l.
Paul Verlaine (1844 - 1896):
GASPARD HAUSER CHANTE
Kaspar Hauser singt:
Ich kam, ein sanftes Waisenkind,
Dem nur der stille Blick gegeben,
Zur Stadt, wo so viel Menschen leben:
Sie fanden mich nicht bös gesinnt.
Mit zwanzig lernte ich verstehn
Die sogenannten Liebesqualen
Und sah die Fraun in Schönheit strahlen:
Sie fanden an mir nichts zu sehn.
Ohn König, ohne Vaterland
Und auch nicht grad erpicht auf Siege,
Sucht ich trotzdem den Tod im Kriege:
Der Tod hat sich von mir gewandt.
Kam ich zu früh? kam ich zu spät?
Wär's besser nicht, die Welt zu meiden?
0 all ihr, tief sind meine Leiden.
Sprecht für den Kaspar ein Gebet!
(aus d. Französischen
übertragen
von Sigmar Löffler, 1979 )
2. Georg Trakl (1887 - 1914):
KASPAR HAUSERS LIED
Kaspar Hausers Lied
Er wahrlich liebte die Sonne, die purpurn den Hügel hinabstieg,
Die Wege des Walds, den singenden Schwarzvogel
Und die Freude des Grüns.
Ernsthaft war sein Wohnen im Schatten des Baums
Und rein sein Antlitz.
Gott sprach eine sanfte Flamme zu seinem Herzen:
0 Mensch!
Stille fand sein Schritt die Stadt am Abend,
Die dunkle Klage seines Munds:
Ich will ein Reiter werden.
Ihm aber folgte Busch und Tier,
Haus und Dämmergarten weißer Menschen
Und sein Mörder suchte nach ihm.
Frühling und Sommer und schön der Herbst
Des Gerechten, sein leiser Schritt
An den dunklen Zimmern Träumender hin.
Nachts blieb er mit seinem Stern allein;
Sah, daß Schnee fiel in kahles Gezweig
Und im dämmernden Hausflur den Schatten des Mörders.
Silbern sank des Ungebomen Haupt hin.
http://www.textkritik.de/trakl/kasparhauserlied.htm
3. Rainer Maria
Rilke (1875 - 1926):
DER KNABE
Ich möchte einer werden so wie die,
die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,
mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren
in ihres Jagens großem Winde wehn.
Vom möcht ich stehen wie in einem Kahne,
groß und wie eine Fahne aufgerollt.
Dunkel, aber mit einem Helm von Gold,
der unruhig glänzt. Und hinter mir gereiht
zehn Männer aus derselben Dunkelheit
mit Helmen, die, wie meiner, unstät sind,
bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind.
Und einer steht bei mir und bläst uns Raum
mit der Trompete, welche blitzt und schreit,
und bläst uns eine schwarze Einsamkeit,
durch die wir rasen wie ein rascher Traum:
Die Häuser fallen hinter uns ins Knie,
die Gassen biegen sich uns schief entgegen,
die Plätze weichen aus: wir fassen sie,
und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.
|