chapter 7 ~ separate parties

Eine Woche war seit jenem Tag vergangen und Kaoru fehlte immer noch regelmäßig in der Schule. Er verbrachte die Vormittage alleine in seiner Wohnung, schrieb Musik, sah fern oder vergrub sich einfach nur in seinem Bett und grübelte über alles und nichts nach. Während dieser ganzen Zeit schien sein Gesicht proportional zu dem Inhalt seines Kühlschranks an Farbe zu verlieren. Er hatte keinen Appetit mehr, quälte sich mit ständiger Übelkeit und Magenbeschwerden, doch wirklich kümmern tat es ihn nicht.
Das einzige, was er neben seiner Arbeit noch gewissenhaft erledigte, waren die gemeinsamen Bandproben mit seinen neuen Freunden. Tatsächlich hatte sich Kyo bei seinem ersten "Besuch" sehr begeistert gezeigt und war seitdem fester Bestandteil der bisher namenlosen Band. Seine Stimme hatte Kaoru sofort überzeugt, obwohl er niemals bei dem Blondschopf mit einer so einzigartigen Art zu singen gerechnet hätte. Ein paar Lyrics hatte ihr Vocal ihnen auch schon vorgestellt und es war erstaunlich wie nahe Ekel und Schönheit darin beieinander lagen. Kaoru jedenfalls hatten sie fasziniert, und seiner Einschätzung nach war es den anderen ähnlich gegangen.
Sie hatten zwar noch keine festen Probezeiten, aber mit jedem Treffen in Shinyas Keller wuchs ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und bald schon wusste keiner von ihnen mehr, was er früher nur ohne die anderen drei getan hatte. Nur Kyo beharrte nach wie vor knurrend darauf, dass er lieber alleine sein würde, doch sein immer häufiger werdendes Lächeln sprach Bände.
Trotzdem fühlte Kaoru, dass noch etwas fehlte, um die Band zu komplettieren, und egal wie sehr seine Freunde versuchten, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, er hängte erneut eine Nachricht an das Schwarze Brett, auf der Suche nach einem geeigneten zweiten Gitarristen.

"Ich glaub es nicht, er ist schon wieder verschwunden!"
"Wer denn?", fragte Shinya irritiert seinen schwarzhaarigen Freund, der daraufhin genervt an die Wand hinter sich zeigte, die sie gerade auf ihrem Weg zum Klassenzimmer passiert hatten.
"Der Zettel von Kaoru. Er hat das letzte Mal, als er mal wieder hier aufgetaucht ist, bereits den zweiten hingehängt, aber der ist nun auch weg. So langsam glaube ich, irgendjemand will unsere Suche sabotieren..."
"Hört sich nach Yoshi an," meinte der Jüngere nachdenklich und verengte verärgert die Augenbrauen, "gegen den können wir nix ausrichten, versuch es lieber erst gar nicht, Toto, ja? Lass uns einfach in der nächsten Pause einen neuen Zettel hinhängen!"
Zwar war Toshiya alles andere als begeistert von der Tatsache, dass er nichts dagegen unternehmen sollte, stimmte aber schließlich Shinya zuliebe dem Blonden zu.
Eine Stunde später hing eine ehemalige Heftseite mit einem Aufruf an alle Gitarristen am Schwarzen Brett. Eine weitere Stunde später jedoch war auch dieses Blatt Papier Geschichte...

"Oi! Alles ok mit dir?" Mit einem leichten Schlag auf die Schulter setzte sich Kyo neben Kaoru draußen auf den Treppenabsatz vor der Haustür. Sie waren eigentlich gerade mitten im Proben gewesen, doch nun nach einer Stunde mehr oder weniger ernsthaftem Schuften verlangte es die beiden Kettenraucher nach einer Zigarette und Toshiya nach einer generellen Pause. Shinya war der einzige von ihnen, der im Proberaum geblieben war und den beiden Rauchern nachdenklich hinterhergesehen hatte, nachdem Toshiya sofort in Richtung Küche verschwunden war.
Die beiden Ältesten hatten sich mittlerweile recht gut miteinander angefreundet, sehr zur Verwunderung von Kyo, der Kaoru am Anfang für einen nervigen Freak mit zuviel Optimismus gehalten hatte. Doch inzwischen kannte er ihn besser und konnte teilweise auch hinter die Fassade des Violethaarigen sehen, weiter als Toshiya oder Shinya, aber auch weiter als Kaoru es selber vielleicht gewollt hätte.
"Warum sollte etwas nicht stimmen?", wich er nun etwas verunsichert aus, zog nervös an seiner Zigarette. Er war ausnahmsweise nur leicht geschminkt, seine Haare nur mit wenigen Haarnadeln und einer Klemme hochgesteckt. Dennoch wirkten seine Augen und seine Gesichtshaut unnatürlich, und Kyo war sich immer mehr sicher, dass dies erst seit jenem Tag so war, an dem Kaoru begonnen hatte, die Schule zu schwänzen. Und auch wenn er so etwas eher ungern zugab, er machte sich seitdem ziemliche Sorgen um ihren Bandleader.
"Erzähl keinen Schwachsinn!", maulte er ihn daher unbeherrscht an, "Sogar Totchi sieht, dass es dir nicht gut geht, also denk bloß nicht, du kannst dann ausgerechnet mir etwas vormachen!"
"Du siehst alles, oder Kyo-kun?", fragte Kaoru mit einem resignierenden Lächeln.
"Nein, das ist Shinyas Aufgabe," antwortete Kyo grinsend, "Aber ich kann es fühlen..."
"Und, was sagt dir dein Gefühl bei mir?"
"Dass es dir zurzeit beschissen geht, sowohl psychisch als auch physisch." Kyo seufzte, drückte seine Zigarette vor sich auf dem Boden aus, bevor er sie über den Zaun in den Nachbarsgarten schnippte und sich dann ernst Kaoru zuwendete.
"Was ist zurzeit los bei dir, Kaoru?"
Der Ältere seufzte nur, ließ seinen Blick über die Blumen im Vorgarten wandern, während er nach passenden Worten suchte. Doch außer der Wahrheit fiel ihm nichts Brauchbares ein. So schwieg er und trat lediglich seinen nur halb aufgerauchten Glimmstängel aus, denn sich jemandem anvertrauen konnte er noch nicht, so sehr er es auch gewollt und gebraucht hätte.
"Also gut, dann finde ich es eben selber raus!", erklärte Kyo schließlich schnippisch nach längerem Warten. Doch Kaoru hatte Pech, wenn er nun dachte, er wäre bereits fertig mit ihm, denn Kyo hatte bereits einen Verdacht und wollte ihm zuerst noch etwas auf den Zahn fühlen, bevor er ihn wirklich in Ruhe lassen würde.
"Ich habe zwei Vermutungen, was es sein könnte," fing er auch gleich ohne zu zögern an, "Die erste wäre, dass etwas bei dir zuhause nicht stimmt. Ich finde es nämlich komisch, dass wir von dir bisher kein Sterbenswörtchen über deine Familie erfahren haben. Sogar von mir wisst ihr, dass meine Eltern mich völlig ignorieren, dass Totchi eine glückliche Familie hat ist offensichtlich, und Shinya hat uns auch anvertraut, dass seine Mutter gestorben ist, sein Vater irgendwo weit im Norden wohnt und Daisukes Eltern ihn nur adoptiert haben. Aber was ist mit dir? Hast du Stress mit deinen Eltern? Kommst du deshalb nicht mehr zur Schule? Was –"
"Meine Eltern...", unterbrach Kaoru schnell den ungewohnten Wortschwall des Kleineren, damit dieser nicht noch weiter auf diesem Thema rumritt, "Meine Eltern kümmern sich einen Scheißdreck um mich. Weshalb ich alleine wohne. Es ist mir ziemlich egal und ganz bestimmt nicht ein Problem für mich. Ganz und gar nicht."
"Wie du meinst...", murmelte Kyo nicht einmal halb überzeugt, beließ es aber dabei.
"Dann eben meine zweite Theorie: Liebeskummer. Wobei Yoshi und seine Freunde damit leider einiges zutun haben, was das ganze, was sowieso schon eine relativ hoffnungslose Angelegenheit ist, noch schwieriger als schwierig macht."
Kaoru schwieg daraufhin, aber Kyo war sich spätestens, als er die in seine Pulliärmel verkrampften Fäuste des Älteren sah, sicher, dass er einen Treffer ins Schwarze gelandet hatte.
Reflexartig griff er plötzlich nach den Handgelenken des Größeren und schob den Pulli nach oben. Doch die Haut darunter war unversehrt, ebenmäßig weiß. Ganz anders als...
"Nicht jeder verarbeitet seinen Schmerz auf diese Art und Weise...", belehrte ihn Kaoru mit einem leichten mahnenden Unterton, der ihm bedeuten sollte, dass er so etwas auch nicht guthieß.
"Ist auch gut so. Nur weil ich so...blöd...bin, müssen sich nicht auch die Leute um mich herum derart kaputt machen." Er sah demonstrativ in eine andere Richtung, doch seine Finger zitterten leicht, als er den Stoff wieder zurück über Kaorus Arme zog.
"Es gibt auch anderes, durch das man kaputtgeht...", meinte dieser traurig, betrachtete sein Gegenüber aus seinen tiefen Augen, bis jener ihm wieder das Gesicht zuwandte. Längere Zeit tauschten sie danach nur einen Blick aus, beide wohlwissend, dass sie wohl einige der wohlgehüteten Geheimnisse des jeweils anderen bereits in dieser kurzen Zeit zusammen herausgefunden hatten.
Schließlich war es Kyo, der die Stille und den Blickkontakt erneut unterbrach.
"Ich möchte dir mal einen gutgemeinten Rat geben, und das ungeachtet meiner schlechten Meinung von diesem Kerl: Gib ihn auf! Er ist es bestimmt nicht wert, sich mit Yoshi um ihn zu streiten..."
"Selbst wenn...ich kann nicht...", antwortete ihm Kaoru mit brüchiger Stimme, ließ seinen Kopf sinken, sodass sein Gesicht durch einige lose Strähnen teilweise im Schatten lag.
"Du hast Recht Kyo, mir geht es miserabel. Aber das ist meine eigene Schuld."
Kurz hielt er inne und verkrampfte sich noch mehr, hielt sich eine Hand an den Bauch.
"Bauchweh?", wollte Kyo sofort wissen, aber Kaoru winkte nur abwehrend ab.
"Nur ein bisschen Bauchkrämpfe, das sind die Nerven, geht gleich wieder vorbei."
"Auch auf die Gefahr hin, dass ich nun lächerlich klinge: Geh bitte einmal zum Arzt damit, du siehst nämlich wirklich angeschlagen aus."
"Danke für das Kompliment!", bedankte sich der Ältere mit einer herausgestreckten Zunge, während er anfing zu grinsen.
"Was ist denn nun so witzig?" Kyos linke Augenbraue wanderte irritiert nach oben, was den anderen nur noch breiter grinsen ließ.
"Lach mich halt aus!", maulte er daher beleidigt, "Nur, weil ich mir einmal Sorgen um nen Freund mache..."
"Danke," murmelte Kaoru plötzlich verlegen und umarmte Kyo kurz, wobei er ihm gleichzeitig durch die strubbeligen Haare wuschelte.
"Wofür denn?"
"Dafür, dass du mich tatsächlich gerade als deinen Freund bezeichnet hast..."
"Oh nein! Jetzt hab ich mich verraten!" Gespielt erschrocken hielt sich der Blonde eine Hand vor den Mund und schüttelte scheinbar entsetzt den Kopf.
"Hast du doch schon längst..." Kaoru lachte leise, veranlasste Kyo ebenfalls zu einem Lächeln.
"Jetzt ist es wieder da..." meinte er flüsternd, doch Kaoru hörte es trotzdem.
"Was denn?"
"Ach nichts..."
Nichts außer dem lebendigen Leuchten in seinen Augen, dass so lange gefehlt hatte und ihn deshalb für Kyo wie eine Puppe hatte wirken lassen.
"Wie wärfs, wenn wir mal den Spieß umdrehen? Was bereitet dir zurzeit Probleme?" Die ernste Stimmung war zurückgekehrt, auch wenn Kaoru nun deutlich entspannter wirkte. Dafür verkrampfte sich nun Kyo zunehmend.
"Das geht euch gar nichts an!", schnauzte er giftig sein Gegenüber an, fügte dann aber etwas ruhig, jedoch kein bisschen weniger kalt hinzu: "Nur weil du mir vertraust, heißt das noch lange nicht, dass auch ich dir mein Herz ausschütten muss!"
"Ah, herzlos wie eh und je!", beschwerte sich Kaoru theatralisch und stand grinsend auf, hielt dem Jüngeren eine Hand entgegen. "Los, aufstehen! Es wartet Arbeit auf uns!"
"Ah, Sklaventreiber wie eh und je!", imitierte Kyo seinen Ton frech und zog sich an der ihm dargebotenen Hand nach oben.
Kurz darauf war das leise Klicken der sich schließenden Haustür zu hören. Und der Rotschopf, der ein Stockwerk höher an seinem geöffneten Fenster saß hatte nicht nur dies gehört...

"............Die-chan?...............Hörst du mir überhaupt zu?!....Aaaargh!!!" Trotzig schrie sie mit ihrer hysterischen Stimme ins Telefon, was ihr Gesprächspartner jedoch zum Glück vorrausgeahnt hatte, sodass er den Hörer bereits auf Sicherabstand hielt. Genervt wanderten seine braunen Augen in Richtung Decke, zählten in Gedanken die einzelnen Striche in der Holzmaserung.
"Natürlich höre ich dir zu," meinte er anschließend mit ruhiger Stimme. Eine glatte Lüge. "Aber ich weiß auch nicht, ob dir jetzt das rote oder das weiße Samtkleid besser steht, mit Frauenkleidern kenne ich mich schließlich nicht aus." Leider [bis jetzt ^.~] die reine Wahrheit.
"Nun ja, dann frage ich eben Michelle. Nur beschwer dich später bloß nicht bei mir, wenn du mich den ganzen Abend mit einem Kleid ertragen musst, das dir nicht gefällt!" Ihr hohes Lachen klang durch die Leitung, und Die war sich jetzt schon sicher, dass "ertragen" für sie das richtige Wort war, nur bezweifelte er, dass dies unbedingt mit ihrer Kleidung zutun hatte.
"Bis heute Abend, Die-chan!"
"Jaja...aber nenn mich bitte nicht "Die-chan", ich mag es nicht, wenn man mich so nennt..." Zumindest nicht, wenn sie es war, die es tat.
Doch sie hatte bereits wieder aufgelegt und Daisuke somit seine wohlverdiente Ruhe wiedergegeben.
Gedankenverloren warf er das Telefon hinter sich in die Kissen, vergaß dabei sogar den Knopf zum Auflegen zu drücken. Er wollte sowieso seine Ruhe haben, wollte über seinen Gedanken brüten.
Einer dieser Gedanken war eng verknüpft mit den beiden Arbeiten, die er fein säuberlich heute in seine Schulmappe gesteckt hatte. Die vor über einer Woche geschriebene Mathearbeit. Seine und Kaorus.
Natürlich hätte er sie nicht auch mitnehmen müssen, denn ihr Lehrer hatte nicht einmal jemanden darum gebeten, sie Kaoru zu geben, doch in gewisser Weise fühlte sich Die für ihn verantwortlich. Schließlich stand nur dank dem Violethaarigen auf seiner Arbeit wie auf dessen eigener eine leuchtend rote 1-2. Und der Rotschopf wusste, dass er diese Note im Gegensatz zu seinem Helfer kein bisschen verdiente.
Aber was verdiente er schon von alldem, was er besaß?
Kopfschüttelnd nahm sich Die seinen Disc-Man, tauschte die CD mit beliebter Popmusik, die er immer in der Schule dabei hatte, gegen eine mit Rockmusik aus. Mit der nun aus den Ohrstöpseln schallenden Musik ließ er sich wieder nach hinten auf sein Bett fallen, wo er schon seit mehreren Stunden die Zeit totschlug, während er versuchte, nicht an den kommenden Abend zu denken.
Heute Abend würde er ausnahmsweise genau das bekommen, was er verdiente. Zumindest was seine Freundin anging, denn von dieser wollte er sich auf alle Fälle im Laufe der Geburtstagsparty ihres Bruders trennen. Er hatte es satt ihr und dem Rest der Welt etwas vorzuspielen, und wenn er schon nicht genug Mut hatte, um alles auf einmal zu ändern, so wollte er wenigstens aufhören, ihr so etwas wie Liebe vorzuheucheln.
Yoshi würde sicherlich nicht so erfreut darüber sein, wenn er das mitbekam. Aber vielleicht war er dann bereits schon zu dicht, um Die gefährlich zu werden, und was am kommenden Tag passierte, das konnte er sich auch noch dann überlegen, wenn es soweit war.

"Kaooooo?" Toshiyas große Bambiaugen ruhten auf ihrem Leader, während dieser seine Gitarre verstellte. "Gehen wir heute Abend feiern, gehen wir, ja?"
"Hörst du dann auf mit dieser quietschigen Kinderstimme zu reden?"
"Mou Kao~" Die Bambiaugen waren im Nu zu schmalen Schlitzen verengt. "Hast du etwa Angst, dass wir dich unter den Tisch trinken?"
"Nein, eher, dass ihr euch ins Koma trinkt, und ich euch dann nach Hause schleppen muss." Frech streckte er dem Jüngeren die Zunge entgegen, wiegte dann aber nachdenklich seinen Kopf von Seite zu Seite.
"Was gäbe es denn zu feiern?"
"Na unser Einwöchiges!", kam es von Seiten des Bassisten wie aus der Pistole geschossen, worauf sich Shinya und Kyo, die sich bisher aus der Unterhaltung herausgehalten hatten, schief angrinsten.
"Das sieht dir ähnlich Riesenbaby," stellte Kyo belustig fest, "aber denk ja nicht, dass du uns ab jetzt jede Woche Mitschleppen kannst, nur damit du mit unserer Hilfe trotz deiner Minderjährigkeit an jedem Türsteher vorbeikannst."
"Heißt das ja?" Freudig strahlte er die beiden Ältesten an, um ihre Zustimmung zu bekommen.
"Wenn Kyo das so formuliert, wird es wohl "ja" bedeuten...," murmelte Kaoru grinsend als Antwort und zupfte auffordernd an seinen Saiten.
"Weiter Jungs!"
Einstimmiges Stöhnen war die Antwort.

Erst anderthalb Stunden später beendete Kaoru ihre Probe mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, dabei immer darauf bedacht, Totchis Gejammer zu ignorieren. Angeblich hatten sie viel zu viel gespielt und er deshalb jetzt Schmerzen in den Fingern.
"Ach schade, Toto," meinte Shinya wie beiläufig, als sie den Keller verließen. "Dabei wollte ich doch mit dir Dies neues Videospiel ausprobieren, aber wenn du natürlich "unerträgliche Schmerzen erleidest", musst du wohl sofort nach Hause." Mit einem unschuldigen Mitleidsblick musterte er den Schwarzhaarigen, der in perplex ansah.
"Ähm....weißt du....", begann er und knabberte unsicher auf seiner Unterlippe herum, verzweifelt eine Ausrede für seine plötzlich verschwundenen Schmerzen suchend.
"Vergiss es Kleiner, wir wissen alle, dass du nur simuliert hast, um Kao zu nerven," half ihm nach einigen Minuten der Belustigung Kyo aus der Patsche. Er schnappte sich den Größeren am Arm und zog ihn Shinya folgend in Richtung Wohnzimmer.
"Und du spielst auch mit Kao, keine Ausrede, du brauchst mal wieder etwas Spaß!", befahl er über seine Schulter hinweg dem Bandleader, der tatsächlich in eben jenem Moment das Weite suchen wollte. Er zuckte ertappt auf und wandte sich den anderen drei zu, die nun auf seine Reaktion warteten.
"Also wisst ihr...", suchte er nach einer Ausrede, doch wieder wurde eine Ausrede überflüssig.
"Er kommt erst mal zu mir und holt sich seine Mathearbeit ab, verstanden "Kleiner"?", meinte Daisuke nun zu Kyo grinsend, der ihn nur böse anschauen konnte, da der Rotschopf nur halb die Treppe heruntergekommen war, um Kaoru zu holen.
Der wiederum wusste nicht so recht, welches von dem, was ihn erwartete schlimmer war. Eine Weile allein mit Die oder einige Zeit mit den anderen dreien, wo er sich zusammenreißen musste, damit niemand, zumindest niemand außer Kyo, mitbekam, wie dreckig es ihm ging. Aber noch während er über dies nachdachte, folgte er Die unaufgefordert in dessen Zimmer und ließ sich auf Shinyas Bett nieder. Dies Bett bedachte er mit einem misstrauischen Blick. Ihm war nicht entfallen, wie er zuletzt darin gelandet war...
"Ah, hier ist sie ja!", zog der Rotschopf wieder Kaorus Aufmerksamkeit auf sich, in den Händen ein Block, aus dem er nach einigem Suchen nun ein Bündel Blätter herauszog. Eigentlich hatte er genau gewusst, wo die Blätter des anderen in seinem Block waren, doch er hatte ihn nicht merken lassen, wie sehr er darauf geachtet hatte. Dennoch bemerkte es Kaoru unbewusst, denn Die entging, dass neben Kaorus Blättern ein weiteres Blatt den Block verlassen hatte und nun ebenso von ihm unbemerkt zu Boden segelte. Der Violetthaarige besah es sich unauffällig aus den Augenwinkeln.
"Eigentlich hätte ich gar nicht verdient, dass ich die gleiche Note gekriegt habe wie du..." Daisuke zog unsicher an seinem Hemdärmel, setzte sich Kaoru gegenüber auf sein eigenes Bett und gab ihm die Blätter, die dieser schweigend annahm. Ein kurzer Blick auf die Note, dann ließ er unbemerkt seinen Blick zurück auf das Blatt am Boden gleiten, während Die annehmen musste, dass er seine Arbeit genauer durchsah.
"Warum kommst du eigentlich nicht mehr zur Schule?", sprach jener zögernd weiter, "Geht es dir nicht gut? Hast du irgendwie Probleme zurzeit?"
"Woher hast du diesen Zettel?!", unterbrach ihn Kaoru plötzlich aufgebracht anstatt ihm zu antworten. Auffordernd deutete er auf das bis dahin heimlich betrachtete Blatt Papier, das er jetzt jedoch nicht mehr bezweifelte seinen Verdacht zu bestätigen.
Die fuhr erschrocken herum und hob den Zettel auf. In dem Moment, in dem er sah, was es war, wurde er augenblicklich weiß und er wusste, er hatte seine Chancen um Kaorus Vertrauen gerade verspielt.
"Ich dachte, zumindest Shinya würdest du nicht schaden wollen, aber anscheinend bist du keinen Deut besser als Yoshi. Nein, wahrscheinlich hat er dich auch noch dazu angestiftet." Verbittert klingend senkte Kaoru seinen Kopf. Er war nicht mehr laut und aufgebracht, sondern ruhig, doch für Die war dieser Umstand eher unangenehm als beruhigend. "Hat es Spaß gemacht, mich hinters Licht zu führen und mich glauben zu lassen, du würdest mich tatsächlich ein bisschen mögen?"
"Kaoru, ich –"
"Fass mich nicht an!" Zornig schlug er Dies Hand zur Seite, als dieser ihn beruhigen wollte. Seine Augen glitzerten, während er ihn mit einem letzten Blick bedachte bevor er zur Tür herausstürmte. Mit dem Klang der zuknallenden Haustür ein Stockwerk tiefer fiel Die der Zettel aus der Hand und er sank verzweifelt auf sein Bett.
Er hatte wirklich kein Talent mit Menschen umzugehen...Er hätte es ihm schon viel früher einmal erklären müssen...Sich mit Selbstvorwürfen quälend sah er hinab auf den Zettel, einen der vielen Flyer von Kaoru, die er alle in letzter Zeit unbemerkt hatte verschwinden lassen......

Trotz Bedenken seiner drei Freunde tauchte Kaoru am Abend an ihrem verabredeten Treffpunkt beinahe pünktlich auf. Schon von weitem sah ihn Kyo die Straße entlang ihm entgegen kommen, als er am Eingang des Clubs auf ihren Leader wartete. Dessen Outfit trug nicht unbedingt dazu bei, dass er ungemerkt bei dem Blondhaarigen ankam. Viele Blicke waren im bei seinen zielstrebigen Schritten gefolgt, hatten die in Lack und Leder gehüllte Figur ungeniert von oben bis unten gemustert. Auch Kyo kam nicht umhin, mit offenem Mund den anderen zu betrachten, der ihm vergnügt entgegenzwinkerte.
Sein Oberkörper steckte in einem Lackkorsett mit aufwendiger Schnürung und Verzierung, darunter trug er eine transparente, schwarze Bluse mit ausgestellten Ärmeln. Seine Lackstiefel reichten bis zu den Knien, darüber konnte man einiges der in einer Netzstrumpfhose gekleideten Beine sehen bis der mehrlagige Lederrock in Fetzenoptik das Gesamtbild abrundete. Kaorus Haare schließlich waren kunstvoll hochgesteckt und geglättet, während seine Schminke feminin und verführerisch wirkte, vom schwarzen, geheimnisvollen Augenaufschlag bis zu den dunkellila gefärbten Lippen.
"Na ich hoffe, du wartest auf mich!", begrüßte er Kyo, der sich zwar ebenfalls stark geschminkt hatte, jedoch auf eine komplett andere Art und Weise. Er wirkte eher abschreckend als weiblich...
"Auf wen sollte ich denn sonst warten?", kam die bissige Antwort und der Kleinere verengte seine schwarz geschminkten Augen zu Schlitzen, die weißen Kontaktlinsen stachen erschreckend hervor. "Du weißt schon, dass wir uns eigentlich vor einer Viertelstunde treffen wollten?"
"Ja, tut mir leid. Ich hab mich in der Zeit vertan und war noch nicht fertig mit Schminken..." Fast schon kleinlaut entschuldigte er sich, erwartete bereits die nächste Beschwerde, doch diese blieb aus. Stattdessen fuhr Kyo in einem beruhigenden Ton fort.
"Du hast so lange gebraucht, weil du deine geröteten Augen überschminken musstest, stimmtfs?"
"Was?" Kaoru sah ihn erschrocken an. "Sieht man sie etwa immer noch?!?"
"Nein...ich hab es nur vermutet, nachdem du heut Mittag so apathisch abgerauscht bist und aus Die auch kein Wort mehr rauszuholen war, außer dass er dich anscheinend verletzt hat..." Beruhigend zog er den Älteren hinter sich durch die wartenden Menschen, die im Gegensatz zu ihnen Probleme hatten, sich bei den Türstehern durchzusetzen.
"Die anderen beiden sind schon mal reingegangen, weil Totchi gefroren hat. Er hat sich ähnlich wie du angezogen, also kein Wunder...", erklärte er weiter und schien dabei ein wenig genervt von dem Aufzug seiner beiden Freunde, was Kaoru versuchte zu ignorieren. Wenig später jedoch wurde ihm bewusst, warum Kyo so genervt war.
Kaum waren sie an dem kleinen Tisch angekommen, den die beiden Jüngeren für sie reserviert hatten, stürzte sich bereits Toshiya auf den Gitarristen, sodass dieser sofort das Ausmaß der "Katastrophe" sah.
Der Schwarzhaarige hatte sich nicht nur in Minirock und Stiefel gezwängt wie Kaoru, nein, er trug dazu sogar Strapse, Rüschen, ein hautenges Top und ein Nietenhalsband, was so ziemlich alles an Stoff war, den er trug. Sein Gesicht war auffällig geschminkt, trotzdem trug es immer noch unverkennbar kindliche Züge.
"Kao, geht es dir wieder besser?", fragte er sofort besorgt, nachdem er den Kleineren ausgiebig geknuddelt hatte.
"Ja, alles in bester Ordnung." Es war eine Lüge, das sahen sowohl Kyo als auch Shinya, der ruhig am Tisch sitzen geblieben war. Doch Totchi genügte dies, um seinen gerade erst angekommenen Freund gleich hinter sich her auf die Tanzfläche zu schleifen.
"Er hat es schon vergeblich bei mir probiert...", versuchte der Jüngste daraufhin Kyo Toshiyas Vorhaben zu erläutern. Dieser zuckte nur nichtssagend mit den Achseln und setzte sich neben den anderen.
Schweigend beobachteten sie eine Weile das Treiben um sie herum, bevor Shinya sich verlegen räusperte.
"Möchtest du vielleicht auch tanzen, Kyo-kun?"
Angesprochener hob erstaunt eine Augenbraue. "Ich dachte, du wolltest nicht tanzen..."
"Oh, ach so...das..." Verlegen druckste er herum, fand jedoch keine angemessene Erklärung für seinen Sinneswandel, sodass er wieder ganz verstummte.
Erneutes Schweigen....bis:
"Ich tanze nicht gerne. Und schon gar nicht mit einem anderen Jungen, auch wenn er so hübsch aussieht wie du und alle hier Anwesenden dich hundertprozentig für ein Mädchen halten."
"Oh." Shinya sah unsicher zu seinem Nebensitzer, nicht wissend, ob er nun über die Absage traurig oder über das Kompliment glücklich sein sollte. Tatsächlich sah er in seinem schwarzen Rüschenkleid wie eine Puppe aus, unterstrichen war diese Wirkung noch durch das gekonnte Make-Up, dass nur teilweise die nun geröteten Wangen verbergen konnte.
Dennoch sagte keiner von ihnen ein Wort daraufhin und erst als Kaoru und Toshiya zurückkehrten setzte unter Einbeziehung der anderen eine weitere Unterhaltung zwischen ihnen ein.
Es herrschte im Laufe des Abends eine immer ausgelassenere Stimmung an ihrem Tisch. Toshiya versuchte abwechselnd Kyo und Shinya abzufüllen, was ihm bei ersterem aufgrund dessen Trinkfestigkeit misslang, bei letzterem jedoch nach und nach Auswirkungen zeigte. Kaoru hatte dem Schwarzhaarigen gleich zu Beginn seine Meinung gesagt, sodass er von ihm verschont blieb, was aber nicht hieß, dass er weniger trank als seine Freunde. Der einzige von ihnen, der bald nichts mehr trank war Kyo, was niemandem so wirklich auffiel, bis die Situation insgesamt eskalierte.
Kaoru war schon seit längerem verschwunden, als auch Toshiya plötzlich taumelnd aufsprang und in Richtung Toiletten lief. Seufzend sah ihm Kyo hinterher. Er konnte sich denken, was dem Jüngeren nun bevorstand. Das andere Nesthäkchen währenddessen versuchte sich krampfhaft auf seinem Stuhl zu halten, was ihm kläglich misslang. Mit einem plötzlichen Schrei aus Schock kippte er zur Seite und wäre beinahe zu Boden gefallen, hätte Kyo ihn nicht gehört und gerade noch rechtzeitig an den Schultern festgehalten.
"Soooo....", fing er gedehnt sprechend an und schob Shinya zurück in eine gerade Sitzposition. "Ich denke, wir sollten dich heimbringen, ne Kleiner?"
Shinya nickte benommen und sah ihn verklärt an, dann grinst er auf einmal.
"Ich hab dich *hicks* gaaaaaaaaaaaaaaanz doll lieb Kyo-chan!" Ein weites Grinsen zierte sein Gesicht, wodurch dem Älteren erstmals eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Bruder auffiel. Kurz grollte er wegen dem "chan", doch als der andere erneut hicksen musste, verwarf Kyo seine Wut. Der Kleine wusste doch eh nicht, was er in seinem betrunkenen Zustand von sich gab....
"Du rührst dich keinen Millimeter vom Fleck, hast du verstanden?! Ich gehe Kao suchen..." Ein langer mahnender Blick zu dem hicksenden etwas in Rüschen und Schleifen bevor er aufstand und sich durch die Menge quetschte, immer auf der Suche nach etwas kreischend Violettem.
Als er Kaoru schließlich zwischen all den anderen tanzenden Pärchen entdeckt hatte, stieg erneut Wut in ihm auf.
"Sag mal, spinnst du?!", schrie er ihn aufgebracht an, wobei er ihn gleichzeitig von dem Kerl losriss, mit dem er gerade heftigst rumgeknutscht hatte.
"Wasfn los, Kyo?", meinte Kaoru nur glucksend und hickste, doch der Kleinere schüttelte vehement den Kopf.
"Oh nein, so nicht Niikura!", fuhr er ihn an, wandte sich jedoch kurz mit einem bösen Blick und schneidendem Tonfall an den anderen Jungen, "Verzieh dich Dumpfbacke, der hier ist bereits vergeben!" Als dieser daraufhin schleunigst das Weite suchte, nahm er sich wieder seinen Freund vor.
"Sauf dich von mir aus zu bis du umkippst, aber versuch erst gar nicht, mir vorzumachen, du wärst wirklich betrunken genug, um einfach so mit einem anderen Kerl rumzumachen, nur um Die zu verdrängen. Das klappt vielleicht bei dir selber ganz gut, doch ich merk den Unterschied." Er schnaubte verächtlich, während Kaoru langsam in sich zusammensank. "Das Hicksen war ja nicht einmal echt! Woher ich das weiß? Nun, da hinten sitzt ein minderjähriger Drummer, der das sehr viel überzeugender hinbekommt und beinahe im Sitzen einschläft! Und unser Bassist hängt wahrscheinlich gerade kotzend über einer Kloschüssel, weshalb du jetzt sofort zu ihm gehst und dich um ihn kümmerst! Ich bezahle noch schnell und warte dann mit Shinya draußen auf euch!"
Der letzte Satz bereits wieder etwas ruhiger, drehte sich der aufgebrachte Vokal schimpfend um und bahnte sich ohne Probleme einen Weg zurück zu ihrem Jüngsten. Kaoru hingegen blieb wie ein begossener Pudel eine Weile am selben Fleck stehen und versuchte das eben Gehörte zu verarbeiten. Wie er es drehte und wendete, Kyo hatte Recht gehabt...
Beschämt fuhr er sich mit einem Taschentuch über die Lippen, wischte den letzten, verbliebenen Rest Lippenstift weg und steuerte auf die Toiletten zu.
Im Vorraum war niemand, doch man konnte unterdrücktes Schluchzen aus der Richtung der Kabinen hören und nur eine davon war abgeschlossen...
"Totchi, bist du da drin?", fragte der Violetthaarige vorsichtig und klopfte an die Tür. Das Schluchzen verstummte, ein geräuschvolles Schnäuzen erklang stattdessen.
"Kao~....ich hab ein großes Problem!", wimmerte Toshiya verzweifelt.
"Was du nicht sagst. Ich dachte, du hängst zum Spaß über der Toilettenschüssel!", erwiderte der Ältere sarkastisch und klopfte erneut an. "Machst du mir bitte auf?"
Doch ein lautes Würgen machte dies unmöglich und keuchend übergab sich der Jüngere, vermutlich nicht zum ersten Mal in den vergangenen Minuten.
"Siehst du, schon ist das Problem nicht mehr ganz so schlimm!", meinte Kaoru aufmunternd, was jedoch mit einem weiteren Schluchzen beantwortet wurde.
"Ich meinte doch nicht das Kotzen...", erklärte Toshiya mit erstickter Stimme, "Ich bin in Shinya verliebt..."
"Ach du scheiße..." war die Reaktion des anderen. Und als ein Klicken ihm endlich Zutritt zu der kleinen Kabine signalisierte, in der Toshiya sich verkrochen hatte, hatte er bereits begriffen, dass dies tatsächlich ein großes Problem sein könnte.

"Wo bleiben die denn so ewig?" Grummelnd stand Kyo neben Shinya an der Straße und wartete. Nicht, dass er von Natur aus ungeduldig war...er wollte nur nicht unbedingt noch länger mit einem betrunkenen Chibi herumstehen, während dieser ihm ständig lallend kindische Fragen stellte, die er partout nicht beantworten wollte und so ruhig es ging ignorierte.
"Kyo-kun? Welsches Glüggsbärschen is dein Lieblingsbärschen?" Zwei große, unschuldige Glubschaugen dazu und fertig ist das beste Mittel, um einem total introvertierten, ernsten Einzelgänger den letzten Nerv zu rauben. Oder den letzten Glauben daran, dass wenigstens einer seiner neuen "Freunde" normal war...
"Kyooo~o!" Quengelnd zupfte er an dem Jackenärmel des Älteren und fuhr in einer leicht weinerlichen Stimme fort. "Magsu mich etwa nisch?" Bis Kyo überhaupt den plötzlich ernsthaften Sinn der Frage flossen bereits die ersten Tränen über Shinyas Wangen und er schluchzte herzzerreißend.
"Halt, nicht weinen!", meinte er irritiert und sah sich hilflos um. Wo war Kaoru eigentlich immer dann, wenn man seine Hilfe wirklich dringend brauchte?!
"Du magst misch nisch!!", kam es verzweifelt aus Shinyas Richtung und obwohl Kyo diesmal sofort reagierte, indem er widersprechend den Kopf schüttelte, lief der Jüngere wackelig davon. Verdattert sah der Blonde ihm hinterher, er wusste nicht, ob er ihm folgen oder ihn lieber gehen lassen sollte. Aber glücklicherweise wurde ihm diese schwierige Entscheidung abgenommen, als Shinya wenige Meter von ihm entfernt durch seine Trunkenheit auf seinen hohen Schuhen nicht mehr richtig das Gleichgewicht halten konnte und schnell Bekanntschaft mit dem Boden machte.
Wie in Zeitlupe sah Kyo ihn umkippen, sah ihn fallen und sah doch nicht ihn fallen, sah jemand anderes fallen und sah doch niemanden fallen, als er bemerkte, dass die Person in der Dunkelheit vor ihm bereits auf dem Boden kauerte.
"Shinya!", rief er besorgt und eilte zu ihm, den Gedanken von zuvor schnell verdrängend. "Alles in Ordnung?"
"Klaroooo~ bin nur geflohogen!", gackerte der Drummer belustigt vor sich hin, wobei er zur Veranschaulichung mit den Armen auf und ab wedelte. Sein Gegenüber stand ihm zuerst erneut verduzt gegenüber, dann lachte er leise und ließ sich mit einem resignierten Seufzer neben seinem betrunkenen Freund nieder.
"Bist du etwa immer so nervig, wenn du betrunken bist?"
"Weiß nisch...war nosch nie betrunken..." Ein Kichern seinerseits, ein verzweifelnder Blick auf der anderen Seite.
"Dann hätten wir hiermit wohl auch geklärt, dass du es nie wieder sein wirst...", murmelte er leise, sodass der andere es nicht verstehen konnte, während er verträumt eine der Straßenlampen musterte als wäre es eine Rakete. Vielleicht dachte er das sogar...
Das Laternenlicht umspielte sanft die puppenhaften Konturen des Jungengesichts und Kyo wurde mit einmal bewusst wie sehr dieses kindliche Verhalten von gerade eben vielleicht Shinyas wirklichem Charakter entsprach, den er sonst sich nicht traute zu zeigen. Eigentlich war er ja noch ein halbes Kind, sein ernstes Benehmen war nicht normal für sein Alter, seine Höflichkeit noch weniger. Er war verunsichert, das war vermutlich alles. Und aus Angst, etwas falsches zu sagen, sprach er immer kaum. Deshalb hatte er auch an diesem Abend allein mehr mit ihm gesprochen als in den vergangen Wochen insgesamt...
"Es stimmt übrigens nicht...das, was du vorher gemeint hast," meinte er plötzlich ernst in die Dunkelheit hinein, während er seinen Blick auf den Himmel gerichtet hielt, obwohl sowieso kein Stern zu sehen war. Shinya schien ihm nicht antworten zu wollen, kurz darauf jedoch erklang ein unterdrücktes Keuchen, sodass sich Kyo besorgt zu ihm drehte und feststellte, dass seine Befürchtung eingetroffen war. Shinyas Gehirn war nicht das einzige, das die Übermenge Alkohol nicht vertrug. Sein Körper rebellierte ebenfalls gegen das unvertraute Gift und ließ ihn nun seine vergangenen Mahlzeiten rückwärts essen.
"Wird gleich wieder besser...", tröstet der Ältere ihn schließlich ungeschickt und strich ihm beruhigend über den Rücken, zog ihn von dem inzwischen verschmutzen Asphalt wieder hoch auf die Beine. Er stand sogar noch wackeliger als zuvor auf seinen dünnen Beinen, schniefte leise bis Kyo ein Taschentuch aus seiner Jackentasche hervorholte und ihm anbot.
"Seh ich das richtig, dass nicht nur Totchi wieder fast nüchtern ist?", ertönte auf einmal eine vergnügte Stimme hinter ihnen und Kaoru tauchte im Schein der Laterne auf, hinter sich her zog er Toshiya, der weniger begeistert aussah. Verwundert bemerkte Kyo seine verquollenen Augen, kam jedoch nicht dazu, ihn darauf anzusprechen, weil in diesem Moment Shinya hinter ihm strauchelte und beinahe wieder unsanft hingeflogen wäre, hätte er dies nicht gerade noch mit einem schnellen Griff nach seinen Armen verhindert.
"Bringen wir am besten zuerst den Chibi nach Hause, oder?", schlug er den anderen beiden vor, während er dem Jüngeren bedeutete, auf seinen Rücken zu steigen. Kopfschüttelnd und errötend lehnte Shinya dies ab, doch seine abwehrende Handgeste wirkte beinahe lächerlich in Anbetracht der Tatsache, dass er sich mit der anderen Hand an Kyos Schulter festhalten musste, um nicht zu fallen.
"I-ich kann doch nicht..." fing er verlegen an zu widersprechen, aber der Vocal fuhr ihm genervt ins Wort.
"Soll ich dich noch mal abfüllen, damit du etwas umgänglicher wirst?! Natürlich kannst du dich von mir nach Hause tragen lassen, sonst stehen wir hier ja noch ewig rum!! Entweder tust du jetzt sofort, was ich dir sage, oder ich überlege mir das wirklich mit dem erneuten Alkohol!"
Kleinlaut musste sich Shinya am Ende fügen und mit einem noch weitaus röteren Gesicht legte er Kyo von hinten seine Arme um den Hals, verschränkte diese und ließ sich widerstandslos von dem Kleineren oberhalb der Knie hochheben, sodass er bequem an seinem Rücken und Nacken lehnte. Langsam setzte sich die Truppe in Bewegung und jeden Moment spürte er verstärkt, wie ihn die Müdigkeit ummantelte, ihn der Sog der Geborgenheit in Verbindung mit dem vertrauten Geruch um ihn herum mit sich zog, sodass er weder noch bewusst mitbekam, dass er sich näher an seinen Träger schmiegte, noch, dass Toshiya dies alles misstrauisch aus seinen Augenwinkeln beobachtete.

Ein plötzlicher Ruck riss ihn wieder aus seinem Dämmerzustand. Sie waren stehen geblieben, weshalb war ihm noch nicht ganz bewusst, mit einem verschlafenen Blick um sich herum stellte er jedoch fest, dass sie inzwischen in der Straße seines Zuhauses angekommen waren. Warum also standen sie noch unbewegt an diesem Fleck anstatt weiterzugehen?
Dann sah er die Bewegungen mehrere Meter vor ihnen in der Dunkelheit und schrie erschrocken auf.
"Die!" So schnell er konnte kletterte er von Kyos Rücken und lief trotz Widerstand der anderen zu seinem Bruder, der sich mitten auf der Straße mit Mitsu und Taki zu prügeln schien. Überrascht über den Neuankömmling gingen sie sogar auseinander, als er sich ihnen näherte und augenblicklich neben Die auf dem Boden kniete.
Anscheinend hatten sie es zu zweit geschafft, ihn zu überwältigen, doch den Preis, den sie dafür bezahlt hatten, war nicht gerade gering. Zwar lag Die auf dem Boden und blutete stark aus der Nase, aber außer ein paar kleinen Schürfwunden hatte er keinerlei weitere Verletzungen, während Mitsu aussah, als wäre er unter einen Rasenmäher gekommen, und Taki humpelte und sich den linken, unbeweglichen Arm hielt.
Es war ihnen leicht anzusehen, dass sie sich mit vier zusätzlichen Personen nicht anlegen wollten, denn sie zeigten Anzeichen sich unbemerkt aus dem Staub machen zu wollten. Mitten in ihrem Rückzug blieb Mitsu jedoch erstaunt stehen und sah noch einmal über seine Schulter zurück.
"Niiki? Bist du das etwa?" Ein höhnisches Lachen erklang, während sein Begleiter nur genervt den Kopf schüttelte und ihn weiterzog.
Mittlerweile hatte sich Die wieder aufgerichtet und versicherte zum zehnten Mal seinem kleinen Bruder, dass ihm nichts weiter fehlte außer einem Taschentuch für sein Nasenbluten. Dadurch beruhigt entfernte sich Kaoru ein Stück weit von den anderen und sah wütend Mitsu und Taki bei ihrem Rückzug hinterher. Zu zweit gegen einen, das war wirklich das allerletzte! Wobei es ihn brennend interessieren würde, weshalb sie Die zusammenschlagen wollten...Obwohl es ihn natürlich kein bisschen interessierte, schließlich interessierte ihn Daisuke Andou nicht mehr, denn wer interessierte sich schon für Lügner und Betrüger, die einem nur etwas vorspielten. Überzeugt schüttelte Kaoru den Kopf. Nein, er würde nicht seinem Gefühl nachgeben und sich jetzt wieder umdrehen, um erneut sich zu überzeugen, dass dem Rotschopf nichts passiert war. Und er würde auch sicherlich nicht seinem Bauchgefühl nachgeben und ihn später nach dem Grund seines verletzenden Verhaltens fragen. Nein, er würde nicht seinem Bauchgefühl nachgeben, auch wenn langsam alles um ihn herum dunkel wurde und ihr schließlich gezwungen wurde, nachzugeben...
Mit einem dumpfen Aufprall landete sein Körper auf dem Grünstreifen, ließ alle Umstehenden alarmiert aufsehen.
"Wir warenfs nicht!", schrie Taki leicht panisch und verschwand schnell ganz mit Mitsu, der in schallendes Gelächter ausgebrochen war.
Kaorus Freunde aber eilten sofort zu ihm hin, versuchten, ihn wieder zu Bewusstsein zu holen. Doch alle Versuche waren umsonst, er reagierte auf keinen mehr von ihnen.
"Shinya, geh bitte ins Haus und hole Mums Autoschlüssel. Wir müssen ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen!"
Der Jüngere nickte und verschwand eiligst, dicht gefolgt von Toshiya, der bereits wieder in Tränen ausgebrochen war. Still schweigend saßen Kyo und Die neben Kaorus bewusstlosem Körper, beide erfüllt von Selbstbeschuldigungen und dem Gedanken, dass sie teilweise daran schuld waren oder es zumindest hätten verhindern können. Jeder hatte sehen können, dass es Kaoru mehr und mehr schlecht ging. Jeder hatte es gesehen, doch im Endeffekt hatte niemand etwas dagegen unternommen...

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~ lucent ~
author: hikari ai
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