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●逮捕
☉Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses
getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.(1)
☉Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde
gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte
Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte, ihn in seiner
Wohnung zu überfallen? Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu
nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben,
keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte.
Hier schien ihm das aber nicht richtig, man konnte zwar das Ganze als
Spaß ansehen, als einen groben Spaß, den ihm aus unbekannten Gründen,
vielleicht weil heute sein dreißigster Geburtstag war, die Kollegen in
der Bank veranstaltet hatten, es war natürlich möglich, vielleicht
brauchte er nur auf irgendeine Weise den Wächtern ins Gesicht zu lachen,
und sie würden mitlachen, vielleicht waren es Dienstmänner von der
Straßenecke, sie sahen ihnen nicht unähnlich - trotzdem war er diesmal,
förmlich schon seit dem ersten Anblick des Wächters Franz, entschlossen,
nicht den geringsten Vorteil, den er vielleicht gegenüber diesen Leuten
besaß, aus der Hand zu geben. Darin, daß man später sagen würde, er habe
keinen Spaß verstanden, sah K. eine ganz geringe Gefahr, wohl aber
erinnerte er sich - ohne daß es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre, aus
Erfahrungen zu lernen - an einige, an sich unbedeutende Fälle, in denen
er zum Unterschied von seinen Freunden mit Bewußtsein, ohne das
geringste Gefühl für die möglichen Folgen, sich unvorsichtig benommen
hatte und dafür durch das Ergebnis gestraft worden war. Es sollte nicht
wieder geschehen, zumindest nicht diesmal; war es eine Komödie, so
wollte er mitspielen.(1)(還懷有一些惡作劇的可能)
●律法
☉»Es ist kein Zweifel«, sagte K. sehr leise, denn ihn freute das
angespannte Aufhorchen der ganzen Versammlung, in dieser Stille entstand
ein Sausen, das aufreizender war als der verzückteste Beifall, »es ist
kein Zweifel, daß hinter allen Äußerungen dieses Gerichtes, in meinem
Fall also hinter der Verhaftung und der heutigen Untersuchung, eine
große Organisation sich befindet. Eine Organisation, die nicht nur
bestechliche Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter, die
günstigsten Falles bescheiden sind, beschäftigt, sondern die weiterhin
jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades unterhält, mit
dem zahllosen, unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen
und andern Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern, ich scheue vor dem
Wort nicht zurück. Und der Sinn dieser großen Organisation, meine Herren?
Er besteht darin, daß unschuldige Personen verhaftet werden und gegen
sie ein sinnloses und meistens, wie in meinem Fall, ergebnisloses
Verfahren eingeleitet wird. Wie ließe sich bei dieser Sinnlosigkeit des
Ganzen die schlimmste Korruption der Beamtenschaft vermeiden? Das ist
unmöglich, das brächte auch der höchste Richter nicht einmal für sich
selbst zustande. Darum suchen die Wächter den Verhafteten die Kleider
vom Leib zu stehlen, darum brechen Aufseher in fremde Wohnungen ein,
darum sollen Unschuldige, statt verhört, lieber vor ganzen Versammlungen
entwürdigt werden. Die Wächter haben nur von Depots erzählt, in die man
das Eigentum der Verhafteten bringt, ich wollte einmal diese Depotplätze
sehen, in denen das mühsam erarbeitete Vermögen der Verhafteten fault,
soweit es nicht von diebischen Depotbeamten gestohlen ist.«
(2)(一個龐大而未知的機構)
☉»Wie schmutzig hier alles ist«, sagte K. kopfschüttelnd, und die Frau
wischte mit ihrer Schürze, ehe K. nach den Büchern greifen konnte,
wenigstens oberflächlich den Staub weg. K. schlug das oberste Buch auf,
es erschien ein unanständiges Bild. Ein Mann und eine Frau saßen nackt
auf einem Kanapee, die gemeine Absicht des Zeichners war deutlich zu
erkennen, aber seine Ungeschicklichkeit war so groß gewesen, daß
schließlich doch nur ein Mann und eine Frau zu sehen waren, die allzu
körperlich aus dem Bilde hervorragten, übermäßig aufrecht dasaßen und
sich infolge falscher Perspektive nur mühsam einander zuwendeten. K.
blätterte nicht weiter, sondern schlug nur noch das Titelblatt des
zweiten Buches auf, es war ein Roman mit dem Titel: »Die Plagen, welche
Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte.« »Das sind die
Gesetzbücher, die hier studiert werden«, sagte K., »von solchen Menschen
soll ich gerichtet werden.« (3)(原來法官的書都是猥褻的)
☉Er hatte das mit möglichstes Bestimmtheit gesagt, in Wirklichkeit hätte
es ihm sehr wohlgetan, sich niederzusetzen. Er war wie seekrank. Er
glaubte auf einem Schiff zu sein, das sich in schwerem Seegang befand.
Es war ihm, als stürze das Wasser gegen die Holzwände, als komme aus der
Tiefe des Ganges ein Brausen her, wie von überschlagendem Wasser, als
schaukle der Gang in der Quere und als würden die wartenden Parteien zu
beiden Seiten gesenkt und gehoben. Desto unbegreiflicher war die Ruhe
des Mädchens und des Mannes, die ihn führten. Er war ihnen ausgeliefert,
ließen sie ihn los, so mußte er hinfallen wie ein Brett. Aus ihren
kleinen Augen gingen scharfe Blicke hin und her, ihre gleichmäßigen
Schritte fühlte K., ohne sie mitzumachen, denn er wurde fast von Schritt
zu Schritt getragen. Endlich merkte er, daß sie zu ihm sprachen, aber er
verstand sie nicht, er hörte nur den Lärm, der alles erfüllte und durch
den hindurch ein unveränderlicher hoher Ton, wie von einer Sirene, zu
klingen schien.(3)(在龐大律法前的暈眩感)
☉ »Ich würde zuviel verraten, wenn ich das sagte«, antwortete Leni. »Fragen
Sie, bitte, nicht nach Namen, stellen Sie aber Ihren Fehler ab, seien
Sie nicht mehr so unnachgiebig, gegen dieses Gericht kann man sich ja
nicht wehren, man muß das Geständnis machen. Machen Sie doch bei
nächster Gelegenheit das Geständnis. Erst dann ist die Möglichkeit zu
entschlüpfen gegeben, erst dann. Jedoch selbst das ist ohne fremde Hilfe
nicht möglich, wegen dieser Hilfe aber müssen Sie sich nicht ängstigen,
die will ich Ihnen selbst leisten.« »Sie verstehen viel von diesem
Gericht und von den Betrügereien, die hier nötig sind«, sagte K. und hob
sie, da sie sich allzu stark an ihn drängte, auf seinen Schoß.(6)(不要試圖抵抗法庭)
☉K. wollte das zunächst feststellen und sagte deshalb: »Sie kennen ja
gewiß das Gericht viel besser als ich, ich weiß nicht viel mehr, als was
ich darüber, allerdings von ganz verschiedenen Leuten, gehört habe.
Darin stimmten aber alle überein, daß leichtsinnige Anklagen nicht
erhoben werden und daß das Gericht, wenn es einmal anklagt, fest von der
Schuld des Angeklagten überzeugt ist und von dieser Überzeugung nur
schwer abgebracht werden kann.« »Schwer?« fragte der Maler und warf eine
Hand in die Höhe. »Niemals ist das Gericht davon abzubringen. Wenn ich
hier alle Richter nebeneinander auf eine Leinwand male und Sie werden
sich vor dieser Leinwand verteidigen, so werden Sie mehr Erfolg haben
als vor dem wirklichen Gericht.« »Ja«, sagte K. für sich und vergaß, daß
er den Maler nur hatte ausforschen wollen. (7)(求法官不如求畫布)
☉Eines Tages - niemand erwartet es - nimmt irgendein Richter den Akt
aufmerksamer in die Hand, erkennt, daß in diesem Fall die Anklage noch
lebendig ist, und ordnet die sofortige Verhaftung an. Ich habe hier
angenommen, daß zwischen dem scheinbaren Freispruch und der neuen
Verhaftung eine lange Zeit vergeht, das ist möglich, und ich weiß von
solchen Fällen, es ist aber ebensogut möglich, daß der Freigesprochene
vom Gericht nach Hause kommt und dort schon Beauftragte warten, um ihn
wieder zu verhaften. Dann ist natürlich das freie Leben zu Ende.« »Und
der Prozeß beginnt von neuem?« fragte K. fast ungläubig. »Allerdings«,
sagte der Maler, »der Prozeß beginnt von neuem, es besteht aber wieder
die Möglichkeit, ebenso wie früher, einen scheinbaren Freispruch zu
erwirken. Man muß wieder alle Kräfte zusammennehmen und darf sich nicht
ergeben.«(7)(隨時可能翻案變更判決)
●官僚
☉»wir werden nur gestraft, weil du uns angezeigt hast. Sonst wäre uns
nichts geschehen, selbst wenn man erfahren hätte, was wir getan haben.
Kann man das Gerechtigkeit nennen? Wir zwei, insbesondere aber ich,
hatten uns als Wächter durch lange Zeit sehr bewährt - du selbst mußt
eingestehen, daß wir, vom Gesichtspunkt der Behörde gesehen, gut gewacht
haben - wir hatten Aussicht, vorwärtszukommen und wären gewiß bald auch
Prügler geworden wie dieser, der eben das Glück hatte, von niemandem
angezeigt worden zu sein, denn eine solche Anzeige kommt wirklich nur
sehr selten vor. Und jetzt, Herr, ist alles verloren, unsere Laufbahn
beendet, wir werden noch viel untergeordnetere Arbeiten leisten müssen,
als es der Wachdienst ist, und überdies bekommen wir jetzt diese
schrecklich schmerzhaften Prügel.« (5)(受到懲罰的是下層官僚)
☉Nun habe ja wohl K. schon seinen eigenen Erlebnissen entnommen, daß die
allerunterste Organisation des Gerichtes nicht ganz vollkommen ist,
pflichtvergessene und bestechliche Angestellte aufweist, wodurch
gewissermaßen die strenge Abschließung des Gerichtes Lücken bekommt.
Hier nun drängt sich die Mehrzahl der Advokaten ein, hier wird bestochen
und ausgehorcht, ja es kamen, wenigstens in früherer Zeit, sogar Fälle
von Aktendiebstählen vor. Es ist nicht zu leugnen, daß auf diese Weise
für den Augenblick einige sogar überraschend günstige Resultate für den
Angeklagten sich erzielen lassen, damit stolzieren auch diese kleinen
Advokaten herum und locken neue Kundschaft an, aber für den weiteren
Fortgang des Prozesses bedeutet es entweder nichts oder nichts Gutes.
Wirklichen Wert aber haben nur ehrliche persönliche Beziehungen, und
zwar mit höheren Beamten, womit natürlich nur höhere Beamten der unteren
Grade gemeint sind. Nur dadurch kann der Fortgang des Prozesses, wenn
auch zunächst nur unmerklich, später aber immer deutlicher beeinflußt
werden. Das können natürlich nur wenige Advokaten, und hier sei die Wahl
K.s sehr günstig gewesen. Nur noch vielleicht ein oder zwei Advokaten
könnten sich mit ähnlichen Beziehungen ausweisen wie Dr. Huld. Diese
kümmern sich allerdings um die Gesellschaft im Advokatenzimmer nicht und
haben auch nichts mit ihr zu tun.(7)(龐大的官僚體系導致私人關係才是最重要的)
☉Die Rangordnung und Steigerung des Gerichtes sei unendlich und selbst
für den Eingeweihten nicht absehbar. Das Verfahren vor den Gerichtshöfen
sei aber im allgemeinen auch für die unteren Beamten geheim, sie können
daher die Angelegenheiten, die sie bearbeiten, in ihrem ferneren
Weitergang kaum jemals vollständig verfolgen, die Gerichtssache
erscheint also in ihrem Gesichtskreis, ohne daß sie oft wissen, woher
sie kommt, und sie geht weiter, ohne daß sie erfahren, wohin. Die
Belehrung also, die man aus dem Studium der einzelnen Prozeßstadien, der
schließlichen Entscheidung und ihrer Gründe schöpfen kann, entgeht
diesen Beamten. Sie dürfen sich nur mit jenem Teil des Prozesses
befassen, der vom Gesetz für sie abgegrenzt ist, und wissen von dem
Weiteren, also von den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit, meist weniger
als die Verteidigung, die doch in der Regel fast bis zum Schluß des
Prozesses mit dem Angeklagten in Verbindung bleibt. Auch in dieser
Richtung also können sie von der Verteidigung manches Wertvolle erfahren.
Wundere sich K. noch, wenn er alles dieses im Auge behalte, über die
Gereiztheit der Beamten, die sich manchmal den Parteien gegenüber in -
jeder mache diese Erfahrung - beleidigender Weise äußert. Alle Beamten
seien gereizt, selbst wenn sie ruhig scheinen. Natürlich haben die
kleinen Advokaten besonders viel darunter zu leiden.(7)(官員們一竅不通而耍混)
☉Man erzählt zum Beispiel folgende Geschichte, die sehr den Anschein der
Wahrheit hat. Ein alter Beamter, ein guter, stiller Herr, hatte eine
schwierige Gerichtssache, welche besonders durch die Eingaben des
Advokaten verwickelt worden war, einen Tag und eine Nacht ununterbrochen
studiert - diese Beamten sind tatsächlich fleißig, wie niemand sonst. -
Gegen Morgen nun, nach vierundzwanzigstündiger, wahrscheinlich nicht
sehr ergiebiger Arbeit, ging er zur Eingangstür, stellte sich dort in
Hinterhalt und warf jeden Advokaten, der eintreten wollte, die Treppe
hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten auf dem Treppenabsatz und
berieten, was sie tun sollten; einerseits haben sie keinen eigentlichen
Anspruch darauf, eingelassen zu werden, können daher rechtlich gegen den
Beamten kaum etwas unternehmen und müssen sich, wie schon erwähnt, auch
hüten, die Beamtenschaft gegen sich aufzubringen. Andererseits aber ist
jeder nicht bei Gericht verbrachte Tag für sie verloren, und es lag
ihnen also viel daran einzudringen. schließlich einigten sie sich darauf,
daß sie den alten Herrn ermüden wollten. Immer wieder wurde ein Advokat
ausgeschickt, der die Treppe hinauflief und sich dann unter möglichstem,
allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen ließ, wo er dann von den
Kollegen aufgefangen wurde. Das dauerte etwa eine Stunde, dann wurde der
alte Herr, er war ja auch von der Nachtarbeit schon erschöpft, wirklich
müde und ging in seine Kanzlei zurück. Die unten wollten es erst gar
nicht glauben und schickten zuerst einen aus, der hinter der Tür
nachsehen sollte, ob dort wirklich leer war. Dann erst zogen sie ein und
wagten wahrscheinlich nicht einmal zu murren. Denn den Advokaten - und
selbst der Kleinste kann doch die Verhältnisse wenigstens zum Teil
übersehen - liegt es vollständig ferne, bei Gericht irgendwelche
Verbesserungen einführen oder durchsetzen zu
wollen(7)(誠實老官員也累倒的故事)(沒有人會想到全盤改革)
☉»Das bestätigt aber die Meinung, die ich von dem Gericht schon habe. Es
ist also auch von dieser Seite zwecklos. Ein einziger Henker könnte das
ganze Gericht ersetzen.« »Sie dürfen nicht verallgemeinern«, sagte der
Maler unzufrieden, »ich habe ja nur von meinen Erfahrungen gesprochen.«
»Das genügt doch«, sagte K., »oder haben Sie von Freisprüchen aus
früherer Zeit gehört?« »Solche Freisprüche«, antwortete der Maler, »soll
es allerdings gegeben haben. Nur ist es sehr schwer, das festzustellen.
Die abschließenden Entscheidungen des Gerichts werden nicht
veröffentlicht, sie sind nicht einmal den Richtern zugänglich,
infolgedessen haben sich über alte Gerichtsfälle nur Legenden erhalten.
Diese enthalten allerdings sogar in der Mehrzahl wirkliche
Freisprechungen, man kann sie glauben, nachweisbar sind sie aber nicht.
Trotzdem muß man sie nicht ganz vernachlässigen, eine gewisse Wahrheit
enthalten sie wohl gewiß, auch sind sie sehr schön, ich selbst habe
einige Bilder gemalt, die solche Legenden zum Inhalt haben.«(7)(最後的結果是一個死刑執行者就可決定一切)
●正義
☉»Es ist die Gerechtigkeit«, sagte der Maler schließlich. »Jetzt erkenne
ich sie schon«, sagte K., »hier ist die Binde um die Augen und hier die
Waage. Aber sind nicht an den Fersen Flügel und befindet sie sich nicht
im Lauf?« »Ja«, sagte der Maler, »ich mußte es über Auftrag so malen, es
ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in einem.« »Das
ist keine gute Verbindung«, sagte K. lächelnd, »die Gerechtigkeit muß
ruhen, sonst schwankt die Waage, und es ist kein gerechtes Urteil
möglich.« »Ich füge mich darin meinem Auftraggeber«, sagte der Maler. »Ja
gewiß«, sagte K., der mit seiner Bemerkung niemanden hatte kränken
wollen. »Sie haben die Figur so gemalt, wie sie auf dem Thronsessel
wirklich steht.« »Nein«, sagte der Maler, »ich habe weder die Figur noch
den Thronsessel gesehen, das alles ist Erfindung, aber es wurde mir
angegeben, was ich zu malen habe.« »Wie?« fragte K., er tat absichtlich,
als verstehe er den Maler nicht völlig, »es ist doch ein Richter, der
auf dem Richterstuhl sitzt?« »Ja«, sagte der Maler, »aber er ist kein
hoher Richter und ist niemals auf einem solchen Thronsessel gesessen.«
»Und läßt sich doch in so feierlicher Haltung malen? Er sitzt ja da wie
ein Gerichtspräsident.« »Ja, eitel sind die Herren«, sagte der Maler. »Aber
sie haben die höhere Erlaubnis, sich so malen zu lassen. Jedem ist genau
vorgeschrieben, wie er sich malen lassen darf. Nur kann man leider
gerade nach diesem Bilde die Einzelheiten der Tracht und des Sitzes
nicht beurteilen, die Pastellfarben sind für solche Darstellungen nicht
geeignet.«(7)(按照顧客訂製的正義女神與虛偽的法官畫像)
●律師
Ein alter Kaufmann, ein Mann mit langem Bart, flehte ein junges Mädchen
um ein günstiges Zeugnis an. Mochte er dabei auch Hintergedanken haben,
nichts konnte ihn in den Augen eines Mitmenschen rechtfertigen. K.
begriff nicht, wie der Advokat daran hatte denken können, durch diese
Vorführung ihn zu gewinnen. Hätte er ihn nicht schon früher verjagt, er
hätte es durch diese Szene erreicht. Er entwürdigte fast den Zuseher. So
bewirkte also die Methode des Advokaten, welcher K. glücklicherweise
nicht lange genug ausgesetzt gewesen war, daß der Klient schließlich die
ganze Welt vergaß und nur auf diesem Irrweg zum Ende des Prozesses sich
fortzuschleppen hoffte. Das war kein Klient mehr, das war der Hund des
Advokaten. Hätte ihm dieser befohlen, unter das Bett wie in eine
Hundehütte zu kriechen und von dort aus zu bellen, er hätte es mit Lust
getan. (8)(律師的拖延目的在使當事人忘掉整個世界)
●徒勞
☉Die Eingabe bedeutete freilich eine fast endlose Arbeit. Man mußte
keinen sehr ängstlichen Charakter haben und konnte doch leicht zu dem
Glauben kommen, daß es unmöglich war, die Eingabe jemals fertigzustellen.
Nicht aus Faulheit oder Hinterlist, die den Advokaten allein an der
Fertigstellung hindern konnten, sondern weil in Unkenntnis der
vorhandenen Anklage und gar ihrer möglichen Erweiterungen das ganze
Leben in den kleinsten Handlungen und Ereignissen in die Erinnerung
zurückgebracht, dargestellt und von allen Seiten überprüft werden mußte.
Und wie traurig war eine solche Arbeit überdies. Sie war vielleicht
geeignet, einmal nach der Pensionierung den kindisch gewordenen Geist zu
beschäftigen und ihm zu helfen, die langen Tage hinzubringen.
(7)(根本不知罪名也得寫申辯書)
☉»Sie scheinen die Leute dort noch nicht zu kennen und werden es
vielleicht unrichtig auffassen. Sie müssen bedenken, daß in diesem
Verfahren immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen, für die der
Verstand nicht mehr ausreicht, man ist einfach zu müde und abgelenkt für
vieles, und zum Ersatz verlegt man sich auf den Aberglauben. Ich rede
von den anderen, bin aber selbst gar nicht besser. Ein solcher
Aberglaube ist es zum Beispiel, daß viele aus dem Gesicht des
Angeklagten, insbesondere aus der Zeichnung der Lippen, den Ausgang des
Prozesses erkennen wollen. Diese Leute also haben behauptet, Sie würden,
nach Ihren Lippen zu schließen, gewiß und bald verurteilt werden. Ich
wiederhole, es ist ein lächerlicher Aberglaube und in den meisten Fällen
durch die Tatsachen auch vollständig widerlegt, aber wenn man in jener
Gesellschaft lebt, ist es schwer, sich solchen Meinungen zu entziehen.
Denken Sie nur, wie stark dieser Aberglaube wirken kann. Sie haben doch
einen dort angesprochen, nicht? Er konnte Ihnen aber kaum antworten. Es
gibt natürlich viele Gründe, um dort verwirrt zu sein, aber einer davon
war auch der Anblick Ihrer Lippen. Er hat später erzählt, er hätte auf
Ihren Lippen auch das Zeichen seiner eigenen Verurteilung zu sehen
geglaubt.«(8)(大家寧可靠迷信,以嘴唇判定結果)
☉ »In dem Gericht täuschst du dich«, sagte der Geistliche, »in den
einleitenden Schriften zum Gesetz heißt es von dieser Täuschung: Vor dem
Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande
und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm
jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt
dann, ob er also später werde eintreten dürfen. ›Es ist möglich‹, sagt
der Türhüter, ›jetzt aber nicht‹. Da das Tor zum Gesetz offensteht wie
immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das
Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und
sagt: ›Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meinem Verbot
hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste
Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der
andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr
vertragen.‹ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet,
das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als
er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große
Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen, tartarischen Bart, entschließt
er sich doch, lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt
bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von
der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele
Versuche, eingelassen zu werden und ermüdet den Türhüter durch seine
Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn
nach seiner Heimat aus und nach vielem anderen, es sind aber
teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse
sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der
Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet
alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser
nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: ›Ich nehme es nur an, damit du
nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.‹ Während der vielen Jahre
beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die
anderen Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für
den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall in den
ersten Jahren laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich
hin. Er wird kindisch, und da er in dem jahrelangen Studium des
Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er
auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich
wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich
dunkler wird oder ob ihn nur die Augen täuschen. Wohl aber erkennt er
jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des
Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln
sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage,
die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu,
da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der
Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn die
Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert.
›Was willst du denn jetzt noch wissen?‹ fragt der Türhüter, ›du bist
unersättlich.‹ ›Alle streben doch nach dem Gesetz‹, sagt der Mann, ›wie
kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt
hat?‹ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon am Ende ist, und um sein
vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: ›Hier konnte
niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich
bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.‹« (9)(老人與警衛的絕望故事)
●存在:荒謬
☉ »Hier stößt du auf eine Gegenmeinung«, sagte der Geistliche. »Manche
sagen nämlich, daß die Geschichte niemandem ein Recht gibt, über den
Türhüter zu urteilen. Wie er uns auch erscheinen mag, ist er doch ein
Diener des Gesetzes, also zum Gesetz gehörig, also dem menschlichen
Urteil entrückt. Man darf dann auch nicht glauben, daß der Türhüter dem
Manne untergeordnet ist. Durch seinen Dienst auch nur an den Eingang des
Gesetzes gebunden zu sein, ist unvergleichlich mehr, als frei in der
Welt zu leben. Der Mann kommt erst zum Gesetz, der Türhüter ist schon
dort. Er ist vom Gesetz zum Dienst bestellt, an seiner Würdigkeit zu
zweifeln, hieße am Gesetz zweifeln.« »Mit dieser Meinung stimme ich
nicht überein«, sagte K. kopfschüttelnd, »denn wenn man sich ihr
anschließt, muß man alles, was der Türhüter sagt, für wahr halten. Daß
das aber nicht möglich ist, hast du ja selbst ausführlich begründet.«
»Nein«, sagte der Geistliche, »man muß nicht alles für wahr halten, man
muß es nur für notwendig halten.« »Trübselige Meinung«, sagte K. »Die
Lüge wird zur Weltordnung gemacht.«(9)(警衛是自由的,農夫是奴役的;人應服從「必要」而非「真理」)
☉ »Ich gehöre also zum Gericht«, sagte der Geistliche. »Warum sollte ich
also etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt
dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst.«(9)
☉Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort
auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte
sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer
war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer, der
helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe? Gab
es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es solche. Die Logik ist
zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht
sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe
Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte
alle Finger.
Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der
andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit
brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht,
Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie
ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn
überleben.(10)(像條狗一樣地死)
1998.9.20
立人祕密書齋
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