seufzte leise und schien wieder ganz ruhig geworden zu sein."Wer fragt schon ob ich etwas will, oder nicht? Die Dinge kommen und gehen, sie passieren und ich stehe mitendrin, bin Zuschauerin und werde mitgerissen, oder auch nicht."

Oft hatte ich darüber nachgedacht und ich war mir sicher die Antwort zu kennen. Es musste einfach so sein. Und da ich selbst vielleicht doch nicht allzuviel Lebenserfahrung hatte, wurde nun mal wieder der gute alte Hesse zur Hilfe genommen. "Kennen sie Hesse?" Nach einem erstaunten Blick meinte sie: "Er ist nach meinen Kenntnissen schon einige Zeit tot." Dieses Kommentar schien mir nun doch recht unpassend, ermutigte mich zum Anderen aber ungemein weiter zu argumentieren. Ach ja, ich liebte sie geradezu für diesen Ausspruch, denn wie schön hatte ich die Karten in meiner Hand."Wie recht sie haben. Kennen sie die schriftlichen Hinterlassenschaften Hesses?" Da kam es wie aus der Pistole geschossen:"Siddharta, der Steppenwolf, Narziß und Goldmund, Demian, wer kennt sie nicht?" Das hätte ich ihr nun wiederum nicht zugetraut. Mir wurde erst jetzt langsam klar, dass im Grunde sie es doch war, die das Gespräch in der Hand hatte. Ich hatte sie nach Hesse gefragt und tatsächlich konnte sie ihn nicht kennen, weil er ja wirklich schon etliche Jahre tot war und ich hatte mich insgeheim über sie amüsiert, aber aufgeben, das wäre niemals in Frage gekommen und tapfer zitierte ich meinen heimlichen Meister:"Er schrieb, wenn wir schon beim Demian sind: "Wenn ein Tier oder Mensch, seine ganze Aufmerksamkeit und seinen ganzen Willen auf eine bestimmte Sache richtet, dann erreicht er sie auch. Was sagen sie dazu?" Sie schaute mich an, sie war totenbleich geworden und sie begann am ganzen Körper zu zittern. "Sie wissen ja nicht wie das ist. Nein, sie wissen es wirklich nicht. Sie können es ja gar nicht wissen, sie sie sind ja noch viel zu jung".

Beinahe schwankend stand sie auf und lief schnellen Schrittes davon. Ich blickte ihr hinterher, sah, wie sie den Kiesweg einschlug, der in den Wald führte. Ich hatte Schwierigkeiten damit, die letzten zehn Minuten gedanklich zu fassen. Es kam mir doch alles so unwirklich vor, diese Frau. Sie faszinierte mich auf eine Art, die ich nicht in Worte fassen konnte. Ja, ich kannte sie ja kaum und doch beschäftigte sie mich ungemein. In ihren Worten, so schien es mir, haben so viel erfahrene Bitterkeit, Enttäuschung und Machtlosigkeit mitgeschwungen. Für Sekunden kam mir der Gedanke, sie mit meinen letzten Worten unheimlich getroffen, ja verletzt zu haben und es tat mir leid. Am liebsten wollte ich sofort aufspringen und ihr nachlaufen, sie suchen und mit ihr reden, sie um Verzeihung bitten. Ich wollte zugeben, dass ich ja noch viel zu jung und ohne jegliche Lebenserfahrung sei und das Wissen ja doch nur alles aus den Büchern stammte, die ich gelesen hatte, aber zugleich schüttelte ich den Kopf, mir war klar, dass das eine Schnapsidee war. Zu was sollte dies auch führen? Was sollte sie sagen? Was sollte letzten Endes ich sagen? Nein, ich stand auf und ging festen Schrittes heim, entschlossen diesen Morgen mit dieser seltsamen Begegnung aus meinem Leben zu streichen.

(hier endet das Manuskript) ;)

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