chapter 3 ~ music

Auf diese Frage kann ich leider keine eindeutige Antwort geben.
Noch vor einigen Wochen hätte ich sicherlich gegrinst und dann eine lange Liste an Dingen aufgezählt, die in meinem Leben so toll sind. Heute würde ich das meiste davon als unwichtig bezeichnen. Inzwischen hat sich nämlich einiges geändert.
Vom Leben an sich halte ich immer noch sehr viel, nur von meinem eigenen nun eher weniger...
Ich bin nicht direkt unzufrieden. Jeder würde auch sagen, dass ich dazu wirklich keinen Grund hätte. Weder in der Schule, noch zu Hause gibt es Probleme; ich bin beliebt, sehe glaube ich ganz gut aus, habe gute Noten, Freunde und eine glückliche Familie.
Zumindest dachte ich dies bevor "er" bei uns auftauchte. Ob er deshalb daran schuld ist, dass sich so vieles verändert hat? Eher nicht....ich bezweifle mal stark, dass er wollte, dass alles so kommt. Er trägt keinerlei Schuld. Und um das endlich einzusehen, habe ich tatsächlich mehrere Wochen gebraucht. Wochen, in denen ich ihn ignoriert und gemieden habe. Nicht gerade einfach, wenn man zusammen ein Zimmer bewohnt...
Aber ich war kindisch genug, es trotzdem zu tun und habe auch sein Weinen und seinen Kummer jede Nacht ignoriert. Jede einzelne...bis gestern.
Ich bin nun mal nicht herzlos, auch wenn ich mich so verhalten habe...
Irgendwie war es auch gestern einfach dann zu viel für mich gewesen. Der ganze Tag schon war eine Katastrophe gewesen und Shinya...tja, Shinya war wie immer. Nur ich konnte diesmal nicht so tun als wäre er mir egal, konnte es mir nicht mehr wie sonst selber einreden.
Denn in Wirklichkeit ist er mir alles andere als egal. Ich wollte schon immer ein kleine Schwester oder einen jüngeren Bruder...und als ich ihn an jenem Tag das erste Mal gesehen habe, war mein Beschützerinstinkt auch sofort geweckt. Aber im nächsten Moment ließ er mein gesamtes bisher so perfektes Weltbild zerbrechen. Dafür wollte ich ihn nur noch hassen, wollte ihm als Schuldigen zeigen, wie wenig wert er war. Dabei bin ich es selbst, der seither mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hat. Aber so tun es schließlich die meisten: Man macht andere, schwächer Wirkende fertig, im sich selber dadurch besser zu fühlen.
Wenn man jedoch danach richtig darüber nachdenkt, merkt man schnell, dass es falsch war so zu handeln. Im Endeffekt bewirkt man genau das Gegenteil. Nämlich, dass man sich noch schlechter und wertloser fühlt.
Die meisten jedoch denken über so etwas nicht später noch einmal nach.
Ich aber tat es. Das ist nämlich auch etwas, was sein Erscheinen ausgelöst hat. Ich denke mehr nach, hinterfrage nun alles und betrachte die Welt nicht weiterhin so naiv wie früher.
Deshalb halte ich auch nicht mehr so viel von meinem bisherigen Leben.
Mal ehrlich, was zählt es schon beliebt zu sein? Oder gute Noten, Aussehen oder Reichtum? Freunde und Familie, ja die sind wichtig. Aber meine Freunde sind eher von der Sorte "Bekannte". Ich würde ihnen nicht meine Gedanken anvertrauen, so viel steht für mich fest.
Meine Familie ist eigentlich das einzige, was wirklich gut ist an meinem Leben. Aber darüber hinaus fehlt mir etwas Wichtiges: Die Liebe.
Natürlich, meine Eltern lieben mich. Aber ich meine die etwas anderes als die Liebe zwischen Mutter, Vater und Kind. Eine Freundin habe ich zwar auch, aber...na ja, das ist auch so ein Kapitel für sich. Jedenfalls liebe ich sie nicht. Und das gibt mir wiederum zu denken, schließlich sollte ich sie lieben, wenn sie meine Freundin ist, oder? Und noch mehr schockiert mich, dass ich das bisher nicht mal als falsch empfunden hatte.
Nein, mein bisheriges Leben ist wirklich nicht sehr viel wert.
Aber ich wäre nicht Daisuke Andou, wenn ich nun in meinem Selbstmitleid zerfließe. Ich werde mein Leben einfach ändern.
So "einfach" wird das natürlich nicht, aber ich werde es versuchen.
Vielleicht finde ich dann auch endlich Liebe außer meiner Liebe zur Musik. Ja, das würde wahrscheinlich niemand vermuten, aber ich bin ein ziemlicher Musikfreak...ich würde gerne in einer Band spielen...aber das ist eins der Dinge, die ich lieber nicht so offen rumposaune, denn die Musik die ich mag gilt nicht unbedingt als beliebt. Hatte ja schon Glück, dass mich niemand durch meine von einem Tag auf den anderen plötzlich rot gefärbten Haare schief angesehen hat. Das ist nun mal der Vorteil, wenn man zu den beliebtesten der Schule gehört, dass niemand es wagt, dein "Cool-sein" anzuzweifeln. Trotzdem will ich das ganze oberflächliche Getue gar nicht mehr wirklich...
Und irgendwie habe ich ja schon mit meiner Veränderung angefangen, indem ich gegenüber Shinya ehrlich war.
Nicht mehr seine eigenen Gefühle zu ignorieren oder zu unterdrücken, das scheint mir das richtige für mein zukünftiges Leben zu sein...
Dann klappt es bestimmt auch irgendwann mit der ersten Liebe...

~ * ~ * ~

Am nächsten Morgen stellte Daisuke beim Aufwachen erstaunt fest, dass der Platz neben ihm leer war. Mit einem noch leicht schläfrigen Blick sah er sich im Zimmer um, bis er das Rauschen der Dusche im Nebenzimmer bemerkte.
Er seufzte und vergrub sein Gesicht wieder im Kopfkissen.
War ja irgendwie klar gewesen, dass der Jüngere ihm nun aus dem Weg ging. Die verstand seine plötzliche Sinneswandlung schließlich selber nicht so genau.
Trotzdem bereute er es nicht und er war fest entschlossen, Shinyas Vertrauen zu gewinnen. Denn obwohl er ihm am Anfang so feindselig begegnet war, mochte er ihn sehr, schon seit ihrer ersten Begegnung.
Leicht sog er den Duft des Kissens ein und er musste unwillkürlich lächeln. Dieser zarte Duft nach Lilien und Traurigkeit...er kannte ihn schon länger, das war ihm auch an jenem Tag sofort aufgefallen und hatte ihn fasziniert.

Er erinnerte sich noch genau daran als wäre es erst gestern gewesen und nicht schon über zwei Monate her.
Als es spätabends an der Haustür geklingelt hatte, war er als erster gegangen, um sie zu öffnen. Eigentlich hatte er seine Kumpels erwartet, denn sie hatten vorgehabt, noch etwas zusammen um die Häuser zu ziehen. Doch vor der Tür war nur eine blonde, zierliche Gestalt gestanden, die Daisuke vollkommen unbekannt war. Nur die Augen hatten auf ihn sofort einen vertrauten Eindruck gemacht. Mit diesen traurigen, vom Weinen geröteten Augen hatte ihn der zierliche Junge lange Zeit schweigen gemustert. Die Haare waren ihm nass ins Gesicht gehangen, während der prasselnde Regen das einzige hörbare Geräusch gewesen war.
Dann hatte der Blonde plötzlich angefangen zu zittern, ein Schluchzen war zu hören und weinend hatte er sich Die an den Hals geworfen. Dieser war im ersten Moment zu perplex gewesen, um überhaupt zu reagieren. Das einzige, das ihm sinnvoll erschienen war, war den Jungen mit ins Haus zu nehmen, zu seinen Eltern ins Wohnzimmer.
Diese waren nicht weniger überrascht als Daisuke gewesen. Doch als sich der Jüngere wieder beruhigt und sich ihnen vorgestellt hatte, war Die sofort die komische Reaktion seines Vaters aufgefallen. Bei dem Namen "Terachi, Shinya" war er unwillkürlich zusammengezuckt.
Noch verwirrender war es für den Rotschopf geworden, als Shinya darum gebeten hatte, mit seinen Eltern kurz alleine reden zu können.
Erst lange Zeit später war Daisukes Vater zu ihm ins Zimmer gekommen und hatte versucht seinem Sohn alles so schonend wie möglich beizubringen.
Shinya wäre sein Halbbruder. Dessen Mutter Dies richtige Mutter, anstatt der jetzigen Frau seines Vaters, die er immer als seine Mutter angesehen hatte.
Er hatte es nicht verstanden, hatte es auch gar nicht verstehen wollen. Seine Eltern hatten ihn so lange Zeit belogen und plötzlich musste er ein neues Familienmitglied akzeptieren.
Denn Shinyas und auch Dies Mutter war vor kurzem verstorben und hatte ihren jüngeren Sohn in ihrem Testament zur Familie seines Halbbruders geschickt.
Daisukes gesamtes Leben machte auf einmal eine 180-Grad-Drehung und dafür hatte er Shinya verantwortlich gemacht.
Doch nun lag er hier in Shinyas Bett und musste sich eingestehen, dass er ihn nie wirklich gehasst hatte. Er hatte nur nicht wahrhaben wollen, dass sein bisheriges Leben nur aus einer Lüge bestand. Doch inzwischen war ihm einiges klar geworden.

Das Tapsen von nassen Füßen verriet ihm, dass Shinya wieder im Zimmer war. Gähnend richtete er sich auf und sah zu ihm, der sich gerade neue Klamotten aus dem Schrank holte. Um die Hüften hatte er sich nur ein Handtuch gebunden, sodass Die erschrocken sehen konnte, wie dünn Shinya war. Zu dünn seiner Meinung nach...darüber würde er auch einmal mit ihm reden müssen.
Shinya war inzwischen der musternde Blick des Älteren nicht entgangen und er hatte sich zu ihm umgedreht, bedachte ihn mit einem scheinbar kühlen und emotionslosen Blick.
"Ich sag dir nur eins: Ich bin nicht auf dein Mitleid angewiesen und deshalb werde ich dir auch nicht vertrauen. Das mit gestern war nur...ein..." er schien nach passenden Worten zu suchen, fand aber nichts.
"ein Versehen?" Die sah ihn belustigt an. Das stolze und zugleich aber auch kindische Verhalten des Jüngeren fand er eher lächerlich. Dennoch versuchte er wieder ernst zu werden, denn ihm war bewusst, dass Shinya es ernst meinte mit dem, was er sagte.
"Jetzt mal ehrlich....wirke ich so, als wäre ich nur aus Mitleid nett zu dir gewesen? Schließlich hätte ich dich dann nicht früher anders behandelt. Also...denkst du wirklich so über mich?"
Ein Kopfschütteln und Lächeln war Shinyas Antwort. Kurz darauf hatte Die ein T-Shirt im Gesicht, was ihm die Sicht auf einen glücklich lachenden Shinya versperrte.
"Los, steh auf du Faulpelz! Wir kommen sonst zu spät zur Schule!"
Die grinste und warf sich demonstrativ zurück in die Kissen. Seinen Bruder nun so glücklich zu sehen war schön und machte ihn selber auch glücklich.
"Ich schlafe noch mal ne Runde..."
Die darauf folgenden Proteste des Jüngeren wurden grinsend und mit einer über den Kopf gezogenen Decke ignoriert...

"Kaoru-chaaahaaan!" begleitet mit diesem Quietschen fiel Kaoru plötzlich etwas Blauhaariges um den Hals.
"Totchi~" leicht genervt wuschelte er dem Größeren durch die Haare und schob ihn von sich fort. "Bitte nicht in so einer Tonhöhe am frühen Morgen..." Zur Verdeutlichung hielt er sich seinen von Kopfschmerzen geplagten Kopf. Er hatte letzte Nacht wieder nicht richtig schlafen können. Immer wieder verfolgte ihn Daisuke in seine Träume und die endeten meistens unglücklich, sodass Kaoru jedes Mal wieder schweißgebadet aus dem Schlaf schreckte und noch erschöpfter als zuvor schien.
Toshiya zog währenddessen eine leichte Schnute.
"Willst du damit etwa andeuten, dass ich dich nerve...?"
"Nein...nur mein Kopfweh nervt mich..." erklärte Kaoru versöhnlich. Lächelnd zeigte er auf den Schuleingang und sie liefen beide weiter.
"Hast du inzwischen mal mit Kyo geredet?" Toshiya plapperte wieder munter drauf los, was Kaoru sofort grinsen ließ. Der Kerl war auch wirklich die gute Laune in Person...
"Ja, er hat abgelehnt...aber gebt mir noch ein paar Tage Zeit, dann hab ich ihn überredet doch für uns zu singen. Denn ich glaube, er würde es gerne, will es aber nicht zugeben."
"Klingt....verwirrend..." der Blauhaarige runzelte seine Stirn, beließ es aber dabei, als etwas anderes seine Aufmerksamkeit auf sich zog und ihm die Sprache verschlug.
Da stand Shinya, SEIN Shinya, der sonst immer total schüchtern war und in vollkommen zugeknöpften Klamotten zur Schule kam, in einem MINIROCK und Knee-high-boots und redete total vertraut mit Daisuke Andou!!!
Kaoru bemerkte Toshiyas Abwesenheit und folgte seinem Blick. Auch ihn verwirrte diese Szene vor ihren Augen und irgendetwas hielt ihn ab, zu den beiden zu gehen. Er konnte nicht verhindern, dass ihn ein leichtes Gefühl von Eifersucht auf den Blonden beschlich...und anscheinend ging es Toshiya genauso, nur dass er am liebsten Die den Hals umdrehen würde.

"Ich treffe mich aber nach der Schule wahrscheinlich noch mit ein paar Freunden, du musst also nicht mit dem Essen auf mich warten." erklärte Shinya seinem Bruder, der ihm ein Grummeln als Antwort schenkte.
"Die~" murrte der Blonde und knuffte ihn in die Seite. "Sei nicht beleidigt! Was hätte ich den anderes tun sollen, um dich aus dem Bett zu kriegen?"
"Jedenfalls nicht meine Bettdecke aus dem Fenster werfen!" antwortete der Ältere beleidigt. "Hast du gesehen, wie mich unsere Nachbarn ausgelacht haben, als ich sie wieder reinholte?"
"Ja..." Shinya konnte nicht anders als loszuprusten.
"...." Die sah ihn noch eine Weile schmollend an, dann lächelte aber auch er. Sein Lächeln verschwand jedoch, als zwei Personen zu ihnen traten.
"Hey Andou! Seit wann gehören Transen zu deinen Freunden?" Yoshi musterte Shinya abwertend, sein Kommentar war gefolgt von einem abfälligen Lachen seitens Mitsu.
"Lasst ihn in Ruhe, verstanden?" erwiderte Die und man sah ihm an, dass er das nicht nur so im Spaß meinte.
"Pass auf, mit wem du dich anlegst, sonst stehst du ziemlich schnell alleine da!" drohte ihm Yoshi. Kurz warfen er und Die sich böse Blicke zu, dann drehte er sich wortlos um und winkte Mitsu, ihm zu folgen.
Daisuke seufzte enttäuscht. Genau das war es gewesen, was er befürchtet hatte...
"Tut mir leid..." war leise neben ihm zu hören. Verwundert sah er zu Shinya, der unsicher auf seiner Unterlippe kaute.
"Ach was, ist doch nicht so schlimm. Wenn sie sich so verhalten, sollte ich vielleicht sogar noch glücklich sein, wenn sie nicht mehr meine Freunde sein wollen..." Die wuschelte seinem Bruder aufmuntert durch die Haare. "Bis später, dann!" Er hob noch kurz die Hand zum Gruß bevor er endgültig ins Schulgebäude verschwand.

"Was war DAS?" fragte Toshiya sofort geschockt, nachdem Die gegangen war und er mit Kaoru zusammen zu Shinya gegangen war.
"Das?" fragte Shinya unschuldig zurück "Das war Daisuke Andou, falls du ihn nicht kennst..."
"Klar kenn ich ihn!" erwiderte Toshiya leicht genervt "Aber war hast du bitte schön mit ihm zu schaffen?!"
"Das wiederum...verrat ich dir nicht..." Shinya lachte leicht und flüchtete vor Toshiya in Richtung ihres Klassenzimmers, als dieser ihm plötzlich mit Auskitzeln drohte.
Kaoru sah den beiden kopfschüttelnd hinterher. So wie Shinya sich verhielt könnte man vieles hineininterpretieren...aber er mochte ihn und wollte ihm nicht nur wegen Daisuke nun böse sein. Trotzdem konnte er den kleinen Stich in seinem Herzen nicht ganz ignorieren. Vielleicht lag es auch einfach nur an ihm selber, dass Die ihn nicht mochte...denn Shinya hatte heute eindeutig gezeigt, dass auch er sich gerne im Visual Kei – Styl kleidete. Also konnte Die dagegen nicht wirklich etwas haben, wie Kaoru früher immer dachte. Es musste an ihm persönlich liegen...und es würde ihn auch nicht wundern, schließlich war er nicht ohne Grund Außenseiter, oder?
Traurig betrat er sein Klassenzimmer und verdrückte sich sofort auf seinen Platz.
Nein, er sollte nicht so denken. Schließlich hatte er doch inzwischen Freunde. Und selbst wenn Daisuke ihn nicht liebte...er hatte immer noch Toshiya, Shinya, ihre Band und die Musik. Mehr als das brauchte er nicht...
Zumindest versuchte er sich dies einzureden...

Nach der letzten Stunde für diesen Tag wartete Kaoru bereits am Schultor auf Shinya und Toshiya. Er hatte ihnen bereits in der großen Pause erklärt, dass er an diesem Tag gleich nach der Schule im Café arbeiten musste, doch die zwei schlugen vor ihn einfach dorthin zu begleiten und später dann zusammen zu Shinya nach Hause zu gehen.
Er musste auch nicht lange warten, da begrüßten ihn ein gutgelaunter Shinya und im Gegensatz dazu ein schlechtgelaunter Toshiya.
Kaoru stupste ihn belustigt in die Seite.
"Was ist denn dir über die Leber gelaufen? Wo ist deine gute Laune hin?"
"Frag doch Shin-chan!" meinte Totchi beleidigt "Vielleicht redet er ja mit dir. Mir scheint er ja nicht zu vertrauen."
Mit einem Stirnrunzeln wanderte Kaorus Blick zum Jüngsten, während sie begannen zum Café zu laufen. Dieser zuckte nur kurz mit den Achseln und lächelte leicht gequält.
"Er ist sauer auf mich, weil ich ihm nicht sage, warum ich mit Die geredet habe. Und, dass ich heute mal etwas ausgefallener als sonst rumlaufe, scheint ihm auch nicht so wirklich zu passen...dabei war er es immer, der mir seine Röcke aufschwatzen wollte...."
Kaoru lächelte bei dieser Erklärung. Shinyas Kleiderwechsel hatte bestimmt nichts mit Toshiyas Stimmungstief zu tun. Anscheinend war er einfach nur eifersüchtig auf den Rotschopf.
"Nimmfs dir nicht so zu Herzen, Totchi. Da ist sicherlich nichts..." zwinkernd versuchte er Toshiya aufzumuntern, während Shinya gar nicht wirklich verstand, worauf Kaoru hinauswollte.
So betraten sie mit einer eher etwas unangenehmen Stimmung das Café. Kaoru musste sofort hinter die Bar, sodass sich Shinya und Toshiya schweigend an einen der Tische am Fenster setzten. Eine Weile lang beobachtete Shinya noch seinen Freund schweigend, dann seufzte er und stupste Toshiya in die Seite.
"Ich erzähl es dir ja schon, aber sei nicht mehr beleidigt, ja? Und versprich mir, dass du nichts Kao erzählst..."
"Warum denn?" fragte Toshiya erstaunt.
"Weil ich denke, dass er sonst nicht nachher zu mir nach Hause mitkommt..."

"Du bist zu spät..." begrüßte Kaoru eine Viertelstunde später Kyo.
"Nein...ich war nur gestern zu früh." erwiderte dieser und begann, einen gerade erst verlassenen Tisch abzuräumen. Der Violetthaarige folgte ihm grinsend.
"Hast du schon nach deiner Schicht was vor?"
"Nein...das ändert aber nichts daran, dass ich für DICH keine Zeit haben werde..."
"Warum willst du nicht in meiner Band spielen?" Kaoru war nun direkt vor Kyo getreten und sah ihn ernst an.
"Warum willst du unbedingt, dass ich zu euch in die Band komme?" Kyo schnaubte genervt und wollte sich seinen Weg an Kaoru vorbei bahnen, doch der hielt ihn fest, zwang ihn dadurch weiterhin dort stehen zu bleiben. Erst als sich der Blonde einigermaßen geschlagen gegeben hatte, antwortete ihm Kaoru.
"Weil uns etwas verbindet."
"Ach und was bitteschön?" wollte Kyo mit einem falschen Grinsen wissen. "Dass wir Außenseiter sind? Vergiss es, dass macht uns noch lange nicht zu Gleichgesinnten!"
"Nein...die Musik."
Kaoru lächelte ruhig und ging dann zurück zum Tisch seiner Freunde. Kyo währenddessen sah ihm verwundert hinterher. Dieser Kerl begann ihn zu interessieren...als er aber kurz darauf Shinyas Blick begegnete, drehte er sich kopfschüttelnd um und setzte seine Arbeit fort.
Er und diese Leute in einer Band? Wohl eher nicht...

"Und, hat er diesmal "ja" gesagt?" begrüßte Toshiya ihren Freund mit seiner wieder gefundenen guten Laune.
"Nein, aber ich denke, er wird trotzdem nachher kommen....ich gebe ihm nachher einfach deine Adresse, Shinya, dann werden wir ja sehen..."
Der Blonde nickte, kam jedoch nicht dazu mit Kaoru weiterzureden, denn dieser wurde schon wieder an einen anderen Tisch gerufen.
Shinyas Blick fiel aus dem Fenster und lächelnd betrachtete er den blauen Himmel.
"Na los...geh schon heim..." meinte Toshiya plötzlich grinsend.
"Huh?"
"Ich sehfs dir doch an, dass du zu deinem Bruder willst, um mit ihm zu reden...Er muss dir wirklich viel bedeuten..."
Shinya nickte verlegen und wich dem Blick seines Freundes aus.
"Er hat die Augen meiner Mutter..."
Toshiya lächelte nur, wusste nicht, was er darauf antworten sollte, denn obwohl Shinya ihm erklärt hatte, dass Die sein Halbbruder war, hatte er verschwiegen, wie genau es dazugekommen war, dass er nun bei ihm wohnte.
"Geh nur...ich warte so lang auf Kao..."
"Danke..."
Shinya erhob sich unsicher und schenkte Toshiya noch ein letztes Lächeln. Danach verließ er schnell das Café.

Daheim stellte er erstaunt fest, dass Die trotz Shinyas Worte vom Morgen mit dem Mittagessen auf ihn gewartet hatte, sodass sie gemeinsam ein paar Nudeln mit Tomatensoße essen konnten.
Es war eher schweigsam während des Essens, und auch beim Abwasch später in der Küche redeten sie nur über belanglose Dinge wie zum Beispiel die Schule. Daisuke schickte ihn schließlich auf ihr Zimmer und meinte, er solle da kurz auf ihn warten.
Als er ein paar Minuten später ebenfalls das Zimmer betrat, trug er ein kleines unscheinbares Holzkästchen in der Hand.
Lächelnd setzte er sich zu Shinya ans Bett und legte das Kästchen auf den Boden, klappte es wie beiläufig auf.
Eine ruhige Melodie erfüllte plötzlich den Raum, begleitet von einem leichten Duft nach Lilien.
Sprachlos betrachtete Shinya die kleine Spieluhr vor ihm, in deren Inneren zwischen lauter getrockneten Blüten eine einzige Glaslilie sich mit der Musik drehte.
"Hotarubi..." flüsterte er mit brüchiger Stimme, sah verwirrt zu Daisuke. "Das hat meine Mutter immer auf dem Klavier gespielt, wenn sie oder ich traurig waren....woher hast du...?"
"Ich hab es als Kind immer abends angehört. Meine Eltern haben mir nie erklärt, woher diese Spieluhr ist..." erklärte Die leise, betrachtete traurig die Lilienblüte. Schweigen umfing sie beide, lange Zeit nur durch die Spieluhr erfüllt.
"Ich hätte sie gerne kennen gelernt....deine...unsere Mutter..." Daisukes Blick war gesenkt, sodass Shinya nicht sehen konnte, ob er weinte oder nicht. Aber er vermutete es stark, denn der Rotschopf zitterte und seine Stimme war brüchig. "Aber anscheinend hatte sie mich nicht geliebt..."
"Du irrst dich!" widersprach er energisch dem Älteren. "Sie hat dich bestimmt geliebt, sonst hätte sie mich nicht zu dir geschickt....sonst hätte sie nicht immer noch nach so vielen Jahren an dich gedacht und darauf vertraut, dass du mir ein guter Bruder sein würdest. Sie hat dich geliebt, bestimmt..."
Daisukes Blick begegnete unsicher dem des Blonden, der dadurch die kleinen Tränen bemerkte, die über Dies Wangen liefen.
"Ich weiß nicht, ob mich überhaupt jemand wirklich lieben könnte..."
"Dummkopf..." flüsterte Shinya zurück, wischte die Tränen des Rotschopfs weg. "Hör auf so an dir zu zweifeln..."
"Aber-"
Doch Dies Widerworte wurden durch die Klingel unterbrochen. Shinya nickte ihm zu, sodass sich Die dazu aufraffte und zur Haustür ging. Noch einmal strich er sich über die Augen, dann öffnete er schwungvoll die Haustür, wodurch ihm jemand plötzlich entgegen fiel, der anscheinend bis vor kurzem noch an der Haustür gelehnt war.
Mit einem erschrockenen Aufschrei gingen sie beide zu Boden, Die voraus.
"Itai...." murmelte er und öffnete wieder seine Augen, die sofort dem entsetzten Blick eines dunkelbraunen Paars begegneten. Die sog erstaunt die Luft ein.
Er kannte diese Augen...doch er bezweifelte stark, dass auch der andere sich über ihre Begegnung hier freute. Denn dem Blick nach war es Kaoru mehr als unangenehm, dass er gerade direkt auf Daisukes Schoß gelandet war...

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~ lucent ~
author: hikari ai
stories: 9
finished: 0
one-shots: 2
since: 2005.11.13.
until: 2007.04.09. (oyla)
reborn: 2007.04.09. (geocities)

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