chapter 4 ~ memories of long gone days

Morgen, die Augen öffnend bin ich alleine

in Scherben zertrümmert
liegt mein Herz dir zu Füßen
doch du siehst es nicht

ein einziger Tag
nur mit dir
niemand könnte es aufhalten
dies hinterlässt Wunden
nur mit dir allein
kalte Nacht der Vergangenheit

schmerzvolle Erinnerung
ich bin hell wach, neben dir, ohne dich
mein Herz sehnt sich so sehr nach dir
aber du kannst es nicht sehen...oder willst du es nicht?
deine Augen bleiben verschlossen
dein Herz ebenfalls?
diese schreckliche Angst

ich laufe davon, über die Scherben hinweg
dich zu sehen
mein größter Wunsch und Schmerz

schmerzhafte Erkenntnis
ich bin hell wach, ohne dich, neben dir
mein Herz verschließt sich langsam vor dir
aber du wirst es nicht bemerken...oder willst du es nicht?
du wendest dich von mir ab
dein Herz ebenfalls?
diese grausame Einsamkeit

ein einziger Tag
nur mit dir
ich konnte es nicht verhindern
die Narben werden bleiben
nur nicht du allein
kalter Morgen der Zukunft

ich bin verschwunden, die Scherben bleiben
an dich zu erinnern
du wirfst sie achtlos und doch weinend weg

die Scherben meines Herzens
passen sie nicht mehr zusammen?
ein grausames Ende
ich habe dich geliebt

~ * ~ * ~

Die Zeit, an die ich mich nun erinnern wollte, lag über zwei Jahre zurück. Wir fingen gerade an mit Gazette richtig Erfolg zu haben und Kai war seit einigen Monaten bei uns in der Band. Somit war auch meine Trennung von Yune einige Monate her, eigentlich schon längst Vergangenheit. Dennoch machte es mir noch ziemlich zu schaffen, und es gab nicht selten Abende, an denen ich mich in den Schlaf weinen musste.
Ich verstand es einfach nicht. Immer wieder hatte er beteuert, wie sehr er mich liebte. Doch am Ende hatte er mich wegen eines anderen Kerls verlassen. Schlimmer noch. Hatte mich wochenlang hintergangen und mit einem anderen betrogen, um mich dann mit ein paar billigen Entschuldigungen auf einem Blatt Papier abzuservieren.
Ich aber hatte ihn von ganzen Herzen geliebt. So brach für mich eine Welt zusammen, als er plötzlich ging.
In dieser Scherbenwelt halb mir neben meinen anderen Freunden vor allem Reita, die Scherben wieder aufzusammeln. Er unternahm viel mit mir, immer darauf bedacht, mich von meiner Traurigkeit abzulenken und glücklich zu machen.
Anfangs war ich noch genervt, denn ich wollte nicht, dass er sich aus purem Mitleid um mich kümmerte, aber mit der Zeit gefiel es mir immer mehr und irgendwann konnte ich mir meinen Alltag ohne Reita gar nicht mehr vorstellen. Stück für Stück hatte er es tatsächlich geschafft, dass ich Yune vergaß und mich wieder nach außen hin öffnete.
Auch mit meinen anderen Freunden unternahm ich wieder mehr als direkt nach der Trennung. Und obwohl ich in Gedanken immer noch Yune an diesem Platz sitzen sah, hatte ich mich relativ schnell mit Kai, unserem neuen Drummer, angefreundet. Wir waren uns komischerweise verdammt ähnlich, verstanden uns sehr gut und neben Reita wurde er mein bester Freund.

An dem Tag jedenfalls, an dem sich alles ändern sollte, waren wir zu einer Strandparty eines Bekannten eingeladen. Ich erinnere mich nicht einmal mehr an seinen Namen; wahrscheinlich, weil es mich schon damals nicht wirklich interessiert hatte. Das einzige, an das ich mich noch erinnere, sind der viele Alkohol, das kleine Lagerfeuer, an dem wir saßen, und die vielen anderen Menschen um uns herum, die tanzten...
"Hey, seht mal!", meinte Reita lachend und deutete auf ein vermeintliches Pärchen, das eng umschlungen zu der gerade laufenden Ballade tanzte.
Uruha und ich – wir saßen zusammen mit Reita etwas abseits am Lagerfeuer anstatt ebenfalls zu tanzen – erhoben fast synchron die Augenbrauen.
"Wenigstens wissen wir jetzt, wo die beiden abgeblieben sind...", kommentierte Uruha grinsend, während er wie bereits den ganzen Abend über lustlos in seinem Drink rumrührte. Wenn ich mich richtig erinnerte, war er sogar der einzige von uns, der erst bei seinem zweiten Drink angelangt war. Reita und ich hatten schon einiges mehr intus und wie viel Ruki und Kai getrunken hatten, konnte man ja gut an ihrem ungehemmten Verhalten erkennen.
"Wenn wir ihnen das morgen sagen, zeigen sie uns bestimmt wieder nur einen Vogel und denken, wir wollen sie wie immer ärgern...", beteiligte auch ich mich glucksend an dem brisanten Thema und bekam Zustimmung von den beiden anderen.
"Wir könnten doch als kleine Überzeugungshilfe Fotos machen!", schlug Reita auf einmal vor und zeigte auf eine Digicam, die auf dem Tisch neben uns stand.
"Der Apparat gehört aber nicht dir," stellte Uruha bedenkend fest.
"Ja und?", meinte Reita daraufhin nur und nahm schon den Foto, um Bilder von unseren beiden Freunden zu machen. Selbst Uruhas Seufzen, das auf Reitas teilweise vom Alkohol beeinflusste Reaktion folgte, hielt mich nicht davon ab, ihm lachend zuzusehen, wie er Ruki und Kai fotografierte, während die sich einfach nicht von ihm stören ließen.
"Ach komm schon! Siehfs nicht so eng!", versuchte ich schließlich doch unseren Leader nach einer Weile aufzumuntern. "Irgendwie werden wir schon an die Fotos kommen."
"So lange es nur wir sind, die sie dann haben, mache ich mir auch gar keine Sorgen...", erklärte er etwas spitz, aber ich war bereits zu angetrunken, um mir wegen irgendwelchen möglichen Schlagzeilen den Kopf zu zerbrechen.
Reita kam bald lachend zu uns zurück, stellte die Kamera zu Uruha und zog mich ohne Vorwarnung plötzlich auf die Beine.
"Hey!", versuchte ich noch meine Widerwillen deutlich zu machen und mich zu retten, doch unser Bassist zog mich meine Proteste ignorierend weiter zu den anderen Tanzenden.
"Ich will doch nur mit dir tanzen...Bitte!" Sein Hundeblick danach ging mir natürlich direkt ans Herz und ich gab erstaunlich schnell nach. Ok, wenn Reita unbedingt mit mir tanzen wollte, dann tanzte ich eben mit ihm. Und wenn es zu einer schrecklich schnulzigen Ballade sein musste, dann halt eben auch zu dieser. Nach einer Weile gefiel es mir sogar so vertraut mit ihm zu tanzen.
Er hatte, wie auch ich bei ihm nach einigem Zögern, seine Arme um meine Taille geschlungen und mich eng an sich gezogen. Unsere Köpfe trennten nur wenige Millimeter, doch sie waren seitlich abgewandt, sodass jeder von uns in eine andere Richtung sah. Und doch konnte ich immer wieder seinen Atem spüren, sobald er meine freie Haut an der Schulter streifte. Es fühlte sich schön an, jagte mir jedes Mal einen leichten Schauer durch meinen ganzen Körper.
"Rei-chan...", murmelte ich zufrieden seufzend und vergrub mein Gesicht an seiner Halsbeuge, was ausnahmsweise leicht war, da er durch seine Schuhabsätze an diesem Abend etwas größer war als ich. Mir fehlte nichts in diesem Moment und ich wollte nichts lieber als ewig so weiterzutanzen. Einfach nur bei Reita sein, ihm nah sein, ihn spüren, ihn küssen...
Abrupt löste ich mich von meinem Gegenüber und trat ein paar Schritte zurück, unterbrach somit unseren gemeinsamen Tanz. Das hatte ich nicht wirklich gerade gedacht, oder? Aber der Gedanke an einen Kuss mit ihm war immer noch in meinem Kopf, worauf ich diesen nur schockiert über mich selbst schüttelte. Reita sah mich verwundert an und griff nach meiner Hand.
"Alles in Ordnung? Stimmt was nicht, Aoi-chan?" Doch er sollte keine Antwort auf diese Frage erhalten. Statt zu antworten entzog ich nämlich schnell meine Hand seiner eigenen und lief ohne eine weitere Erklärung abzugeben davon.

Aber ich kam nicht sehr weit, bevor ich wieder stehen blieb. In dieser Gegend des Strandes kannte ich mich nicht aus, sie war mir vollkommen fremd; ich hätte nicht einmal gewusst, in welcher Richtung die nächste Stadt war, geschweige denn einschätzen, wie weit diese entfernt war. Daher setzte ich mich, die Party entfernt und trotzdem noch in Sichtweite, in den Sand. Meine Schuhe streifte ich dabei achtlos ab, sodass ich die feinen Sandkörner barfuß spüren konnte, ihre Wärme, die sie noch vom vergangenen Tag gespeichert hatten.
Das Rauschen der Wellen erfüllte als einzigstes Geräusch meine Ohren und ich rutschte immer näher zum Wasser hin bis meine Füße vom kalten Nass umspült wurden, ich selbst jedoch noch im Trockenen saß. Meine Gedanken schweiften weit ab, fast so weit wie der sternenreiche Horizont, den ich nachdenklich betrachtete.
Dennoch hörte ich die Schritte im Sand, die sich mir zögernd näherten. Auch wusste ich, wer mir gefolgt war, noch bevor er sich hinter mich gesetzt hatte und mich von hinten umarmte, mich leicht an seine Brust zog, sein Kinn auf meine Schulter gelehnt.
"An was denkst du?", fragte er mich flüsternd, anscheinend wollte auch er nicht die natürliche Ruhe stören, die uns schützend ummantelte. Seine Frage jedoch hatte eine andere Wirkung als er es sich wahrscheinlich gewünscht hatte.
Ich begann von einem Moment auf den anderen zu weinen. Zwar lautlos, aber ich weinte.
Denn mir war auf einmal klar geworden, was mich schon seit längerem beschäftigte, ich aber nie hatte wahrhaben wollen. Ich konnte nicht aussprechen, was ich dachte, vor allem nicht vor ihm.
"Hey, hey...nicht weinen! Aoi...nicht weinen, hörst du? Es ist doch alles in Ordnung..." Vorsichtig strich er mir durch die Haare und versuchte mich mit seinen Worten zu beruhigen. Kurz darauf hatte ich mich tatsächlich wieder so weit unter Kontrolle, dass ich in der Lage war, mit dem Weinen aufzuhören, und mich in seiner Umarmung zu ihm drehte. Unsicher erwiderte er den hilflosen Blick mit dem ich ihn betrachtete, und ganz langsam wurde mir klar, dass doch eigentlich wirklich alles in Ordnung war.
Klar...aus unerklärlichen Gründen wollte ich plötzlich etwas von einem meiner besten Freunde, aber ansonsten war alles wie es sein sollte.
Nun war aber das Schlimme an dieser Situation für mich nicht einmal, dass ich scheinbar mehr als nur Freundschaft für Reita empfand...mich schockierte viel mehr die Tatsache, dass mir dies nichts ausmachte und dass mein erster Gedanke nicht der Verwunderung oder dem Ekel galt – denn eigentlich stand ich gar nicht auf Typen; das mit Yune hielt ich eher für eine einmalige Ausnahme, weil er schon sehr weiblich wirkte und aussah, aber bei Reita konnte man wirklich nicht gerade von Weiblichkeit sprechen –, sondern der nicht vorhandenen Chance, dass Reita meine Gefühle erwiderte. Und dieser Gedanke machte mich traurig...sehr traurig. Trotzdem war doch alles in Ordnung...so lange ich wenigstens bei ihm sein konnte...
Auf einmal lächelte er und strich mir zärtlich einzelne Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ein Glücksgefühl durchströmte mich beim Anblick seine Lächelns, sodass ich unwillkürlich auch lächeln musste.
"Erinnerst du dich noch...unser Kuss von damals?", fragte ich ihn zögerlich.
Er begann zu grinsen, bewirkte dadurch, dass ich peinlich berührt leicht errötete.
"Du meinst den, bei dem wir beide so dicht waren, dass wir nicht mehr wirklich mitbekamen, was wir eigentlich taten? Jepp, an den erinnere ich mich noch...sogar erstaunlich gut..."
Unbewusst fing ich an, mit meinen Fingern zu spielen.
"Bist du wieder so dicht?" Kaum hatte ich die Frage gestellt, senkte ich meinen Blick und biss mir bei seinem "Nein" auf die Lippe.
"Willst du mich denn wieder küssen?" Als er dies fragte, war er plötzlich vollkommen ernst. Ich traute mich nicht zu antworten, merkte aber, wie ich immer stärker rot wurde. Ja, verdammt! Ich wollte ihn wirklich küssen...mehr als alles andere in diesem Moment, wollte ich ihn küssen....aber ich konnte doch nicht...
Ob er mein Schweigen als "ja" verstand, wusste ich nicht. Ich spürte nur noch, wie er seine Arme fester um mich legte und mich zu sich drehte, mich zwang, ihm in die Augen zu sehen. Danach vergaß ich alles und versank in seinen Augen und dem darauffolgenden Kuss.
Als wir uns wieder voneinander lösten, verfiel ich wieder seinem liebevollen Blick, mit dem er mich betrachtete.
"Lass uns von hier verschwinden...", schlug er lächeln vor, küsste mich erneut kurz auf die Lippen, bevor er meine Antwort abwartete.
Ich war nur imstande zu nicken, kein Wort fiel mir in diesem Moment ein, so sehr hatte mich dies alles verwirrt und aus der Bahn geworfen.
Reita hingegen stand ohne zu zögern auf, hielt mir, der immer noch nachdenklich im Sand saß und das Meer betrachtete, seine Hand entgegen und half mir schließlich auf die Beine. Während unseres gesamten Rückwegs ließ er meine Hand nicht mehr los, auch nicht, als wir uns von den anderen verabschiedeten. Aber was machte dies auch groß aus...Ruki und Kai waren sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt (und ich fand es damals schon schade, dass die zwei nicht auch im nüchternen Zustand ihre Gefühle füreinander zeigen konnten) und Uruha...Ich denke, er hat es sofort bemerkt, trotzdem verlor er kein Wort darüber, dass Reita und ich plötzlich Händchen hielten und überhaupt eben anders miteinander umgingen als sonst...Uruha schwieg einfach wie immer, wenn er es für unangebracht hielt, sich einzumischen, doch ich bekam noch im Gehen mit, wie er seinen Drink auf Ex leerte...Nur leider war ich zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, sonst hätte ich mich bestimmt darüber gewundert...
Während wir zurück zu Party liefen und uns verabschiedeten, hatte ich keinerlei Möglichkeit gehabt, über alles nachzudenken. Zu sehr war ich noch benebelt gewesen von den Geschehnissen und meinen Gefühlen. Doch später, auf der Fahrt nach Hause hatte ich genug Zeit. Zwar erschien es Reita sicherlich etwas komisch, dass ich auf einmal schwieg, andererseits war er mit Fahren beschäftigt, also abgelenkt genug. Vielleicht dachte er aber auch selber nach und fragte deshalb nicht, was mit mir war.
Ich jedenfalls zerbrach mir die ganze Zeit meinen Kopf, und kam immer wieder zum selben Ergebnis: Das ganze war purer Wahnsinn!! Was ich gerade im Begriff war zu tun hatte überhaupt nichts mehr mit klarem Verstand oder logischem Denken zu tun! Schließlich hätte ich vor ein paar Stunden nicht einmal darüber nachgedacht Reita wieder zu küssen. Und nun war ich auf dem besten Wege eine seiner Bettgeschichten zu werden, denn ich bezweifelte stark, dass er mich zu mir nach Hause fuhr. Aber andererseits...störte mich dieser Gedanke nicht sonderlich...
Ich wusste, es war falsch. Ich wusste, es würde ein großer Fehler sein und womöglich alles zwischen uns verändern. Und ich wusste auch, dass Reita viel zu betrunken war, um das hier realistisch beurteilen zu können (allein, dass er noch sicher Auto fahren konnte, ließ mich etwas an diesem Einwand zweifeln...). Trotzdem gab es genug Gründe, es nicht zu tun. Und doch...ich vergaß dies alles und stimmte zu, als er mich vor seiner Wohnung fragte, ob ich nicht bei ihm übernachten wollte.
Und spätestens im Aufzug fielen alle meine Zweifel mit dem erneuten Zusammentreffen unserer Lippen in sich zusammen. Ich schob alles Störende beiseite, verdrängte alles und gab mich Reitas leidenschaftlichen Küssen hin, gab meinen Gefühlen nach oder wem auch immer...
Was genau mich in diesem Augenblick so handeln ließ, hinterfragte ich damals nicht. Ob es meine Einsamkeit war, pure Lust, der Alkohol oder etwa doch wahre Gefühle...es war mir relativ egal, so lange ich nur Reita küssen und spüren konnte. Erst, als ich am nächsten Morgen allein erwachte, holte mich die Realität wieder ein...

Der Platz neben mir war leer, kalt als hätte er nie die Wärme ausgestrahlt, die mir gestern noch unendlich viel Geborgenheit gegeben hatte. Reita war fort. Vielleicht war es auch nur ein Traum gewesen...möglich wäre es, seltsame Träume hatte ich schon öfters gehabt. Nur...normalerweise lag ich dann nicht nackt in anderer Leute Bett. In Reitas Bett.
Und selbst wenn dies nur so war, weil wir beide gestern zu viel getrunken hatten; selbst wenn ich dies alles am Ende nur geträumt hatte und wir in Wirklichkeit lediglich sturzbesoffen im gleichen Bett geschlafen hatten und nichts passiert war...so blieb dennoch das Gefühl in mir das gleiche; so hatte ich mich dennoch in Reita verliebt, auch wenn es vielleicht nur eines Traumes Ursprung war (das einzige, was dagegen sprach, waren ein paar eindeutige Schmerzen in meiner unteren Hälfte, aber vielleicht war ich ja noch zu übernächtigt, um das zu beurteilen). Dieses Gefühl war für mich auch in der Realität präsent, und ich spürte mehr und mehr, wie es mein Herz erdrückte, mir jeden Atemzug erschwerte, während mir bewusst wurde, dass diese Liebe aussichtslos war, dass Reita niemals mich würde lieben können. Denn es war absurd sich in einen seiner besten Freunde zu verlieben, der auch noch hetero war, und dann die gleichen Gefühle auch von ihm zu erwarten. Es war absurd, vollkommen unrealistisch, aber ich war schon immer ein Träumer gewesen und so auch jetzt. Mein Herz hoffte so sehr, dass es doch kein Traum gewesen war...
Und eine Antwort, egal ob "ja" oder "nein", auf meine Unsicherheit konnte mir nur unser Bassist himself geben. Also stand ich langsam auf, zog mir meine Boxershort und mein T-Shirt über (interessant, ich erinnerte mich nicht daran, meine Kleider so ordentlich auf einen Stuhl gelegt zu haben...) und verließ das Schlafzimmer, um Reita zu suchen, schließlich konnte er seine eigene Wohnung nicht einfach so verlassen haben. Und wenn doch, würde er irgendwann schon wiederkommen.
Banges Warten auf ihn blieb mir jedoch erspart, denn schon als ich das Schlafzimmer verließ, konnte ich den schwachen Geruch von frisch gekochtem Kaffee ausmachen, der eindeutig von der Küche ausging.
"Frühstück" kam mir mit einem Lächeln in den Sinn. Ja, das sah Reita irgendwie ähnlich, für uns beide erst einmal Frühstück zu machen, anstatt mich gleich aus den Federn zu werfen. Ich schlich mich mit freudiger Erwartung den Gang entlang, der Küche entgegen. Neben dem großen Spiegel im Flur nahm ich aber etwas wahr, was mich augenblicklich in meiner Bewegung innehalten ließ. Ungläubig betrachtete ich mein Spiegelbild, ungeachtet der zerstrubbelten Haare war mein Blick auf einen einzigen Punkt fixiert, den nun auch meine Finger suchend ertasteten. Direkt an meinem rechten Schlüsselbein kennzeichnete mich ein rotes Mal. Ein rotes Mal, das unmöglich dort nur aufgrund eines Traumes dort zu sehen war. Mein Herz wurde mit einem Mal um ein Vielfaches schneller und leichter, fast schon konnte man sehen, wie die eigentlich innere Anspannung von mir abfiel. Suchend hob ich mein T-Shirt leicht an, fand noch weitere Male, die mir vorher im Bett verschlafen wie ich war nicht weiter aufgefallen waren. Ich hatte es nicht geträumt, es war wirklich alles passiert letzte Nacht und Reita....Reita erwiderte meine Gefühle! Sonst hätte er doch nicht...andererseits...vielleicht hatte er auch nur einfach so aus Lust mit mir geschlafen.
Meine Freude über diese Nacht wurde jäh gedämpft, als mir etwas Weiteres einfiel.
Er hatte es mir nicht ein einziges Mal gesagt. Mit keinem Wort hatte er mir gesagt, dass er mich liebte...Wie groß also war die Wahrscheinlichkeit, dass er es trotzdem tat? Sehr gering.
Aber ich hatte es ebenfalls nicht gesagt. Nicht wegen einer plötzlichen Schüchternheit oder so, nein. Ich war mir nur nicht sicher gewesen, ob ich ihn wirklich liebte oder...oder was?! Nein...eigentlich habe ich es vom ersten Augenblick an, als wir zusammen tanzten, gewusst. Meine eigene Unsicherheit und Angst waren es jedoch, die mich daran zweifeln und diese Worte nicht aussprechen ließen. Und nun würde ich vielleicht nicht nur abgewiesen werden, wie ich es zuvor befürchtet hatte, sondern musste auch noch damit zurechtkommen, dass diese Nacht für ihn nichts weiter als ein Onenight-Stand gewesen war.
Vielleicht aber....ging es ihm auch nur wie mir? Reita würde mich doch niemals mit Absicht so sehr verletzen. Nein, das würde er nicht. Bestimmt würde er mir es sofort nachher auch sagen, wenn ich ihm meine Gefühle gestand. Ja, so würde es bestimmt sein.
Obwohl mein Herz sich sofort an diese letzte Hoffnung klammerte, wurden meine Augen feucht. Trotzig wischte ich mit meinem Arm über meine Augen und schniefte. Ich konnte jetzt doch nicht anfangen zu heulen bloß wegen...nur...wegen Reita...
Mit dem erneuten Gedanken an ihn kamen plötzlich auch die Tränen, die ich nun nicht mehr zurückhalten konnte. Und als wäre ich nicht schon fertig genug, ging genau in diesem Augenblick die Küchentür neben mir auf und ein strahlend lächelnder Reita blickte mir entgegen. Sein Lächeln gefror jedoch sofort, als er meinen Zustand erblickte.
"Aoi-chan!", rief er bestürzt und ich drehte ihm schnell den Rücken entgegen. Ich wollte zurück ins Schalfzimmer, aber er hatte mich schon erreicht und hielt mich am Handgelenk fest.
"Also...ähm...ich wunder mich," began er verlegen, "dass du schon wach bist, ich wollte dich nämlich gerade fürfs Frühstück wecken und...na ja...dich etwas fragen..."
"Was denn?", meinte ich leise, versuchte mich zu beruhigen.
"Wie genau wir gestern eigentlich hier herkamen...", kam ebenso leise zurück, "Ich hab nämlich leider nen totalen Filmriss...."
Plötzlich hatte ich keinerlei Probleme mehr damit, ruhig zu sein. Mein Herz war wie gelähmt und mein Mund auf einmal vollkommen trocken. Ich drehte mich langsam zu Reita um, bekam von ihm aber nur ein verlegenes Grinsen, was alles nur noch schlimmer machte.
Er hatte es vergessen. Mich....vergessen....
Abrupt riss ich mich von ihm los und rannt zurück ins Schlafzimmer, wo ich schnell meine weiteren Sachen zusammensuchte und mir anzog. Reita stürzte mir hinterher.
"Ist irgendwas nicht in Ordnung, Aoi? Hab ich irgendwas falsch gemacht?"
"Nein...doch...ich meine ja, ich muss schnell nach Hause und...meine Katze füttern...." Ich lief hastig an Reita vorbei, vermied es, ihn noch einmal anzusehen, bevor ich seine Wohnung verließ. Selbst sein letzter Satz, den ich noch beim Verlassen der Wohnung hörte, war mir egal.
"Aoi, du hast gar keine Katze..."

Ungeachtet anderer Passanten rannte ich durch die Straßen, spürte, wie mir die Tränen überfs Gesicht rannen, fühlte jedoch nichts, als ich jäh stolperte und zu Boden fiel.
Es war mir plötzlich alles vollkommen egal. Genauso egal, wie den ganzen vorbeilaufenden Menschen die zusammengekrümmte Gestalt war, die mitten auf dem Gehsteig lag und ihren Tränen und ihrem Kummer freien Lauf ließ...

Später dann in meiner Wohnung sah alles ganz anders aus. Ich füllte mich leer, ausgelaugt und war nicht mehr in der Lage auch nur eine einzige Träne zu vergießen. Meine Augen brannte, aber der wirkliche Schmerz zerfraß mich von innen und ließ mich gar nichts mehr fühlen. Tief in mir war etwas an diesem Morgen zersprungen, gestorben, und ich fand nichts, was diese Leere nun wieder füllen konnte.
Ich versuchte mich abzulenken. Probierte es mit Musik, Lesen, Schreiben und schließlich mit Aufräumen. Es half alles nichts.
Irgendwann beim Rumräumen schnitt ich mich auf einmal. Ich weiß gar nicht mehr genau an was, wahrscheinlich ein loses Blatt Papier, die Seite eines Buches oder eine spitze Kante. Wirklich bemerkt hatte ich es in dem Moment auch gar nicht. Aber nach einigen Sekunden riss der Schnitt auf und es bildete sich ein kleiner, brennender Riss von vielleicht kaum zwei Zentimeter Länge, der mich aus meinen Gedanken holte. Fasziniert betrachtete ich ihn, leckte kurz darüber nur um zu spüren, wie brennend neues Blut den Riss auffüllte.
Ich gehöre gewiss nicht zu den Menschen, die auf Schmerzen stehen und sich deshalb gerne Schmerzen zufügen. Eher würde ich mich zu denen zählen, die Angst vor Schmerzen haben, sei es nun eine Spritze oder ein Sturz. An diesem Tag jedoch hatte der Schmerz meiner kleinen Schnittwunde etwas Faszinierendes für mich. Und dies war die einfache Tatsache, dass es das erste Gefühl seit Stunden war, das zu spüren ich überhaupt imstande war. Es war dieser Schmerz, der mich wieder in die Realität zurückholte, der mir zeigte, dass ich noch lebte, dass ich noch Gefühle hatte, und der wenn auch nur kurz den inneren Schmerz verdrängte.
An diesem Tag begann ich mich zu ritzen. Immer dann, wenn ich eine Bestätigung brauchte, um zu wissen, dass ich tatsächlich noch am Leben war. Dann, wenn ich drohte in meinen Gedanken, Gefühlen, Ängsten und Depressionen zu ertrinken. In solchen Momenten, in denen andere Schokolade aßen oder Frustshopping betrieben, griff ich zur Rasierklinge.
Ich bin bestimmt nicht stolz darauf.
Trotzdem werde ich es nie wirklich bereuen können, denn ich weiß nicht, was ich stattdessen hätte tun sollen.
Ja, ich weiß es immer noch nicht. Selbst jetzt, wo ich hier mit Uruha auf dem Sofa liege, er mich in seinen Armen hält und mir verständnisvoll zuhört, weiß ich nicht, wie ich sonst mit meinem inneren Schmerz hätte umgehen können. Nur eines hat sich inzwischen geändert: Ich weiß, dass ich nicht alleine mit meinem Kummer fertig werden muss. Uruha ist für mich da, ich kann ihm vertrauen. Und vielleicht könnte ich mit seiner Hilfe meine Einstellung ändern und endlich ganz damit aufhören, mich zu ritzen. Das muss ich sogar, wenn ich wieder richtig glücklich werden will...
Vielleicht schaffe ich es...mit ihm....vielleicht...
"Uru...?", flüstere ich leise, denn die Stille um uns herum will ich eigentlich gar nicht stören.
"Ja?", antwortet er mir ebenso leise, sodass ich mir seiner vollen Aufmerksamkeit sicher sein kann.
"Ich hoffe, du weißt, warum ich dir das alles erzählt habe...ich will kein Mitleid oder dergleichen. Das würde mich eher noch mehr verletzen als mir helfen. Also wenn du nur bei mir bist, weil ich dir leid tue, dann bitte...geh..." Ich traue mich dabei nicht, ihn anzusehen, während ich auf eine Antwort oder eine Reaktion seinerseits warte. Er lässt sich Zeit. Zeit, in der ich fast durchdrehe vor lauter Ungewissheit. Ich will ja überhaupt nicht, dass er geht! Selbst wenn er mir nur aus Mitleid hilft. Aber mein blöder Stolz hat es mal wieder geschafft, mich in eine schreckliche Situation zu bringen...
Wenn er jetzt geht, was tue ich dann bloß?!?
Doch er zieht mich auf einmal fest an sich, wodurch ich erstaunt bemerke, dass er weint.
"Uruha? Was–?" Meine Frage wird unterbrochen, als er mir einen Finger auf die Lippen legt.
Mit seinen Augen schaut er mich so durchdringend an, während immer noch silberne Tropfen sich ihren Weg über seine blasse Haut bahnen. Dieser Anblick, den ich früher nie bei ihm erwartet hätte, stimmt mich unglaublich traurig und geht mir näher als ich noch vor wenigen Wochen angenommen hätte. Doch ich kann auch nicht leugnen, dass es zugleich ein sehr schöner Anblick ist...
"Du bist ein Idiot...," beginnt er brüchig zu reden und weitere Tränen kullern aus seinen Augen, "Natürlich tust du mir leid – wem würdest du nicht leid tun? – Aber der Grund, weshalb ich alles für dich tun würde, ist meine Liebe zu dir. Und du zweifelst ausgerechnet daran und willst mich sogar wegschicken!"
"Nein!", entfährt es mir geschockt, "Uruha, so war das nicht gemeint! Wirklich nicht! Bitte...hör auf zu weinen!" Aber egal was ich sage, ich scheine ihn nicht beruhigen zu können. Er weint weiterhin, sodass ich schließlich einfach meinem Gefühl nachgebe anstatt weiter auf ihn einzureden.
Ganz vorsichtig streiche ich ihm durch die inzwischen zerzausten Haare und küsse ihn flüchtig auf die Stirn. Aber schon im nächsten Moment küsse ich ihn wieder unsicher, diesmal auf die Wange. Nach und nach küsse ich so seine Tränen weg bis ich am Ende einem verwirrten Uruha lächelnd direkt auf den Mund küsse.
Es ist kein langer Kuss, sondern fast so flüchtig wie ein Windhauch, leider ändert dies nichts daran, dass ich danach unter seinem prüfenden Blick rot werde.
"Lass uns ein bisschen schlafen, ja?", nuschele ich verlegen und kuschele mich wieder an seine Brust. Ganz leicht kann ich sein Herz schlagen hören und dessen schneller Takt verwundert mich genauso wie meine Verlegenheit. Es war doch nur ein kleiner Kuss...
Aber eigentlich müsste ich es trotzdem bereuen, ihn geküsst zu haben, schließlich sind wir nur Freunde. Ich müsste es wirklich, aber ich tue es nicht...vielmehr löst es eine vollkommene Ruhe in mir aus.
Und während Uruha mir schweigend über den Rücken streicht, habe ich das Gefühl, dass ich beginne, einen neuen Traum zu träumen...

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~ lucent ~
author: hikari ai
stories: 9
finished: 0
one-shots: 2
since: 2005.11.13.
until: 2007.04.09. (oyla)
reborn: 2007.04.09. (geocities)

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